Satanic Panic
Als Satanic Panic (deutsch: „satanische Panik“) wird eine moralische Panik oder Massenhysterie bezeichnet, die von etwa 1980 bis 1995 vor allem in den USA sowie einigen weiteren Staaten um sich griff. Dabei soll ein angebliches, weit verzweigtes satanistisches Netzwerk systematischen, religiös-rituell begründeten sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen organisiert und verübt haben (Satanic Ritual Abuse; abgekürzt SRA).
Auslöser der Panik waren vermeintliche, von bestimmten Psychotherapeuten unterstützte Erlebnisberichte Betroffener, die sich später als erfunden herausstellten. Die von bestimmten Interessengruppen betriebene Kampagne löste tausende Strafanzeigen und Strafprozesse zu vermuteten Missbrauchsfällen aus, die sich jedoch allesamt weder strafrechtlich noch wissenschaftlich belegen ließen. Die zugehörige Theorie wird daher als Verschwörungstheorie eingestuft.
Vereinigte Staaten
Vorgeschichte
In den USA etablierte sich in den 1950er Jahren als Reaktion auf die Modernisierung und Säkularisierung der Gesellschaft eine Bewegung christlicher Fundamentalisten, die konservative christliche Lehren und Werte bewahren wollten. Im Gegenzug gründete Anton LaVey 1966 die Church of Satan und veröffentlichte deren Satanische Bibel. Sein moderner Satanismus betonte die menschliche Natur, einige Gruppen verwendeten auch okkulte Elemente und praktizierten symbolische Teufelsanbetungen. Christliche Fundamentalisten sahen in diesen Gruppen eine Bedrohung und protestierten gegen sie.
Die strafrechtliche Liberalisierung des Schwangerschaftsabbruchs und die Antibabypille für Frauen erlaubten Paaren ab etwa 1960 eine stärker selbstbestimmte Familienplanung. Viele Frauen wurden später Mütter, hatten weniger Kinder und ließen diese bei eigener Berufstätigkeit in Kindertagesstätten betreuen. Weil ab etwa 1970 die Durchschnittseinkommen sanken, mussten auch viele verheiratete Mütter ihre Familien durch Erwerbsarbeit finanzieren. Diese Entwicklungen stellten traditionelle Geschlechter- und Familienrollen in Frage.[1]
Um 1975 wurden die bisherigen Randthemen Inzest und Sexueller Missbrauch von Kindern öffentlich stärker beachtet.[2] Roland Summit stellte damals die These auf, wegen berufstätiger Frauen, die sich nicht um ihre Männer kümmerten, könnten diese inzestuöse Zwänge entwickeln. Das darauf gestützte Child Sex Abuse Treatment Program sollte die Kernfamilie fördern, um Inzest zu bekämpfen.[3]
Aus bekannt gewordenen Missbrauchsfällen, die auf Opferangaben über ihre Erinnerungen beruhten, folgerten einige klinische Therapeuten auf ein Dunkelfeld weiterer Missbrauchsfälle, deren Opfer ihre Erinnerung daran vollständig unterdrückt hätten. Diese müsse also durch Therapie aktiv wiederhergestellt werden. Sie stützten diese These auf Sigmund Freuds Annahme von um 1895, er habe mit Hypnose Erinnerungen an sexuellen Missbrauch aufgedeckt. Obwohl Freud diese Annahme bald wieder verworfen hatte, bildete sich ein informelles Netzwerk von Therapeuten zum Austausch solcher Therapiemethoden und vermeintlich damit erzielter Therapieerfolge.[4]
Horrorfilme wie Rosemaries Baby (1968), Der Exorzist (1973) und Das Omen (1976) verankerten Vorstellungen von Satanskulten und schwarzen Messen im Gedächtnis der Zuschauer.[5] Zudem entstand seit den Morden der Manson Family von 1969 in den USA eine Anti-Kult-Bewegung, verstärkt seit dem Massenselbstmord des Peoples Temple 1978. Diese beschuldigte Sekten und deren Kulte, Kinder und Jugendliche zu entführen und einer Gehirnwäsche zu unterziehen.[6] Dazu trug das Bekanntwerden des geheimen Forschungsprogramms MKULTRA bei, mit dem die Central Intelligence Agency (CIA) von 1953 bis 1973 Methoden der Bewusstseinskontrolle und Gedankenmanipulation zu entwickeln versucht hatte.
1973 erschien Flora Rheta Schreibers Werk Sybil über Shirley Mason. Die Psychiaterin Cornelia Wilbur diagnostizierte bei dieser eine dissoziative Identitätsstörung (damals noch „multiple Persönlichkeitsstörung“ genannt). Zwar lehnten medizinische Experten diese Diagnose ab, doch diente Schreibers Werk vielen Therapeuten als Vergleichsvorlage.[7] Falsche Diagnosen, kontroverse Therapiemethoden und mögliche finanzielle Interessen Wilburs stellten ihre Angaben in Frage.[8]
In den 1980er Jahren stärkten wirtschaftliche Instabilität und das vermehrte Infotainment die Neue Rechte. Boulevardmedien stellten vermeintliche Bedrohungen der weißen Vorstadtkernfamilie erfolgreich als „Nachrichten“ dar.[9] Aufgeblähte Statistiken zu vermissten Kindern und reißerische Medienberichte, etwa zum Vermisstenfall Etan Patz und zur Entführung von Elizabeth Smart, betteten solche Fälle in Verschwörungserzählungen ein und erzeugten so eine Panik vor Kindesmitnahmen.[10]
Auslöser: Michelle remembers
In ihrem Werk Michelle Remembers von 1980 beschrieben Michelle Smith und ihr Psychotherapeut und späterer Ehemann Lawrence Pazder, eine satanische Sekte habe Smith 1955 als Fünfjährige mehrere Monate lang gefangen gehalten, gefoltert, vergewaltigt und erniedrigt. Dabei habe sie die Schlachtung von Erwachsenen und Babys mit ansehen müssen. Weil ihr starker christlicher Glaube die Satanisten entmutigt habe, hätten sie Smith freigelassen. Erst mehr als zwanzig Jahre später habe sie in Pazders Hypnotherapie ihre Erinnerungen an diese Erlebnisse wiedererlangt.[11]
Die Angaben erwiesen sich als falsch: So wiesen die Klassenbücher aus Smiths Grundschule keine Fehlzeiten des Kindes während ihrer angeblichen 81-tägigen Gefangenschaft auf.[12][13] Trotzdem diente das Werk in den Folgejahren als Vorbild für viele ähnliche Vorwürfe und Anklagen wegen angeblichen satanisch-rituellen Missbrauchs.[14] Es löste weitere angebliche Erfahrungsberichte über schweren satanistischen Missbrauch aus, etwa Lauren Stratfords Werk Satan’s Underground von 1988. Auch dessen Inhalt erwies sich als nicht authentisch.[15][13]
McMartin-Kindertagesstätte
Ab 12. August 1983 wurden Missbrauchsvorwürfe an der McMartin-Kindertagesstätte in Manhattan Beach, Kalifornien, bekannt: Judy Johnson, die Mutter eines dort betreuten Kindes, hatte die Vorwürfe in einer Strafanzeige gegen das Personal erhoben. Wie sich später erwies, war sie damals an paranoider Schizophrene erkrankt.[16]
Der Strafprozess dazu dauerte sieben Jahre lang und kostete 13 Millionen Dollar. Es war damit das bis dahin längste und teuerste Strafverfahren der USA. Im Verlauf untersuchte die Beratungsfirma Childrens Institute International 360 Kinder jener Einrichtung und diagnostizierte sie als Opfer von satanistischen Missbrauchsritualen. Auch Kinder an anderen Einrichtungen wie der St. Cross Episcopal Church im benachbarten Hermosa Beach erhoben entsprechende Vorwürfe, nachdem sie mit anatomisch korrekten Puppen befragt worden waren. Mehr als hundert Erzieher und Erzieherinnen wurden daraufhin der Mitgliedschaft in einer satanistischen Sekte bezichtigt, die rituell sexuelle Belästigung oder Kindesmissbrauch betrieben habe.
Bei den Ermittlungen gegen Eltern und Erzieher wurden die Kinder mit suggestiven Methoden befragt,[17] etwa nach satanistischen Ritualen, geheimen Türen und Tunneln auf dem Schulgrundstück.[18] Diese wurden trotz Ausgrabungen nie gefunden.[19]
1990 wurden sämtliche Anklagen fallengelassen. Die Aussagen der Kinder wurden auf Erinnerungsverfälschung durch die befragenden Sozialarbeiter zurückgeführt.[20] Geschworene und Wissenschaftler kritisierten die Befragungstechniken der Ermittler: Sie hätten die Kinder jener Schule zu unbegründeten Vorwürfen „überredet“, indem sie ihnen immer wieder dieselben Fragen stellten und verschiedene Anreize boten, bis die Kinder von Missbrauch erzählten.[21] Heutige Wissenschaftler halten die damaligen Angaben der Kinder für falsch.[17][22]
Nach den ersten Berichten über den McMartin-Fall wurden allein in der Region acht weitere Kindergärten als Zentren satanistischer Kultaktivitäten ausgemacht. Bald darauf waren mehr als hundert Betreuungseinrichtungen in den USA ähnlichen Verdächtigungen und polizeilichen Ermittlungen ausgesetzt.[23]
Laut der Soziologin Mary de Young und dem Historiker Philip Jenkins war der Fall McMartin Prototyp für eine Welle ähnlicher Anschuldigungen und Untersuchungen zwischen 1983 und 1995 und Auslöser einer moralischen Panik.[24][25][26]
Bennett Braun
Patricia Burgus litt seit 1982 unter Depressionen. Die junge Mutter aus Iowa wurde 1986 in die psychiatrische Klinik Rush North Shore Medical Center in Chicago eingewiesen. Dort therapierten der Psychiater Bennett Braun und die Psychologin Roberta Sachs sie unter Einfluss von Psychopharmaka und Hypnose. Die Therapeuten behaupteten, Burgus sei als Teil eines Satanskults missbraucht worden. Außerdem hätte sie selbst als „Hohepriesterin“ ihre eigenen Kinder sowie tausende weitere missbraucht, gefoltert und deren Fleisch gegessen. Braun und Sachs diagnosizierten fälschlich eine dissoziative Identitätsstörung (angeblich hatte sie 300 verschiedene Persönlichkeiten). Sie nahmen auch ihre beiden Söhne im Alter von vier und fünf Jahren mit der gleichen Diagnose für fast drei Jahre in die Klinik auf.[27][28][29] Die Kinder erhielten Aufkleber als Belohnung dafür, dass sie sich groteske Fantasien ausdachten.[30] Im Jahr 1992 lief ihre Versicherungspolice aus und Burgus wurde entlassen. Im folgenden Jahr reichte sie eine Klage gegen ihre Therapeuten wegen Behandlungsfehlern ein. Sie warf ihnen grobe Fahrlässigkeit, unehrenhaftes, unethisches und unprofessionelles Verhalten, falsche oder irreführende Aussagen und die unsachgemäße Verschreibung von Betäubungsmitteln vor. 1997 akzeptierte sie eine Vergleichszahlung von 10,6 Millionen US-Dollar.[27][28][29][31]
Bennett Braun behandelte zudem Elizabeth Gale, die im Jahr 1986 wegen Depressionen ärztliche Hilfe aufgesucht hatte. Laut Gerichtsunterlagen wurde sie von ihren Therapeuten unter medikamentöser Hypnose dazu gebracht, Erinnerungen an erlittene sexuelle Misshandlungen innerhalb satanischer Sekten zu entwickeln. Sie sollte von ihrer Familie gezwungen worden sein, Babys für die Sekte zu gebären, damit diese sexuell missbraucht, in Pornos verwendet und geopfert werden könnten. Mit Zustimmung von Bennett Braun ließ sie sich im Alter von 31 Jahren die Eileiter abklemmen, damit sie keinen Kindern mehr Schaden zufügen konnte, und floh für kurze Zeit vor ihrer Familie nach Florida. Jahre später erkannte sie, dass Braun ihr diese falschen Erinnerungen eingeredet hatte. Auch hatte sie nie Kinder geboren. Anfang 2004 zahlten Bennett Braun und Roberta Sachs in einem Vergleich 7,5 Millionen US-Dollar an Elizabeth Gale.[32][33][29]
Bennett Braun überredete eine weitere Frau zum Abbruch einer Schwangerschaft mit der Begründung, sie sei das Ergebnis rituellen Inzests.[28] Er war bis 1989 ohne Facharztzulassung als Psychiater tätig.[29] Mit den Klagen gegen ihn Anfang der 1990er Jahre wurde seine Dissociative Disorders Clinic am heutigen Rush University Medical Center geschlossen und die Ärztekammer von Illinois leitete eine Untersuchung seiner Praktiken ein. Braun gab seine Approbation (ohne Schuldeingeständnis) für zwei Jahre ab und erhielt eine fünfjährige Bewährungsstrafe. Die Illinois Psychiatric Society und die American Psychiatric Association schlossen ihn dauerhaft aus.[27][28]
Als Direktor einer Spezialklinik für dissoziative Störungen hatte Braun unter Therapeuten den Ruf eines Experten genossen und durfte darum öfter als Dozent bei entsprechenden Schulungen auftreten. Auf einer Konferenz der von ihm gegründeten International Society for the Study of Multiple Personality and Dissociation (später umbenannt in International Society for the Study of Trauma and Dissociation) im Jahr 1988 verglich er satanische Kulte mit kommunistischen Zellen und knüpfte damit an damalige Feindbilder zur Sowjetunion als „Reich des Bösen“ an. Zudem behauptete er, Satanisten hätten die CIA, das FBI und Großunternehmen wie AT&T infiltriert. Sie würden im Fernsehen verschlüsselte Botschaften senden.[34][28] Brauns Erzählungen zirkulierten innerhalb der Interessengruppen auf Handzetteln mit satanischen Feiertagen, Rollen und Ritualen sowie Indikator- und Symptomlisten. Darunter war ein Fragebogen der Sozialarbeiterin Pamela Hudson zur Feststellung ritueller Gewalterfahrung, den sie in ihren Schulungen verwendete.[35][36]
Kenneth C. Olson
Ab 1986 behandelte der Psychiater Kenneth Olson die Schwesternhelferin Nadean Cool, die ein traumatisches Erlebnis ihrer Tochter zu bewältigen versuchte. Mehrere Jahre lang förderte Olson mit Hypnose, suggestiven Befragungsmethoden und Teufelsaustreibung Erinnerungen Cools an satanische Kulte zutage. Sie sei dabei vergewaltigt worden und habe den Mord an ihrer achtjährigen Freundin mitansehen müssen. Zudem habe sie Säuglinge verspeist und Geschlechtsverkehr mit Tieren gehabt. Sie glaubte, mehr als 120 Persönlichkeiten zu haben, sowohl von Kindern und Erwachsenen als auch von Engeln und sogar einer Ente. 1997 ging Nadean Cool wegen der Implantierung falscher Erinnerungen gerichtlich gegen Olson vor und erhielt in einem außergerichtlichen Vergleich 2,4 Millionen US-Dollar als Schadensersatz.[37][38]
Fall Quinney
Melvin Quinney wurde im Juli 1991 wegen „Unsittlichkeit mit einem Kind“ zu einer 20-jährigen Haftstrafe verurteilt. Sein Sohn bezeugte, Quinney hätte ihn und seine Schwester als Anführer einer satanischen Sekte im Rahmen satanischer Rituale sexuell missbraucht und andere Menschen ermordet. Quinney wurde nach acht Jahren aus dem Gefängnis entlassen und musste sich als Sexualstraftäter registrieren lassen. Das Berufungsgericht hob seine Verurteilung am 15. Februar auf.[39]
Fall Oak Hill
1990 betrieb das Ehepaar Frances und Daniel Keller eine Kindertagesstätte in Oak Hill, Austin (Texas). Im August 1991 soll ein dort betreutes dreijähriges Kind seiner Mutter erzählt haben, Frances Keller habe sie verletzt. Ein Psychotherapeut des Kindes führte angebliche sexuelle Details dazu aus; zwei befragte weitere Kinder ergänzten den Vorwurf. Bis zum Strafprozess im November 1992 wuchs die Anklage enorm: Das Paar habe Blutgetränke verabreicht, die Kinder zum Anschauen von Pornografie, Töten von Haustieren und eines neugeborenen Babys gezwungen, dabei manchmal weiße Roben getragen und Kerzen entzündet, Leichen ausgegraben, einen Passanten erschossen und mit einer Kettensäge zerteilt. Angeblich wurden die Kinder während der Tagesbetreuung mehrmals mit Flugzeugen hin und her geflogen und von mexikanischen Soldaten vergewaltigt. Aufgrund der ungeprüften Angaben wurden die Kellers zu je 48 Jahren Haft verurteilt.[40]
Nach dem Urteil druckte eine Lokalzeitung Vorwürfe gegen die Kellers ab, die der Strafprozess nicht bestätigt oder nicht behandelt hatte. Darum gaben Vertreter der SRA-Theorie das Urteil als Beweis dafür aus.[41]
1994 erhielt ein weiterer Angeklagter, der den sexuellen Kindesmissbrauch zunächst gestanden, dann widerrufen hatte, eine zehnjährige Haftstrafe.[42]
2013 widerrief ein Notarzt seine frühere Aussage, er habe Missbrauchsspuren an einem Kind gefunden, und räumte eine Fehldiagnose ein. Der Psychologe Randy Noblitt, der Muster für rituellen Missbrauch an jener Tagesstätte gefunden haben wollte, erwies sich bis dahin als Scharlatan. Darum wurden die Kellers zum Jahresende freigelassen, zunächst ohne Aufhebung des Schuldspruchs.[40] 2017 wurde ein Justizirrtum festgestellt und ihnen eine Haftentschädigung von 3,4 Millionen Dollar zugesprochen.[43]
Conviction List der Elterninitiative Believe the Children
Die 1986 gegründete amerikanische Elternorganisation „Believe the Children“ veröffentlichte unter dem Titel Conviction List. Ritual Child Abuse eine Liste mit Gerichtsurteilen, die sie rituellem Missbrauch von Kindern zuordneten. In ihrem Vorwort weisen die Autoren darauf hin, dass viele Fälle ritueller Gewalt wegen des Unglaubens der Behörden und weil viele traumatisierte Kinder einem Gerichtsverfahren nicht standhielten, strafrechtlich nicht verfolgt würden.[44] In den gelisteten Fällen musste das Thema rituelle Gewalt nicht Teil der Gerichtsprozesse sein. Als Beleg genügten der Elterninitiative auch nachträgliche lokale Zeitungsartikel, so im Fall Oak Hill.[41]
Weitere Verbreitung
Ab erwa 1985 verbreiteten Medien in den USA immer mehr Geschichten über rituelle Gewalt und schürten Ängste vor satanistischem Einfluss, auch in der Popkultur. Viele waren überzeugt, dass satanistischer Missbrauch jährlich bis zu 60.000 Menschen das Leben koste. Diese als Satanic Panic bekannt gewordene Moralpanik war eine Massenhysterie, die dem Hexenglauben im Mittelalter ähnelte.[20][24] Als Motiv für die angeblichen Verbrechen wurde anfangs die religiöse Verehrung Satans angenommen, später glaubte man, es gehe um Bewusstseinskontrolle und den sexuellen Missbrauch an sich.[45] Vereinzelte Anhänger der Annahme, es gebe massenhaften satanistischen Missbrauch, verknüpften sie mit weiteren Verschwörungstheorien gegen Freimaurer oder Jesuiten und behaupteten, diese würden satanistische rituelle Gewalt anwenden, um eine Neue Weltordnung herbeizuführen.[20] Die zeitgleiche Panik im Zusammenhang mit Kindesentführung wurde in diese Erzählungen eingebettet.[10] Diese Satanismuspanik betonte die Vorstellungen von „Außenseitern“ als Bedrohung für die Gesellschaft.[46]
Mit der Ausweitung des Infotainments schürten evangelikale Christen die Panik vor Satanismus. Fernsehprediger („Televangelists“) warnten täglich ein Millionenpublikum vor Satans Kräften, die sie oft mit liberalen sozialen Bewegungen verbanden. Die Neue Rechte brachte Frauen mit eigenen Firmen oder in Leitungspositionen mit dem Feminismus in Verbindung und beschuldigte solche „karriereorientierte“ Frauen oft des sexuellen Missbrauchs. Fernsehprediger dehnten die Vorwürfe auf satanisch-rituellen Missbrauch aus. Diese Gruppen bekämpften gemeinsame Feinde, die die konservative weiße männliche Vorherrschaft und Kontrolle zu bedrohen schienen.
Die christliche Anti-Kult-Bewegung griff die Panik in ihrem Kampf gegen alle neuen religiösen Bewegungen auf. Durch die Verknüpfung mit satanischer Mythologie schuf die Anti-Kult-Moralpanik eine Verschwörungstheorie über rituellen Missbrauch durch geheime Sekten, die angeblich „satanisch-rituellen Missbrauch“ an Kindern praktizieren. Damit erreichte die „Erschaffung eines völlig fiktiven dämonischen Feindes“ laut der Philosophin Bethan Oake ihren Höhepunkt. Als „Schablone des Bösen“ konnte diese seitdem erfolgreich auf verschiedene Gruppen angewandt werden, um diese zu dämonisieren.[46] So behaupteten die christlichen Journalisten Robert und Gretchen Passantino ein satanisches Kultritual, bei dem ein Mädchen im Teenageralter geschwängert und gezwungen werde, ihr Kind nach der vorzeitig eingeleiteten Geburt rituell zu töten und sein Herz vor den Augen der Sektenmitglieder zu essen.[47]
Die Annahme, es gebe ein großes Netzwerk satanistischer Gruppen, die rituelle Gewalt an Kindern ausübten, führte zu einer breiten Koalition von Therapeuten, Ärzten, Polizisten, Sozialarbeitern und Politikern.[12] Sie verband einige linke Radikalfeministinnen mit rechten fundamentalistischen Christen, die im gemeinsamen Kampf gegen eine vermeintlich internationale Verschwörung von Sexualstraftätern ihre jeweiligen Interessen gespiegelt sahen.[48]
Mitte der 1980er Jahre erinnerten sich erwachsene Patienten mit diagnostizierter dissoziativer Identitätsstörung während Recovered-memory-Therapiesitzungen an rituellen Missbrauch durch Sektenmitglieder, zu denen oft auch ihre Eltern und Familienangehörigen gehörten. Die Erzählungen ähnelten denen aus dem Werk Michelle Remembers. Der Psychiater Roland Summit verband diese Fälle mit den Erzählungen über satanisch-rituellen Missbrauch an Kindertagesstätten und schuf laut Mary de Young eine „wissenschaftlichere und damit weniger offensichtlich moralistische und ideologische Verbindung zwischen […] dem schutzbedürftigen Kind, dem bedrohlichen Teufel und dem Modell des psychologischen Traumas“. Damit stattete er Psychotherapeuten mit „klinischer Autorität“ aus.[34] Diese konnten nun davon ausgehen, dass ihre Patienten eine dissoziative Identitätsstörung hätten und mittels ritueller Gewalt „programmiert“ worden seien, die Ereignisse zu vergessen. Die Vorstellung, Menschen ließen sich programmieren, ging auch auf die Berichte über das MKULTRA-Programm zurück. Die posthypnotischen Effekte, die dabei angeblich erforscht worden waren, schienen auch die widersprüchlichen Angaben von Patientinnen zu erklären, sie hätten Kinder nur zur Opferung bei Satansritualen ausgetragen, ohne dass dies in ihrem Alltagsleben aufgefallen sei.[49]
Die Gruppe der Therapeuten trug maßgeblich zur Verbreitung der Satanic Panic bei.[50] Sie veröffentlichten Fachbücher und Artikel in (populär-)wissenschaftlichen Journalen, womit sie sowohl die Gefahrenwahrnehmung unter ihren Kollegen verbreiteten als auch staatliche Stellen auf das Thema aufmerksam machten.[50] Zudem schulten sie in Seminaren und Fortbildungsveranstaltungen Lehrer, Sozialarbeiter, Polizisten und vor allem weitere Therapeuten über Merkmale ritueller Gewalt, sodass diese immer neue Fälle entdeckten. Die Schulungen fanden in erster Linie mittels Vorträgen und Workshops auf Konferenzen sowie Lehrfilmen statt.[51]
Kriminologische Untersuchungen
Bereits 1992 veröffentlichte das FBI einen umfangreichen und sorgfältigen Report von Kenneth V. Lanning zum Thema Satanic Ritual Abuse. Lanning stellt klar, dass seine Motivation keineswegs sei, Täter zu entlasten, dass es aber zum rituellen Missbrauch im Sinne der obigen Definition keinen harten Beweis, dafür eine Vielzahl von Berichten gebe. Den Inhalt dieser Berichte stuft er nach dem Grad ihrer Wahrscheinlichkeit als a) unmöglich, b) möglich, aber unwahrscheinlich und c) möglich und wahrscheinlich ein. In Klasse a) fallen z. B. Berichte über Babys, die aufgeschnitten und verstümmelt, aber hinterher so wiederhergestellt wurden, dass nicht einmal Narben blieben. In Klasse b) fallen alle Berichte von einer Vielzahl von Tötungsdelikten, die zusammengenommen zigtausende Tötungen pro Jahr bedeuten würden. Das Unwahrscheinliche daran ist, dass kein einziger dieser Fälle nachgewiesen werden konnte, da es schon sehr schwierig sei, einen einzelnen Mord geheim zu halten, insbesondere wenn mehrere Personen davon Kenntnis haben. Lanning untersucht auch, wie die Berichte zustande kommen und welche Motive dafür bestehen können.[52]
Befragung von Psychologen
Anfang der 1990er Jahre führten Teams um die Psychologen Bette L. Bottoms, Gail S. Goodman und Phillip R. Shaver mehrere Umfragen zu Fällen rituellen Missbrauchs in den Vereinigten Staaten durch. Diese richteten sich an insgesamt fast 40.000 Fachleute und Einrichtungen, darunter Psychologen, Psychiater, Sozialarbeiter sowie Rechts- und Sozialdienststellen. Sie stellten fest, dass relativ wenige Therapeuten jemals direkt mit einem einzigen Fall von angeblichen satanischen Misshandlungen zu tun hatten, ungefähr 24 % hätten einen Fall gesehen, jedoch sei eine noch geringere Anzahl von Klinikern für die überwiegende Mehrheit der gemeldeten Fälle rituellen Missbrauchs verantwortlich gewesen (2 % der Stichprobe gaben an, jeweils Hunderte von Fällen gesehen zu haben). Diejenigen Therapeuten, die Fälle meldeten, hätten besonders häufig spezielle Workshops zur Erkennung und Behandlung von rituellem Missbrauch besucht, glaubten an die Existenz satanischen rituellen Missbrauchs und verdrängter Erinnerungen, verwendeten suggestive Techniken zur „Erinnerungswiederherstellung“ wie Hypnotische Regression, die bei Klienten falsche Erinnerungen und iatrogene Symptome hervorrufen können, und diagnostizierten bei ihren Klienten dissoziative Identitätsstörungen. Zudem glaubten sie fast alle den Behauptungen ihrer Klienten über satanische Praktiken, obwohl es dafür wenig oder gar keine bestätigenden Beweise gegeben habe. Schließlich entstanden fast alle Behauptungen über satanischen Missbrauch im Zusammenhang mit Psychotherapie. Außerhalb von Therapien seien Erzählungen vermeintlich Betroffener erst nach öffentlichen Berichten wie Michelle Remembers aufgetaucht. Die Forschenden kamen zu dem Ergebnis, dass es zwar einige wenige nachgewiesene Fälle mit Merkmalen rituellen Missbrauchs gebe, die meisten Fälle jedoch wahrscheinlich falsch seien. Es existierten keine eindeutigen Hinweise auf hochorganisierte, generationsübergreifende Kulte, die Kinder sexuell missbrauchen. Vielmehr habe es sie wahrscheinlich nie gegeben.[53][54]
Kritik an Noblitts und Perskins Cult and Ritual Abuse
Der Psychologe James Randall Noblitt berichtet in dem mit Pamela Sue Perskin verfassten Buch Cult and Ritual Abuse, seine Patienten seien in Sekten „bizarren Mind-Control-Techniken“ unterworfen gewesen und hätten rituelle Folter erfahren, die zu Amnesien und dissoziativen Identitätsstörungen geführt hätten.[55] Die Autoren versuchen die Hinweise auf rituellen Missbrauch mit afro-karibischen Religionen (wie Voodoo oder Santería), Schamanismus, Hexenglauben und Wicca, Freimaurerei oder dem Illuminatenorden zu untermauern.[56][57] Dabei wiederholen die Autoren laut Kembrew McLeod „die gleichen alten Geschichten über Geheimgesellschaften innerhalb von Geheimgesellschaften“.[58] Der Kriminologe Joel Best merkt zudem an, dass sie die Ritualmordlegende für unwahr halten, obwohl die von ihnen für zutreffend erklärten Berichte über rituellen Missbrauch ebenso unglaubwürdig seien. Er empfiehlt Interessierten skeptische Literatur, statt das Buch für bare Münze zu nehmen.[59]
Skepsis und empirische Entkräftung
Forensische Beweise für die vielfach behaupteten Folterungen, Opferungen und Morde während satanistischen Ritualen wurden nie gefunden: keine Leichen, keine Körperflüssigkeiten, keine Haare oder Gewebefasern.[60][52][61] Die Berichte über rituellen Missbrauch gingen stattdessen auf suggestive Befragungen kleiner Kinder oder auf Bekenntnisse ehemaliger Priester satanistischer Kulte zurück, die sie im Rahmen einer Bekehrung vor ihrer neuen christlichen Gemeinde ablegten. Diese Berichte erwiesen sich in mehreren Fällen als unzutreffend.[61]
Mehrere Strafverfahren gegen mutmaßliche satanische Missbrauchstäter wurden eingestellt. Immer mehr Journalisten, Akademiker und Mitglieder der Strafverfolgungsbehörden stellten die Realität rituellen Missbrauchs und die Stichhaltigkeit der Anschuldigungen in prominenten Fällen von Kindertagesstätten in Frage. Zudem verklagten mehrere Patienten in öffentlichkeitswirksamen Prozessen erfolgreich ihre Therapeuten, weil diese bei ihnen falsche Erinnerungen an rituellen Missbrauch hervorgerufen hatten.[21][62] Darunter der Psychiater Bennett Braun, der sich mehreren Anklagen wegen beruflichem Fehlverhalten gegenübersah und Vergleiche in Millionenhöhe zahlte.[28]
Mit Beginn der 1990er Jahre gingen die Berichte über satanistischen Missbrauch in den USA deutlich zurück. Seit Mitte der 1990er Jahre glauben nur noch wenige evangelikale Autoren, dass sie einen realen Hintergrund hatten.[47] Die Annahme, satanistischer Missbrauch wäre in Nordamerika weit verbreitet, ging ebenfalls deutlich zurück.[20]
Im Jahre 1994 verfasste eine Gruppe des National Center on Child Abuse and Neglect einen Bericht zu den Fällen von satanisch-rituellem Missbrauch der vergangenen fünfzehn Jahre. Sie resümierten, dass in keinem einzigen der 12.000 gemeldeten Fälle dieser Zeit von der Polizei und den Gerichten eine satanische Organisation oder Sekte aufgedeckt wurde. Zwar hätten in einigen Fällen einzelne Personen oder kleine Gruppen Satanismus als Motiv für ihre Verbrechen angegeben. Es gebe jedoch keine Hinweise auf eine Verschwörung zum systematischen Missbrauch von Kindern oder zur Opferung von Menschen an Satan durch organisierte, internationale und generationsübergreifende satanistische Sekten.[63]
Ende der 1990er Jahre endete die öffentliche Berichterstattung um satanisch-rituellen Missbrauch und mit ihr die Satanic Panic im englischsprachigen Raum. Damit ist ein Ende der Angst vor Satanismus in der breiten Öffentlichkeit im Sinne der moralischen Panik gemeint. Die daraus entstandenen Verschwörungstheorien über rituellen Missbrauch existierten weiterhin. Diskurse darum verschoben sich in die entstehenden sozialen Medien.[46]
Skeptiker wie der Soziologe Richard Ofshe nehmen an, dass es bis auf ganz wenige Einzelfälle keinen rituellen Missbrauch gibt und dass auch keine Sekten existieren, die diese Form von Gewalt ausüben.[64]
Wiederaufkommen
Vor der Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten 2016 verbreiteten Anhänger des Kandidaten Donald Trump im Internet die Fake News, unter einer Pizzeria in Washington, D.C. vergewaltige ein Pädophilenring Kinder für Kinderpornografie. Beteiligt sei auch Trumps Gegenkandidatin Hillary Clinton. Diese gezielte Verleumdung wurde als Pizzagate bekannt. Ihre Stereotypen knüpften an die moral panic der 1980er Jahre an.[65]
Auch die daraus entstandene weitverzweigte QAnon-Ideologie behauptet satanische Kindesopfer und rituelle Gewalt. Ihre Anhänger verbreiten Mythen über satanische Gruppen, die Kinder entführen, um aus ihrem Blut Adrenochrom zu gewinnen.[66] Ein Erzählmotiv sind angebliche geheime Tunnel, etwa unter dem Central Park in New York. Dort sollen tausende Kinder gefangen gehalten worden sein.
Ein Medienbericht von 2022 stufte QAnon als Comeback der Satanic Panic ein.[67] In einer Umfrage von 2022 stimmte ein Viertel der befragten US-Bürger der Aussage zu, satanistisch-ritueller Missbrauch sei weitverbreitet.[68]
Deutschland
Verbreitung
Anfang der 1990er Jahre etablierten sich entsprechende Problemdiskurse auch in anderen Ländern.[13]
Im Gegensatz zu den USA hatte das Thema Satanismus in deutschen Medien einen vergleichsweise geringeren Stellenwert und wurde hauptsächlich als jugendkulturelles Phänomen wahrgenommen, über das ab Mitte der 1980er beunruhigt berichtet wurde.[69][70] Die Sozialforscherin Ina Schmied-Knittel geht davon aus, dass über rituelle Gewalt erstmals öffentlich durch die BILD-Zeitung im Sommer 1990 unter der Überschrift Psychotherapeut enthüllt: Satanssekten opfern jährlich 10.000 Kinder geschrieben wurde. Neben frühen „boulevardesken Thematisierungen“ sei der Problemdiskurs um dieses neue Thema insbesondere durch Übersetzungen amerikanischer Quellen ausgelöst worden. Dabei seien die Vorbemerkungen zu den deutschen Fassungen als Framing genutzt worden, um aktiv die „neuen Problemmuster“ okkult-satanistischer Verschwörungen oder Kultprogrammierungen auf die deutschen Debatten über sexuellen Missbrauch zu übertragen. Dieser Übertragungsprozess sei die Voraussetzung für zahlreiche Veröffentlichungen durch Experten und Journalisten gewesen.[13]
Auf fachlicher Seite sorgten ähnliche Akteursgruppen wie in den USA für die Verbreitung der neuen Problemerscheinung. Neben Kinder- und Jugendschützern, in Sozialberufen Tätigen sowie Politikern und Weltanschauungsbeauftragten sorgten vor allem Therapeuten für die Verbreitung der Problemwahrnehmung. So wurden international gleichsam Fortbildungsseminare genutzt.[13] Dies zum Teil auch durch dieselben Dozierenden, wie die bereits in den USA aktive Pamela Hudson.[35] Ihr Fragebogen zur Erkennung ritueller Gewalt anhand beschriebener Symptome findet sich auch in den Fachbüchern der „treibende[n] Kraft hinter der R[ituelle-]G[ewalt]-Theorie“[71] Michaela Huber,[72] die laut der Zeitschrift Der Spiegel in mehr als 20 Jahren vermutlich hunderte Therapeuten geschult haben soll.[73]
Anfang bis Mitte der 1990er Jahre soll das Thema rituelle Gewalt nach Schmied-Knittel zu einem „virulenten, emotional und moralisch hochgradig besetzten“ aufgestiegen sein, wobei auch die mediale Verbreitung des Themas ähnlich wie in den USA erfolgte. Von Beginn an wurden auch Romane, angebliche Tatsachenberichte oder TV-Dokumentationen dazu publiziert. Selbst Spielfilme wie der Kriminalfilm Tatort: Abschaum setzten das Thema um. Diese medialen Darstellungen sowie Teile der Fachöffentlichkeit dominieren in Deutschland die Problemwahrnehmung und erschweren damit kritische Analysen.[13]
Buch Vier Jahre Hölle und zurück
In dem 1995 erschienenen Aussteigerbericht Lukas – Vier Jahre Hölle und zurück werden zahlreiche zeremonielle Ermordungen von zumeist obdachlosen Menschen wie auch von Jungfrauen und Neugeborenen geschildert, die von Satanisten begangen worden sein sollen. Diese vermeintlichen rituellen Morde können aufgrund innerer und äußerer Widersprüche und Implausibiltäten nicht als glaubhaft eingestuft werden.[74]
Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen
1995 untersuchte das Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen auf Anfrage der 19. Enquete-Kommission „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“ des Deutschen Bundestags ihm vorliegende Berichte ritueller Gewalt, fand aber keine Belege für das Vorliegen bzw. die Tragweite der geschilderten Straftaten. Vielmehr werde das Thema durch „reißerische […] Berichterstattung in den Medien zur Zeit überbewertet“.[75]
Fallschilderung Wolfgang Bauch
Der damalige Brandenburger Landesvorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter Wolfgang Bauch schilderte 1999 den Fall einer Schülerin, die angab, sie werde wiederholt entführt und im Rahmen satanistischer Rituale sexuell missbraucht. Eine polizeiliche Observation ergab keinerlei Auffälligkeiten, auch für die Zeit, in der die Schülerin behauptete, erneut verschleppt worden zu sein. Daraufhin wurden die Ermittlungen eingestellt.[76]
Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Trier
Im Frühjahr 2002 erstattete eine 34-jährige bei der Staatsanwaltschaft Trier Anzeige gegen eine vermeintliche Sekte. Laut Staatsanwaltschaft behauptete sie im Wesentlichen, in dieser über Jahre „Opfer von schweren Straftaten im Rahmen satanistischer Handlungen“ gewesen zu sein. Die Ermittlungen wurden im Dezember 2003 eingestellt, da sich die Vorwürfe als haltlos erwiesen. Das Fernsehmagazin ZDF.reporter berichtete noch während der laufenden Ermittlungen im Januar 2003 über den Fall in einer Sendung mit dem Schwerpunkt ritualisierte Gewalt in Deutschland. Die Redaktionsleitung bei ZDF hielt auch nach Einstellung des Verfahrens an den Darstellungen fest. Auch wenn die Zeugin laut Oberstaatsanwalt Horst Roos vom Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen überzeugt gewesen sei, wurde ein konkreter Erfahrungshintergrund der Anschuldigungen in einem aussagepsychologischen Gutachten „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ ausgeschlossen.[77][78]
Befragung von Psychotherapeuten in Rheinland-Pfalz durch das Traumainstitut Mainz
2007 veröffentlichte das Trauma-Institut Mainz eine Studie, in der über 1000 niedergelassene Therapeuten nach ihren Erfahrungen mit ritueller Gewalt befragt wurden. 5 % der Befragten berichteten über teils erschreckende kriminelle Tätigkeiten auf diesem Sektor, unter anderem 23 Tötungsdelikte, davon 16 zwischen 1992 und 2007, die allerdings in keinem Falle von den Ermittlungsbehörden nachgewiesen werden konnten. Sämtliche Ergebnisse der Studie beruhen ausschließlich auf Berichten der betreffenden Therapeuten.[79]
In Deutschland teilte der Sänger Xavier Naidoo die Adaption, dass ganz Österreich untertunnelt sei und behauptete im April 2020 in einem Video, dass „in verschiedenen Ländern der Erde Kinder aus den Händen pädophiler Netzwerke befreit“ würden.[19][80]
Laut Anklageschrift vom Dezember 2023 vertrat ein Teil der Gruppe Patriotische Union die These von deep underground military bases (DUMBs). Nach dieser sei Deutschland mit einem geheimen Tunnelsystem durchzogen, in welchem Kinder für das Verjüngungselixier Adrenochrom gefangen gehalten und getötet würden. Auch solle man bei der Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 angeblich in einem Regierungsbunker 700 Kinderleichen entdeckt haben. Ebenso war von satanischen Ritualen die Rede.[81]
Deutsche QAnon-Vertreter
Anders als in den USA hatten Verschwörungstheorien um rituelle Gewalt im deutschsprachigen Raum bis dahin nicht abgenommen. Bereits im Dezember 2013 erschien das Handbuch für Psychotherapeuten Jenseits des Vorstellbaren: Therapie bei Ritueller Gewalt und Mind Control. Die Autorin Alison Miller gilt laut Michael Schetsche und Renate-Berenike Schmidt als eine der führenden US-amerikanischen Protagonistinnen des Gefahrendiskurses um satanisch-rituellen Missbrauch. Ihr Buch reproduziere dessen Deutungsmuster und wolle über Mind-Control-Techniken satanischer Sekten in der westlichen Welt aufklären.[82] Das Deutsche Ärzteblatt lobte es als „Meilenstein“.[83] Xavier Naidoo sang 2012 in dem kontroversen Lied Wo sind sie jetzt? über Ritualmorde an Kindern.[84] Jessie Marsson, der 2009 als Mitbegründer des Fürstentums Germania mehrfach durch antisemitische Äußerungen auffiel,[85] hatte nach eigenen Angaben als Kind auf einer US-Militärbasis rituelle Gewalt durch Satanisten erfahren.[86] Die CIA habe zudem im Rahmen des MKULTRA-Programms Bewusstseinskontrollen an ihm erprobt.[87]
Spiegel-Recherche 2023
Der Spiegel berichtete 2023 in mehreren Artikeln über Therapeuten, die Patienten im Verlauf einer Traumatherapie die falsche Erinnerung suggerieren, dass sie von rituellem Missbrauch durch Satanisten oder anderen Kulten betroffen seien und sich aufgrund der Anwendung von Mind Control und gezielt herbeigeführter dissoziativer Identitätsstörungen nur nicht an diesen Missbrauch erinnern könnten. So würden psychisch kranke Menschen durch eine vermeintliche Traumatherapie weiter traumatisiert. Die Traumatherapeuten Michaela Huber und Jan Gysi[88] befeuerten diesen Irrglauben durch unzählige Veröffentlichungen, Fortbildungen und Fachtagungen. Dadurch seien vielfältige fehlgeleitete Hilfsangebote geschaffen worden und auch der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung habe ein Hilfetelefon eingerichtet. „Dabei ist vieles, was in der Szene als Tatsache verbreitet wird, offensichtlicher Unsinn. (…) Geht es um Verbrechen kultischer Täterkreise, fehlten in den Gewaltschilderungen angeblich Betroffener stets nachprüfbare Indizien wie Angaben zu Tatorten, Namen, Verletzungsmustern.“[73] Das Bistum Münster schloss daraufhin seine Beratungsstelle Organisierte sexuelle und rituelle Gewalt, die in einem Artikel explizit genannt wurde.[89]
Die Wissenschaftsjournalistin und Kriminalreporterin Beate Lakotta befasste sich im Rahmen der Spiegel-Recherche gemeinsam mit ihrem Co-Autoren ebenfalls mit dem Einfluss von Therapeuten auf die Erinnerungen ihrer Patienten:
„Arbeit mit »Überlebenden« sogenannter ritueller Gewalt beschäftigt eine Szene von Therapeuten, darunter Heilpraktiker und Familienaufsteller. Sie behandeln vermeintliche Folgen schwerster Leidenserfahrungen – die es so nach allem Ermessen nie gegeben hat – oft so lange, bis die Klienten selbst überzeugt sind, extreme körperliche und sexuelle Gewalt in einem Kult erlebt zu haben. Dabei handelt es sich nicht um einen durchweg dubiosen Zirkel. Involviert sind renommierte Vertreter ihres Fachs, allen voran die Traumatherapeutin Michaela Huber. Sie tritt schon seit mehr als 20 Jahren als Kennerin okkulter Sektengewalt auf – und hat in dieser Rolle vermutlich Hunderte Therapeuten geschult.“[73]
ZDF Magazin Royale 2023
Im September 2023 machte sich der Satiriker Jan Böhmermann im ZDF Magazin Royale über die Annahme lustig, es gäbe in Deutschland geheime Zirkel, die rituelle Gewalt an Kindern verüben würden, und kritisierte die Therapien, die darauf beruhen. Insbesondere beschäftigte sich der Beitrag mit der Therapeutin Michaela Huber. Seine Redaktion fragte bei allen sechzehn Landeskriminalämtern und dem Bundeskriminalamt nach, doch keines hatte Erkenntnisse über ein entsprechendes Tatgeschehen.[90] Ebenso wurden Stellungnahmen des Schweizerischen Berufsverbandes für Angewandte Psychologie, der sich gegen das satanistische Verschwörungsnarrativ verwehrte[91] und der niederländischen Polizei zu einer ebenfalls verneinenden parlamentarischen Untersuchung[92] angeführt. Auf Grund von zwei Programmbeschwerden, unter anderem von der deutschen Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, wurde die Sendung aus der Mediathek genommen.[93] Einige Mitglieder des Fernsehrats äußerten daraufhin öffentlich, dass die Entscheidung dazu nicht konsensual getroffen wurde. Sie kritisierten, dass der Tagesordnungspunkt nicht ordnungsgemäß behandelt worden sei. Außerdem habe der Fernsehrat nicht „über die Eignung von Themen, z. B. Satire, zu befinden“.[94]
Stellungnahme psychologischer Berufsverbände
Die Sektion Rechtspsychologie des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen befürwortete 2023 in einer Stellungnahme ausdrücklich das Engagement für Opfer sexueller Gewalt, aber mahnte, dass dies auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse geschehen müsse.[95] In einem gemeinsamen Brief mit der Deutschen Gesellschaft für Psychologie an Bundesfamilienministerin Lisa Paus und Bundesjustizminister Marco Buschmann konstatierten sie, dass sie die aktuellen Entwicklungen im Bereich von Initiativen, die eigentlich dem Schutz von Opfern sexuellen Missbrauchs dienen sollen, mit Sorge betrachten, da einige von der Bundesregierung geförderte Webseiten, Leitfäden und Empfehlungen pseudowissenschaftlich und in Teilen unzutreffend seien. Dadurch könne sich ihr beabsichtigter Nutzen ins Gegenteil verkehren und Opfer würden nicht geschützt, sondern geschädigt.[96] Es würde der Eindruck erweckt, dass rituelle sexuelle Gewalt ein häufiges Phänomen sei. Fehlende Erinnerungen an solcherlei Ereignisse würden mit Dissoziationen oder Bewusstseinsmanipulationen erklärt, Mind-Control-Methoden bzw. die absichtsvoll erzeugte Dissoziative Identitätsstörung würden als Tatsachen dargestellt. Aus wissenschaftlicher Sicht gebe es aber für das Vorliegen systematischer ritueller sexueller Gewalt oder Methoden wie Mind Control keine belastbaren Anhaltspunkte. Hinweise würden hauptsächlich auf ungeprüften Selbstaussagen basieren und Ermittlungen ohne Ergebnisse bleiben. Darüber hinaus gebe es keine belastbaren wissenschaftlichen Hinweise dafür, dass Erinnerungen an traumatische Erlebnisse verdrängt oder übermäßig fragmentiert (dissoziiert) werden. Im Gegenteil zeige die Forschung, dass solche Erinnerungen in aller Regel besonders gut abgespeichert werden.[95]
Ein gemeinsames Positionspapier verschiedener psychosozialer und psychotherapeutischer Fachverbände kritisierte den „Generalverdacht eines suggestiven Vorgehens“ durch approbierte Psychotherapeuten. Suggestion von Erinnerungen sei ein Behandlungsfehler. Es sei im Rahmen einer Psychotherapie nicht möglich „den objektiven Wahrheitsgehalt“ von Patientenberichten zu beurteilen, gleichwohl sei es erforderlich diese Berichte ernst zu nehmen und sie individuell zu bewerten.[97]
Missbrauchsfälle im Bistum Münster
Im Oktober 2023 verwies die Psychologin Michaela Huber als Beleg für die Rituelle-Gewalt-These auf die Untersuchungsergebnisse der Missbrauchsfälle am Bistum Münster vom Juni 2022.[98] Darin wurde der Verdacht auf rituelle Gewalt in den Aussagen von drei Betroffenen gefunden. Die Autoren sahen bei den Erzeugungen dieser Aussagen die Gefahr „suggestive[r] Befragungstechniken“ gegeben. Sie resümierten, dass die gemeldeten Elemente ritueller Gewalt nicht bestätigt werden könnten. Dabei solle insgesamt „die Glaubwürdigkeit der Kernaussage“ über stattgefundenen „sexuelle[n] Missbrauch und schwere Gewalttaten“ nicht in Frage gestellt werden.[99]
Fehlende Belege
In ihrem Abschlussbericht von 1998 stellte die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages fest, dass es keine gesicherten Erkenntnisse über die Verbreitung rituellen Missbrauchs vor allem in satanistischen Zusammenhängen gibt.[75] Michael Schetsche und Renate-Berenike Schmidt fassten zusammen, dass es keine Belege irgendeiner Art für die behaupteten weltweiten satanischen Netzwerke gibt, abgesehen von den Erfahrungsberichten spezialisierter Psychotherapeuten.[100] Der Verein Sekten-Info NRW resümierte 2016, dass trotz der Forderung nach empirisch-wissenschaftlichen Studien über 20 Jahre lang keine Studien vorliegen, die die Existenz der Rituellen-Gewalt-und-Mind-Control-Theorie empirisch belegen.[101] Der deutsche Bundestag bestätigte 1998 in seiner Antwort, dass ihm das Phänomen der rituellen Gewalt bekannt sei und verwies neben einem Fall, bei dem Schutzbefohlene „im Rahmen von Meditationen“ misshandelt wurden, auf Michael D. Eschner.[102][103] Eschner war Gründer der Thelema Society. Das Landgericht Lüneburg verurteilte ihn 1992 wegen Vergewaltigung, versuchter Vergewaltigung sowie sexueller Nötigung in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung zu einer sechsjährigen Freiheitsstrafe.[104] Ingolf Christiansen berichtete von einem Fall ritueller Gewalt zu „einem gewissen Wahrscheinlichkeitsgrad“, in dem die Betroffene keine Auskunft über die Herkunft ihrer Tätowierung eines okkulten Symbols machen konnte und „eine klare Trennung von Fiktion und Realität kaum noch möglich“ gewesen sei.[105]
Die Mediziner Reinhard Plassmann und Harald Schickedanz vermuten hinter Erzählungen ritueller Gewalterfahrung bei Patienten mit dissoziativer Identitätsstörung Erklärungsversuche, abgespaltene Emotionen zu ordnen. Die Erinnerungen entsprüngen damit der Fantasie der Patienten.[106]
Großbritannien
Untersuchungen in den 1990er Jahren
Eine Untersuchung von zwanzig gemeldeten Fällen rituellen Kindesmissbrauchs in Großbritannien ergab 1995, dass die Vorwürfe in 75 % der Fälle unzutreffend waren, sich in den anderen nicht belegen ließen. Diese hohe Rate falscher Angaben unterscheide rituellen von nichtrituellem Kindesmissbrauch, bei dem erfahrungsgemäß nur wenige Vorwürfe gegenstandslos seien.[107]
1998 legte die Ethnologin Jean La Fontaine eine Untersuchung der Behauptungen von verbreitetem Missbrauch und sogar Morden an Kindern durch satanische Sekten in Großbritannien vor, für die sie drei Phasen identifizieren konnte: In der ersten Phase standen diese Behauptungen unter dem Einfluss von Predigern der charismatischen und der Pfingstbewegung aus den USA, die behaupteten, Teufelsanbeter und satanische Sekten würden eine große Gefahr für Kinder darstellen. In einer zweiten Phase ging der amerikanische Einfluss zurück: Nun behaupteten britische Sozialarbeiter, Kinder hätten ihnen von ritueller Gewalt bis hin zu Morden und Kannibalismus berichtet. Untersuchungen zeigten, dass diese Behauptungen nicht von den Kindern, sondern von Erwachsenen, namentlich Therapeuten, stammten. Gegen viele, die die Wahrheit der Anschuldigungen bezweifelten, wurde in der daraufhin ausbrechenden Debatte der Vorwurf erhoben, sie nähmen die Nöte der Kinder nicht ernst. Auch zeigte sich ein Genderaspekt, als Sozialarbeiterinnen männliche Polizisten beschuldigten, rituelle Gewalt zu vertuschen. Tatsächlich wurde keiner der Vorwürfe je bestätigt, kein Täter wurde vor Gericht gestellt. Ebendies wurde als Indiz dafür gewertet, dass die Verschwörung bis in hohe und höchste Kreise reichen müsse. In einer dritten Phase traten angebliche Survivors (Überlebende) ritueller Gewalt auf, die behaupteten, im Rahmen einer Therapie konkrete Erinnerungen an rituelle Gewalt erlangt zu haben. Ähnlich wie zuvor schon in den USA gingen die Zahl der Vorwürfe in der Öffentlichkeit wieder zurück. La Fontaine sieht in dieser Konjunkturbewegung Parallelen zu den Wellen der Hexenverfolgung in der Frühen Neuzeit.[108]
Hampstead Hoax
Der Hampstead Hoax war eine Reihe falscher Missbrauchsanschuldigungen gegen einen angeblichen Ring satanischer Pädosexueller in der Gegend von Hampstead im Norden Londons. Im Sommer 2014 erhoben zwei Kinder Anschuldigungen gegen ihren Vater, Mitglied einer satanischen Sekte zu sein. Sie sagten bei der Polizei aus, die Sektenmitglieder würden Babys töten, deren Blut trinken und dann mit Babyschädeln und Schuhen aus Babyhaut herumtanzen. Zudem sollten ihr älterer Halbbruder, mehrere Lehrer ihrer Schule, der Priester der benachbarten Kirche, viele Eltern ihrer Schule, Sozialarbeiter, Mitarbeiter des Beratungs- und Unterstützungsdienstes des Kinder- und Familiengerichts und namentlich genannte Polizeibeamte dem satanischen Kult angehören. Die Polizei fand keine Beweise für Pädosexualität oder anderen Missbrauch, geschweige denn für Mord oder Satanismus. Die mutmaßlichen Täter waren Schikanen, Morddrohungen und Online-Missbrauch ausgesetzt, die bis mindestens 2022 anhielten. Später stellte sich heraus, dass die beiden Kinder, die die Anschuldigungen erhoben hatten, von Erwachsenen bedroht und missbraucht worden waren, damit sie diese Anschuldigungen machten.[109][110][111][112]
Frankreich
1997 berichtete Samir Aouchiche in L’Enfant sacrifié à Satan von seinen Verfolgungen durch „Alliance Kripten“. Aouchiche ist tatsächlich Opfer von Pädokriminellen geworden, doch seine Erzählung über satanistische Rituale ist nicht belegt.[113]
Véronique Liaigre und ihre beiden Schwestern waren zwischen 1984 und 1997 schwerer sexualisierter Gewalt durch ihre Eltern ausgesetzt. Sie spricht von satanistisch-rituellem sexuellem Missbrauch und berichtet von Folter und Menschenopfern. Die Justiz verurteilte ihre Eltern, Georges Liaigre und Marie-Pierre Collasseau, wegen der Vergewaltigungen.[114]
Schweiz
Seit 2021 berichten die Journalisten Ilona Stämpfli und Robin Rehmann im Schweizer Fernsehen, dass die Verschwörungstheorien, die in engem Zusammenhang mit der Satanic Panic stehen, auch in der Schweiz vertreten werden, unter anderem von Lehrern, Psychotherapeuten, hochrangigen Polizeibeamten und dem ärztlichen Direktor des Psychiatriezentrums Münsingen (PZM) Thomas Reisch und weiteren Mitarbeitern dieser Klinik.[115][116] Dies führte zu Entlassungen[117][118] und einer offiziellen Untersuchung durch das Gesundheitsamt des Kantons Bern, die im Mai 2022 systematische ungerechtfertigte Zwangs- und Isolationsmaßnahmen gegen Patientinnen feststellte, mit denen diese vor „satanistischen Ritualen“ geschützt werden sollten. In dem Bericht werden Suizide von betroffenen Patientinnen aufgezeigt.[119]
Zu einer ähnlichen Einschätzung kam eine behördliche Untersuchung des Kantons Thurgau in der Traumatherapieklinik Clienia Littenheid.[120] In beiden behördlichen Berichten wird die Rituelle-Gewalt-Theorie als Verschwörungstheorie ohne Faktengrundlage eingestuft, die von einer kleinen Gruppe des medizinischen Personals vertreten werde. Als besonders problematisch gilt, dass die damit verbundenen Traumatherapieformen den betroffenen Patientinnen schweren Schaden zufügen können und in einigen Fällen auch tatsächlich geschadet haben.[121]
Vorher hatte sich die Schweizer Regierung von Therapieformen distanziert, die rituellen Missbrauch annahmen, und die kantonalen Gesundheitsbehörden zur Untersuchung der Vorgänge aufgefordert.[122] Die Sprecherin des Berufsverbands FSP nannte solche Vorkommnisse inakzeptable „Behandlungsfehler“. Laut SRF sei dem Berufsverband klar, dass die Verbreitung dieser Verschwörungserzählung gestoppt werden müsse.[123] Angelehnt an die Empfehlungen des Untersuchungsberichts ordnete das Departement für Finanzen und Soziales des Kantons Thurgau im Dezember 2022 aufsichtsrechtliche Maßnahmen an.[124]
Die Clienia Littenheid beauftragte im Februar 2023 einen externen Psychiater als unabhängigen Gutachter.[125] Dieser fand gravierende Hinweise auf Verschwörungserzählungen mit Einfluss auf die Therapie in 43 von 422 Patientendossiers und angedeutete Hinweise bei weiteren 188.[126]
Niederlande
Untersuchungskommission 1994
Eine niederländische Kommission kam 1994 zu dem Schluss, dass ritueller Missbrauch in keinem gemeldeten Fall nachgewiesen werden konnte.[39]
Hendriks-Kommission
Das niederländische Ministerium für Justiz und Sicherheit setzte im April 2020 die nach ihrem Leiter benannte „Hendriks-Kommission“ zur Untersuchung der Hinweise auf organisierten satanisch-rituellen Missbrauch ein. Ausschlaggebend war die Sendung Shards of glass and dark rituals der Radioshow Argos zu diesem Thema gewesen.[127] Mitarbeiter dieser Kommission untersuchten insgesamt 28 Fälle mit Aspekten von rituellem Missbrauch, die von einer nationalen Expertengruppe für besondere Sexualdelikte seit 1999 behandelt wurden. In allen Fällen befanden sich die Betroffenen vor oder zum Offenlegungszeitpunkt der rituellen Missbrauchserfahrung aufgrund psychischer Probleme in Psychotherapie, wobei es sich bei weniger als der Hälfte um eine reguläre Psychotherapie handelte und ansonsten eine alternative Therapieform, wie z. B. spirituelle Therapie, Hypnotische Regression, Hypnotherapie oder Bach-Blütentherapie. In vielen Fällen waren die entsprechenden Erinnerungen erst in der Therapie entstanden oder dahingehend erweitert worden. In über der Hälfte dieser Fälle sollen laut der Betroffenen Aufnahmen des rituellen Missbrauchs angefertigt worden sein. Umfangreiche polizeiliche Ermittlungen fanden keine Beweise.[39] Die Kommission kam nach ihrer 20-monatigen Untersuchung zu dem Ergebnis, dass keine Hinweise auf rituellen Missbrauch in den gemeldeten Fällen existieren. Gleichzeitig betonten sie in ihrem Bericht, dass die Opfer wahrscheinlich traumatisierende und einschneidende Erfahrungen gemacht hatten. Die Kommission wies darauf hin, dass Erzählungen um satanisch-rituellen Missbrauch den Opfern schaden und sie hemmen, ihre Gewalterfahrungen zur Strafanzeige zu bringen.[128] Argos schloss sich dieser Schlussfolgerung an und räumte im Nachhinein ein, dass in ihren Recherchen nicht genügend zwischen Zeugenaussagen und Fakten unterschieden wurde.
Neuseeland
Der neuseeländische Kinderpfleger Peter Ellis wurde im Juni 1993 wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern zu zehn Jahren Haft verurteilt, von denen er sieben verbüßen musste. Ellis legte 2019 beim Obersten Gerichtshof Berufung ein, um seine Verurteilung aufheben zu lassen. Im September desselben Jahres verstarb er an einer Krebserkrankung. Der Oberste Gerichtshof stellte Probleme mit den Aussagen der Psychiaterin fest, die im Verfahren als Hauptzeugin auftrat. Zudem seien die Geschworenen nicht angemessen über das Risiko einer Kontamination der Aussagen der Kinder informiert worden. Er hob die Verurteilung im Oktober 2022 posthum auf.
Kanada
Kindertagesstätte in Martensville
Im Jahr 1992 behauptete eine Mutter in Martensville, ihr Kind sei von einer ortsansässigen Frau sexuell Missbraucht worden, die in ihrem Haus eine Kindertagesstätte betrieb. Die Polizei leitete eine Untersuchung ein und fand weitere ähnliche Anschuldigungen. Kinder gaben an, in Käfige gepfercht, in Gefrierschränke gesteckt und gezwungen worden zu sein, Blut zu trinken und sexuelle Handlungen vorzunehmen. Gegen insgesamt neun Personen wurden fast 180 Anklagen erhoben. Die Prozesse führten teilweise zu Verurteilungen mit mehrjährigen Gefängnisstrafen. Insgesamt zogen sich die Ermittlungen, Prozesse, Zivilklagen und Berufungen über ein Jahrzehnt hin, während weitere Anschuldigungen erhoben wurden. Eine von der RCMP geleiteten Sondereinheit untersuchte den gesamten Fall erneut und fand schwerwiegende Mängel sowohl in der Fallbehandlung als auch bei der Befragung der Kinder. Alle Sachverständigen und Berufungsrichter in diesem Fall stellten fest, dass die Ermittler den Kindern Suggestivfragen gestellt und unangemessene Befragungstechniken wie Lob und Belohnungen für Offenbarungen angewendet hatten. In fast allen Fällen berichteten die Kinder erst dann von einem Missbrauch, wenn sie ausdrücklich danach gefragt wurden, wobei sie es bei der ersten Befragung leugneten. Ihnen wurde teilweise gesagt, sie dürften spielen gehen, müssten aber zuerst der Polizei erzählen, was passiert sei. Manchen wurden Malbücher versprochen oder ein Besuch beim Polizeihund in Aussicht gestellt. Auch wurden die Kinder für „ihre Tapferkeit“ gelobt, nachdem sie den Missbrauch angezeigt hatten. Die Sondereinheit fand keine Belege dafür, dass eine Sekte eines dieser Verbrechen begangen hätte. Auch wurde nicht bewiesen, dass die überwiegende Mehrheit der Anschuldigungen überhaupt stattgefunden hat. Letztlich wurden nur zwei Anklagen, die beide nicht im Zusammenhang mit satanischem rituellem Missbrauch standen, in der Berufung aufrechterhalten.[129][130][131]
Pflegeeltern in Saskatoon
Die drei Geschwister Michael Ross und seine jüngeren Zwillingsschwestern Kathy und Michelle Ross berichteten Anfang der 1990er Jahre in Saskatoon von ritueller sexueller Gewalt, darunter Vergewaltigung, Kannibalismus und der Ermordung von Säuglingen. Sie beschuldigten ihre Pflegeeltern und weitere Personen, gegen die Anklage in mehr als 60 Fällen erhoben wurde. Jahre später gaben die Geschwister an, in den damaligen Befragungen gelogen zu haben. Eine der Schwestern berichtete, ihr Bruder Michael habe sie beide damals sexuell missbraucht und manipuliert, die Erwachsenen statt ihn zu beschuldigen. Michael Ross erklärte eidesstattlich, er habe die belastenden Geschichten frei erfunden und mit satanischen Ritualen ausgeschmückt. Wahr sei lediglich die Erzählung über seinen eigenen Vater, der ihn sexuell missbraucht habe, sowie die Vergewaltigungen seiner Schwestern durch ihn selbst. Die Ereignisse dieses Falls wurden von der Medienberichterstattung über den Fall in Martensville überschattet und werden häufig miteinander verwechselt, da sie räumlich und zeitlich nahe beieinander liegen.[132][133][134]
Offizielle Beschwerden gegen Alison Miller
Im Juni 2019 wurden gegen die Autorin von Therapie-Fachratgebern Alison Miller Beschwerden bei der zuständigen kanadische Zulassungsbehörde zur Registrierung von Psychotherapeuten College of Psychologists of British Columbia im Zusammenhang mit ihren Fachvorträgen eingereicht. Kurz darauf gab Miller ihre Zulassung als Psychotherapeutin nach eigenen Angaben freiwillig auf.[39]
Zusammenhang mit Verschwörungstheorien und Antisemitismus
Verschwörungstheorien haben „eingebaute Charakteristika, die ihre empirische Überprüfung erschweren“.[135] Wissenschaftliche Thesen können falsifiziert werden, was sie von Glaubensüberzeugungen unterscheidet. In Verschwörungstheorien wird dieses Kriterium typischerweise ausgehebelt, da umgekehrt die Nichtexistenz eines empirischen Sachverhalts nicht beweisbar ist. Das darin Behauptete findet erklärtermaßen im Geheimen und durch mächtige Organisationen geschützt statt. In der Debatte um rituelle Gewalt argumentieren die Dafürsprechenden nach einem für Verschwörungstheorien typischen Muster. Die starke Diskrepanz zwischen der Zahl unterstellter Fälle von ritueller Gewalt und der tatsächlich zu einer Verurteilung führenden Fälle wird meist mit gesellschaftlichen Machtpositionen der Täter begründet. Diese verfügten über Ressourcen, die sie vor Strafverfolgung schützen. Auch solle die „Programmierung“ der Opfer ihre Aussagen gegenüber Behörden bewusst so unglaubwürdig klingen lassen, dass ihnen nicht geglaubt werde. Das Fehlen von Belegen wird demnach nicht als Falsifikationskriterium akzeptiert, sondern vielmehr als Beleg für die erfolgreiche Vertuschung durch mächtige Instanzen interpretiert. Eine Falsifikation wird so unmöglich. Gleichzeitig wird das Narrativ der rituellen Gewalt gegen Fakten immunisiert, die es infrage stellen könnten. Es entsteht ein geschlossenes und sich selbst bestätigendes Verschwörungsnarrativ.[62][39][136]
Die Theorie über Mind Control ist eng mit dem Thema rituelle Gewalt verzahnt. Wegen fehlender überzeugender psychologischer Theorien sowie empirischer Belege rückt das Thema in den „Bereich von Vermutung und Hörensagen“[135]. Ebenso spielt die Diagnose der dissoziativen Identitätsstörung für rituelle Gewalt eine wichtige Rolle. Diese soll darin mitunter angeblich bewusst zur „Persönlichkeitsspaltung“ induzierten werden.[62][136] Ebenfalls ist die Annahme von Amnesien für sich über Jahre erstreckende traumatische Erlebnisse gedächtnispsychologisch unplausibel.[62] Demgegenüber steht die „Plausibilität anderer Erklärungen wie“ Scheinerinnerungen.[62] Mittels Verschwörungsrhetorik wird versucht, die Unplausibilitäten zu entkräften: Wer auf diese Problematiken aufmerksam macht, sei mutmaßlich Teil oder Unterstützer eines geheimen Täternetzwerks.[136]
Kenneth V. Lanning kam 1992 in seiner kriminologischen Untersuchung in den USA zu dem Ergebnis, es handele sich bei dem Phänomen der rituellen Gewalt um eine Verschwörungstheorie. Diese sei in zweierlei Hinsicht ansprechend für ihre Gläubigen: Erstens sei sie eine einfache Erklärung für ein komplexes Problem. Unverständliches würde zum Werk einer übernatürlichen Kraft gemacht. Bereits im Mittelalter sei sexueller Missbrauch von Kindern Dämonen in der Gestalt von Eltern und Geistlichen zugeschrieben worden. Der Satanismus böte auch heute noch eine Erklärung dafür, warum „gute“ Menschen schlechte Dinge tun. Zweitens seien Verschwörungstheorien beliebt. „Abstoßende“ Verbrechen durch einzelne Individuen fielen schwer zu glauben, während Verschwörungstheorien über vermisste Soldaten, Entführungen durch UFOs, Elvis-Presley-Sichtungen und die Ermordung Prominenter breite öffentliche Aufmerksamkeit erhielten. Diese Verschwörungstheorien und Behauptungen über rituellen Missbrauch hätten Folgendes gemeinsam: (1) selbsternannte Experten, (2) das Interesse der Boulevardmedien, (3) der Glaube an eine Vertuschung durch die Regierung sowie (4) emotional involvierte direkte und indirekte Opfer/Zeugen.[137]
Die Philosophin Bethan Oake und der Soziologe Jeffrey S. Victor sprechen jeweils von der Satanic Cult Conspiracy Theory (sinngemäß übersetzt: Verschwörungstheorie des rituellen Missbrauchs durch satanische Sekten).[138][139] Die Theorie über Eliten, die geheimes Wissen besitzen und verborgene Netzwerke kontrollieren, sei nach Oake weitestgehend eine Form der Verschwörungserzählung der Neuen Weltordnung.[139]
Die Rechtsanwältin Nadine Balkanyi-Nordmann und der Psychologe Franz Caspar schreiben in ihrem Untersuchungsbericht in Sachen Clienia Littenheid AG von der Verschwörungserzählung «rituelle Gewalt/Mind Control».[120]
Erzählungen rund um Rituelle Gewalt sind häufig gespickt mit antisemitischen Symboliken. So markieren laut dem Theologen Andreas Rentz als Davidstern identifizierte Hexagramme in Bilddarstellungen ritueller Gewaltkontexte den Satanismus als jüdisch.[140] Ebenso findet sich die Figur des Baphomet. Diese ist für Rentz durch ihre Verwendung im antisemitischen Pamphlet der Protokolle der Weisen von Zion als dem „Großen Baumeister“ entsprechend aufgeladenen.[141]
Die Theologin Melanie Möller deutet die Bezeichnung Hohepriester für ranghohe Mitglieder angeblicher satanischer Sekten als Anspielung auf das Judentum. Der Ausdruck bezeichnete bis zur Zerstörung des Jerusalemer Tempels das höchste kultische Amt im Judentum.[142]
Verbreiter der Rituelle-Gewalt-Theorie ziehen auch Verbindungen zwischen Satanismus und der jüdisch-mystischen Kabbala. In den Protokollen der Weisen von Zion wird diese als „Geheimwissenschaft“ zur Erlangung der Weltherrschaft verleumdet.[142] Die Psychologin Michaela Huber schreibt von einer „Mischung aus christlicher und kabbalistischer Mystik“, die in den „‚Philosophien‘ satanischer Kulte bis heute“ existiere.[143][142] Ingolf Christiansen bezeichnet die Kabbala als „jüdische Geheimlehre“ und zählt sie zu den „gefährlichsten“ Magien, die dem satanistischen „Magus“ zur Verfügung stünden. Auch führt er den Teufelspakt der Kulte auf „altjüdische schwarze Magie“ zurück.[144][142]
Die Theorie des Satanic Ritual Abuse hat Merkmale der Ritualmordlegenden, die seit der Antike zur Diffamierung von andersgläubigen Minderheiten benutzt wurden, und mit den frühneuzeitlichen Legenden über sogenannte Hexen, etwa von Ritualmorden an Kindern beim Hexensabbat und Pakt mit dem Teufel.[145] Regelmäßig ist in der Literatur zu ritueller Gewalt die Rede von Kindstötungen zum Verzehr ihrer Herzen oder Trinken ihres Blutes. Dieses Kernelement der antisemitischen Ritualmordlegende führte seit dem Hochmittelalter oft zu Judenpogromen. Der Nationalsozialismus benutzte diese Legenden zur propagandistischen Vorbereitung des Holocaust. Noch in der Nachkriegszeit in Deutschland wurden Ritualmordgerüchte weiterverbreitet. Andreas Rentz sieht darin „die gesellschaftliche Offenheit für den Import des Mythos der Rituellen Gewalt aus den USA“ trotz Fehlens einer vergleichbaren Anti-Satanismus-Bewegung. Im öffentlichen Diskurs sei seitdem „stets nur vom Satanismus die Rede, während auf das Judentum lediglich angespielt“ werde.[69]
Bereits in der esoterischen Szene der Nachkriegszeit bildeten sich viele Mythen um okkulte Nazi-Praktiken. In Erzählungen von ritueller Gewalt wird häufig konkret Bezug auf den Nationalsozialismus genommen. Beispielsweise berichtet die Reportage Höllenleben von einer angeblichen Kindstötung im Kontext ritueller Gewalt im „Obergruppenführersaal“ der „als ‚Kultstätte der SS‘ angekündigt[en]“ Wewelsburg.[146] Laut Michaela Huber finden rituelle Formen von Misshandlungen „in Deutschland auch [in] germanofaschistischen […] Kulten und Gruppierungen“ statt.[147][146] Ebenso finden sich Holocaustrelativierungen wie die Identifikation der Opfer satanistischen Missbrauchs mit den Opfern des Nationalsozialismus. So schreibt die Autorin Alison Miller in ihren Büchern, dass „Überlebende von Mind-Control und Ritueller Gewalt“ einen „Holocaust“ durchgemacht hätten.[146][148] Die Sozialarbeiterin E. Sue Blume verglich Skeptiker mit Holocaustleugnern.[149] Andreas Rentz vermutet, dass damit Antisemitismusvorwürfen wegen der Assoziationen zur Ritualmordlegende vorgebeugt werden soll.[146]
Verschwörungstheorien wie QAnon verbreiten Erzählungen über satanistische Eliten, die Kinder sexuell missbrauchen und foltern. Die Assoziation dieser Eliten mit traditionellen jüdischen Feindbildern der extremen Rechten wie George Soros oder den Rothschilds macht diese Erzählungen antisemitisch.[150]
Literatur
- Bethan Juliet Oake, Aled Thomas, Edward Graham-Hyde (Hrsg.): Cults of conspiracy and the (ongoing) Satanic Panic. In: ‘Cult’ Rhetoric in the 21st Century. Deconstructing the Study of New Religious Movements. Bloomsbury, New York 2024, ISBN 978-1-350-33322-2, S. 131–154
- Sarah A. Hughes: American Tabloid Media and the Satanic Panic, 1970–2000. In: Palgrave Historical Studies in Witchcraft and Magic, 2021, ISSN 2731-5630
- Mark Pendergrast: The Repressed Memory Epidemic: How It Happened and What We Need to Learn from It. Springer VS, New York 2017, ISBN 978-3-319-63374-9
- James R. Lewis: Satanic Ritual Abuse. In: James R. Lewis, Inga Tøllefsen (Hrsg.): The Oxford Handbook of New Religious Movements Band 2, Oxford University Press, Oxford 2016, ISBN 978-0-19-061152-1, S. 210–221
- Michael Schetsche, Renate-Berenike Schmidt: Fremdkontrolle: Ängste – Mythen – Praktiken. Springer VS, Wiesbaden 2015, ISBN 978-3-658-02135-1.
- Ina Schmied-Knittel: Satanismus und ritueller Missbrauch. Eine wissenssoziologische Diskursanalyse. Ergon-Verlag, Würzburg 2008, ISBN 978-3-89913-670-8
- Philip Jenkins, James R. Lewis (Hrsg.): Satanism and Ritual Abuse. In: The Oxford Handbook of New Religious Movements, Oxford University Press, New York 2004, ISBN 0-19-514986-6, S. 221–242
- Mary de Young: The Day Care Ritual Abuse Moral Panic. McFarland, 2004, ISBN 0-7864-1830-3.
- Jason Lee: Satanic Ritual Abuse. In: Peter Knight (Hrsg.): Conspiracy Theories in American History. An Encyclopedia. Band 2, ABC Clio, Santa Barbara 2003, S. 642f.
- Debbie Nathan, Michael R. Snedeker: Satan’s Silence. Ritual Abuse and the Making of a Modern American Witch Hunt. Authors Choice Press, 2001, ISBN 0-595-18955-5.
- Chrystine Oksana: Safe Passage to Healing. A Guide for Survivors of Ritual Abuse. iUniverse, Lincoln NE 2001, ISBN 0-595-20100-8.
- James Randall Noblitt, Pamela Sue Perskin: Cult and Ritual Abuse. Its History, Anthropology, and Recent Discovery in Contemporary America. Revised Edition. Praeger Publishers, Westport CT u. a. 2000, ISBN 0-275-96665-8.
- Jeffrey S. Victor: Satanic panic: the creation of a contemporary legend. Open Court, Chicago 1993, ISBN 0-8126-9191-1.
- Sherrill Mulhern, James T. Richardson, Joel Best, David G. Bromley (Hrsg.): Satanism and Psychotherapy: A Rumor in Search of an Inquisition. In: The Satanism scare. Routledge, New York 1991, ISBN 0-202-30378-0
- Pamela S. Hudson: Ritual Child Abuse. Discovery, Diagnosis and Treatment. R & E Publishers, Sarasota CA 1991, ISBN 0-88247-867-2.
Siehe auch
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ Debbie Nathan, Michael R. Snedeker: Satan’s Silence, 2001, S. 34–40
- ↑ Mark Pendergrast: The Repressed Memory Epidemic, New York 2017, S. 4
- ↑ Debbie Nathan, Michael R. Snedeker: Satan’s Silence, 2001, S. 20f.
- ↑ Mark Pendergrast: The Repressed Memory Epidemic, New York 2017, S. 6
- ↑ Amelie Möhring-Geisler: Rituelle Gewalt: Zwischen Trauma und Trugbild. Spektrum der Wissenschaft, 9. September 2025
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