Tehlirian hatte während des Ersten Weltkrieges beim Völkermord an den Armeniern 85 Familienangehörige verloren.[1] Am 15. März 1921 erschoss er in der Hardenbergstraße in Berlin-Charlottenburg den vormaligen osmanischen Innenminister Talât Pascha, der als einer der Hauptverantwortlichen des Völkermords an den Armeniern gilt und deshalb in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden war.[1] Um einer Auslieferung als Kriegsverbrecher an die Alliierten zu entgehen, war Tâlat Pascha im Oktober 1918[2] mit deutscher Hilfe nach Berlin geflüchtet. Tehlirian handelte im Auftrag des geheimen armenischen Kommandos Operation Nemesis, das die Täter des Genozids an den Armeniern in Form einer Selbstjustiz verfolgte und tötete, da Deutschland eine Auslieferung der verurteilten Kriegsverbrecher des jungtürkischen Triumvirats verweigerte.[3]
Der Prozess in Berlin
Im folgenden Prozess in Berlin sprach ein Geschworenengericht Tehlirian als „nicht schuldig“ frei, da das Gericht eine eingeschränkte Willensfreiheit des Angeklagten zum Zeitpunkt der Tat als möglich annahm und daher auf Unzurechnungsfähigkeit erkannte.[4][5] Medizinischer Gutachter war der Neurologe und Psychiater Richard Cassirer.[3][6]
Spätere Jahre
Nach seinem Freispruch wanderte Tehlirian nach Belgrad im damaligen Jugoslawien aus, wo er die ebenfalls armenische und aus Erzincan stammende Anahit Tatikian heiratete. Dort lebte er bis 1950 und wanderte dann über Casablanca und Paris in die USA aus.[7]
Tehlirian starb 1960 an einer Hirnblutung in San Francisco. Begraben ist er auf dem Ararat-Friedhof in Fresno (Kalifornien).[2]
Literatur
Armin T. Wegner: Der Prozeß Talaat Pascha – Stenographischer Bericht, Berlin 1921
Tessa Hofmann: Der Völkermord an den Armeniern vor Gericht – der Prozeß Talaat Pascha, Göttingen 1980 (Neuauflage von Wegners Werk)
Rolf Hosfeld: Operation Nemesis: Die Türkei, Deutschland und der Völkermord an den Armeniern, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2005, ISBN 3-462-03468-5.
Selef Ünal: Der Prozess gegen Salomon Teilirian – Das Talaat-Pascha-Attentat (Berlin, 2.–3. Juni 1921). Selbstverlag, Ankara, 2008
Tim Neshitov: Der Adler. In: Süddeutsche Zeitung Nr. 90 vom 20. April 2015, S. 3.
Gurgen Petrossian: Ein Strafverfahren als Ausgangspunkt der Entwicklung des Völkermordsbegriffes. In: Journal der juristischen Zeitgeschichte (JoJZG), Jg. 14 (2020), Heft 3, S. 93–100.
↑Hosfeld, Rolf/ Petrossian, Gurgen: „Der Prozess gegen Soghomon Tehlirjan, Deutschland 1919–1921“, in: Groenewold/ Ignor / Koch (Hrsg.), Lexikon der Politischen Strafprozesse, abgerufen am 24. April 2022.