Alina Brewda
Alina Brewda, auch Brewda-Białostocki, (geboren am 13. Juni 1905 in Warschau; gestorben 1988 in London) war eine polnische Gynäkologin und Überlebende des Holocaust. Sie war leitende Häftlingsärztin im Block 10 des Stammlagers des KZ Auschwitz, einer Versuchsstation für „medizinische“ Forschungen.
Leben
Brewda absolvierte ein Medizinstudium und ihre Ausbildung zur Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe; sie wurde zur Dr. med. promoviert. Vor dem deutschen Überfall auf Polen arbeitete sie in einer Warschauer Privatklinik. Während der deutschen Besetzung Polens musste sie als Jüdin mit ihrer Familie im Warschauer Ghetto leben, wo sie auch als Ärztin arbeitete. Von dort wurde sie nach Beginn des Aufstandes am 23. April 1943 in das KZ Majdanek deportiert, wo sie als Häftlingsärztin im Lager arbeiten musste.[1]
Am 21. September 1943 wurde sie nach eigenen Angaben auf Anordnung Enno Lollings, des leitenden Arztes der Inspektion der Konzentrationslager, begleitet von einer SS-Aufseherin in das KZ Auschwitz überstellt. In Auschwitz wurde sie auf Weisung des Standortarztes Eduard Wirths im Block 10 des Stammlagers des KZ Auschwitz leitende Häftlingsärztin und löste in dieser Funktion den Häftlingsarzt Maximilian Samuel ab. Hintergrund war, dass der Standortarzt im KZ Auschwitz Eduard Wirths und auch die vorgesetzten Stellen in Berlin einen Ersatz für Samuel suchten, da sie mit dessen medizinischen Leistungen unzufrieden waren. Brewda erhielt als Sonderhäftling (Häftlingsnummer 62.761) das Privileg, ihre Haare lang zu tragen und keine Kennzeichnung als Jüdin an ihre Kleidung heften zu müssen.[1] Des Weiteren fungierte sie später zusätzlich in Block 10 als Blockälteste.[2] Brewda hat laut Aussagen überlebender weiblicher Versuchsopfer von Block 10 zu den betroffenen Häftlingsfrauen gehalten und ihr wurde mütterliche Unterstützung attestiert.[3]
„In Block 10 wurden Experimente geführt bei Dr. Clauberg, Obersturmbannführer Dr. Wirths, Sturmbannführer Dr. Schumann, Sturmbannführer Dr. Münch. Im Block waren verschiedene Todesfälle nach Operationen. Einmal wurde eine Selektion gemacht und ungefähr 89 Häftlinge nach vollzogenen Experimenten nach Birkenau überführt. Meines Wissens hat keine von diesen Häftlingen überlebt. Das war ungefähr im Herbst 1944.“
Brewda konnte sich mit dem Hinweis auf ihre Profession als Gynäkologin der Aufgabe, Häftlingsfrauen die Eierstöcke herauszuoperieren, entziehen. Diese Aufgabe übernahm schließlich der Häftlingsarzt Wladyslaw Dering im Häftlingskrankenbau (Block 21), dem sie jedoch assistieren musste. Von dessen Operationsmethoden zeigte Brewda sich laut ihrer Nachkriegsaussage erschüttert.[5] Brewda oblag auch die Aufgabe, die Häftlingsfrauen des Lagerbordells im KZ Auschwitz zu untersuchen.[6]
Im Sommer 1944 wurde sie aus disziplinarischen Gründen in das KZ Auschwitz-Birkenau verlegt. Im Zuge der Räumung des KZ Auschwitz im Januar 1945 wurde sie in das KZ Ravensbrück verbracht und Ende April/Anfang Mai 1945 von der Roten Armee im Außenlager Neustadt-Glewe befreit.[7]
Nach der Befreiung kehrte sie zunächst nach Warschau zurück und wurde wieder als Ärztin tätig. Sie emigrierte 1947 ins Vereinigte Königreich, wo sie in London wieder als Gynäkologin arbeitete.[7] Brewda sagte nach Kriegsende in Polen mehrfach zu ihren Erfahrungen im KZ Auschwitz aus, insbesondere zu Derings Person.[8] Sie wurde später im Rahmen von NS-Prozessen vernommen, so für den ersten Frankfurter Auschwitzprozess.[2]
1966 erschien eine Biografie über Brewda mit dem Titel I shall fear no evil: The story of Dr. Alina Brewda.[9] Der deutsch-polnische Historiker Bogdan Musiał zählt Brewda zu jenen Häftlingsärzten und -ärztinnen, die teilweise in den Publikationen westlicher Forscher „unkritisch idealisiert“ werden. Exemplarisch führt er Brewdas Darstellung in Ross Halpins Buch Jewish Doctors and the Holocaust an, die ausschließlich auf ihren 1966 erschienenen Selbstzeugnissen basiert. Musiał verweist in diesem Zusammenhang auf divergierende Nachkriegsaussagen und zeitgenössische Quellen, „die dieses Bild zumindest teilweise korrigieren“.[10] Im von Dering initiierten Verleumdungsprozess gegen Uris und andere wurden ihr als Zeugin der Beklagten widersprüchliche Aussagen vorgehalten.[11]
Literatur
- Ernst Klee: Auschwitz. Täter, Gehilfen, Opfer und was aus ihnen wurde. Ein Personenlexikon. S. Fischer, Frankfurt am Main 2013, ISBN 978-3-10-039333-3.
- Hermann Langbein: Menschen in Auschwitz.Ullstein, Frankfurt am Main, Berlin, Wien 1980, ISBN 3-548-33014-2.
- Bogdan Musiał: »Lagermedizin« in Auschwitz. Funktion und Dilemmata der Häftlingsärzte 1940–1945. Hamburger Edition, Hamburg 2024, ISBN 978-3-86854-394-0.
Weblinks
- Nachkriegsaussagen von Alina Brewda auf den Seiten der Chronicals of Terror (polnische Sprache)
Einzelnachweise
- ↑ a b Bogdan Musiał: »Lagermedizin« in Auschwitz. Funktion und Dilemmata der Häftlingsärzte 1940–1945, Hamburg 2024 S. 539 und Biografieanhang
- ↑ a b Ernst Klee: Auschwitz. Täter, Gehilfen, Opfer und was aus ihnen wurde. Ein Personenlexikon, Frankfurt am Main 2013, S. 65
- ↑ Hermann Langbein: Menschen in Auschwitz. Frankfurt 1980, S. 266
- ↑ Zitiert nach Ernst Klee: Auschwitz. Täter, Gehilfen, Opfer und was aus ihnen wurde. Ein Personenlexikon, Frankfurt am Main 2013, S. 65
- ↑ Hans-Joachim Lang: Häftlingsärzte und Block10 in Auschwitz. In: Matthis Krischel, Mathias Schmidt, Dominik Groß (Hrsg.): Medizinische Fachgesellschaften im Nationalsozialismus. Bestandsaufnahme und Perspektiven. Berlin 2016., ISBN 978-3-643-13269-7, S. 327f.
- ↑ Hermann Langbein: Menschen in Auschwitz. Frankfurt 1980, S. 455
- ↑ a b Bogdan Musiał: »Lagermedizin« in Auschwitz. Funktion und Dilemmata der Häftlingsärzte 1940–1945, Hamburg 2024, Personeneintrag Biografieanhang
- ↑ Bogdan Musiał: »Lagermedizin« in Auschwitz. Funktion und Dilemmata der Häftlingsärzte 1940–1945, Hamburg 2024, S. 281
- ↑ Books. Information auf den Seiten des Imperial War Museums
- ↑ Bogdan Musiał: »Lagermedizin« in Auschwitz. Funktion und Dilemmata der Häftlingsärzte 1940–1945, Hamburg 2024, S. 12f., S. 13 FN 11, S. 281
- ↑ Mary Ellmann: The Dering Case: A Surgeon at Auschwitz. In Commentary, Ausgabe von Juli 1964
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Brewda, Alina |
| ALTERNATIVNAMEN | Brewda-Białostocki, Alina |
| KURZBESCHREIBUNG | polnische Gynäkologin und Häftlingsärztin im KZ Auschwitz |
| GEBURTSDATUM | 13. Juni 1905 |
| GEBURTSORT | Warschau |
| STERBEDATUM | 1988 |
| STERBEORT | London |
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