Samuel Endemann

Samuel Endemann (* 18. März 1727 in Carlsdorf bei Hofgeismar; † 31. Mai 1789 in Marburg) war ein deutscher evangelischer Theologe und Hochschullehrer.

Leben

Herkunft und familiärer Hintergrund

Samuel Endemann entstammte einer Familie mit theologischer und pädagogischer Tradition. Sein Vater Johann Conrad Endemann (* 18. Februar 1700 in Immenhausen; † 8. Mai 1775 in Hersfeld)[1] war als Prediger der französischen reformierten Gemeinde in Carlsdorf tätig und leitete eine Erziehungsanstalt, in der Samuel Endemann seine erste Ausbildung erhielt. Seine Mutter war Anna Catharina (* 1725 in Karlshafen), war die Tochter des Kaufmanns Johann Conrad Winterberg in Karlshafen und hatte einen hugenottisch-reformierten Hintergrund; er hatte noch fünf Geschwister.

Carlsdorf wurde als eine der französischen Kolonien gegründet, die nach der Aufhebung des Edikts von Nantes durch das Edikt von Fontainebleau im Jahr 1685 in deutschen Territorien entstanden. Die Immigration französischer Protestanten wurde von den Landesherren aus wirtschaftlichen und bevölkerungspolitischen Gründen durch Privilegien gefördert, was den Erhalt der französischen Sprache und Kultur ermöglichte. In diesem von calvinistischer Frömmigkeit und reformierter Tradition geprägten Milieu wuchs Endemann auf.

Die Familiengeschichte zeigt über mehrere Generationen eine Kontinuität in akademischen und geistlichen Berufen. Endemanns Großvater Johann Ludwig Endemann war als Rektor in Immenhausen tätig, sein Urgroßvater Johannes wirkte als Pfarrer in Niederelsungen.

Im Jahr 1738 wurde sein Vater zum Inspektor und Rektor des Gymnasiums in Hersfeld ernannt. An dieser auf eine mittelalterliche Klosterschule zurückgehenden Einrichtung erhielt Endemann eine humanistische Ausbildung. Neben seinem Vater wurde er dort vom Konrektor Croll sowie zeitweise von den Kollaboratoren Limberger, Reppel und Hölcke unterrichtet. Der Lehrplan umfasste Religion, Latein, Griechisch, Rhetorik, Dialektik und Grundlagen der Philosophie.

Ausbildung und akademische Prägung

Die akademische Ausbildung Samuel Endemanns erfolgte zwischen 1743 und 1748 an verschiedenen Universitäten im Rahmen der zeitgenössischen Peregrinatio academica (Gelehrtenreise). Im Jahr 1743 immatrikulierte sich Endemann an der Universität Marburg, der 1527 von Landgraf Philipp I. gegründeten protestantischen Hochschule, die mit ihren vier Fakultäten (Theologie, Jurisprudenz, Medizin und Philosophie) das akademische Zentrum der Landgrafschaft Hessen-Kassel darstellte.

Die theologische Fakultät in Marburg wandelte sich im 18. Jahrhundert von einer lutherisch-orthodoxen Institution zu einer reformiert geprägten Einrichtung, nachdem die hessischen Landgrafen ab 1605 die reformierte Konfession angenommen hatten. Unter Landgraf Karl wurde die Universität vollständig reformiert, was zu Spannungen mit der mehrheitlich lutherischen Bevölkerung führte. Die theologische Lehre in Marburg folgte im 18. Jahrhundert einem gemäßigten Calvinismus, der sich Einflüssen der Aufklärungsphilosophie öffnete, statt der strengen Genfer Prädestinationslehre.

Im Jahr 1744 wechselte Endemann an die Universität Rinteln. Bei Johann Nicolaus Funck besuchte er Vorlesungen über lateinische Beredsamkeit, während er bei Konrad Friedrich Ernst Bierling Philosophie und Gelehrtengeschichte studierte. Bierling vertrat die von Christian Wolff entwickelte rationalistische Schulphilosophie (Wolffianismus), die im deutschen Protestantismus des 18. Jahrhunderts verbreitet war. Bei Wigand Kahler belegte Endemann Vorlesungen in Mathematik, die als Propädeutikum die Grundlage für das Verständnis der Wolffschen Methode bildeten. Bei Johann Engelhard Steuber studierte er jüdische Altertümer, eine biblische Hilfswissenschaft zur Vermittlung von Kultur, Geschichte und religiösen Institutionen des antiken Judentums für die Exegese des Alten Testaments. Diese propädeutische Ausbildung an der philosophischen Fakultät war Voraussetzung für das anschließende Fachstudium an den höheren Fakultäten.

Im Frühjahr 1746 kehrte Endemann nach Hersfeld zurück, bevor er im Herbst desselben Jahres sein Studium in Marburg fortsetzte. Dort besuchte er theologische Vorlesungen bei Johann Siegmund Kirchmayer, einem Vertreter der gemäßigten Orthodoxie, und Franz Ulrich Ries, der sich der Aufklärungstheologie zuneigte. Zudem hörte er Naturrecht bei Johann Rudolph Anton Piderit, einer philosophischen Disziplin zur Herleitung von Recht und Moral aus der menschlichen Vernunft und Natur als Alternative zur theologischen Begründung der Ethik.

In dieser Marburger Phase verteidigte Endemann einen Teil der Streitschriften über die Göttlichkeit der Heiligen Schrift, die Ries auf Kosten der Respondenten drucken ließ. Diese akademischen Disputationen dienten der Einübung in die Argumentationskunst sowie dem Nachweis erworbener Kenntnisse. Der Professor verfasste hierbei eine These, die der Student als Respondent in einer öffentlichen Debatte gegen Einwände verteidigte. Die Teilnahme war Bestandteil der akademischen Pflichten und Voraussetzung für die Prüfungszulassung.

Endemann eignete sich wesentliche Bereiche der theologischen Ausbildung, insbesondere die Exegese, die theologische Moral und die Homiletik, im Selbststudium an, da diese in den regulären Vorlesungen unberücksichtigt blieben. Die akademische Theologie des 18. Jahrhunderts konzentrierte sich primär auf Dogmatik und polemische Theologie. Die praktische Vorbereitung auf das Pfarramt erfolgte üblicherweise nach dem Studium in der Kandidatenzeit unter der Anleitung erfahrener Pfarrer.

Eine maßgebliche theologische Prägung erfuhr Endemann durch David Samuel Daniel Wyttenbach, einen Hauptvertreter der Wolffschen Philosophie innerhalb der reformierten Theologie. Wyttenbach hatte 1741 sein dogmatisches Hauptwerk Tentamen Theologiae Dogmaticae Methodo Scientifica Pertractatae (Versuch einer dogmatischen Theologie, abgehandelt nach der wissenschaftlichen Methode) veröffentlicht. In dieser Programmschrift wandte er die mathematisch-demonstrative Methode Christian Wolffs auf die reformierte Dogmatik an. Wyttenbach vertrat darin die Ansicht, dass Offenbarung und natürliche Vernunftreligion harmonieren, wobei die biblische Offenbarung die Vernunftwahrheiten ergänze. Die Aufgabe der Theologie sah er darin, dieses Verhältnis in einem geschlossenen, rational nachvollziehbaren System darzustellen. Dieser Ansatz der sogenannten „vernünftigen Orthodoxie“ beeinflusste Endemanns spätere theologische Ausrichtung und seine eigene methodische Herangehensweise nachhaltig.

Wyttenbach verband die Tradition der reformierten Schultheologie mit den philosophischen Strömungen der Aufklärung. Im Gegensatz zu Vertretern der radikalen Aufklärung wie Johann Salomo Semler oder Johann Joachim Spalding hielt er an den Grunddogmen der reformierten Lehre fest, stellte diese jedoch rational dar. Diese Position der gemäßigten Aufklärungstheologie diente Endemann als Vorbild.

Im Jahr 1748 hielt sich Endemann in Bremen auf, um den erkrankten französischen Prediger Pelisson bis zu dessen Tod zu vertreten. Neben dieser predigtamtlichen Tätigkeit erteilte er Unterricht in französischer Sprache.

Endemann besuchte zudem Vorlesungen der theologischen Professoren am Bremer Gymnasium illustre (siehe Altes Gymnasium (Bremen)), darunter bei dem Orientalisten und Bibelwissenschaftler Conrad Iken. Die dort vermittelte philologische Bibelauslegung bildete eine Ergänzung zu der systematisch-dogmatischen Theologie seines bisherigen Studiums.

Nach dem Tod Pelissons lehnte Endemann das Angebot ab, dessen Amt vorläufig zu übernehmen, da er die Auflösung der Stelle vermutete, und kehrte nach Hersfeld zurück.

Frühe berufliche Laufbahn und Pfarramt in der landgräflichen Kirchenordnung

Nach dem Studium begann Endemanns Laufbahn im pädagogischen Bereich. Im Herbst 1747 wurde er nach einer Prüfung der kirchlichen Behörden als Kandidat des geistlichen Ministeriums in Kassel registriert.

Im Jahr 1748 übernahm Endemann eine Hauslehrerstelle bei der Familie des Vizekanzlers Christian Heinrich von Motz (1687–1751)[2] in Kassel. Von Motz gehörte als hochrangiger Beamter zur politischen Elite der Landgrafschaft Hessen-Kassel.

Während des Aufenthalts in Kassel predigte Endemann in der dortigen Hofkirche im Stadtschloss der Landgrafen von Hessen-Kassell. Dabei fiel er dem Prinzen Maximilian von Hessen-Kassel, einem Sohn des regierenden Landgrafen Wilhelm VIII., auf. Im Mai 1750 wurde die Pfarrstelle in Jesberg durch den Tod des Pfarrers Caspar Christian Kröschel vakant. Prinz Maximilian von Hessen-Kassel präsentierte Endemann daraufhin für dieses Amt.[3] Am 23. August 1750 hielt Endemann in Anwesenheit des Prinzen seine Antrittspredigt in Jesberg und trat damit sein erstes Pfarramt an.

Das ausgeübte Präsentationsrecht war ein fester Bestandteil der frühneuzeitlichen Kirchenverfassung. In der Landgrafschaft Hessen-Kassel übte der Landesherr das Kirchenregiment aus und besaß das Recht, Pfarrstellen zu besetzen oder Kandidaten zu präsentieren. Prinz Maximilian nutzte dieses Recht für die Berufung des jungen Endemann nach Jesberg.

Die Phase in Jesberg dauerte bis Februar 1753 und umfasste neben der Kernarbeit die Betreuung mehrerer Filialgemeinden. Dies erforderte jeden Sonntag drei Predigten und entsprechende Wegstrecken zwischen den Dörfern. Die Pfarrstelle war zudem mit einer Verpflichtung zur Bewirtschaftung von Pfarrland (Ackerbau) verbunden.

Wirken in Hanau

Im März 1753 wechselte Endemann als dritter Stadtprediger an die evangelisch-reformierte Gemeinde in Hanau. Diese Position erhielt er auf Empfehlung des Superintendenten Johann Christoph Ungewitter durch Landgraf Wilhelm VIII. Der Wechsel nach Hanau markierte den Beginn einer fast dreißigjährigen Wirkungsphase in der Stadt, die zu den Zentren des reformierten Protestantismus gehörte.

Hanau besaß als Residenzstadt mit rund 10.000 Einwohnern eine konfessionell und kulturell geteilte Struktur. Seit dem Jahr 1303 bestand bereits die lutherisch geprägte Altstadt von Hanau. Im Jahr 1597 gründete Graf Philipp Ludwig II. daneben die Neustadt als Zufluchtsort für wallonische und niederländische Glaubensflüchtlinge. Weil diese reformierten Zuwanderer eigene Schulen und eine autonome Gemeindeverwaltung erhielten, trugen sie maßgeblich zur wirtschaftlichen Entwicklung des neuen Stadtteils bei.

Die evangelisch-reformierte Gemeinde in Hanau, an der Endemann als dritter Stadtprediger wirkte, verfügte über mehrere Kirchen, Schulen sowie soziale Einrichtungen. Aufgrund der wirtschaftlichen Lage ihrer Mitglieder, darunter Kaufleute, Handwerker und Beamte, waren die Pfarrstellen finanziell ausgestattet. Als Residenzstadt bot Hanau zudem Zugang zu einer Bibliothek und intellektuellem Austausch.

Die Position in Hanau bot im Vergleich zu Jesberg erweiterte Möglichkeiten zur wissenschaftlichen Arbeit. Die Stadt war Sitz der 1607 gegründeten Hohen Landesschule, eines Gymnasiums illustre, das als akademisches Gymnasium zwischen Schule und Universität angesiedelt war und neben der Propädeutik auch universitäre Vorlesungen anbot. Diese Struktur begünstigte Endemanns spätere Verbindung von städtischem Pfarramt und akademischer Lehre.

Im Jahr 1759 wurde Endemann zum zweiten Stadtprediger befördert. Zudem erhielt er die Position eines stimmberechtigten Konsistorialassessors sowie die Leitung des reformierten Waisenhauses in der Altstadt Hanau. Diese Positionen verbanden das Predigtamt mit kirchenleitenden und karitativen Aufgaben, wobei der zweite Stadtprediger bei Abwesenheit des ersten Predigers die Vertretung übernahm.

Die Ernennung zum Konsistorialassessor mit Stimmrecht band Endemann in die Kirchenverwaltung der Grafschaft ein. Das Konsistorium, bestehend aus geistlichen und weltlichen Mitgliedern, fungierte als oberste kirchliche Verwaltungsbehörde im Rahmen des landesherrlichen Kirchenregiments. Zu seinen Aufgaben gehörten Personalangelegenheiten der Kirche, Ehesachen, Kirchenzucht, Schulaufsicht und administrative Fragen. Die Verleihung des Stimmrechts bedeutete, dass Endemanns Stimme bei Abstimmungen gezählt wurde.

Als Direktor des reformierten Waisenhauses übernahm Endemann die Leitung einer karitativen Einrichtung. Das reformierte Waisenhaus in Hanau finanzierte sich aus Stiftungen, Kollekten sowie Vermächtnissen. In der Funktion des Direktors oblag Endemann die Aufsicht über die Verwaltung, die Personalauswahl der Erzieher und Lehrer sowie die Entscheidung über die Aufnahme neuer Waisen.

Von 1760 bis 1773 gab Endemann jährliche Waisenhausberichte heraus, die eine Rechenschaftslegung über Einnahmen, Ausgaben, betreute Kinder und institutionelle Entwicklungen darstellten. Den Publikationen fügte er jeweils eine moralphilosophische Abhandlung als Vorrede bei, die Themen wie Wohltätigkeit, Nächstenliebe, Erziehung und Armenfürsorge behandelte.

Im Jahr 1766 erhielt Endemann den Titel eines Konsistorialrats, was seine Einbindung in die Kirchenverwaltung der Grafschaft Hanau vertiefte. Dieser Rang wurde innerhalb der Konsistorialverfassung an erfahrene Theologen vergeben und war mit administrativem Einfluss in kirchlichen Angelegenheiten verbunden.

Am 26. Februar 1767 wurde Endemann zum Professor secundus (zweiter Professor) der Theologie und der hebräischen Sprache an der Hohen Landesschule in Hanau ernannt. Diese Position ermöglichte ihm die wissenschaftliche Ausbildung angehender Theologen neben seiner Predigttätigkeit. Die Hohe Landesschule bot neben dem gymnasialen und propädeutischen Unterricht auch theologische und philosophische Vorlesungen an, die zur Vorbereitung auf das Universitätsstudium oder zur Vertiefung nach dem Abschluss dienten.

Die Lehrverpflichtung umfasste die systematische Theologie und die hebräische Sprache, da die reformierte Tradition zur unmittelbaren Auslegung der Heiligen Schrift ohne Vermittlung der lateinischen Vulgata Kenntnisse der biblischen Ursprachen forderte. Zeitgenössischen Quellen zufolge befasste sich Endemann in seinen späteren Jahren intensiv mit dem Hebräischen, wobei er keine tiefergehenden Studien der verwandten semitischen Sprachen betrieb.

Im Oktober 1774 wurde Endemann zum ersten Stadtpfarrer in Hanau befördert und zum Inspektor über die reformierten Kirchen und Schulen in der Grafschaft Hanau ernannt. Mit dieser Funktion war der Titel des Superintendenten verbunden, der die mittlere Leitungsebene zwischen den Pfarrern und dem Konsistorium darstellte.

Die Kombination dieser Positionen – erster Stadtpfarrer, Professor an der Hohen Landesschule, Superintendent, Konsistorialrat und Direktor des Waisenhauses – bündelte geistliche, akademische und administrative Funktionen.

Endemann trat 1777 mit dem vollendeten fünfzigsten Lebensjahr als theologischer Schriftsteller an die Öffentlichkeit. Die Phase in Hanau, insbesondere ab seiner Ernennung zum Professor im Jahr 1767, nutzte er für wissenschaftliche Studien. Am 18. September 1778 übernahm er das Amt des Rektors des Königlichen Gymnasiums (siehe Hohe Landesschule) in Hanau.[4]

Die wissenschaftliche Arbeit erfolgte neben den Amtspflichten, sodass Endemann Forschungen in den Morgen- und Abendstunden durchführte. Trotz des im Vergleich zu Universitätsstädten begrenzten Zugangs zu aktueller Fachliteratur in Hanau verfasste er Lehrbücher, die Verbreitung fanden.

Endemanns historische Kenntnisse basierten auf der Lektüre historischer Werke und nicht auf einem eigenen Quellenstudium, da ihm die historisch-kritische Methode fremd blieb. Er besaß Kenntnisse der lateinischen Klassiker, die jedoch eine geringe Wirkung auf seine geistesgeschichtliche Ausrichtung ausübten.

Zeitgenössische Kritiker bemängelten das Fehlen einer neueren philosophischen Ausrichtung bei Endemann. Er hielt an der in den 1740er Jahren erlernten Wolffschen Schulphilosophie fest, während zeitgenössische Strömungen wie der britische Empirismus, die französische Aufklärung und hauptsächlich die kritische Philosophie Immanuel Kants unberücksichtigt blieben. Diese Beibehaltung der älteren philosophischen Grundlagen führte in seinen späten Marburger Jahren zu Konflikten, als die Kantische Philosophie auch dort rezipiert wurde.

Berufung nach Marburg

Am 12. Februar 1782 wurde Endemann zum Professor primarius der Theologie an der Universität Marburg ernannt, verbunden mit den Funktionen eines Konsistorialrats und Inspektors der reformierten Kirchen im Oberfürstentum Hessen.

Die Berufung Endemanns fiel in eine Phase struktureller Veränderungen an der Universität Marburg. Nach der Einführung der reformierten Konfession im frühen 17. Jahrhundert durch die hessischen Landgrafen war die Institution schrittweise reformiert worden. Im 18. Jahrhundert entwickelte sich die Universität zu einem Zentrum der reformierten Aufklärungstheologie, an der Professoren wie Wyttenbach die Verbindung von Wolffscher Philosophie und reformierter Dogmatik vertraten. Die Studentenzahlen schwankten in diesem Zeitraum erheblich zwischen weniger als einhundert und mehreren hundert Studierenden.

Die theologische Fakultät, der Endemann als Professor primarius vorstand, umfasste in der Regel drei bis vier ordentliche Professoren. Als ranghöchster Inhaber dieses Lehrstuhls lehrte er die Dogmatik und leitete den Fakultätsvorsitz. Er trat die Nachfolge von Heinrich Otto Duysing an. Die Berufung Endemanns im Alter von 55 Jahren wich vom üblichen Berufungsalter ab und basierte auf seiner Erfahrung im kirchlichen Dienst.

Am 27. März 1782 wurde Endemann von der theologischen Fakultät zum Doktor der Theologie promoviert. Im 18. Jahrhundert war dieser Grad nicht zwingend Voraussetzung für die Ausübung einer Professur, da viele Lehrstuhlinhaber den Magistergrad führten oder die Promotion erst im Zuge ihrer Berufung stattfand. Endemanns Promotion war Teil seiner Amtseinführung als Professor primarius und erfolgte nach dem traditionellen Zeremoniell mit akademischer Disputation, Eidesleistung und der Übergabe der Doktorinsignien.

Am 1. Juni 1782 nahm Endemann seine Lehrtätigkeit mit einer öffentlichen Antrittsvorlesung auf, zu der die Universitätsmitglieder und die städtische Öffentlichkeit geladen waren. In dieser Vorstellung seines Lehrprogramms skizzierte er seine Auffassung von den Aufgaben der Theologie.

Die Vorlesungstätigkeit erstreckte sich über drei Hauptgebiete: die Exegese des Alten Testaments, die Pastoraltheologie sowie die Dogmatik einschließlich Polemik und Moraltheologie. Die Pastoraltheologie behandelte die praktischen Aufgaben des Pfarramts wie Predigt, Seelsorge, Liturgie und Katechetik. Demgegenüber umfasste die Dogmatik die systematische Darstellung der Glaubenslehre, während die Polemik der Auseinandersetzung mit anderen Lehrmeinungen und Konfessionen diente. Zuletzt vermittelte die Moraltheologie die Grundlagen der christlichen Ethik.

Das Vorlesungssystem des 18. Jahrhunderts basierte auf Ankündigungen zu Semesterbeginn, wobei die Lehrveranstaltungen in der Regel vier- bis fünfmal wöchentlich für jeweils eine Stunde stattfanden. Die Vorlesungen bestanden aus Diktaten oder Erläuterungen eines Lehrbuchs. Endemann nutzte hierfür seine eigenen Publikationen, um den Studierenden den gedruckten Text zur Verfügung zu stellen. Laut zeitgenössischen Quellen lehnte er das wörtliche Mitschreiben ab, um stattdessen die inhaltliche Auseinandersetzung der Zuhörer zu fördern.

Zu seinen Studenten gehörte unter anderem der spätere Kirchenliederdichter Johann Heinrich Karl Hengstenberg.[5]

Im Jahr 1784 wurde Endemann zum Dekan der theologischen Fakultät gewählt. In dieser Funktion oblag ihm die Leitung der Fakultätsgeschäfte, die Einberufung und der Vorsitz der Fakultätssitzungen, die Vertretung des Gremiums gegenüber der Universitätsleitung sowie die administrative Zuständigkeit für akademische Verfahren wie Promotionen. Das Dekanat wechselte turnusmäßig zwischen den Professoren, weshalb seine Amtszeit regulär auf ein Jahr befristet war.

Die Marburger Phase war von Konflikten mit einer jüngeren theologischen Generation geprägt, die unter dem Einfluss der Philosophie Immanuel Kants stand. Endemann behielt die Wolffsche Methode und die traditionellen kirchlichen Dogmen bei, was in seinen letzten Lebensjahren zu einer akademischen Isolation führte.

Er erlag nach siebenwöchiger Krankheit einem Darmverschluss (historisch als Miserere bezeichnet). Ihm folgte Johann Jacob Pfeiffer in das Lehramt.[6]

Der Konflikt mit der jüngeren Generation und die Kantische Wende

Endemanns letzte Jahre waren von Auseinandersetzungen mit einer jüngeren Theologengeneration geprägt.

1781 erschien Kants Kritik der reinen Vernunft. Kant zeigte, dass Gottes Existenz, Unsterblichkeit der Seele und Willensfreiheit nicht durch theoretische Vernunft beweisbar sind. Er begründete Religion stattdessen über praktische Vernunft und moralisches Bewusstsein.

Die junge Generation wandte sich von der rationalistischen Dogmatik ab. Sie interpretierten Offenbarung und Dogmen nicht mehr als theoretische Lehrsätze, sondern nach ihrem moralischen Gehalt.

Das theologisches System von Endemann basierte auf der Wolffschen Philosophie. Er setzte sich nicht intensiv mit Kant auseinander. Seine Kritik wiederholte traditionelle Einwände: Die neue Philosophie widerspreche der kirchlichen Lehre und untergrabe die Autorität der Schrift.

In Marburg kam es zu Spannungen zwischen Endemann und jüngeren Kollegen über Berufungen, Curriculum und Dissertationen. Auch im Konsistorium konnte er sich mit seiner konservativen Position nicht durchsetzen. Jüngere Pfarrer predigten eine moralisierende Religion statt traditioneller reformierter Lehre.

Endemann erfüllte weiter seine akademischen Pflichten und arbeitete an Neuauflagen seiner Lehrbücher, aber ohne grundlegende Überarbeitung.

Schriftstellerisches Wirken

Samuel Endemanns literarisches Schaffen konzentriert sich auf seine Lehr- und Konrektorentätigkeit in Hanau sowie seine anschließende Professur in Marburg. Die Schriften sind gemäß der damaligen akademischen Praxis in lateinischer Sprache verfasst. Konzipiert als Lehrbücher für den universitären Unterricht, weisen sie eine systematische Gliederung auf und sind auf die Anforderungen des Vorlesungsbetriebs ausgerichtet.

Schriften (Auswahl)

  • Institutiones theologiae dogmaticae.
  • Reisen der beiden Grafen Philipp Reinhard und Johann Reinhard von Hanau. In: Hanauisches Magazin 3 (1780), 36., 37., 41., 45.–47. Stück (Digitalisat).
  • Institutiones Theologiae Moralis.
  • Samuelis Endemann Professoris Theologiae Primarii Marb. Cons. Eccles. Et Inspectoris Ecclesiar. Ref. Hassiae Superioris, Ditionis Hasso-Cassellanae Compendium Theologiae Dogmaticae In Usum Auditorum. Frankfurt am Main, 1782 (Digitalisat).
  • Compendium theologiae dogmaticae. Frankfurt am Main, 1782 (Digitalisat).
  • Sciagraphia theologiae polemicae. Marburg 1783 (Digitalisat).
  • Compendium theologiae moralis. Frankfurt am Main, 1784 (Digitalisat).

Literatur

  • Samuel Endemann. In: Friedrich Wilhelm Strieder: Grundlage zu einer Hessischen Gelehrten und Schriftsteller Geschichte seit der Reformation bis auf gegenwärtige Zeiten, Band 3. Göttingen, 1783. S. 342–346 (Digitalisat).
  • Memoria Samuelis Endemanni Sacrarum Litterarum Doctoris Et Professoris Primarii In Academia Marburgica In Hassia Superiore Inspectoris. Marburg, 1789 (Digitalisat)
  • Samuel Endemann. In: Wilhelm Bach: Geschichtliche Nachrichten von dem Gerichte und der Pfarrei Jesberg im Kurfürstenthum Hessen. Kassel, 1828. S. 134–136 (Digitalisat).
  • Samuel Endemann. In: Heinrich Döring: Die gelehrten Theologen Deutschlands im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert, 1. Band. Neustadt an der Orla, 1831. S. 371–372 (Digitalisat).
  • Samuel Endemann. In: Wilhelm Gass: Geschichte der protestantischen Dogmatik in ihrem Zusammenhange mit der Theologie überhaupt, Band 4. Berlin, 1867. S. 85, 422 und 429–433 (Digitalisat).
  • Samuel Endemann. In: Heinrich Heppe: Geschichte der theologischen Facultät zu Marburg. Marburg, 1873. S. 17 und 49 (Digitalisat).
  • Julius August Wagenmann: Endemann, Samuel. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 6, Duncker & Humblot, Leipzig 1877, S. 105.
  • Samuel Endemann. In: Franz Gundlach: Catalogus professorum academiae Marburgensis; die akademischen Lehrer der Philipps-Universität in Marburg: Von 1527 bis 1910. Marburg, 1927. S. 35 (Digitalisat).

Einzelnachweise

  1. Endemann, Johann Konrad. In: Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen. Abgerufen am 24. Juni 2026.
  2. Christian Heinrich Motz. In: Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen. Abgerufen am 24. Juni 2026.
  3. Chronik Jesberg. 1954, abgerufen am 24. Juni 2026.
  4. Königliches Gymnasium (Hanau Germany): Programm womit zu d. am ... im Hörsaal d. Gymnasiums statt findenden öffentl. Prüfungen ergebenst einladet ... 1871 (google.de [abgerufen am 24. Juni 2026]).
  5. Johannes Bachmann: Ernst Wilhelm Hengstenberg: sein Leben und Wirken nach gedruckten und ungedruckten Quellen. Bertelsmann, 1876 (google.de [abgerufen am 24. Juni 2026]).
  6. Intelligenzblatt. 20. Juni 1789, abgerufen am 24. Juni 2026.

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