Orestes-Papyrus
Der Orestes-Papyrus ist ein fragmentarisch erhaltener Papyrus, der einen Teil der altgriechischen Tragödie Orestes des Euripides enthält. Er wird an das Ende des 3. oder den Anfang des 2. Jahrhunderts v. Chr. datiert. Über und im Text stehen musikalische Notationen, deren Bedeutung unterschiedlich interpretiert worden ist. Der Orestes-Papyrus ist die älteste bekannte Überlieferung des Euripides-Textes und gehört zu den ältesten bekannten Überlieferungen von Musik in einer eigenen Notenschrift. Heute befindet sich der Papyrus in der Papyrussammlung der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien (P.Vindob. G 2315).[1]
Beschreibung
Der einseitig beschriebene Papyrus (9,2 × 8,5 cm) wurde Ende des 19. Jahrhunderts aus einer im ägyptischen Hermopolis Magna gefundenen Mumienkartonage herausgelöst. Mit einer Anzahl weiterer Papyri erwarb ihn 1883 Rainer von Österreich. Erstmals wurde er 1892 von Karl Wessely wissenschaftlich beschrieben.[2] Der linke, untere und rechte Rand sind verloren. Wessely identifizierte die Zeilen 338–344 des ersten Chorgesanges (Stasimon melos) des Orestes von Euripides. Der Papyrus weicht von allen anderen überlieferten Handschriften ab: Die erste Zeile „κατολοφύρομαι, κατολοφ]ύρομαι“ ist eigentlich Zeile 339, es folgen Zeilen 338 und 340–344. Die sieben Textlinien wechseln mit Notationen ab und bilden somit eine Partitur.
Text

κατολοφύρομαι, κατολοφ]ύρομαι,
ματέρος [αἷμα σᾶς, ὅ σ’ ἀναβα]κχεύει,
ὁ μέγ[ας ὄλβος οὐ μόνιμο]ς ἐν βροτοῖς,
ἀνὰ [δὲ λαῖφος ὥς τις ἀκά]του θο[ᾶς] τιν[άξας δαίμων],
κατέκλυσεν [δεινῶν πόνων] ὡς πόντ[ου
λάβροις ὀλεθρίοισιν ἐν κύμασιν
Ich muss dich bejammern, ich muss dich bejammern.
[…] das Blut deiner Mutter, das mit Wahnsinn dich schlägt,
Gewaltiger Reichtum besteht nicht auf Erden –
Ein Daimon lässt ihn zerflattern,
wie das Segel an eilendem Schiff,
und versinken ihn in furchtbarer Not,
wie in gierig verschlingenden Wogen des Meeres.[3]
Musikalische Notation
Während der Text zweifelsfrei identifiziert ist, wird die Interpretation der musikalischen Notation seit der Erstbeschreibung des Papyrus kontrovers diskutiert. Die Textzeilen werden an verschiedenen Stellen durch Einsetzen eines stufenartigen Zeichens (౽) sowie von einer Gruppe aus drei Zeichen („Haken“-Gamma-Sigma: СΓς) unterbrochen. Über den Worten finden sich die Buchstaben Ε Ζ Ι Π C Φ.[4][5]
Einzelnachweise
- ↑ Eintrag zum Orestes-Papyrus in der Österreichischen Nationalbibliothek.
- ↑ Karl Wessely: Papyrusfragment des Chorgesanges von Euripides Orest 330 ff. mit Partitur. In: Joseph von Karabacek (Hrsg.): Mittheilungen aus der Sammlung der Papyrus Erzherzog Rainers. Band 5, Nr. 3–4, 18. August 1892, S. 65–73 (babel.hathitrust.org).
- ↑ Euripides: Tragödien. Hrsg.: Bernhard Zimmermann, übersetzt von Dietrich Ebener. Band 2. Artemis & Winkler, Mannheim 2010, ISBN 978-3-7608-1693-7, S. 1003 (Zeile 339 wurde an den Anfang gestellt, um den Papyrustext korrekt wiederzugeben.).
- ↑ Egert Pöhlmann: Denkmäler altgriechischer Musik. Hans Carl, Nürnberg 1970 (Textarchiv – Internet Archive).
- ↑ Stelios Psaroudakes: The Orestes Papyrus: Some thoughts on the dubious musical signs. In: Studien zur Musikarchäologie. Band 4, 2004, S. 473–494 (academia.edu).
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