Draghi-Report

Der Draghi-Report (auch Draghi-Bericht oder Draghi-Plan) ist ein im Jahr 2023 von der Europäischen Kommission in Auftrag gegebener Strategie- und Wirtschaftsbericht zur „Zukunft der europäischen Wettbewerbsfähigkeit“.[1][2] In ihrer Rede „Zur Lage der Union 2023“ beauftragte Ursula von der Leyen mit der Erstellung dieses Berichts Mario Draghi.[3] Dieser legte den Bericht im September 2024 nach umfassender Zusammenarbeit mit einem Team der Europäischen Kommission und weit mehr als 100 Mitarbeitern verschiedener Forschungseinrichtungen, Unternehmensberatungen, Wirtschafts- und Verbraucherverbänden, Banken, internationalen Organisationen und mehr als 50 Unternehmen, in einer Rede vor dem Europäischen Parlament vor.[4] Er enthält weitreichende Reformvorschläge, die auf die Verbesserung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit zielen.[5]
Vorschläge
Der Bericht schlägt unter anderem eine Agenda für Wettbewerbsfähigkeit vor, die eine jährliche Finanzierung von 750 bis 800 Milliarden Euro erfordert. Dies entspricht etwa 4 bis 5 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) der EU.[6] Diese Größenordnung sei notwendig, um mit Konkurrenten wie den USA und China mithalten zu können.[7][8] Draghi selbst verglich das Vorhaben mit dem Marshallplan zur Ankurbelung von Wirtschaftswachstum und Integration Europas nach dem Zweiten Weltkrieg.[5]
Als Vergleich wurde der US-amerikanische Inflation Reduction Act (IRA) aus 2021 genannt, welcher rund 400 Milliarden US-Dollar für die amerikanische Wirtschaft bereitstellte. Zusammen mit dem Infrastructure Investment and Jobs Act und dem CHIPS and Science Act wurden damit rund 2 Billionen US-Dollar in die amerikanische Wirtschaft investiert[9]. In China ist die Staatliche Kommission für Entwicklung und Reform für die Wirtschaftsplanung des Landes zuständig. Sie plant ebenfalls verschiedene finanzielle Mittel und Maßnahmen, um die kriselnde[10][11] chinesische Wirtschaft zu stabilisieren und stimulieren[12][13][14].
Draghi erwähnt, dass diese Summe teilweise durch private und öffentliche Investitionen gesichert werden könnte, zum Beispiel durch die Ausgabe neuer gemeinsamer Schuldtitel zur Finanzierung wichtiger gemeinsamer Projekte[15].
Inhalte & Aufbau

Der Bericht gliedert sich in zwei Teile, sowie einem Anhang mit Danksagungen:
- A competitiveness strategy for Europe mit mehr als 60 Seiten
- In-depth analysis and recommendations mit mehr als 300 Seiten
Der Bericht stellt drei Hauptthesen auf, um nachhaltiges Wachstum für Europa zu generieren:
- Aufholen des Innovationsrückstands gegenüber den USA und China, insbesondere im Bereich der Spitzentechnologien;
- Die Notwendigkeit eines gemeinsamen Plans für Dekarbonisierung und Wettbewerbsfähigkeit;
- Erhöhung der Sicherheit und Verringerung der Abhängigkeit.
Der Bericht geht auch auf die „Hindernisse“ bei der Erreichung dieser Ziele ein:
- Europa fehlt es an Fokus. Man formuliere zwar gemeinsame Ziele, untermauere diese aber nicht durch klare Prioritäten und koordinierte Politiken;
- Europa verschwendet seine gemeinsamen Ressourcen. Man verfügt gemeinsam über eine hohe Kaufkraft, verteilt diese aber auf eine Vielzahl unterschiedlicher nationaler und europäischer Instrumente;
- Europa mangelt es an Koordination, wenn es darauf ankommt.
Draghi Observatory
Ein Jahr nach der Veröffentlichung, im September 2025, richtete das in Brüssel ansässige Beratungsunternehmen European Policy Innovation Council (EPIC) den „Draghi Observatory & Implementation Index“ ein. Auf der Internetseite wird dargestellt, welche Empfehlungen des Draghi-Berichts nach Auffassung des EPIC von der Europäischen Union bereits in die Tat umgesetzt worden sind.[16]
Rezeption
Laut dem Präsidenten des Europäischen Rates, Charles Michel, liege „Alles [...] auf dem Tisch“[17], einschließlich der Aufnahme neuer gemeinsamer Schulden.
Laut Mario Draghi, „Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem wir, wenn wir nicht handeln, entweder unseren Wohlstand, unsere Umwelt oder unsere Freiheit aufs Spiel setzen müssen.“[7][18]
Laut dem ehemaligen Bundesminister der Finanzen Christian Lindner (FDP), könne man „mit einer gemeinsamen EU-Schuldenaufnahme keine strukturellen Probleme“[19] lösen.
Der Fondsmanager Edouard Carmignac (viz. Fondation Carmignac) empfiehlt „Die politischen Kräfte in Europa wären gut beraten, ihn zu lesen und umzusetzen.“[20]
Das deutsche Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) schlussfolgert in seiner Analyse[21], „Der Draghi-Bericht zur Zukunft der Wettbewerbsfähigkeit der EU bietet eine fundierte Analyse und gibt umfassende Empfehlungen, die weitgehend mit den strategischen Zielen des BMWK übereinstimmen. (...)“
Der Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Präsident Marcel Fratzscher schreibt in einem Beitrag, Zitat „Mario Draghi drückt aus, was eigentlich eine Binsenweisheit ist: Ohne deutlich mehr private und öffentliche Investitionen werden Produktivität und Wachstum noch schwächer werden, Arbeitsplätze und innovative Unternehmen abwandern und viel des Wohlstands verloren gehen.“[22]
Ein Jahr später äußerte sich Draghi: „Das Jahr 2025 [sic] wird als das Jahr in Erinnerung bleiben, in dem diese Illusion zerplatzte.“[23] Mit dieser Illusion meinte er den europäischen Markt mit seinen rund 450 Millionen Verbrauchern, die laut Draghi nicht für Macht und Einfluss stehen. Dies sei eine Illusion.
Ähnliche Studien
BDI Studie Transformationspfade
Laut der BDI-Studie Transformationspfade[24], welche parallel zum Draghi-Report im September 2024[25] veröffentlicht wurde, sei für Deutschland bis 2030 ein Investitionsbedarf von geschätzt 1,4 Billionen Euro nötig.
Der Bericht wurde herausgegeben durch den Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) in Zusammenarbeit mit der Boston Consulting Group (BCG) und dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW).
Diese Summe sei laut BDI-Präsident Siegfried Russwurm „irre viel Geld“, jedoch nehme „das Risiko einer De-Industrialisierung durch die stille Abwanderung und Aufgabe gerade vieler Mittelständler kontinuierlich zu und ist teils schon eingetreten.“[26]
IW-Studie Konjunktur
Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat in einer eigenen Studie (Report Nr. 9)[27] vom März 2025 die Wertschöpfungsverluste durch Corona-Pandemie, Krieg und globale Unordnung modellhaft berechnet und die Verluste bzw. Schäden auf 735 Mrd. Euro beziffert. Die Studie bzw. das zugrunde liegende Modell stellt eine hypothetische wirtschaftliche Realität einer realen wirtschaftlichen Entwicklung gegenüber. Für weitere Details siehe die Studie selbst.
Verwandte Entwicklungen
Sondervermögen Infrastruktur
Im Rahmen der Sondierungen zur Regierungsbildung nach der Bundestagswahl 2025 haben CDU/CSU und SPD am 4. März 2025 angekündigt, einen dreistelligen Milliardenbetrag in Infrastruktur und Verteidigung[28][29] investieren zu wollen.
Europäischer Aufbauplan 2021–2027
In diesem Kontext sei auch der Europäische Aufbauplan (auch bekannt als NextGenerationEU) erwähnt, welcher bereits in dem Jahr 2018 einen Budget von rund 750 Mrd. Euro (Stand 2025 über 800 Mrd. Euro) vorschlug.[30] Der Aufbauplan gilt als Antwort auf die Coronaviruskrise offiziell von 2021 bis 2027.[31] Insgesamt steht in dem genannten Zeitraum ein Konjunkturpaket von rund 2 Billionen Euro (2.000 Milliarden) zur Verfügung plus die 800 Mrd.
Siehe auch
- Austerität
- Europäischer Fiskalpakt
- Fünfjahresplan
- Horizont Europa – das Großforschungsprogramm der EU und Nachfolger von Horizont 2020
- Konferenz zur Zukunft Europas
- Merkantilismus
- Niinistö-Report[32] – Initiiert von Sauli Niinistö zur Stärkung der europäischen Verteidigungsbereitschaft
- Protektionismus
- Schuldenbremse
- Schuldenuhr
- Sondervermögen
- Stabilitäts- und Wachstumspakt
- Strukturpolitik
Weblinks
Download der Studie: EU competitiveness: Looking ahead. EC, abgerufen am 13. November 2024 (englisch). (Deutsch).
Need for speed – the Draghi report one year on, Deutsche Bank Research, 9. September 2025
Einzelnachweise
- ↑ Europäische Union: The future of European competitiveness. A competitiveness strategy for Europe. September 2024, abgerufen am 25. Februar 2026.
- ↑ Teile des Berichts sind in einer deutschen Übersetzung vorhanden, s. Europäische Union: Die Zukunft der europäischen Wettbewerbsfähigkeit – Eine Wettbewerbsstrategie für Europa. September 2024, abgerufen am 25. Februar 2026.
- ↑ Vgl. Ursula von der Leyen: State of the Union 2023. 13. September 2023, abgerufen am 23. März 2026.
- ↑ Mario Draghi: Presentation of the report on the Future of European competitiveness. 17. September 2024, abgerufen am 23. März 2026.
- ↑ a b Mario Draghi outlines his plan to make Europe more competitive. In: The Economist. ISSN 0013-0613 (englisch, economist.com [abgerufen am 13. November 2024]).
- ↑ Der Draghi-Report und die Chemieindustrie. In: Chemie Technik. Hüthig GmbH, abgerufen am 13. November 2024.
- ↑ a b Draghis Bericht zur EU-Wirtschaft - fünf wichtige Erkenntnisse. 9. September 2024, abgerufen am 13. November 2024.
- ↑ Draghi-Bericht: Warum Europa den Anschluss verliert. zdfheute, 10. September 2024, abgerufen am 13. November 2024.
- ↑ What’s in the Inflation Reduction Act (IRA) of 2022 | McKinsey. Abgerufen am 13. November 2024 (englisch).
- ↑ Zongyuan Zoe Liu: China’s Real Economic Crisis. In: Foreign Affairs. Band 103, Nr. 5, 6. August 2024, ISSN 0015-7120 (foreignaffairs.com [abgerufen am 13. November 2024]).
- ↑ China slowdown raising risks for global economy | NHK WORLD-JAPAN News. NHK, 18. Oktober 2024, abgerufen am 13. November 2024 (englisch).
- ↑ CGTN: China introduces package of incremental policies to boost economy. Abgerufen am 13. November 2024 (englisch).
- ↑ China announces more support for economy but holds back on major spending package. 8. Oktober 2024, abgerufen am 13. November 2024 (englisch).
- ↑ China unveils US$1.40-trillion local debt package, but no direct stimulus. In: The Globe and Mail. 8. November 2024 (englisch, theglobeandmail.com [abgerufen am 13. November 2024]).
- ↑ Draghi: „Europa hat die Wahl zwischen Austritten und Lähmung - oder Integration“ | Aktuelles | Europäisches Parlament. 17. September 2024, abgerufen am 13. November 2024.
- ↑ Antonios Nestoras: Draghi Observatory. 1. September 2025, abgerufen am 23. März 2026.
- ↑ EU: Gemeinsame Schulden um Wettbewerbsfähigkeit zu steigern? 8. November 2024, abgerufen am 13. November 2024.
- ↑ Draghi to MEPs: “Europe faces a choice between exit, paralysis, or integration” | News | European Parliament. 17. September 2024, abgerufen am 14. November 2024 (englisch).
- ↑ Henrik Müller: Meinung: Europäische Union nach Mario Draghis Report: Wie wir die Potenziale der EU heben können. In: Manager Magazin. manager magazin new media GmbH & Co. KG, 23. September 2024, abgerufen am 13. November 2024.
- ↑ Carmignac lobt Trump – und liest Europas Politiker die Leviten. Finews AG, 21. Januar 2025, abgerufen am 22. Januar 2025 (deutsch).
- ↑ BMWK-Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz: Draghi-Bericht zur Zukunft der Wettbewerbsfähigkeit der EU. Abgerufen am 22. Januar 2025.
- ↑ D. I. W. Berlin: DIW Berlin: Draghi-Plan ist der einzige Weg, Deutschlands Deindustrialisierung zu verhindern. Abgerufen am 20. Februar 2025.
- ↑ Christian Feld und Jean-Marie Magro, ARD-Studio Brüssel: Ein Jahr Draghi-Report: Wie steht es um Europas Wettbewerbsfähigkeit? Abgerufen am 10. September 2025.
- ↑ Start - Transformationspfade für das Industrieland Deutschland. Abgerufen am 13. November 2024 (englisch).
- ↑ Studie Transformationspfade von BCG, BDI, IW. 10. September 2024, abgerufen am 13. November 2024.
- ↑ BDI warnt vor Abstieg der deutschen Industrie. Manager Magazin, 10. September 2024, abgerufen am 13. November 2024.
- ↑ Institut der deutschen Wirtschaft (IW): Konjunktur: 735 Milliarden Euro Schaden durch Pandemie und Krieg - Institut der deutschen Wirtschaft (IW). In: Institut der deutschen Wirtschaft (IW). (iwkoeln.de [abgerufen am 19. März 2025]).
- ↑ Germany's Merz in race over debt brake reform to raise defence spending. Euronews, abgerufen am 19. März 2025 (englisch).
- ↑ German parliament passes historic spending reforms. In: Politico. 18. März 2025, abgerufen am 19. März 2025 (britisches Englisch).
- ↑ Europäischer Aufbauplan - Europäische Kommission. Abgerufen am 8. Mai 2025.
- ↑ Generaldirektion Haushalt (Europäische Kommission): The EU’s 2021-2027 long-term budget and NextGenerationEU: facts and figures. Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union, 2021, ISBN 978-92-76-30627-6 (europa.eu [abgerufen am 8. Mai 2025]).
- ↑ Safer together: A path towards a fully prepared Union - European Commission. Abgerufen am 17. März 2025 (englisch).
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