Baidaphon

Baidaphon (auch Baïdaphone) war ein Plattenlabel, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Michel Baida in Berlin und weiteren Mitgliedern der aus Beirut stammenden Familie Baida gegründet wurde. Indem das Label populäre arabische Musik vertrieb und Zweigstellen in Südwestasien und Nordafrika gründete, entwickelte es sich in den 1920er und 1930er Jahren zu einem der erfolgreichsten Tonträgerunternehmen in der arabischen Welt.
Geschichte

Das Unternehmen wurde 1906 von Mitgliedern der libanesisch-syrischen Familie Baida unter dem Namen „Baida Record (Baida Cousins Beyrouth, Syrie)“ als erstes unabhängiges arabisches Label gegründet und diente zunächst als Produktionsfirma für die Aufnahme und den Vertrieb der Lieder des Sängers Farajallah Baida.[1][2] 1912 wurde je eine Firma unter dem Namen Baidaphon im Berliner und im Hamburger Handelsregister eingetragen. Die Firma in Hamburg war ein Export- und Importunternehmen für Musikgeräte und Instrumente sowie Schallplatten. Baidaphon Berlin vertrieb Schellackplatten, Grammophone und Zubehör wie Nadeln für die Tonabtastung.[3]
In seinen frühen Jahren arbeitete Baidaphon mit der deutschen Plattenfirma Lyrophon zusammen, die die Aufnahmen für Baidaphon produzierte und vertrieb. Nach der Übernahme von Lyrophon durch die Carl Lindström AG setzte Baidaphon seine Aktivitäten in Partnerschaft mit diesem Unternehmen fort und ließ die Marke Baidaphon zusammen mit ihrem charakteristischen Gazellen-Logo registrieren. Nach dem Ersten Weltkrieg blieb das Unternehmen unter der Leitung von Mitgliedern der Familie Baida, und die Schallplatten wurden weiterhin in Deutschland gepresst.[3][2]
In den 1920er und 1930er Jahren nahm Baidaphon Musik an mehreren Orten in der arabischen Welt auf. Es wurden Aufnahmen in Algerien, dem Libanon, dem Irak, Kuwait und anderen Golfstaaten gemacht, während weitere Zweigstellen in Beirut, Damaskus, Bagdad und Kairo eröffnet wurden.[4] Über die Adresse Pierre & Gabriel Baida – Berlin Mittelstraße 55 vertrieb die Firma ihre Aufnahmen auch international über den Versandhandel von Berlin aus und bediente damit die arabischen Diasporagemeinden in Europa, Amerika und anderswo.[5][6]
In der Zwischenkriegszeit wurde die familiengeführte Firma einer der erfolgreichsten Produzenten von kommerziellen arabischen Aufnahmen. Indem das Label führende Sänger und Musiker unter Vertrag nahm, trug es wesentlich zum Wachstum der regionalen Tonträgerindustrie bei. Die weite Verbreitung seiner Aufnahmen erregte auch die Aufmerksamkeit der französischen Kolonialbehörden im Maghreb, die die Verbreitung arabischsprachiger Musik misstrauisch als Träger panarabischer und nationalistischer Gefühle betrachteten.[7]
Ende der 1920er Jahre nahm Baidaphon den bekannten ägyptischen Sänger und Komponisten Mohammed Abdel Wahab unter Vertrag, für den es speziell gestaltete Plattenhüllen für die Tochterfirma Cairophon produzierte.[5] Als er 1933 die Hauptrolle in dem ägyptischen Film “Al-Warda al-Baida” (“Die weiße Rose”) spielte, veröffentlichte Baidaphon die Filmmusik dazu.[8]
Nach dem Tod von Pierre Baida Anfang der 1930er Jahre reorganisierte das Unternehmen seine Geschäfte und führte für bestimmte Märkte Tochterfirmen ein. In Ägypten wurde die Kairoer Zweigstelle in Cairophon umbenannt, während im Jemen ein separates Label, Tahaphone, gegründet wurde. Baidaphon vertrieb daneben weiterhin Aufnahmen in der Levante und Nordafrika. Wie der deutsche Schriftsteller Armin Wegner, der Südwestasien durch ausgedehnte Reisen kannte, schrieb, hat das Label „den ganzen Orient mit Platten arabischer Gesänge versorgt [...] hierzu die besten Volkssänger und Musiker der Länder angeworben und in kürzester Zeit ein Millionengeschäft gemacht.“[2]
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland stellte das Unternehmen die Plattenproduktion dort ein und verlagerte diese an Pathé in Frankreich, in die Schweiz und andere europäische Länder. Nach dem Tod Michel Baidas gaben seine Ehefrau und Neffen in Beirut auch nach dem Zweiten Weltkrieg weiterhin Aufnahmen heraus, wobei Veröffentlichungen älterer Aufnahmen auch als digitalisierte Tonträger bis in die frühen 1990er Jahre dokumentiert sind.[9] Danach verschwand das Unternehmen allmählich aus der Tonträgerindustrie. Das genaue Datum seiner Auflösung ist unbekannt.[8]
Künstler

Baidaphon nahm viele der führenden Sänger und Sängerinnen sowie Musiker der arabischen Welt des frühen 20. Jahrhunderts auf. Zu den Künstlern gehörten neben Mohammed Abdel Wahab etwa Umm Kulthum, Mounira El Mahdeya, Asmahan, Farid el Atrache, Leila Mourad, Elie Baida und Habiba Msika. Msika, die arabische nationalistische Bewegungen unterstützte, konnte aufgrund von Kontrolle durch die französische Kolonialaufsicht in ihrem Heimatland Tunesien erst 1928 in Berlin das Lied Anti Souria Biladi („Du, Syrien, bist mein Land“) und eine Ode an den ägyptischen König Fu'ād I. mit dem Titel Ya man yahounnou al-Bey Fouadi („O Bey Fuad, dem mein Herz zugetan ist“) aufnehmen.[10]
Obwohl sich das Label auf arabischsprachige Musik spezialisierte, umfasste sein Katalog auch Aufnahmen, die die sprachliche und kulturelle Vielfalt des östlichen Mittelmeerraums und Südwestasiens widerspiegelten. Dazu gehörten griechisch-orthodoxe liturgische Musik, türkische Instrumentalwerke und Lieder, die auf Armenisch, Assyrisch, Kurdisch, Aserbaidschanisch und Hebräisch vorgetragen wurden.[11][12]
Rezeption
Das umfangreichste Archiv mit mehr als 600 historischen Aufnahmen von Baidaphon besitzt das Centre des Musiques Arabes et Mediterranéenes in Tunesien.[13] Im Berliner Phonogramm-Archiv sind nahezu 200 Baidaphon-Platten archiviert,[14] und das Archiv der französischen Nationalbibliothek umfasst etwa 250 Aufnahmen.[15] Das Büro von Baidaphon in Beirut wurde während des libanesischen Bürgerkriegs 1987 zerstört.[5]
Im Rahmen der Recherchen zur Geschichte der deutschen Schellackplatten gelang es dem Diskografen Rainer Lotz, zahlreiche Etiketten und zugehörige Informationen aus der Firmengeschichte von Baidaphon zu veröffentlichen.[2] Weiterhin enthält das Tonarchiv der British Library Plattenhüllen von Baidaphon und Cairophon, die als Zeugnisse der Kultur- und Sozialgeschichte der arabischen Welt in Zusammenarbeit mit der Qatar Digital Library erforscht wurden.[5]
Sowohl in Artikeln über Habiba Msika[16] als auch in seiner Dissertation von 2017 und der darauf folgenden Studie Recording History: Jews, Muslims, and Music across Twentieth-Century North Africa[17] ging der amerikanische Musikhistoriker Christopher Silver mehrfach auf die kommerziellen und künstlerischen Aspekte der historisch bedeutenden Produzenten von arabischen Schallplatten ein, wozu auch Baidaphon zählte.[18]
Ende Juli 2020 eröffnete das Musée des civilisations de l’Europe et de la Méditerranée (MUCEM) in Marseille die Ausstellung L’Orient sonore, Musiques oubliées, Musiques vivantes („Der klingende Orient, vergessene Musik, lebendige Musik“). In Zusammenarbeit mit der Beiruter Amar Stiftung[19] wurde darin anhand von Baidaphon und anderen Plattenfirmen die Geschichte der von Vergessen bedrohten musikalischen Traditionen in der arabischen Welt dargestellt. Den Schwerpunkt bildete dabei die akustische Dokumentation durch die Schallplatten und damit die Möglichkeit, diese Musik vor dem Vergessen zu bewahren.[20]
Weblinks
- Wie die Schallplatten mit der Gazelle das Berlin der Zwanzigerjahre erobern, kostenpflichtiger Artikel im Spiegel, 11. Mai 2025
- Das vergessene Erbe eines arabischen Indie-Labels. Audio von Deutschlandfunk Kultur. 26. März 2025.
Einzelnachweise
- ↑ Faraj Allāh Bayḍā: Yilbaqlik shak al-almās, 1910. In: harvardmusiclib.aviaryplatform.com. Abgerufen am 2. August 2026 (amerikanisches Englisch).
- ↑ a b c d Rainer E. Lotz, Michael Gunrem, Stephan Puille: Baida. (PDF (10 MB)) In: The German 78rpm Record Label Book. Abgerufen am 31. Juli 2026.
- ↑ a b Irit Neidhardt: The Mystery of Tycoon Michel Baida in Old Arab Berlin. In: The Markaz Review. 15. September 2022, abgerufen am 9. Juli 2026 (amerikanisches Englisch).
- ↑ Baidaphon. In: catalogue.bnf.fr. Abgerufen am 9. Juli 2026 (französisch).
- ↑ a b c d Arij Al-Soltan: Arabic Music Record Sleeves and What They Can Tell Us. Qatar Digital Library, 4. September 2025, abgerufen am 31. Juli 2026 (englisch).
- ↑ Ali Jihad Racy: Egyptian Music Recording History 1904-1932. In: Ethnomusicology. 20. Jahrgang, Nr. 1, 1979, S. 23–48, doi:10.2307/850819, JSTOR:850819 (englisch, scribd.com [abgerufen am 9. Juli 2026]).
- ↑ Chris Silver: The Life and Death of North Africa’s First Superstar. 24. April 2018, abgerufen am 18. Juli 2026 (englisch).
- ↑ a b Anna-Theresa Bachmann, Hannah El-Hitami: The Arab World’s First Indie Record Label. In: New Lines Magazine. 26. September 2025, abgerufen am 2. August 2026 (englisch).
- ↑ Muḥammad ʿAbd al-Wahhāb: Alf Leila Nachwati Etab... [etc.] Mohamed Abdel Wahab, luth... [et al.]. In: catalogue.bnf.fr. 1993, abgerufen am 2. August 2026 (französisch).
- ↑ Christopher Silver: Habiba Messika – Anti Souria Biladi & Ya man yahounnou – Baidaphon, c. 1928. In: Gharamophone. 25. April 2018, abgerufen am 9. Juli 2026 (englisch).
- ↑ Sephardic Music: A Century of Recordings. In: www.sephardicmusic.org. Abgerufen am 9. Juli 2026 (englisch).
- ↑ Clara Wenz: Yom Yom Odeh: Towards the Biography of a Hebrew Baidaphon Record. In: Jewish Music Research Centre. Archiviert vom am 22. November 2022; abgerufen am 11. Juli 2026 (englisch).
- ↑ Collection : 78_tours_Baidaphone - Telemeta - Open web audio platform with semantics. Centre des musiques arabes et mediterranéennes, Tunesien, archiviert vom am 26. Juli 2026; abgerufen am 4. August 2026 (englisch).
- ↑ Suche: Baidaphon. Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin, 2026, abgerufen am 2. August 2026.
- ↑ BnF Catalogue général: Baidaphon. Bibliothèque nationale de France, abgerufen am 2. August 2026 (französisch).
- ↑ Christopher Silver: Habiba Messika – Anti Souria Biladi & Ya man yahounnou – Baidaphon, c. 1928. In: gharamophone.com. 25. April 2018, abgerufen am 2. August 2026 (englisch).
- ↑ Christopher Silver: Recording History: Jews, Muslims, and Music across Twentieth-Century North Africa. Stanford University Press, 2022, ISBN 978-1-5036-3169-4 (google.com [abgerufen am 2. August 2026]).
- ↑ Christopher Benno Silver: Jews, Music-Making, and the Twentieth Century Maghrib. UCLA, 2017, S. 54–60 (englisch, escholarship.org).
- ↑ About. In: AMAR Foundation for Arab Music Archiving & Research. Abgerufen am 4. August 2026 (amerikanisches Englisch).
- ↑ L'Orient sonore. In: amar-foundation.org. Archiviert vom am 10. Juli 2026; abgerufen am 10. Juli 2026 (französisch).
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