Seehospital

Mathilde-Emden-Haus im Seehospital Nordheimstiftung

Von 1906 bis 2021 wurde in Sahlenburg das Seehospital betrieben, es steht unter niedersächsischem Denkmalschutz und ist in der Liste der Baudenkmale der Außenbezirke der Stadt Cuxhaven enthalten.[1] Sahlenburg ist ein Ortsteil der Mittelstadt Cuxhaven, er gilt als Erholungsort innerhalb dieses Seeheilbades an der niedersächsischen Nordseeküste.

Lage

Das Grundstück des Hamburgischen Seehospitals Nordheim-Stiftung war 1903/1906 ein direkt an die Nordseeküste angrenzendes Areal mit direktem Zugang zum Strand- und Wattbereich; es handelte sich nicht um ein im Ortsinneren gelegenes Grundstück mit größerer Entfernung zur Küste. Das Gelände lag auf einem Geestrücken unmittelbar hinter dem Strand.

1906 war das Seehospital praktisch eine Küstenklinik auf freiem Heidegelände direkt am Meer. Heute grenzt das ehemalige Krankenhausgelände zwar weiterhin an den küstennahen Bereich und besitzt einen unmittelbaren Zugang zum Strand, ist aber durch Wald-, Dünen- und Grünflächen deutlich stärker vom offenen Meer getrennt als zur Gründungszeit.

Das Seehospital verlor seinen unmittelbaren Blick auf die Nordsee nicht durch Eindeichungen, sondern vor allem durch die zunehmende Bewaldung des Wernerwaldes und durch die Entwicklung beziehungsweise Stabilisierung der natürlichen Dünenlandschaft.

Heute sind zwei Haltestellen des örtlichen Linienbusses zum Strand nach dem Seehospital benannt. Das in etwa quadratische baumbestandene Klinikgelände hat die Größe von etwa einem Drittel Quadratkilometer. Die Anlage besteht aus zahlreichen Haupt- und Nebengebäuden mit entsprechenden Straßen und betonierten Zuwegungen.

Begriffe

Nach dem derzeitigen Stand der historischen Literatur scheint das Wort „Seehospital“ in Deutschland ein Eigenname der Nordheim-Stiftung in Sahlenburg gewesen zu sein. Andere vergleichbare Einrichtungen wurden als Seehospiz, Kinderheilstätte, Sanatorium, Kinderkrankenhaus, Lungenheilstätte oder Kinderheilanstalt bezeichnet. Das Seehospital Sahlenburg wird in mehreren zeitgenössischen Quellen als „erstes deutsches Seehospital“ bezeichnet; ein zweites hat es nie gegeben. Es kam im Laufe der Jahre am selben Standort jedoch zu mehreren Wechseln des Krankenhausträgers mit entsprechenden Umbenennungen.

Die Nordheim-Stiftung lebt fort und trägt seit 1945 wieder Nordheims Namen und dient der Förderung der öffentlichen Gesundheitspflege, vor allem durch die Unterstützung der Heilbehandlung von Kranken aus dem In- und Ausland. Mit einem Festakt im Warburg-Haus feierte die von dem Hamburger Kaufmann Marcus Nordheim gegründete und nach ihm benannte Stiftung am 22. August 2003 ihr 100-jähriges Jubiläum.[2]

Vor dem Ersten Weltkrieg

1903 begannen die Testamentsvollstrecker von Marcus Nordheim mit der Gründung der „Hamburgischen Seehospital Nordheimstiftung“. Am 14. Mai 1903 genehmigte der Senat der Freien und Hansestadt Hamburg die Errichtung eines Seehospitals durch die aus dem Nachlass von Marcus Nordheim errichtete Nordheim-Stiftung.

Im September 1906 wurde es als erstes deutsches Seehospital auf einem rund 35 Hektar großen Heidegrundstück eröffnet. Es wurde von dem Architekten Hugo Groothoff für die Nordheim-Stiftung errichtet und von dieser betrieben. In dieser Lungenheilstätte sollten 80 Kinder, die an Tuberkulose und Skrofulose litten, an frischer Seeluft behandelt werden.

Bereits nach wenigen Jahren war das Hospital so weit ausgelastet, dass zusätzliche Baracken aufgestellt werden mussten, die 1912 zu Steinhäusern umgebaut wurden. 1909 stifteten Martin Bromberg (Firma Selter & Weinert) und seine Frau 25.000 Mark für die dauernde Unterhaltung eines Freibettes.

1914 bis 1918

Die Hamburger Kauffrau Mathilde Emden stiftete dann 1914 als Zustiftung oder Vermächtnis das Mathilde-Emden-Haus zur Erweiterung und Ergänzung der Kinderklinik. Die Stiftung ermöglichte auch eine Reduzierung des täglichen Verpflegungssatzes der Kinder von 4,02 Mark auf 3,50 Mark. „So ist denn von dem Seehospital Nordheim-Stiftung bereits ein großer Segen über viele mit schwerem Leiden behaftete Kinder ausgebreitet worden.“[3]

Das Hamburgische Seehospital der Nordheim-Stiftung wurde während des Ersten Weltkriegs (1914–1918) für seinen ursprünglichen zivilen Krankenhauszweck außer Betrieb gesetzt, weil es im Küstenverteidigungsgebiet lag beziehungsweise vom Militär genutzt wurde. Einer Quelle zufolge wurden die Gebäude militärisch belegt. Zugleich berichtet Joachim Ringelnatz in seinen Kriegserinnerungen von Besuchen „bei den Schwestern der Nordheimstiftung“, was darauf hindeutet, dass es zumindest zeitweise (als Lazarett) genutzt wurde.[4] Die Wiedereröffnung erfolgte 1919.

Bereits im Ersten Weltkrieg wurde auf dem Areal eine militärische Batterie eingerichtet.

1919 bis 1945

In der Inflationszeit (1914–1923) verlor die Nordheimstiftung viel Geld, woraufhin die Stadt Hamburg finanziell einsprang.

Dieses „Hamburgische Seehospital «Nordheim-Stiftung» [war eine] Heilstätte für chirurgische Tuberkulose [für] Kinder und Erwachsene“.[5] In einem Artikel der Cuxhavener Zeitung vom 11. Januar 1936 wurden Marcus Nordheim und Mathilde Emden als Stifter erwähnt; man verschwieg jedoch ihre jüdische Herkunft. Es wurde die „extrapulmonale Tuberkulose“ (Knochentuberkulose und Gelenktuberkulose) behandelt.[6]

Der Deutsche Ärzte-Kalender veröffentlichte 1943 eine Anzeige: „Hamburgisches Seehospital – Nordseebad Cuxhaven-Sahlenburg: Chefarzt Dr. K. Ullmann, Facharzt für Orthopädie. Heilstätte an der Nordsee für alle Formen der sogenannten chirurgischen Tuberkulose. Das ganze Jahr geöffnet. An inneren Krankheiten gelangen zur Aufnahme Fälle von Asthma, Bronchitis, Anämie. Besondere, völlig voneinander getrennte Abteilungen für Klein- und Schulkinder, Männer und Frauen. Außerdem besteht in der Anstalt eine Abteilung für orthopädische Chirurgie. Kostgeldsätze für Kinder bis zu 15 Jahren 4,10 RM, für Erwachsene 6,10 RM je Tag. Keine Sonderkosten, gebührenfreier Schulunterricht, kein Aufschlag für Nichthamburger. Sonderabteilung für Privatpatienten. Mitteilung der Kosten auf Anfrage.“[7]

Um den Schutz der Patienten vor Luftangriffen sicherzustellen, wurden auf dem Gelände unterirdische bunkerartige Schutzräume erbaut. Außerdem wird berichtet, dass sich hier die Flakstellung „Nordheim“ befand und dass das Krankenhaus während des Zweiten Weltkriegs auch zur Behandlung und zur Rekonvaleszenz von Soldaten genutzt wurde. Aus den veröffentlichten Fotos und Plänen der Flakstellung geht hervor, dass im Wald noch heute Geschützfundamente und andere militärische Relikte vorhanden sind.

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Als es nach den Nachkriegsjahren weniger Tuberkuloseerkrankungen gab, wurden andere Abteilungen aufgebaut, wie Urologie und Orthopädie. Es gab eine Behandlungsstation für rheumatische Erkrankungen (Rheumazentrum).

1976 bis 2021

Am 19. Juli 1976 trat Peter Edelmann (* 1937, † 27. Februar 2026) seine Stelle als Chefarzt der II. Orthopädischen Abteilung und der Kinderorthopädie im Seehospital Sahlenburg an. Schwerpunkte waren Implantationen von künstlichem Gelenkersatz und Wechseloperationen an Gelenken und Kinder- und Wirbelsäulenorthopädie.[8] Die anderen Chefärzte waren Franz Hertel und Radu Ghimicescu sowie Ingrid Piger und Meinhard Fricke als leitende Ärzte.

Unmittelbar danach leitete Peter Edelmann im Sommer 1976 die Gründung des Norddeutschen Skoliosezentrums ein. Das Zentrum entwickelte sich zu einer der bekanntesten deutschen Einrichtungen für die konservative Behandlung von Skoliose bei Kindern und Jugendlichen. Ebenfalls 1976 entstand in Zusammenarbeit mit dem Orthopädietechniker Peter Gutgesell (Firma Gutgesell GmbH Sanitätshaus Orthopädietechnik) das sogenannte Cuxhaven-Korsett, eine individuell angefertigte Skoliose-Orthese, die bundesweit und international Beachtung fand.

1985 beschrieb der Deutsche Bäderkalender das Seehospital Sahlenburg als orthopädische Fachklinik und Skoliosezentrum im „Kurteil Sahlenburg“ mit einem Badearzt in der Nordheimstraße 75 im Staatlich anerkannten Nordseeheilbad Cuxhaven.[9] 1998 hatte das Seehospital Sahlenburg als orthopädische Fachklinik und Skoliosezentrum 180 Betten und beschäftigte 25 Ärzte.[10]

Der Orthopädie-Wegweiser widmete 1989 dem „Seehospital Sahlenburg der Nordheim Stiftung – Klinik für Orthopädie und Urologie – Norddeutsches Skoliosezentrum“ zwei Druckseiten. Gezählt wurden (ohne Berücksichtigung der urologischen Abteilung) 180 Betten und 14 Ärzte. Ärztlicher Direktor war der Urologe E. Eidmann.[11]

Im Stadtplan von 1997 findet man das Seehospital Sahlenburg Nordheimstiftung.

Das Seehospital in der Nordheimstraße 201 wurde 2002 an die Wittgensteiner Kliniken AG verkauft und vier Jahre später von den Helios Kliniken übernommen. Die Einrichtung wurde in Helios-Seehospital-Sahlenburg umbenannt. Der Helios-Konzern betrieb diese Einrichtung von 2006 bis 2021 als Helios Seehospital Sahlenburg. Die letzten Patienten wurden im Dezember 2021 entlassen, danach wurde der Betrieb eingestellt. Das Krankenhaus wurde aufgelöst und zusammen mit dem Skoliosezentrum in die Helios Klinik Cuxhaven eingegliedert.

2004 hatte das Seehospital 139 Betten in drei bettenführenden Fachabteilungen: Innere Medizin mit Schwerpunkt Rheumatologie (35 Betten), Orthopädie mit zwei Chefärzten (51 und 48 Betten) und Rheumatologie (Orthopädie)[12] (5 Betten). Der Chefarzt der Anästhesie leitete die nichtbettenführende Abteilung. Als zusätzliche Leistungsangebote gab es Physiotherapie, Ergotherapie, Schmerztherapie und einen Sozialdienst. Außerdem gab es eine Hubschrauberlandemöglichkeit.[13]

Commons: Seehospital Nordheimstiftung – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. Denkmalatlas Niedersachsen: Mathilde-Emden-Haus
  2. Die Welt: Hamburger Stiftung feiert 100-jähriges Jubiläum. Veröffentlicht am 25. August 2003.
  3. Herbert Kihm: Mathilde Emden. In: Hamburg-Lese. Abgerufen am 13. Februar 2020.
  4. Joachim Ringelnatz: Als Mariner im Krieg. In: Das Gesamtwerk in sieben Bänden. Band 7, Diogenes Verlag, Karl Heinz Henssel Verlag, Zürich 1994, ISBN 3-87329-127-4.
  5. Deutscher Ärztekalender, 11. Jahrgang, Urban & Schwarzenberg, Berlin 1937, S. 413.
  6. Günter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Loseblattsammlung 1966–1977, 2. Ordner (Carg–Ez). Verlag Urban & Schwarzenberg, München / Berlin / Wien 1967, ISBN 3-541-84000-5, S. C 261.
  7. Deutscher Ärztekalender 1943, 17. Jahrgang, Urban & Schwarzenberg, Berlin 1943, [grüne] S. 156.
  8. Kurt Eisermann: Das Hamburgische Seehospital Nordheimstiftung. In: Männer vom Morgenstern (Hrsg.): Niederdeutsches Heimatblatt. April 2022.
  9. Deutscher Bäderverband (Hrsg.): Deutscher Bäderkalender. Flöttmann Verlag, Gütersloh 1985, ISBN 3-87231-007-0 [sic], S. 236 f.
  10. Deutscher Bäderverband (Hrsg.): Deutscher Bäderkalender. Flöttmann Verlag, Gütersloh 1998, ISBN 3-87231-007-0 [sic], S. 289.
  11. Berufsverband der Ärzte für Orthopädie (Hrsg.): Orthopädie Wegweiser 1989. Stork Druckerei, Bruchsal Juni 1989, S. 331 f.
  12. Zusatz-Weiterbildung Orthopädische Rheumatologie. (PDF) In: Musterweiterbildungsordnung MWBO 2018, Seite 402 f. Bundesärztekammer, abgerufen am 7. November 2024.
  13. Deutsches Krankenhaus Adressbuch. 42. Ausgabe, Verlagshaus Rombach, Freiburg im Breisgau 2004, ISBN 3-7930-0844-4, S. 122.

Koordinaten: 53° 51′ 59,3″ N, 8° 36′ 8,9″ O

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