Marjorie Gullan

Marjorie Gullan, 1916

Marjorie Gullan, geborene Margaret Isabel Morton Gullan (* 1879 in Reading, Berkshire; † 8. Oktober 1959 in London)[1] war eine englisch-britische Lehrerin und Hochschuldozentin für Sprechbildung und Mitbegründerin des Speech Institute in London. Sie gilt als Wegbereiterin für die Entwicklung und Verbreitung des Chorsprechens, das in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts seine Blütezeit erlebte.[2][3][4]

Leben

Gullan war das drittjüngste von acht Kindern von James Thomas C. Gullan (* 1838) und Christiana J. Gullan, geborene Voss (* 1850). 1883 zog die Familie nach Glasgow, wo der Vater zum Minister an der Augustine Free Church ernannt wurde. Zum Freundeskreis der Familie gehörten die Frauenwahlrechtsaktivisten Helen Fraser und das Ehepaar Graham und Margaret Moffat.[3]

Gullan studierte in London Elocution (Neuschöpfung des 18. und 19. Jahrhunderts, „Sprachkunst“) und Stimmbildung. Ab 1901 wird sie im zehnjährigen Zensus als „Lehrerin für Sprachkunst“ geführt. Im Jahr 1904 gründete Gullan in der Sauchiehall Street 534 (heute Teil der Fußgängerzone in Glasgow) die „School of Elocution“ („Schule für Sprachkunst“), die sich als erfolgreich erwies. Außerdem unterrichtete sie Theater und Sprachkunst an der Park School for Girls und der Laurel Bank School.[3] Um sich weiter vom der Bedeutung der elocutio in der klassischen Rhetorik abzusetzen, ersetzte Gullan es bald durch dramatic art und speech training. Eine Technik, die auf unisono gesprochenem Text in Verbindung mit rhythmischen Bewegungen basierte, wurde als Marjorie Gullan Method of Rhythmic Movement to Spoken Poetry bekannt.[4]

Gullan war eine führende Persönlichkeit der britischen Bewegung für „Sprechchöre“[5] und gründete um 1922 in Glasgow den ersten Sprechchor überhaupt, die Glasgow Nightingales.[4][6] Er war das Ergebnis von Solo-Sprechvorführungen ihrer Schüler bei den Festivals in Glasgow und Edinburgh zwischen 1919 und 1922 und knüpfte an eine Tradition des chorischen Sprechens an, die bis ins antike griechische Drama zurückreicht. 1925 gründete Gullan den London Verse Speaking Choir und veröffentlichte kurz darauf Spoken Poetry in the School.[7] Ebenfalls in den 1920er Jahren wurden zwei spezielle Festivals für das Vortragen von Gedichten ins Leben gerufen: die Oxford Recitations im Jahr 1922 und das London Speech Festival im Jahr 1927. Chöre für das Vortragen von Gedichten wurden als einzigartige Möglichkeit gepriesen, Poesie zu schätzen und zu verstehen, da sie jedem, der sprechen konnte, die Teilnahme ermöglichten.[6][8]

Gullan setzte sich dafür ein, Sprechkurse in den Lehrplan von Schulen und Lehrerausbildungsstätten aufzunehmen.[4] Sie war Präsidentin der Speech Fellowship, einer Vereinigung, die zur Förderung dieser Ziele gegründet worden war.[1] Von 1926 bis 1938 unterrichtete Gullan Lehrer am London Day Training College (heute das Institute of Education des University College London) in Sprachausbildung und Stimmbildung.[4] In London wurde Gullan Leiterin der Abteilung für Sprachausbildung und darstellende Kunst am Regent Street Polytechnic. 1932 eröffnete sie gemeinsam mit Clarissa Graves das Speech Institute, dessen Kursangebot Chor- und Puppenspiel umfasste.[3] Der Trend zum Versvortrag griff auf Amerika über, wo Gullan Tourneen unternahm und Vorträge hielt.[4]

Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg engagierte sich Gullan ehrenamtlich als Leiterin in einem Umsiedlungszentrum in Kettering, wo sie für die Betreuung und Erziehung von über 200 Kindern aus den ärmsten Stadtteilen Londons verantwortlich war.[4]

Gullan war zudem Autorin von acht Lehrbüchern und Anthologien und Herausgeberin der Zeitschrift Good Speech (später Speech News).[4] 1952 wurde Gullan für ihre Verdienste um die Etablierung des Sprechunterrichts an Schulen und die Wiederbelebung des Interesses am Chorsprechen zur Member of the Order of the British Empire (MBE) ernannt.[3]

Angesichts sinkender Teilnehmerzahlen, da viele Schulen selbst Stimmbildungskurse einführten, schloss das Speech Institute 1953.[3]

Gullan starb 1959 in Reading.[3] The Times schrieb in einem Nachruf:

The news of Marjorie Gullan’s death in hospital on October 8 will sadden her friends and admirers in many countries of the English-speaking world. Her ideas have spread so far that many people must have adopted them without knowing them to be hers, but her books are still widely used and the older generation of teachers and educationists remember the great pioneer work which she did between the two world wars, in revitalising the teaching of poetry in schools, especially to young children, and in reviving choric speech.

„Die Nachricht vom Tod Marjorie Gullans im Krankenhaus am 8. Oktober wird ihre Freunde und Bewunderer in vielen Ländern der englischsprachigen Welt traurig stimmen. Ihre Ideen haben sich so weit verbreitet, dass viele Menschen sie wohl übernommen haben, ohne zu wissen, dass sie von ihr stammten, doch ihre Bücher finden nach wie vor breite Verwendung, und die ältere Generation von Lehrern und Pädagogen erinnert sich an die großartige Pionierarbeit, die sie zwischen den beiden Weltkriegen leistete, indem sie den Poesieunterricht an Schulen, insbesondere für jüngere Kinder, wiederbelebte und das Chorsprechen wieder einführte.“

John Hampden: The Times[1]

Die Mitchell Library in Glasgow verfügt über eine Zeitungsausschnittsammlung über sie, mehrere 78-U/min-Schallplatten mit Aufnahmen von ihr, die ihr verliehene Medaille und einige weitere Gegenstände ihres Nachlasses.[3]

Veröffentlichungen (Auswahl)

  • Speech Training in the School. Evans Brothers Ltd., London 1920 (archive.org).
  • Spoken Poetry In The Schools. Methuen & Co., London 1926.
  • mit: Percival Gurrey: Poetry Speaking for Children. Methuen & Co., London 1932 (Teil I, Teil II, Teil III – 3 Teile, I The Beginning, II Marching Forward, III Senior Work).
  • The Speech Choir With American Poetry And English Ballads For Choral Reading. Harper & Brothers, London 1937 (archive.org).
  • Choral Speaking. Methuen & Co., London 1940 (archive.org).
  • mit: Clive Sansom (Hrsg.): The Poet Speaks: An Anthology for Choral Speaking. Methuen & Co., London 1940 (archive.org).
  • War time is education time. In: Quarterly Journal of Speech. Band 27, Oktober 1941, S. 371–376.

Einzelnachweise

  1. a b c Miss Marjorie Gullan. In: The Times. 13. Oktober 1959, S. 15.
  2. W. R. A.: Review of «Choral Speaking». In: The Musical Times. Band 73, Nr. 1067, 1. Januar 1932, S. 41, doi:10.2307/915178.
  3. a b c d e f g h The Marjorie Gullan Collection. In: Glasgowlife. Mitchell Library, abgerufen am 4. Juni 2026.
  4. a b c d e f g h Ronald Shields: Marjorie Gullan: Speech Teacher, Lecturer, Public Reader, and Pioneer in Choral Speaking (Scotland, England). Dissertation, Louisiana State University, Baton Rouge, LA 1983, doi:10.31390/gradschool_disstheses.3908.
  5. News and Notes. In: The English Journal. Band 21, Nr. 10, 1932, S. 844–851, JSTOR:804449.
  6. a b Deborah Cannon Partridge: Verse-Speaking as a Creative Art. In: Elementary English. Band 25, Nr. 7, 1948, S. 442–445, JSTOR:41383573.
  7. J. G.: «Spoken Poetry in the Schools» by Marjorie Gullan. In: The Musical Times. Band 68, Nr. 1008, 1. Februar 1927, S. 133 (archive.org).
  8. Lucy Kangley: An Approach to Poetry Appreciation. In: The Elementary English Review. Band 13, Nr. 6, 1936, S. 205–240, JSTOR:41380962.

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