Maximilian Samuel

Maximilian Samuel, auch Max Samuel, (geboren am 18. September 1880 in Frechen; gestorben November 1943 im KZ Auschwitz) war ein deutscher Gynäkologe und Häftlingsarzt im KZ Auschwitz, der im Block 10 des Stammlagers des KZ Auschwitz eingesetzt war, einer Versuchsstation für „medizinische“ Forschungen.
Leben
Familie, Studium und Arztberuf
Max Samuel war der Sohn eines Metzgers. Mit seinen drei Geschwistern wuchs er in Köln auf, wo er zunächst die Volksschule besuchte. Er wechselte anschließend auf das Kaiser-Wilhelm-Gymnasium, wo er im Frühjahr 1899 sein Abitur ablegte. Danach absolvierte er ein Studium der Medizin an den Universitäten Bonn und Straßburg, wo er 1904 zum Dr. med. promoviert wurde. Folgend war er als Assistenzarzt an der Provinzial-Frauenklinik und Hebammenlehranstalt in Posen tätig. Ab 1910 praktizierte er als niedergelassener Gynäkologe in Köln.[1] Zudem betrieb er medizinische Forschung und veröffentlichte bis 1941 zahlreiche Artikel zu gynäkologischen Themen in Fachzeitschriften.[2] Er wurde Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie.[3] Später erhielt er zudem Patente auf von ihm entwickelte Medizinprodukte.[4]
Im Ersten Weltkrieg diente er als Arzt beim 2. Bataillon des Infanterie-Regiments „Graf Werder“ (4. Rheinisches) Nr. 30 und wurde mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse und dem Hohenzollernschen Hausorden mit Kronen und Schwertern ausgezeichnet.[5] Während der alliierten Rheinlandbesetzung soll er an Verhandlungen beteiligt gewesen und für sein pro-deutsches Engagement bestraft worden sein.[6] Er engagierte sich im Reichsbund jüdischer Frontsoldaten.[7]
Seit 1919 war er mit Hedwig, geborene Marcks (1893–1942), verheiratet. Das Paar bekam zwei Töchter, Hannah Liese (1920–2013) und Liese Lotte (1923–1943), und einen Sohn (Hans Herbert, 1921–?).[8]
Zeit des Nationalsozialismus: Judenverfolgung und Emigration
Mit Beginn der Zeit des Nationalsozialismus und der einsetzenden Judenverfolgung verschlechterte sich allmählich die Lage der Familie Samuel, obwohl er als hochdekorierter Frontkämpfer und erfolgreicher Frauenarzt zunächst seine Kassenzulassung behalten konnte. Ab Oktober 1938 durfte er nur noch jüdische Patienten behandeln, und sein Einkommen reichte kaum noch aus. Vor diesem Hintergrund hatten die Samuels ihre beiden älteren Kinder bereits Mitte der 1930er Jahre ins sichere Ausland geschickt. Nach den Novemberpogromen 1938 floh Samuel nach Belgien, wohin bereits Verwandte emigriert waren. Seine Ehefrau und die jüngste Tochter folgten ihm kurze Zeit später. Der Familie gelang es, ihren Aufenthalt in Belgien zu legalisieren.[9]
Nach dem deutschen Überfall auf die Niederlande, Belgien und Luxemburg während des Zweiten Weltkriegs und der einsetzenden Judenverfolgung in Belgien entschlossen sich die Samuels im August, über Frankreich zunächst in die Schweiz zu flüchten. An der Schweizer Grenze abgewiesen, wurden die Samuels anschließend festgenommen und in das Sammellager Drancy verbracht, von wo aus sie am 31. August 1942 mit einem Transport von 1000 Menschen in das KZ Auschwitz deportiert wurden.[10]
Häftlingsarzt im KZ Auschwitz und Tod
Nach der Ankunft des Transports im KZ Auschwitz am 2. September 1942 gehörten Max Samuel und seine jüngste Tochter zu den 39 Menschen, die infolge der Selektion als „arbeitsfähig“ eingestuft und ins Lager eingewiesen wurden; seine Ehefrau wurde mit dem Großteil der Ankommenden umgehend in der Gaskammer ermordet.[11] Bei der Politischen Abteilung soll vermerkt worden sein, dass ihm nach Ankunft „möglichst gute Lebensbedingungen“ eingeräumt werden sollten. Hintergrund war wahrscheinlich der Umstand, dass es sich bei Samuel um einen ehemaligen hochdekorierten Frontkämpfer handelte.[12]
Samuel war zunächst als Häftlingsarzt im KZ-Außenlager Golleschau und danach in gleicher Funktion im KZ Auschwitz-Monowitz eingesetzt.[11] Auf Weisung des Standortarztes Eduard Wirths wurde Samuel im Mai 1943 in den Block 10 des Stammlagers des KZ Auschwitz versetzt, wo er als leitender Häftlingsarzt Adélaïde Hautval nachfolgte.[11] Laut Hautval war er durch Wirths befugt, das Lager mit Passierschein ohne Begleitung zu verlassen. Wie auch andere Häftlingsärzte in Block 10 musste er bei den Sterilisationsexperimenten der SS-Ärzte Carl Clauberg und Horst Schumann assistieren, indem er einigen weiblichen Versuchsopfern Eierstöcke entfernte.[13][14] Hauptsächlich musste er an einem Forschungsprojekt zur Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs von Eduard Wirths, dessen Bruder Helmut und Hans Hinselmann mitarbeiten, wo er für die Entnahme von Gewebeproben zuständig war.[15][16] Die in Block 10 durchgeführten Experimente an weiblichen KZ-Häftlingen „verstießen gegen fundamentale Regeln des ärztlichen Ethos“, waren oft sehr schmerzhaft und mit erheblichen Folgeschäden verbunden.[16]
Im November 1943 wurde Samuel erschossen, seine Tochter starb etwa zur selben Zeit im Lager.[17] Der Häftlingsschreiber von Wirths, Hermann Langbein, gab später an, dass Samuel nach Auschwitz-Birkenau verbracht und kurz darauf ein Totenschein auf ihn ausgestellt wurde. Langbein berichtete, dass Samuel mit Eifer operiert habe und er ihn darauf angesprochen habe, ohne einen Sinneswandel zu erkennen. Er räumte jedoch ein, dass Samuel als jüdischer Arzt kaum ohne Lebensgefahr eine Beteiligung an den Operationen hätte ablehnen können.[12] Auch war er durch seine in Auschwitz-Birkenau befindliche Tochter erpressbar. Samuel soll Kontakt zur Politischen Abteilung gehabt und gemeldet haben, dass die Häftlingsärztin Hautval ihm bei den Operationen nicht assistieren wollte. Aus diesen Gründen hätte er auch als Angehöriger des Lagerwiderstands auf Wirths Frage zu seiner Meinung über Samuel sehr reserviert reagiert und sich später gefragt, ob er deswegen „ungewollt Mitschuld an dem Tod dieses Mannes“ getragen hätte.[18]
Der Grund für den Zeitpunkt der Beseitigung Samuels bleibt laut Auschwitzüberlebenden ungeklärt: Neben Aussagen zu seinem mit Ekzemen bedeckten Äußeren, seinem Alter, seinem Auftreten und seiner Mitwisserschaft wird auch ein mutmaßlicher Konflikt mit dem SS-Arzt Clauberg oder die Ankunft seiner Nachfolgerin in Block 10, Alina Brewda, genannt. Tadeusz Hołuj berichtete später, dass ihm in der Schreibstube ein Brief Samuels an Heinrich Himmler aufgefallen sei. Samuel habe darin unter Hinweis auf seine Verdienste für Deutschland um Entlassung seiner Tochter aus dem Lager gebeten. Bald darauf sei dann seine Totenmeldung eingetroffen.[19]
Nachwirkungen, Wertungen und Gedenken
Von den überlebenden Versuchsopfern wird Samuel ambivalent geschildert: Einige der operierten Häftlingsfrauen empfanden ihn als unangenehm und zu eifrig, andere wiederum attestierten ihm Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Zusammenfassend kann laut der Medizinhistorikerin Sari Siegel festgehalten werden, dass Samuel Opfer und gezwungenermaßen Täter zugleich war.[16] Sie ordnet ihn der für Funktionshäftlinge im System der Konzentrationslager charakteristischen „Grauzone“ moralischer Ambiguität zu – ein Konzept, das in diesem Kontext von Primo Levi in seinem Essayband Die Untergegangenen und die Geretteten (1986) eingeführt und später u. a. im Spielfilm Die Grauzone (2001) aufgegriffen wurde.[20]
Auf alliierten Kriegsverbrecherlisten standen auch Häftlingsärzte aus Auschwitz, so Dering, Zenkteler und in Unkenntnis seines Todes auch Samuel mit dem Hinweis „performed experimental operations of female prisoners (March 43 - August 1944) by order of Dr. Wuerth“ (korrekt Wirths; B.M.).[21]
In Köln-Neustadt-Süd wurden im Hohenstaufenring 74/76 Stolpersteine für die Familie Samuel verlegt.[22]
In dem auf zeitgenössischen Dokumenten und Zeugenaussagen basierenden Historienfilm Block 10 spielt Samuels Figur eine tragende Rolle.[23]
Literatur
- Ernst Klee: Auschwitz. Täter, Gehilfen, Opfer und was aus ihnen wurde. Ein Personenlexikon. S. Fischer, Frankfurt am Main 2013, ISBN 978-3-10-039333-3.
- Hermann Langbein: Menschen in Auschwitz. Ullstein, Frankfurt am Main, Berlin, Wien 1980, ISBN 3-548-33014-2.
- Jochen Menge: Dr. Max Samuel: vom angesehenen Kölner Gynäkologen zum Häftlingsarzt in Auschwitz. NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln, Köln 2020 (museenkoeln.de [PDF; 3,6 MB]).
- Benno Müller-Hill: Der gute Dr. Samuel. In: Helgard Kramer (Hrsg.): NS-Täter aus interdisziplinärer Perspektive. Martin Meidenbauer, München 2006, ISBN 3-89975-055-1, S. 231–241.
- Bogdan Musiał: »Lagermedizin« in Auschwitz. Funktion und Dilemmata der Häftlingsärzte 1940–1945. Hamburger Edition, Hamburg 2024, ISBN 978-3-86854-394-0.
- Sari J. Siegel: Treating an Auschwitz Prisoner-Physician: The Case of Dr. Maximilian Samuel. In: Holocaust and Genocide Studies. Band 28, Nr. 3, 2014, S. 450–481, doi:10.1093/hgs/dcu041.
Weblinks
- Samuel, Maximilian. In: Deutsche Biographie (Index-Eintrag).
Einzelnachweise
- ↑ Jochen Menge: Dr. Max Samuel: vom angesehenen Kölner Gynäkologen zum Häftlingsarzt in Auschwitz, S. 1ff.
- ↑ Jochen Menge: Dr. Max Samuel: vom angesehenen Kölner Gynäkologen zum Häftlingsarzt in Auschwitz, S. 10
- ↑ Jochen Menge: Dr. Max Samuel: vom angesehenen Kölner Gynäkologen zum Häftlingsarzt in Auschwitz, S. 13
- ↑ Jochen Menge: Dr. Max Samuel: vom angesehenen Kölner Gynäkologen zum Häftlingsarzt in Auschwitz, S. 11
- ↑ Jochen Menge: Dr. Max Samuel: vom angesehenen Kölner Gynäkologen zum Häftlingsarzt in Auschwitz, S. 7–9
- ↑ Jochen Menge: Dr. Max Samuel: vom angesehenen Kölner Gynäkologen zum Häftlingsarzt in Auschwitz, S. 9
- ↑ Jochen Menge: Dr. Max Samuel: vom angesehenen Kölner Gynäkologen zum Häftlingsarzt in Auschwitz, S. 15
- ↑ Jochen Menge: Dr. Max Samuel: vom angesehenen Kölner Gynäkologen zum Häftlingsarzt in Auschwitz, S. 9–10
- ↑ Jochen Menge: Dr. Max Samuel: vom angesehenen Kölner Gynäkologen zum Häftlingsarzt in Auschwitz, S. 12ff.
- ↑ Jochen Menge: Dr. Max Samuel: vom angesehenen Kölner Gynäkologen zum Häftlingsarzt in Auschwitz, S. 21ff.
- ↑ a b c Bogdan Musiał: »Lagermedizin« in Auschwitz. Funktion und Dilemmata der Häftlingsärzte 1940–1945, Hamburg 2024 S. 635
- ↑ a b Hermann Langbein: Menschen in Auschwitz. Frankfurt 1980, S. 262
- ↑ Ernst Klee: Auschwitz. Täter, Gehilfen, Opfer und was aus ihnen wurde. Ein Personenlexikon, Frankfurt am Main 2013, S. 345
- ↑ Jochen Menge: Dr. Max Samuel: vom angesehenen Kölner Gynäkologen zum Häftlingsarzt in Auschwitz, S. 28
- ↑ Bogdan Musiał: »Lagermedizin« in Auschwitz. Funktion und Dilemmata der Häftlingsärzte 1940–1945, Hamburg 2024 S. 276
- ↑ a b c Jochen Menge: Dr. Max Samuel: vom angesehenen Kölner Gynäkologen zum Häftlingsarzt in Auschwitz, S. 30 ff.
- ↑ Jochen Menge: Dr. Max Samuel: vom angesehenen Kölner Gynäkologen zum Häftlingsarzt in Auschwitz, S. 34
- ↑ Hermann Langbein: Menschen in Auschwitz. Frankfurt 1980, S. 263
- ↑ Hermann Langbein: Menschen in Auschwitz. Frankfurt 1980, S. 264
- ↑ Sari J. Siegel: Treating an Auschwitz Prisoner-Physician: The Case of Dr. Maximilian Samuel. In: Holocaust and Genocide Studies. Band 28, Nr. 3, 2014, S. 450–481, doi:10.1093/hgs/dcu041.
- ↑ Bogdan Musiał: »Lagermedizin« in Auschwitz. Funktion und Dilemmata der Häftlingsärzte 1940–1945, Hamburg 2024 S. 608
- ↑ Stolpersteine in Köln - NS-Dokumentationszentrum Köln
- ↑ Block 10 auf filmstarts.de
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Samuel, Maximilian |
| ALTERNATIVNAMEN | Samuel, Max |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Gynäkologe und Häftlingsarzt im KZ Auschwitz |
| GEBURTSDATUM | 18. September 1880 |
| GEBURTSORT | Frechen |
| STERBEDATUM | November 1943 |
| STERBEORT | KZ Auschwitz |
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