Albert Kley
Albert Kley (* 3. Februar 1907 in Gundershofen; † 30. April 2000 in Geislingen an der Steige)[1][2] war ein deutscher Gymnasiallehrer, Kunstmaler und Laienarchäologe, dessen jahrzehntelange Sammel- und Ausgrabungstätigkeit die Erforschung der Vor- und Frühgeschichte der Schwäbischen Alb maßgeblich beeinflusste.
Leben und Beruf
Kley verbrachte seine Kindheit und Schulzeit in Blaubeuren und Ulm.[3] Nach dem Abitur studierte er zunächst wenige Semester Vorgeschichte und Archäologie an der Universität Tübingen und war 1925 als wissenschaftlicher Assistent bei den fortschrittlichen Ausgrabungen der Wasserburg Buchau unter Hans Reinerth tätig. Er brach das Studium der Vorgeschichte jedoch vorzeitig ab, da ihm die damalige Stimmung am Institut zu politisch-nationalistisch geprägt war.[4]
Nach dem Lehramtsstudium (Geschichte, Germanistik und Anglistik) und dem Referendariat kam Kley nach einer kurzen Anstellung in Ulm 1934 als Lehrer nach Geislingen an der Steige. Im Frühjahr 1939 stand aufgrund mangelnder politischer Betätigung im Sinne des Nationalsozialismus seine Ernennung zum Studienrat kurzzeitig in Frage, wurde aber mit Verweis auf seine ehrenamtlichen Verdienste als Prähistoriker bewilligt. Die gute Bekanntschaft mit der Familie der Geschwister Scholl bereitete Kley allerdings 1943 erneut Schwierigkeiten.[5]
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Kley zum Schulleiter ernannt und leitete später das heutige Helfenstein-Gymnasium in Geislingen bis zu seiner Pensionierung 1972 als Oberstudiendirektor.[6]
Kley war mit Heilwig Kley geborene Lensch verheiratet, mit der er sechs Kinder hatte.[7]
Archäologische und paläontologische Tätigkeit
Neben dem Lehrberuf widmete sich Kley intensiv der Bodendenkmalpflege im Raum Geislingen und übernahm dort die Leitung des Heimatmuseums von Georg Burkhardt.[8] Von 1950 bis 1974 leitete er außerdem den damaligen Altertumsverein (heute Kunst- und Geschichtsverein Geislingen) und wurde später zu dessen Ehrenmitglied ernannt.[9]
Um einer politischen Vereinnahmung durch die NS-Propaganda zu entgehen, erforschte er in den späten 1930er Jahren das ideologisch unbelastete Mesolithikum (Mittelsteinzeit). Seine Grabungen in der Schunterhöhle bei Weilersteußlingen (1938/39) lieferten wesentliche Impulse für die chronologische Untergliederung dieser Epoche in Württemberg.[10]
Nach 1945 dehnte er seine Forschungen auf das Neolithikum und das frühe Mittelalter aus. Im März 1952 gehörte Kley zu den Erstentdeckern der bedeutenden jungsteinzeitlichen Siedlung Ehrenstein.[11] Er entdeckte außerdem eine dichte jungsteinzeitliche Siedlungslandschaft auf der Ulmer und Blaubeurer Alb und wies etwa 1969 bei Bollingen erstmals Hausgrundrisse der bandkeramischen Kultur in Württemberg nach.[12]
Im Juni 1955 gelang ihm in Geislingen-Altenstadt zudem der erstmalige Nachweis frühmittelalterlicher alamannischer Siedlungsreste (Grubenhäuser) im württembergischen Raum.[13][14] 1959 wies er beim Umbau des dortigen Lindenhofs zudem eine romanische Basilika nach.[15]

Zwischen 1964 und 1967 leitete Kley Ausgrabungen in der eiszeitlichen Aufhausener Höhle, bei denen umfangreiche pleistozäne Großsäugerknochen freigelegt wurden.[16] Kley deutete die Fundstelle aufgrund eines hohen Anteils an Jungtieren als natürliche Tierfalle, während die spätere paläontologische Forschung die Akkumulation der Knochen primär als eiszeitlichen Hyänenhorst interpretiert, in den Raubtiere ihre Beute einschleppten.[17] Die Funde bilden eine wichtige Quelle für das pleistozäne Tierleben auf der Albhochfläche.[18]
Seine private Sammlung umfasste schließlich Funde von rund 700 Fundstellen. Zu deren Unterbringung erwarb er 1972 das alte Schulhaus in Bräunisheim.[19]
Verbleib und wissenschaftliche Rezeption der Sammlung
Nach seinem Tod wurde die zehntausende Silexartefakte und Keramiken umfassende Sammlung Kley jahrelang unter der Leitung von Rainer Schreg geordnet. Die systematische wissenschaftliche Aufarbeitung zeigte die Bedeutung der Privatsammlung: Die von Kley dokumentierten Funde dienten unter anderem internationalen Forschungsprojekten als empirische Basis zur Rekonstruktion jungsteinzeitlicher Siedlungslandschaften.[20] Zudem wurde sein Lebenswerk in der Fachwelt als Fallbeispiel für die Potenziale und Herausforderungen privater archäologischer Sammlungen in der staatlichen Denkmalpflege rezipiert.[21]
Lokale Funde aus dem Raum Geislingen befinden sich heute im Museum im Alten Bau, andere Funde wurden etwa an das Archäologische Landesmuseum übergeben; fundortlose Stücke bilden zum Beispiel heute den Grundstock der mittelalterarchäologischen Keramiksammlung der Universität Tübingen.[22]
Künstlerische Tätigkeit
Als Maler trat Kley bereits 1930 der Ulmer Künstlergilde bei. Während der NS-Diktatur wurde er als „entartet“ eingestuft und eines seiner Gemälde 1937 in Ulm beschlagnahmt.[23] Zeitlebens schuf er zahlreiche Landschaftsdarstellungen, Porträts und Aquarelle mit Regionalbezug.[24] Abseits seiner eigenen künstlerischen Arbeit erteilte er unter anderem der heranwachsenden Sophie Scholl, die in der Familie als begabte Künstlernatur galt, privaten Zeichenunterricht.[25]
Schriften (Auswahl)
- mit Rainer Schreg: Vor- und Frühgeschichte von Geislingen und Umgebung. Scherben schreiben Geschichte. (= Veröffentlichungen des Stadtarchivs Geislingen. Band 17). Geislingen an der Steige 1992 (Begleitheft zur gleichnamigen Weihnachtsausstellung in der Galerie im Alten Bau).
- Bilder und Zeichnungen. Hrsg. von Wolfgang Schürle, Alb-Donau-Kreis, Ulm 1992, ISBN 3-88294-175-8.
Beiträge in Sammelbänden und Zeitschriften
- mit Oscar Paret: Unterböhringen. In: Fundberichte aus Schwaben. Neue Folge 12, 1938–1951 (1951), S. 87–89.
- Vorgeschichte. In: Heimatbuch des Landkreises Göppingen. Göppingen 1956, S. 99–127.
- Bearbeitung der Vor- und Frühgeschichte. In: Georg Burkhardt: Geschichte der Stadt Geislingen an der Steige. Band 1: Von der Vor- und Frühgeschichte bis zum Jahre 1803. Thorbecke, Konstanz 1963.
Literatur
- Ulrich Kull: Nachruf Albert Kley. In: Jahreshefte der Gesellschaft für Naturkunde in Württemberg. Band 157, Stuttgart 2001, S. 245–247, (Digitalisat via ojs-jh-gfn.ub.uni-stuttgart.de).
- Rainer Schreg: Albert Kley – der Archäologe. In: Günther Currle, Hartmut Gruber (Hrsg.): Viele Wege und ein Ziel. Albert Kley zum 100. Geburtstag. C. Maurer Druck & Verlag, Kunst- und Geschichtsverein e.V. Geislingen an der Steige 2007, S. 84–125 (Digitalisat bei d-nb.info).
- Rainer Schreg, Corina Knipper, Lynn Fisher: Nachlaß aus Jahrtausenden. - Die Aufarbeitung der archäologischen Sammlung von Albert Kley. In: Hohenstaufen, Helfenstein : historisches Jahrbuch für den Kreis Göppingen, Konrad, Weissenhorn 2005, S. 199–206, ISSN 0940-4759.
- Ulrich Linse: Albert Kley als Anreger In: Archäologische Jugenderinnerungen - Blaustein, Lautertal, Blautal. (= Documenta historiae. Band 17). Verlag Documenta naturae, München 2015, ISBN 978-3-86544-617-6, S. 19–24.
- Rainer Schreg: Ein Forschungszentrum in Bräunisheim. Das alte Schulhaus und die Sammlung Albert Kley. In: Steffen Schittek (Hrsg.): Noch mehr Geschichte und Geschichten von Bräunisheim. Ortsverwaltung Bräunisheim, Amstetten-Bräunisheim 2018, S. 147–171 (Digitalisat via fis.uni-bamberg.de).
Weblinks
- Eintrag zu Kley, Albert auf LEO-BW
- Albert Kley in der Galerie Gerdes (Auswahl seiner künstlerischen Werke)
- Beiträge zur Sammlung Albert Kley im Wissenschaftsblog Archaeologik (herausgegeben von Rainer Schreg), ISSN 2197-7283.
Nachweise
- ↑ Ulrich Kull: Nachruf Albert Kley. In: Jahreshefte der Gesellschaft für Naturkunde in Württemberg. Band 157, Stuttgart 2001, S. 245 (Digitalisat via ojs-jh-gfn.ub.uni-stuttgart.de).
- ↑ Eintrag zu Kley, Albert auf LEO-BW, abgerufen am 9. August 2026.
- ↑ Rainer Schreg: Ein Forschungszentrum in Bräunisheim. Das alte Schulhaus und die Sammlung Albert Kley. In: Steffen Schittek (Hrsg.): Noch mehr Geschichte und Geschichten von Bräunisheim. Ortsverwaltung Bräunisheim, Amstetten-Bräunisheim 2018, S. 148 (Digitalisat via fis.uni-bamberg.de).
- ↑ Rainer Schreg: Albert Kley – der Archäologe. In: Günther Currle, Hartmut Gruber (Hrsg.): Viele Wege und ein Ziel. Albert Kley zum 100. Geburtstag. C. Maurer Druck & Verlag, Kunst- und Geschichtsverein e.V. Geislingen an der Steige 2007, S. 84 (Digitalisat bei d-nb.info).
- ↑ Ulrich Kull: Nachruf Albert Kley., 2001, S. 245 f.
- ↑ Ulrich Kull: Nachruf Albert Kley. 2001, S. 246
- ↑ Ulrich Kull: Nachruf Albert Kley., 2001, S. 245.
- ↑ Rainer Schreg: Albert Kley – der Archäologe. 2007, S. 99.
- ↑ Ulrich Kull: Nachruf Albert Kley., 2001, S. 247.
- ↑ Rainer Schreg: Albert Kley – der Archäologe. 2007, S. 88.
- ↑ Rainer Schreg: Albert Kley – der Archäologe. 2007, S. 89.
- ↑ Rainer Schreg: Albert Kley – der Archäologe. 2007, S. 95.
- ↑ Hartwig Zürn: Eine frühmittelalterliche Siedlung bei Geislingen an der Steige-Altenstadt (Kr. Göppingen). In: Fundberichte aus Schwaben. Neue Folge 14, 1957, S. 145–148. https://doi.org/10.11588/diglit.66264.19
- ↑ Rainer Schreg: Albert Kley – der Archäologe. 2007, S. 97.
- ↑ Rainer Schreg: Albert Kley – der Archäologe. 2007, S. 104.
- ↑ Albert Kley: Die Höhle bei Aufhausen, Kreis Göppingen. In: Jahreshefte für Karst- und Höhlenkunde. Heft 6 (1965), München 1966, S. 115–138.
- ↑ Thomas Rathgeber: Neue jungpleistozäne Säugetier-Reste aus der Aufhausener Höhle (Kat.-Nr. 7424/13) bei Geislingen an der Steige (Schwäbische Alb). In: Mitteilungen des Verbandes der deutschen Höhlen- und Karstforscher. Band 28, Nr. 1, 1982, S. 9–12, [1].
- ↑ Rainer Schreg: Albert Kley – der Archäologe. 2007, S. 105
- ↑ Rainer Schreg: Ein Forschungszentrum in Bräunisheim. Das alte Schulhaus und die Sammlung Albert Kley. 2018, S. 148.
- ↑ Corina Knipper, Susan Harris, Lynn Fisher, Rainer Schreg u. a.: The Neolithic Settlement Landscape of the Southeastern Swabian Alb (Germany). In: Journal of Neolithic Archaeology. 2005, doi:10.12766/jna.2005.12.
- ↑ Lynn Fisher, Corina Knipper, Rainer Schreg: The Benefits and Burdens of Private Artifact Collections: A Perspective from Southwestern Germany. In: The SAA Archaeological Record. Band 15, Nr. 5, November 2015, S. 24–27.
- ↑ Keramiksammlung der Mittelalterarchäologie, Museum der Universität Tübingen (MUT), abgerufen am 9. August 2026.
- ↑ Rainer Schreg: Ein Forschungszentrum in Bräunisheim. 2018, S. 149.
- ↑ Künstlerbiografie Albert Kley. In: collection.galerie-gerdes.com. Galerie Gerdes, abgerufen am 9. August 2026.
- ↑ Hildegard Kronawitter: Sophie Scholl – eine Ikone des Widerstands. In: Einsichten und Perspektiven. Bayerische Zeitschrift für Politik und Geschichte. Hrsg.: Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit. Nr. 2, 2014, S. 84 (Digitalisat bei weisse-rose-stiftung.de).
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Kley, Albert |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Gymnasiallehrer, Kunstmaler und Laienarchäologe |
| GEBURTSDATUM | 3. Februar 1907 |
| GEBURTSORT | Gundershofen |
| STERBEDATUM | 30. April 2000 |
| STERBEORT | Geislingen an der Steige |
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