Royal Philatelic Collection
Die Royal Philatelic Collection ist eine philatelistische Sammlung im persönlichen Besitz des britischen Monarchen. Ihr Schwerpunkt liegt auf den Briefmarken und der Postgeschichte Großbritanniens sowie des ehemaligen Britischen Weltreichs und des Commonwealth. Neben Briefmarken umfasst sie unter anderem Essays, Probedrucke, Farbproben, Originalentwürfe und postgeschichtliche Belege. Das Smithsonian National Postal Museum bezeichnete sie als die weltweit umfassendste Sammlung britischer und Commonwealth-Briefmarken.[1]
Die Sammlung ist nicht Teil der Royal Collection, sondern wird von der House of Commons Library ausdrücklich zu den privaten Vermögenswerten des Königs gerechnet.[2] Gleichwohl wurde sie innerhalb des Königshauses traditionell als dynastisches Erbstück behandelt.[3] Ihren entscheidenden Ausbau erfuhr sie unter Georg V., selbst einem bedeutenden Philatelisten. Die von ihm aufgebaute Sammlung wurde in 328 sogenannten Red Albums geordnet; unter Georg VI. kamen die Blue Albums und unter Elisabeth II. die Green Albums hinzu.[3][1]
Geschichte
Mitglieder der britischen Königsfamilie sammelten spätestens seit 1864 Briefmarken. Als erster ernsthafter Sammler der Familie gilt Prinz Alfred, Duke of Edinburgh, der zweite Sohn Königin Victorias. Er war ab 1890 Ehrenpräsident der heutigen Royal Philatelic Society London. Kurz vor seinem Tod verkaufte Alfred seine Sammlung an seinen älteren Bruder, den damaligen Prince of Wales und späteren König Eduard VII. Dieser übergab sie seinem Sohn, dem Duke of York, dem späteren Georg V. Teile von Alfreds Sammlung bilden damit einen frühen Kern der Royal Philatelic Collection.[3]

Georg V. entwickelte die Sammlung zu einer systematisch aufgebauten Sammlung des britischen Weltreichs. Von 1896 bis zu seiner Thronbesteigung 1910 war er Präsident der Royal Philatelic Society London und anschließend deren Schirmherr. Sein Ziel war es, besonders seltene und bedeutende Stücke möglichst vollständig zusammenzutragen. Die Sammlung bestand vorwiegend aus ungebrauchten Marken; wenn diese nicht erhältlich waren, erwarb er auch gebrauchte Exemplare und Briefe. Bei ungebrauchten Marken bevorzugte er Vierer- oder Sechserblocks.[3]
1921 unterzeichnete Georg V. als erster die neu geschaffene Roll of Distinguished Philatelists; seine Signatur „George R.I.“ steht bis heute an der Spitze der Ehrenrolle.[4]
Zu seinen bekanntesten Erwerbungen gehören die beiden Mauritius-„Post Office“-Marken von 1847. Den ungebrauchten Zwei-Pence-Wert kaufte er 1904 auf einer Auktion für 1450 Pfund, damals der höchste für eine einzelne Briefmarke gezahlte Preis. Einen erheblichen Teil der Sammlung ließ Georg V. durch einen Agenten auf Auktionen erwerben. Zwischen 1907 und 1918 wurden auf diese Weise mindestens 18 bedeutende Sammlungen einzelner Länder und vier Sammlungen Großbritanniens geschlossen übernommen.[3]
Als König erhielt Georg V. außerdem zahlreiche Materialien unmittelbar aus dem Entstehungsprozess neuer Briefmarken, da ihm Entwürfe für Ausgaben mit seinem Porträt zur Genehmigung vorgelegt wurden. Dadurch gelangten Originalzeichnungen, Künstlerentwürfe, Druckplatten, Probedrucke und Farbproben in die Sammlung. Zu den älteren Dokumenten gehören zwei Aquarellentwürfe, die Rowland Hill vor Einführung der ersten britischen Briefmarken zugesandt worden waren und das geplante Aussehen der One Penny Black und der Two Penny Blue zeigen. Die ersten vier der späteren Red Albums enthalten zudem sogenannte Treasury Essays aus dem Wettbewerb, der der britischen Postreform von 1840 vorausging.[3][5]
Bei Georgs V. Tod 1936 befand sich die Sammlung in 328 Red Albums mit jeweils ungefähr 60 Blättern. Sein Sohn Georg VI. setzte den Ausbau fort; neu hinzukommendes Material seiner Regierungszeit wurde in den Blue Albums geordnet. Unter Elisabeth II. wurden die Green Albums für die während ihrer Regierungszeit hinzugekommenen Bestände eingerichtet. Bedeutende Ergänzungen waren unter anderem frühe britische Briefe aus der Zeit vor Einführung der Briefmarke sowie Belege der kanadischen Pionierflugpost.[3]
Auch unter Charles III. wird die Sammlung fortgeführt. Der amtierende Kustos Rod Vousden berichtete 2025, dass der König weiterhin Viererblocks neuer Briefmarken von der britischen Post und anderen Postverwaltungen erhält. Die Bearbeitung und Montage neu hinzukommender Stücke wird ebenfalls fortgesetzt.[6]
Bestand und Ordnung
Der besondere Wert der Royal Philatelic Collection liegt weniger in einer bekannten Gesamtzahl von Objekten als in ihrer weitgehenden Vollständigkeit für zahlreiche Gebiete des ehemaligen Britischen Weltreichs und des Commonwealth. Viele Postgebiete sind nahezu vollständig vertreten; hinzu kommen zahlreiche in allgemeinen Briefmarkenkatalogen nicht aufgeführte Varianten. Ein Schwerpunkt liegt auf ungebrauchten Marken, ergänzt um gebrauchte Exemplare, geteilte Marken, Briefe und frühe Flugpostbelege.[6]
Zum Bestand gehören darüber hinaus zahlreiche Materialien, die der Entstehung einer Briefmarkenausgabe vorausgehen: Originalzeichnungen, Künstlerentwürfe, nicht ausgegebene Marken, Essays, Probedrucke und Farbproben. Dadurch dokumentiert die Sammlung nicht nur die ausgegebenen Briefmarken, sondern auch deren Entwurfs- und Produktionsgeschichte.[6]

Zu den herausragenden Einzelstücken zählen neben den Mauritius-„Post Office“-Marken zahlreiche klassische Ausgaben des Britischen Weltreichs. Ein weiterer bedeutender Erwerb war ein Brief mit einem Zehnerblock der One Penny Black, der am ersten offiziellen Verwendungstag der Marke, dem 6. Mai 1840, aufgegeben worden war. Für diesen Beleg wurden 250.000 Pfund bezahlt.[3] Eine der wenigen bedeutenden Lücken der Sammlung ist die British Guiana 1¢ magenta. Das Smithsonian bezeichnete sie 2015 als die einzige große philatelistische Rarität des britischen Bereichs, die in der Royal Philatelic Collection fehle.[7]
Eine Gesamtzahl der enthaltenen Briefmarken und sonstigen Objekte wurde nicht veröffentlicht. In einer offiziellen Beschreibung aus dem Jahr 2004 hieß es, die Sammlung sei nie vollständig gezählt worden. Neben den montierten Beständen lagerte damals noch so viel unbearbeitetes Material, dass es schätzungsweise weitere 2000 Alben hätte füllen können. Dieses Material wurde geordnet zu Forschungs- und Vergleichszwecken aufbewahrt.[3]
Auch ein verlässlicher Gesamtwert lässt sich aufgrund zahlreicher einzigartiger Entwürfe, Essays und Probedrucke, für die keine vergleichbaren Marktpreise existieren, kaum bestimmen.[3] Die häufig in Medien genannten pauschalen Wertschätzungen sind daher nur eingeschränkt aussagekräftig.
Die Anordnung der Sammlung geht wesentlich auf Georg V. und seine philatelistischen Berater zurück. Edward Denny Bacon begann ab 1913 mit ihrer umfassenden systematischen Bearbeitung. Die Beschriftung und Beschreibung der Albumblätter erfolgt traditionell handschriftlich; diese Form wird auch bei der heutigen Weiterführung beibehalten.[6]
1952 veröffentlichte der damalige Kustos Sir John Wilson mit The Royal Philatelic Collection eine umfangreiche Geschichte und einen Katalog der Red Albums. Das von Clarence Winchester herausgegebene Werk erschien bei der Dropmore Press und wurde unter anderem in einer aufwendig gebundenen Luxusausgabe angeboten.[8] Wilson erhielt für das Werk 1953 die Crawford Medal der Royal Philatelic Society London.[9]
Verwaltung und öffentliche Präsentation
Die Royal Philatelic Collection ist eine private Sammlung des Monarchen und von der Royal Collection getrennt.[2] Sie ist daher keine öffentlich zugängliche Museumssammlung. Die Bestände werden unter gesicherten und konservatorisch kontrollierten Bedingungen aufbewahrt. Wegen der Licht- und Wärmeempfindlichkeit vieler Stücke werden Originale nur zeitweise ausgestellt.[3]
Der Aufbewahrungsort änderte sich im Laufe der Zeit. Die 2004 veröffentlichte offizielle Beschreibung nannte den St James’s Palace als Standort.[3] Rod Vousden gab 2025 dagegen den Buckingham Palace als Sitz der Sammlung an.[6]
Trotz ihres privaten Charakters werden seit langem Teile der Sammlung öffentlich oder im Rahmen philatelistischer Veranstaltungen gezeigt. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg begründete Georg V. die Tradition, zu Beginn einer Saison der Royal Philatelic Society London eine Auswahl aus der Sammlung vorzustellen. Diese Präsentationen wurden unter seinen Nachfolgern fortgeführt.[3] Auch 2025 wurde mit Genehmigung Charles’ III. bei der Gesellschaft eine Auswahl der Royal Philatelic Collection gezeigt.[10]
Daneben wurden Bestände wiederholt an internationale Briefmarkenausstellungen und Museen ausgeliehen. Von April 2004 bis Januar 2005 zeigte das National Postal Museum der Smithsonian Institution in Washington, D.C. die Ausstellung The Queen’s Own: Stamps That Changed the World mit einer umfangreichen Auswahl aus der Sammlung Elisabeths II. Gezeigt wurden unter anderem Material zur britischen Postreform, die One Penny Black, die Two Penny Blue, Mauritius-„Post Office“-Marken und Entwürfe für Briefmarken zur Krönung Elisabeths II.[1][11]
Der jeweilige Kustos ist für die philatelistische Betreuung, Erschließung und Präsentation der Sammlung zuständig. Der frühere Kustos Michael Sefi beschrieb 2004 in einem ausführlichen Vortrag am National Postal Museum sowohl die konservatorische und wissenschaftliche Arbeit als auch die Vorbereitung von Ausstellungen und Forschungszugängen.[12]
Kustoden
Seit dem späten 19. Jahrhundert unterstützten philatelistische Fachleute die Monarchen bei Aufbau und Verwaltung der Sammlung. Die Amtsbezeichnung änderte sich dabei: John Alexander Tilleard wurde 1910 zum Philatelist to His Majesty ernannt, Edward Denny Bacon führte den Titel Curator; bei Sir John Wilson setzte sich später die Bezeichnung Keeper durch.[9]
| Person | Funktion und Zeitraum | Anmerkung |
|---|---|---|
| John Alexander Tilleard | Philatelist to the King, 1910–1913 | Beriet Georg V. bereits zuvor beim Aufbau der Sammlung.[9] |
| Edward Denny Bacon | Curator, 1913–1938 | Systematisierte und montierte große Teile der unter Georg V. aufgebauten Sammlung.[9] |
| Sir John Wilson | Keeper, 1938–1969 | Verfasste den 1952 veröffentlichten Katalog der Sammlung.[9] |
| Sir John Marriott | Keeper, 1969–1995 | Organisierte zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland.[13] |
| Charles Wyndham Goodwyn | Keeper, 1995–Januar 2003 | Erweiterte die öffentliche und wissenschaftliche Zugänglichkeit der Sammlung und präsentierte sie in Großbritannien sowie in zahlreichen weiteren Ländern.[14] |
| Michael Richard Sefi | Keeper, Januar 2003–2018 | War zuvor seit 1996 stellvertretender Kustos und betreute unter anderem die Smithsonian-Ausstellung von 2004.[15] |
| Rodney „Rod“ Vousden | zunächst Acting Keeper, spätestens seit 2026 Keeper | Die Royal Philatelic Society London führte ihn 2025 noch als Acting Keeper; im offiziellen Court Circular vom 29. Mai 2026 wird er als Keeper of the Royal Philatelic Collection bezeichnet.[10][16] |
Siehe auch
Literatur
- Nicholas Courtney: The Queen’s Stamps: The Authorised History of the Royal Philatelic Collection. Methuen, London 2004, ISBN 978-0-413-77228-2.
- Sir John Wilson: The Royal Philatelic Collection. Hrsg. von Clarence Winchester. The Viscount Kemsley at The Dropmore Press, London 1952.
Weblinks
- The Queen’s Own: Stamps That Changed the World beim Smithsonian National Postal Museum
- Michael Sefi: The Royal Philatelic Collection: An Inside View – vollständiges Transkript eines Vortrags am Smithsonian National Postal Museum, 16. Oktober 2004
- The Royal Philatelic Collection – vollständiger Nachdruck des damaligen offiziellen Beschreibungstextes des britischen Königshauses, PhilaJournal, 2004, S. 10–11
Einzelnachweise
- ↑ a b c Introduction. In: The Queen’s Own: Stamps That Changed the World. Smithsonian National Postal Museum, abgerufen am 22. August 2026 (englisch).
- ↑ a b Finances of the Monarchy. (PDF) House of Commons Library, 30. Juni 2026, S. 69–70, abgerufen am 22. August 2026 (englisch).
- ↑ a b c d e f g h i j k l m The Royal Philatelic Collection. (PDF) In: PhilaJournal. Greater Toronto Area Philatelic Alliance, 2004, S. 10–11, abgerufen am 22. August 2026 (englisch).
- ↑ The Roll of Distinguished Philatelists 2025. Association of British Philatelic Societies, abgerufen am 22. August 2026 (englisch).
- ↑ Pre-Treasury Competition. In: The Queen’s Own: Stamps That Changed the World. Smithsonian National Postal Museum, abgerufen am 22. August 2026 (englisch).
- ↑ a b c d e Rod Vousden: History of the Royal Philatelic Collection. (PDF) In: BERNABA 2025. S. 119, abgerufen am 22. August 2026 (englisch).
- ↑ World’s Rarest Stamp Now on Display at National Postal Museum. Smithsonian Institution, 4. Juni 2015, abgerufen am 22. August 2026 (englisch).
- ↑ The Royal Philatelic Collection. In: Open Library. Abgerufen am 22. August 2026 (englisch).
- ↑ a b c d e Who Was Who in Philately. Association of British Philatelic Societies, abgerufen am 22. August 2026 (englisch).
- ↑ a b All Meetings with Documents. Royal Philatelic Society London, abgerufen am 22. August 2026 (englisch).
- ↑ The Queen’s Own Exhibition Press Materials. Smithsonian National Postal Museum, abgerufen am 22. August 2026 (englisch).
- ↑ Michael Sefi: The Royal Philatelic Collection: An Inside View. In: 3rd Maynard Sundman Lecture. Smithsonian National Postal Museum, 16. Oktober 2004, abgerufen am 22. August 2026 (englisch).
- ↑ Francis Kiddle: Sir John Marriott. In: The Independent. 17. Juli 2001, abgerufen am 22. August 2026 (englisch).
- ↑ Charles Goodwyn. Smithsonian National Postal Museum, abgerufen am 22. August 2026 (englisch).
- ↑ About Michael Sefi. Smithsonian National Postal Museum, 16. Oktober 2004, abgerufen am 22. August 2026 (englisch).
- ↑ Court Circular. The Royal Family, 29. Mai 2026, abgerufen am 22. August 2026 (englisch).
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