Bertha Bleek

Bertha Bleek (* 8. Februar 1866 in Sobernheim; † 10. September 1919 in Küssnacht SZ) war eine deutsche Frauenrechtlerin und Pionierin des Frauenturnens. Der von ihr 1897 in Minden gegründete Turnverein war über vierzig Jahre lang einer der ältesten Turnvereine in Deutschland mit ausschließlich weiblichen Mitgliedern.[1]

Werdegang

Bertha Bleek wurde 1866 als Tochter von Theodor Bleek in ein großbürgerlich-liberales Umfeld geboren,[1] verbrachte ihre Schulzeit aber in Minden, wo ihr Vater ab 1880 Bürgermeister und ab 1883 Oberbürgermeister war. Ihre Schulbildung erhielt sie an der Höheren Töchterschule in der Brüningstraße (heute Herder-Gymnasium Minden).[2]

Bertha Bleek wollte Lehrerin werden, auch wenn sie damit dem damals vorgeschriebenen Lehrerinnenzölibat unterlag. 1893 legte sie die Prüfung zur Lehrerin für Handarbeits- und Turnunterricht ab und unterrichtete ab April 1895 bis 1914 an der Mindener Höheren Töchterschule.[2] Sie veröffentlichte auch vereinzelt unterrichtsbezogene Artikel in fachpädagogischen Zeitschriften.

Soziales Engagement und Vorkämpferin für Frauenrechte

Bertha Bleek gehörte der bürgerlichen Frauenbewegung an und war Mitbegründerin und Vorstandsmitglied des Mindener Vereins Frauenwohl. In dieser Funktion gründete sie im Februar 1897 einen Kinderhort (1989 in Karoline-Dettmer-Hort benannt),[3][4] der auch benachteiligten Kindern offenstand und ihre Förderung ermöglichte.[2][5]

Ebenfalls im Februar 1897 gründete sie zusammen mit anderen Frauen den Mindener Frauen-Turnverein, da die beiden existierenden Turnvereine nur männliche Mitglieder aufnahmen.[1] Damit bestand erstmals für die weibliche Bevölkerung die Möglichkeit, organisierten Sport zu betreiben.[3] Zu dieser Zeit herrschten noch vielfache gesellschaftliche Vorbehalte gegen das Frauenturnen als „Emanzipationsgelüst der modernen Frau“, das „gegen die Gesetze der Sittlichkeit“ verstoße, das „Schamgefühl der Frau“ gefährde,[2] oder dem weiblichen Körper schade. Im Vorfeld versicherte Bertha Bleek sich der Unterstützung ihrer Arbeitskolleginnen sowie daraus folgend ihrer Schülerinnen und deren Müttern. Am Ende des ersten Jahres seines Bestehens hatte der Verein 39 Mitglieder, im Oktober 1899 über sechzig und 1908 bereits 283. Ab Herbst 1899 konnte der Verein die Turnhalle der 1895 fertiggestellten Höheren Töchterschule an der Brüningstraße nutzen. Im März 1902 erhielt er die kleine neue städtische Turnhalle an der Immanuelstraße zur Nutzung und konnte 1906 einen eigenen Spiel- und Sportplatz im Rosental erwerben.[1][6]

Als ausgebildeter Turnlehrerin war Bertha Bleek die gesundheitliche Notwendigkeit körperlicher Betätigung bewusst. Um sicherzustellen, dass die Turnerinnen sich frei bewegen konnten, wurde in der Vereinssatzung ein Verbot zum Tragen eines Korsetts festgeschrieben. Die Turnkleidung war einheitlich grau, mit roten Litzen verziert und bestand aus einem dreiviertel langen Rock und einer langärmeligen Bluse mit einem hohen Kragen, später änderte sich die Farbgebung zu blau mit weißer Litze.[1] 1906 wurden als zweckmäßige Sportbekleidung halsfreie Blusen und mit den „schwedischen Turnhosen“ knielange Pumphosen eingeführt.[5][6]

Die Anleitung der Trainingsabende erfolgte abwechselnd durch die Turnlehrerinnen der Mindener Schulen, die mehrheitlich auch im Vorstand des Vereins waren, neben Bertha Bleek noch sieben weitere Frauen. Neben den Übungsstunden engagierte sie sich in der Durchführung von Tagesausflügen und mehrtägigen Wanderungen zwischen Frühjahr und Herbst und der Organisation von Vereinsfesten und Feiern mit öffentlichen Vorführungen im Winter. Als Besonderheit waren auch hier keine Männer zugelassen und die aufwändigen Festivitäten unter Leitung von Bertha Bleek orientierten sich an Veranstaltungen von Berliner Künstlerinnen. Der Reinerlös wurde für wohltätige Zwecke an Mindener Einrichtungen gespendet. So erzielte der Verein im Jahr 1900 für den Kinderhort 100 Goldmark als Spende und 1908 die hohe Summe von 1200 Goldmark.[1][6]

Letzte Jahre

Im Jahr 1913 schied Bertha Bleek aus gesundheitlichen Gründen aus dem Schuldienst aus und 1914 auch aus dem Frauen-Turnverein. Sie war zunehmend gesundheitlich beeinträchtigt und in ihren letzten Jahre hielt sich längere Zeit in verschiedenen Kurkliniken auf, vor allem in der Schweiz, wo sie im September 1919 in Küssnacht bei Zürich im Alter von 53 Jahren starb.[2][6]

Gedenken

Bertha Bleek wurde im Rahmen des Projekts Frauenorte in die Liste der FrauenOrte NRW aufgenommen. In Minden wird vor ihrem Wirkungsort, dem heutigen Herder-Gymnasium an der Brüningstraße 2, am 10. September 2026 eine Gedenktafel eingeweiht.[2]

Schriften (Auswahl)

  • Über die Handhabung des Häkelunterrichts als Anfangsunterricht. In: Die technische Lehrerin – Zeitschrift für Nadelarbeit, Hauswirtschaft, Turnen und Zeichnen. Beilage zu Die Lehrerin in Schule und Haus. Herausgegeben von Elisabeth Altmann, Teubner, Heft 7, Leipzig 2. Januar 1904, S. 379–385
  • Berta Bleek: Strumpfberechnung: Leitfaden für den Handarbeitsunterricht. Für den Schulgebrauch zusammengestellt von Bertha Bleek, Lehrerin zu Minden. Verlag Julius Bleek, Minden 1900, 16 Seiten

Literatur

  • Günter Rook: Der Mindener Frauenturnverein von 1897 – ein vergessener Verein. In: Mitteilungen des Mindener Geschichtsvereins. Jahrgang 87, Kommunalarchiv Minden 2015, S. 37–49

Einzelnachweise

  1. a b c d e f Günter Rook: Der Mindener Frauenturnverein von 1897 – ein vergessener Verein. In: Mitteilungen des Mindener Geschichtsvereins. Jahrgang 87, Kommunalarchiv Minden 2015, S. 37–40
  2. a b c d e f Bertha Bleek. In: FrauenOrte NRW. Abgerufen am 5. August 2026
  3. a b Bertha Bleek - Gesellschaftliches Vorbild oder nur leidenschaftliche Sportlerin? In: Körber-Stiftung. Abgerufen am 6. August 2026
  4. Geschichte des Kinderhortes. In: Stadt Minden. Abgerufen am 6. August 2026
  5. a b Flyer zu Bertha Bleek. In: FrauenOrte NRW. Abgerufen am 5. August 2026
  6. a b c d Günter Rook: Der Mindener Frauenturnverein von 1897 – ein vergessener Verein. In: Mitteilungen des Mindener Geschichtsvereins. Jahrgang 87, Kommunalarchiv Minden 2015, S. 42–43

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