British Library Philatelic Collections

Die British Library Philatelic Collections sind die nationale philatelistische Sammlung des Vereinigten Königreichs und gehören zur British Library in London. Sie wurden 1891 mit der Übernahme der Tapling Collection begründet und umfassen heute mehr als 8,5 Millionen Objekte aus über 80 größeren Sammlungen und Archiven.[1]

Der Bestand ist international ausgerichtet und deckt nahezu alle Bereiche der Philatelie, der philatelistischen Literatur, der Postgeschichte und der Sicherheitsdruckindustrie ab. Er umfasst unter anderem Briefmarken, Stempelmarken, Ganzsachen, Telegrafenmarken, Cinderellas, Luftpostmaterial, Essays, Probedrucke, Briefe, Druckplatten, Druckstöcke, Egoutteure, Papiergeld, Postanweisungen und vorphilatelistische Belege.[1] Durch diese Verbindung von klassischer Briefmarkensammlung, amtlichen Archiven, Drucktechnik, Literaturbestand und öffentlicher Ausstellung gehören die British Library Philatelic Collections zu den weltweit bedeutenden philatelistischen Forschungs- und Referenzsammlungen.

Panorama der öffentlich ausgestellten philatelistischen Sammlungen in der British Library

Geschichte

Die British Library Philatelic Collections entstanden noch in der Bibliothek des British Museum. Den entscheidenden Grundstock bildete die Sammlung von Thomas Tapling, die 1891 an das British Museum vermacht wurde. Die Tapling Collection ist eine weltweite Sammlung der Briefmarken, Ganzsachen und Telegrafenmarken von 1840 bis 1890. Sie enthält neben den ausgegebenen Marken zahlreiche ungebrauchte Stücke, Farbnuancen, Essays, Probedrucke, Blocks und Belege.[2]

Ab 1900 kamen regelmäßig amtliche und halbamtliche Bestände aus dem Umfeld der Crown Agents hinzu. Die von den Crown Agents zwischen 1900 und 1922 an das British Museum gegebenen kolonialen Ausgaben bildeten später die sogenannte Supplementary Collection. Nach 1922 wurde dieser Bereich durch die Crown Agents Collection und das Crown Agents Philatelic and Security Printing Archive fortgeführt.[2][3] Diese Bestände machen die Sammlung besonders wichtig für die Erforschung der Briefmarken, Stempelmarken, Ganzsachen, Postanweisungen und Sicherheitsdrucke des britischen Empire und des späteren Commonwealth.

1913 erhielt das British Museum die Crawford Library, die philatelistische Bibliothek von James Lindsay, 26. Earl of Crawford. Sie bildet einen Grundbestand der philatelistischen Literatur innerhalb der British Library Philatelic Collections und gilt für den Zeitraum von 1861 bis 1913 als besonders vollständige Sammlung philatelistischer Literatur.[2] Die Crawford Library wurde von Edward Denny Bacon katalogisiert; sein Katalog erschien 1911 und wurde zu einem Grundwerk der philatelistischen Bibliografie.

Weitere Sammlungen wurden durch Schenkung, Vermächtnis, amtliche Übernahme, Transfer oder Leihgabe erworben. Dazu gehören unter anderem die Mosely Collection, die FitzGerald Collection, die Bojanowicz Collection, die Ewen Collection, die Fletcher Collection, die Turner Collection und das Board of Inland Revenue Stamping Department Archive.[2] Mit der Gründung der British Library 1973 gingen die Bibliotheksabteilungen des British Museum und damit auch die Philatelic Collections an die neue Nationalbibliothek über. Seit 1997 befinden sich die Bestände im Gebäude der British Library in St Pancras.[1]

Bestand und Charakter

Die British Library Philatelic Collections sind keine reine Briefmarkensammlung. Die British Library beschreibt den Bestand als Sammlung zu fast allen Aspekten der Philatelie, der philatelistischen Literatur, der Postgeschichte und der Sicherheitsdruckindustrie.[1] Dadurch haben die Sammlungen den Charakter einer übergreifenden philatelistischen Quellen- und Forschungssammlung.

Ein erster Schwerpunkt ist die klassische Philatelie. Dazu gehören frühe Briefmarken, Ganzsachen, Telegrafenmarken, Essays, Probedrucke, Farbproben, Blocks, Bogenstücke, Briefe und seltene Fehl- oder Sonderdrucke. Besonders wichtig ist hier die Tapling Collection, die viele klassische Ausgaben des 19. Jahrhunderts in ungewöhnlicher Vollständigkeit bewahrt. Beech beschreibt sie als wahrscheinlich einzige große philatelistische Sammlung des 19. Jahrhunderts, die weitgehend intakt erhalten blieb.[2]

Ein zweiter Schwerpunkt sind amtliche und archivische Bestände. Das Crown Agents Philatelic and Security Printing Archive dokumentiert die philatelischen und sicherheitsdrucktechnischen Tätigkeiten der Crown Agents. Es enthält unter anderem Auftragsbücher, Register zu Druckstöcken und Platten, Papierausgabebücher, Specimen-Register, Probedrucke, Entwürfe, Forschungsunterlagen und Farbversuche für ausgegebene und nicht verausgabte Briefmarken, Stempelmarken, Ganzsachen, Postanweisungen und Papiergeld zahlreicher Commonwealth-Gebiete und weiterer Länder.[3]

Ein dritter Schwerpunkt ist die Fiskalphilatelie. Das Board of Inland Revenue Stamping Department Archive enthält umfangreiches Material zur Herstellung, Registrierung und Kontrolle britischer Stempel- und Fiskalmarken. Dazu gehören Probedrucke, Registrierungsunterlagen, Druckmaterialien, Stempelmarken, Ganzsachen und verwandte Sicherheitsdrucke.[2]

Ein vierter Schwerpunkt ist die philatelistische Literatur. Neben der Crawford Library verfügt die British Library über einen umfangreichen Bestand philatelistischer Literatur. Beech bezifferte diesen Bestand 2005 auf über 30.000 Bände.[2]

Wichtige Teilsammlungen

Zu den wichtigsten Teilsammlungen und Archiven gehören:

  • die Tapling Collection mit weltweiten Briefmarken, Ganzsachen und Telegrafenmarken von 1840 bis 1890;
  • die Supplementary Collection als Fortsetzung der Tapling Collection, vor allem mit von den Crown Agents übergebenem Kolonialmaterial der Jahre 1900 bis 1922;
  • die Crown Agents Collection mit ungebrauchten Commonwealth-Briefmarken ab 1922;
  • das Crown Agents Philatelic and Security Printing Archive mit Entwürfen, Probedrucken, Farbversuchen, Druck- und Verwaltungsunterlagen für Briefmarken, Stempelmarken, Ganzsachen, Postanweisungen und Papiergeld;
  • die Crawford Library als Spezialbibliothek früher philatelistischer Literatur;
  • das Board of Inland Revenue Stamping Department Archive mit britischem Stempel- und Fiskalmarkenmaterial;
  • die Mosely Collection mit Briefmarken aus Britisch-Afrika bis 1935, besonders stark bei Kap der Guten Hoffnung, Mauritius, Rhodesien und St. Helena;
  • die FitzGerald Collection mit weltweiter Luftpost bis in die 1930er Jahre;
  • die Bojanowicz Collection mit polnischen Briefmarken und postgeschichtlichem Material von 1938 bis 1946, darunter Ghettopost, Untergrundpost, Kriegsgefangenenpost und Material der polnischen Exilregierung;
  • die Fletcher Collection zur öffentlichen und privaten Postgeschichte Großbritanniens und Irlands über fast drei Jahrhunderte;
  • die Ewen Collection mit britischen und irischen Eisenbahnbriefmarken, Belegen und Probedrucken;
  • die Turner Collection mit Fälschungen, Eisenbahnbriefmarken sowie britischen Zeitungs-, Broschüren- und Almanachsteuermarken;
  • die Universal Postal Union Collection mit über den Weltpostverein verteilten Briefmarken und Ganzsachen;
  • die Row Collection mit Briefmarken und Ganzsachen von Siam beziehungsweise Thailand aus den Jahren 1883 bis 1918;
  • die Murray Collection mit chinesischen Briefmarken von frühen Ausgaben ab 1865 bis in die Mitte der 1950er Jahre;
  • die Model Collection mit deutschen lokalen Nachkriegsausgaben von 1945 und 1946;
  • die Bailey Collection und die Shelley Collection zum Spanischen Bürgerkrieg;
  • die Harrison Collection mit Stichtiefdruck-Probedrucken von John Augustus Charles Harrison;
  • die Langmead Collection mit britischen und irischen Telegrafenmarken und Telegrafenganzsachen;
  • die Davies Collection mit libyschen Stempelmarken und verwandtem Material;
  • die Philatelic & Postal History Photograph Collection mit Fotografien bedeutender philatelistischer Stücke, die nicht selbst in der British Library verwahrt werden.[1][2]

Weitere Bestände betreffen unter anderem Hyderabad, Kroatien, Libyen, Victoria (Australien), Albanien, Guernsey, Lundy, Ostdeutschland, Ungarn, die Vereinten Nationen, den Völkerbund, Amateurfunk-Bestätigungskarten, Gebührenstempel, lokale und private Postdienste, Propagandamarken, Druckereien, Papiergeld, Postkarten und moderne philatelistische Ephemera.

Ausgewählte Objekte

Probedruckbogen von One-Penny-Stempelmarken zum Stamp Act von 1765

Zu den bekanntesten Einzelobjekten gehört ein einzigartiger Probedruckbogen von One-Penny-Stempelmarken zum Stamp Act von 1765. Er gehört zum Board of Inland Revenue Stamping Department Archive und verbindet Fiskalgeschichte, Kolonialgeschichte und frühe amerikanische Geschichte.

Perkins-D-Zylinderdruckpresse in der British Library

Ein ungewöhnliches Großobjekt ist die Perkins-D-Zylinderdruckpresse. Sie gehört zur General Collection, die unter anderem die St Kilda Mailboat-Post, Druckstöcke, Druckplatten, Stempel, Papiergeld und weiteres sicherheitsdruckgeschichtliches Material enthält.[4] Die Presse steht im Zusammenhang mit dem Sicherheitsdruck früher britischer und kolonialer Marken und mit der Druckgeschichte der ersten britischen Briefmarken, darunter der One Penny Black.

Zu den klassischen Raritäten der Tapling Collection gehören unter anderem Stücke der Mauritius „Post Office“, die indische 4-Anna-Kopffehldruckmarke auf Brief, die Inverted Swan aus Western Australia, die Zürich 4 als ungetrennter Fünferstreifen, die spanische 2-Reales-Farbfehldruckmarke von 1851, Missionary-Ausgaben von Hawaii und frühe Ausgaben von New South Wales.[2]

Nicht verausgabte jamaikanische Marke aus der Crown Agents Collection

Aus den Crown-Agents-Beständen stammt unter anderem eine nicht verausgabte jamaikanische Marke von 1956. Sie zeigt, dass die Sammlung nicht nur ausgegebene Marken, sondern auch Entwürfe, Probedrucke, Farbversuche und nicht verausgabte Ausgaben dokumentiert.

Ausstellung und Benutzung

Ein Teil der Sammlungen ist dauerhaft in der British Library in St Pancras ausgestellt. Die British Library nennt für die Philatelic Exhibition rund 80.000 ausgestellte Objekte auf der oberen Eingangsebene.[5] Gezeigt werden unter anderem Banknoten aus dem Crown Agents Philatelic and Security Printing Archive, Teile der Tapling Collection, die Mosely Collection, die Bojanowicz Collection, die Model Collection, die Harrison Collection, die Davies Collection, die FitzGerald Collection, die Bailey Collection, die Turner Collection und die Langmead Collection.[5]

Nicht ausgestellte Bestände können für Forschungszwecke genutzt werden. Die British Library weist darauf hin, dass physische Objekte über ein Bestellformular angefordert werden können; für die Philatelic Collections ist eine vorherige Terminvereinbarung erforderlich.[1] Die Erschließung erfolgt über den Archivkatalog der British Library. Die dort verwendeten Signaturen wie „Philatelic 1“ oder „Philatelic 14“ sind Archivsignaturen einzelner Sammlungen oder Unterbestände. Der Gesamtfonds der British Library Philatelic Collections trägt die Signatur „Philatelic 0“.[1]

Erwerbung, Erhaltung und Digitalisierung

Die Sammlungen wuchsen vor allem durch Vermächtnisse, Schenkungen, amtliche Übernahmen und Leihgaben. Der Archivkatalog der British Library nennt für die Gesamtüberlieferung verschiedene Erwerbungswege und weist darauf hin, dass weiterhin zusätzliches Material in die Sammlung aufgenommen wird.[1] Dieser Charakter macht die Philatelic Collections zu einer Art Master-Sammlung: Nicht eine einzelne Privatsammlung wurde einfach fortgeführt, sondern zahlreiche bedeutende Privatsammlungen, Behördenarchive, Literaturbestände, Forschungsunterlagen und Druckereimaterialien wurden in einer öffentlichen Institution zusammengeführt.

Beech beschrieb den Zeitraum nach dem Umzug nach St Pancras als Phase außergewöhnlichen Wachstums durch neue Schenkungen, Vermächtnisse, Transfers und Leihgaben.[2] Zugleich wurden bedeutende Erhaltungsprojekte durchgeführt. Dazu gehörte die Konservierung der Crawford Library, deren 4.500 Bände bis 2005 vollständig mikroverfilmt und zu einem großen Teil neu gebunden oder konservatorisch behandelt worden waren.[2] Auch das Board of Inland Revenue Stamping Department Archive wurde konservatorisch bearbeitet, darunter Registerbände und große Gruppen von Probedrucken.[2]

Ein jüngeres Digitalisierungsprojekt betrifft die Row Collection. Die Sammlung zu Siam beziehungsweise Thailand wurde 2025 online veröffentlicht und umfasst 24.473 Objekte auf 1.358 Seiten in 23 Bänden. Sie ist über das Internet Archive zugänglich; begleitende Metadaten werden über den Archivkatalog beziehungsweise Discovery der The National Archives bereitgestellt.[6]

Internationale Einordnung

Die British Library Philatelic Collections werden in der Philatelie als eine der bedeutendsten öffentlichen Sammlungen weltweit angesehen. Ihre besondere Stellung liegt in der Verbindung von klassischer Briefmarkensammlung, Postgeschichte, amtlichen Archiven, Sicherheitsdruck, philatelistischer Literatur und öffentlicher Ausstellung. Beech bezeichnete die Sammlungen 2005 als größte, vielfältigste und vollständigste philatelistische Sammlung und zugleich als weltweite Ressource für weltweites Material.[2]

Eine pauschale Bezeichnung als größte philatelistische Sammlung oder größte philatelistische Bibliothek der Welt ist jedoch schwierig, da unterschiedliche Einrichtungen nach unterschiedlichen Kriterien zählen. Das National Postal Museum der Smithsonian Institution in Washington, D.C. bezeichnet seine Sammlung als die größte und umfassendste Sammlung von Briefmarken und philatelistischem Material weltweit.[7] Bei philatelistischer Literatur sind wiederum Spezialbibliotheken wie die American Philatelic Research Library und die Philatelistische Bibliothek Hamburg bedeutend. Die American Philatelic Research Library nennt mehr als 23.000 Buchtitel und 5.700 Zeitschriftentitel,[8] die Philatelistische Bibliothek Hamburg über 40.000 Bände und über 70.000 Aufsätze.[9] Die British Library Philatelic Collections sind daher am treffendsten als nationale Sammlung des Vereinigten Königreichs und als weltweit bedeutende Referenz- und Forschungssammlung der Philatelie zu beschreiben.

Literatur

  • David R. Beech: The British Library Philatelic Collections 1998 to 2005. Vortrag vor der Royal Philatelic Society London am 17. November 2005.
  • David R. Beech: A Guide to Philatelic Research at The British Library. London 2019.
  • Richard Scott Morel: The Formation, Development and Curation of the Tapling Collection at the British Museum Library in the Nineteenth Century. In: Electronic British Library Journal. 2021.
Commons: British Library Philatelic Collections – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. a b c d e f g h The British Library’s Philatelic Collections. In: British Library Archives and Manuscripts Catalogue. British Library, abgerufen am 2. Juli 2026 (englisch).
  2. a b c d e f g h i j k l m David R. Beech: The British Library Philatelic Collections 1998 to 2005. London 2005 (englisch, org.uk [PDF; abgerufen am 2. Juli 2026]).
  3. a b Crown Agents Philatelic and Security Printing Archive. In: British Library Archives and Manuscripts Catalogue. British Library, abgerufen am 2. Juli 2026 (englisch).
  4. General Collection. In: British Library Archives and Manuscripts Catalogue. British Library, abgerufen am 2. Juli 2026 (englisch).
  5. a b The Philatelic Exhibition. British Library, abgerufen am 2. Juli 2026 (englisch).
  6. The British Library Digitises Landmark Siam Collection, 1881–1918. FEPA News, 7. Dezember 2025, abgerufen am 2. Juli 2026 (englisch).
  7. National Postal Museum. Smithsonian Institution, abgerufen am 2. Juli 2026 (englisch).
  8. American Philatelic Research Library. American Philatelic Society, abgerufen am 2. Juli 2026 (englisch).
  9. Philatelistische Bibliothek Hamburg e.V. Philatelistische Bibliothek Hamburg e.V., abgerufen am 2. Juli 2026.

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