Harold B. Acton beschrieb ihn als Mann der Aufklärung, einen Verfechter der wirtschaftlichen und sozialen Freiheit, der religiösen Toleranz und der rechtlichen und erzieherischen Reformen. Condorcet war jedoch auch ein Mann mit strengen Prinzipien. Seine Jugendfreundin Amélie Suard charakterisierte ihn folgendermaßen: „Es gab niemanden, der fester in seinen Überzeugungen, niemand, der beständiger in seinen Gefühlen war.“ Von sich selbst sagte Condorcet: „Ich werde mich niemals dazu erniedrigen, meine Grundsätze und mein Verhalten zu rechtfertigen.“ Er ist im Bereich der Sozial- und Politikwissenschaften außerdem für das sogenannte Condorcet-Paradoxon berühmt.
Condorcet erhielt zunächst eine Ausbildung am Jesuitenkolleg in Reims, anschließend studierte er am Collège Mazarin in Paris. 1765 veröffentlichte Condorcet die Arbeit Essai sur le calcul intégral. In dieser Schaffensphase publizierte er mehrere wichtige mathematische Arbeiten, so 1772 eine weitere zur Integralrechnung. Im selben Jahr lernte Condorcet den französischen ÖkonomenAnne Robert Jacques Turgot kennen, der ihn zwei Jahre später (1774) unter Ludwig XV. zum Generalinspekteur der staatlichen Münze ernannte. Diese Stellung bekleidete er bis 1791, jedoch nach der Entlassung Turgots im Jahre 1776 eher widerwillig.
Seine wichtigsten wissenschaftlichen Beiträge waren seine Arbeiten zur Wahrscheinlichkeitsrechnung und zur mathematischen Philosophie, ferner zur Analysis und zum Dreikörperproblem (1768). Entscheidend für die Entwicklung der Wahrscheinlichkeitstheorie war seine 1785 veröffentlichte Abhandlung Essai sur l’application de l’analyse à la probabilité des décisions rendues à la pluralité des voix.
Condorcet entwickelte die Condorcet-Methode (zur Durchführung und Auswertung von Wahlen von einem unter mehreren Kandidaten; einer seiner damaligen Konkurrenten war Jean Charles Borda). Er ist bekannt für das Condorcet-Paradoxon, wonach es möglich ist, dass eine Mehrheit die Option A gegenüber einer Option B bevorzugt, zugleich eine Mehrheit die Option B gegenüber einer Option C bevorzugt und dennoch eine Mehrheit die Option C gegenüber der Option A bevorzugt.
Bekannt ist auch das Condorcet-Jury-Theorem. In seiner Grundform geht es von folgenden Annahmen aus: Eine Jury habe zwischen zwei Optionen zu wählen; jedes Mitglied dieser Jury sei in der Lage, mit Wahrscheinlichkeit q > 0,5 die bessere Entscheidung zu wählen; eine Jury entscheide mit der absoluten Mehrheit der (ungeraden) Anzahl ihrer Mitglieder. Unter diesen drei Annahmen gelten die folgenden drei Aussagen:
Die Wahrscheinlichkeit einer korrekten Entscheidung durch eine Jury von drei oder mehr Mitgliedern ist größer als die Wahrscheinlichkeit einer korrekten Entscheidung durch ein einzelnes Mitglied.
Die Wahrscheinlichkeit einer korrekten Jury-Entscheidung steigt mit der Zahl der Mitglieder.
Geht die Mitgliederzahl gegen unendlich, so geht die Wahrscheinlichkeit einer korrekten Entscheidung gegen Eins.
Für den Fall q < 0,5 gilt das Gegenteil: je weniger Mitglieder abstimmen, desto besser. Das Jury-Theorem hat Bedeutung für den Vergleich zwischen repräsentativer und direkter Demokratie, zwischen föderalen und zentralistischen Systemen, oder zwischen steilen oder flachen Hierarchien in Organisationen.
Condorcet betätigte sich auch als Biograph und publizierte Vie de M. Turgot (1786) und Vie de Voltaire (1789). Aus diesen Biographien geht deutlich hervor, dass er Turgots ökonomische Theorien ebenso befürwortete wie Voltaires Opposition zu den Kirchen.
Französische Revolution
Beim Ausbruch der Französischen Revolution, der er sich 1789 anschloss, vertrat er die Sache der Liberalen und war Mitglied in der Gesellschaft der Dreißig. In seiner Schrift Sur l’admission des femmes au droit de cité 1790 forderte er das Bürger- und Wahlrecht für Frauen.
Gemeinsam mit seiner Ehefrau sowie Thomas Paine, dem GirondistenJacques Pierre Brissot und weiteren, gründete er ein Journal, um das Bewusstsein für das republikanische politische Denken in Frankreich zu fördern. Wichtigste Redakteurin wurde seine Frau. Sophie de Condorcets Texte in dem Journal waren nicht signiert oder trugen die Signatur „La Vérité“, die Wahrheit. Auch übersetzte sie Texte von Paine und anderen und schrieb vermutlich ihre Sympathiebriefe.
Dieses Journal, Le Républicain, wurde auf den Wunsch von Condorcet bereits nach wenigen Monaten eingestellt. Grund war das Massaker auf dem Marsfeld, bei dem Sophie de Condorcet und die gemeinsame Tochter Eliza zugegen waren. Trotzdem führte gerade dieses Journal zur Gründung eines kurzzeitigen politischen Klubs, der Republikanischen Gesellschaft[5].
1791 wurde er als Pariser Abgeordneter in die Gesetzgebende Nationalversammlung gewählt, im Februar 1792 wurde er deren Präsident. In dieser Funktion entwarf er weitreichende Pläne für ein staatliches Bildungssystem, die so genannte »Nationalerziehung«. Diese sah die Beseitigung aller Klassenunterschiede im Bildungswesen sowie dessen Unabhängigkeit von Staat und Kirche vor. Weiterhin forderte er eine umfassende Erwachsenenbildung.
Als einer der Führer der Republikaner und Deputierter des Konvents trat er den gemäßigten Girondisten bei und vertrat vehement die Ansicht, dass das Leben des Königs geschont werden solle. Condorcet war Mitglied des Verfassungsausschusses. Bis zum Februar des Jahres 1793 erarbeitete er den Entwurf für eine republikanische Verfassung, die von den Girondisten unterstützt wurde. Da diese jedoch schon im Juni desselben Jahres gestürzt wurden, wurde der Entwurf nie angenommen.
Mit dem Sturz der Girondisten und der Machtübernahme durch die radikaleren Jakobiner unter Robespierre wurde auch Condorcet angeklagt, auch weil er heftig gegen deren nach seiner Meinung stümperhaft zusammengeschriebene neue Verfassung argumentierte. Er tauchte unter und konnte sich so bis 1794 seiner Verhaftung entziehen. In seinem Versteck schrieb er die philosophische Abhandlung Esquisse d’un tableau historique des progrès de l’esprit humain.[6] In diesem historischen Abriss verfolgte Condorcet den Fortschritt des menschlichen Geistes seit seinen Anfängen. Er teilte die Entwicklung in neun Epochen ein und zeigte die beständige Weiterentwicklung, die Perfektibilität des Menschen. Er vertrat die Ansicht, dass der Mensch von Natur aus gut und zur Vervollkommnung seiner intellektuellen und moralischen Anlagen fähig sei.
Bildungsunterschiede seien die Hauptursache der Tyrannei. Daher trat Condorcet schon früh für allgemein zugängliche Bildungseinrichtungen ein, die unabhängig von staatlichem Einfluss sein sollten. Nach Condorcet sollte zwischen einer schulischen Grundbildung und einer weiterführenden Erwachsenenbildung unterschieden werden.
Im März 1794 floh er aus seinem Unterschlupf in einem Pariser Wohnhaus, da er sich dort nicht mehr sicher fühlte. Seine Flucht aus Paris endete jedoch schon nach drei Tagen, am 27. März 1794 mit seiner Verhaftung in Clamart und Einkerkerung. Je nach Quelle starb er noch am selben Tag oder erst zwei Tage später. Auch die Todesursache ist nicht restlos geklärt: Die einen behaupten, er sei von seinen Häschern vergiftet worden, andere gehen von Suizid oder gar einem Tod durch Erschöpfung aus. Condorcets Schriften wurden posthum 1802 als Œuvres Complètes von Carl Friedrich Cramer in Paris gedruckt und in Braunschweig verlegt.
1785: Essai sur l’application de l’analyse à la probabilité des décisions rendues à la pluralité des voix. (Volltext in der Google-Buchsuche; Rezension: Essai…. In: L’esprit des journaux, ouvrage périodique et littéraire / L’esprit des journaux, françois/français et étrangers, Jahrgang 1786, S. 473 (online bei ANNO).Vorlage:ANNO/Wartung/esj).
1786: De l’influence de la révolution d’Amérique sur l’Europe.
Marie Jean Antoine de Condorcet: Oeuvres, hrsg. von A. Condorcet O’Connor und F. Arago, Paris 1847-49. Reprint in 12 Bänden bei Frommann-Holzboog, Stuttgart-Bad Cannstatt 1968, ISBN 978-3-7728-0099-3
Literatur
Alfred Kölz: Fortschritt, unideologisch: Von der Aktualität Condorcets (1743–1794), in: Alfred Kölz: Der Weg der Schweiz zum modernen Bundesstaat. Historische Abhandlungen, S. 161–170, Chur, Zürich 1998, ISBN 3-7253-0609-5
Stephan Lüchinger: Das politische Denken von Condorcet (1743–1794), Haupt, Bern 2002, ISBN 3-258-06557-8
Rolf Reichardt: Reform und Revolution bei Condorcet. Ein Beitrag zur späten Aufklärung in Frankreich, (Pariser historische Studien; Bd. 10), Röhrscheid, Bonn 1973, ISBN 3-7928-0316-X (Digitalisat)
Heinz-Hermann Schepp: Antoine de Condorcet (1743–1794), in: Hans Scheuerl (Hrsg.): Klassiker der Pädagogik, Beck, München
1. – Von Erasmus von Rotterdam bis Herbert Spencer, 1991, ISBN 3-406-35533-1, S. 159–169 u. 323–324
Daniel Schulz (Hrsg.): Marquis de Condorcet: Freiheit, Revolution, Verfassung – Kleine politische Schriften. 2010, ISBN 978-3-05-004461-3, Schriften zur europäischen Ideengeschichte, Bd. 4
Dieter Thomä: Zu Caritat de Condorcet, Ratschläge an seine Tochter in: Philosophische Meisterstücke I, Reclam, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-15-009735-9
Klaus Vondung: Condorcet. In Tilo Schabert (Hrsg.): Der Mensch als Schöpfer der Welt – Formen und Phasen revolutionären Denkens in Frankreich 1762 bis 1794. List, München 1971, ISBN 978-3-471-61510-2, S. 111–141.
David Williams: Condorcet and modernity, CUP, Cambridge 2004, ISBN 0-521-84139-9