Theatrefragile
TheatreFragile ist eine 2007 gegründete Maskentheater-Compagnie mit Sitz in Detmold (Nordrhein-Westfalen), die ausschließlich im öffentlichen Raum arbeitet. Die Compagnie wird künstlerisch von Marianne Cornil und Luzie Ackers geleitet und verbindet Maskenspiel mit dokumentarisch erarbeiteten Soundcollagen zu gesellschaftlich relevanten Themen[1][2].
Geschichte
Marianne Cornil und Luzie Ackers lernten sich während einer Ausbildung zum Physischen Theater bzw. zur Mime an der Etage, einer Schule für Darstellende Künste in Berlin, kennen, wo sie im Unterricht zur Commedia dell'arte mit Matthew Burton ihre ersten Masken gestalteten[2]. Cornil, die zuvor deutsche Sprache und Kultur an der Sorbonne in Paris studiert hatte, war 2000 nach Berlin gekommen und arbeitete während der Ausbildung zeitweise mit der Masken-Theatergruppe Familie Flöz; Ackers hatte in Berlin Kulturwissenschaften studiert. Sie lernte ebenfalls bei Michael Vogel Techniken des Maskenbaus[2]. Nach der Ausbildung 2024 stellten beide fest, dass sie dieselbe Absicht verfolgten: künstlerische Ausdrucksformen zu gesellschaftlich relevanten Themen unter Einbindung der Zivilgesellschaft zu schaffen, und gründeten daraufhin 2007 TheatreFragile für den öffentlichen Raum[3].
TheatreFragile spielt seit der Gründung 2007 ausschließlich im öffentlichen Raum[4]. 2008 entstand mit „Wir treffen uns im Paradies" die zweite Produktion zum Thema Migration und Exil[3], die dritte, „Himmel in Sicht" (Premiere Mai 2010, Detmold), widmete sich dem Thema des hohen Alters; die vierte Produktion "HOME" feierte im Mai 2012 in Detmold Premiere[5]. Nach 2 Premieren beim europäischen Straßentheaterfestival Bildstörung in Detmold 2010 und 2012 hat die Compagnie seit Februar 2013 ihre künstlerische Basis in einem ehemaligen Hangar im Nordosten der Stadt, dem Hangar 21 – einem früheren Areal der britischen Streitkräfte[2]. Die erste dort entstandene Produktion war „OUT OF BOUNDS", eine Erkundung des angrenzenden Stadtteils Hohenloh[2] dann folgten die Neubearbeitung des Stückes "Wir treffen uns im Paradies" 2026 mit einer Gruppe von 12 Menschen mit und ohne Fluchterfahrung.
Während der COVID-19-Pandemie entwickelte die Compagnie mehrere Rechercheprojekte, um trotz Kontaktbeschränkungen künstlerisch und gesellschaftlich aktiv zu bleiben. Bereits wenige Wochen nach dem ersten Lockdown 2020 erhielt TheatreFragile für das Projekt „body public space (how to meet in distance)" eine Förderzusage des Fonds Darstellende Künste im Rahmen des Maßnahmenpakets #TakeThat des Programms NEUSTART KULTUR; im Oktober 2020 folgte zudem ein vom NRW Landesbüro Freie Darstellende Künste finanziertes Mentoring-Programm sowie ein zweites #takecare-Projekt[3]. Aus dem daran anschließenden Rechercheprojekt „von hier aus" entwickelte sich die Projektidee zu „Wie du in den Wald hineinrufst…", die während des ersten Lockdowns entstand und an das Klimawandel-Thema der Produktion „ARE YOU READY?" anknüpfte[3].
2024 feierte die Inszenierung "close.r, Gesichter der Einsamkeit" Premiere bei dem Festival Bildstörung in Detmold. Hierfür hatte sich TheatreFragile eingängig mit dem Thema Einsamkeit durch Interviews und Austausch mit Sozialwissenschaftlern (unter anderem Dr. Alexander Langenkamp und Dr. Janosch Schobin) und Psychologen beschäftigt.
2025 widmete sich TheatreFragile dem Wald un der Beziehung zwischen Menschen und Pflanzen. Daraus entstand die immersive Inszenierung "STILL, in Dialog mit dem Wald" sowie das europäische Projekt "relating forests"[6].
Träger der Compagnie ist die TheatreFragile gemeinnützige GmbH (Amtsgericht Lemgo, HRB 9755), Geschäftsführerinnen sind Luzie Ackers und Marianne Cornil[7].
Bis 2026 sind elf große Inszenierungen entstanden, deren Vorbereitung jeweils rund zwei Jahre in Anspruch nimmt; ein Teil der Produktionen ist auf Tournee einsetzbar[2]. Ab Herbst 2026 arbeitet die Compagnie an einer neuen Produktion zu den Perspektiven Jugendlicher[2].
Künstlerischer Ansatz
TheatreFragile verbindet Maskentheater mit Soundcollagen, die im Rahmen dokumentarischer Recherchen entstehen und unterschiedliche Standpunkte und Meinungen zusammenführen[8]. Die Inszenierungen widmen sich Themen wie Flucht und Exil, Leben im Alter, Zuhause/Heimat, Klimawandel, Waldsterben und Einsamkeit[8][4]. Charakteristisch ist eine partizipative Arbeitsweise: Die Recherchephase mit intensiven Interviews von Menschen, die in das jeweils ausgewählte Thema involviert sind, bildet die Grundlage für die spätere Inszenierung[3]. Ihre Interviewpartnerinnen und -partner bezeichnet die Compagnie dabei bewusst als „Experten" ihres jeweiligen Themenfelds – etwa für Fluchtwege und Exilleben oder für Erfahrungen des hohen Alters; die Gespräche fließen als Original-Tonaufnahmen in die Inszenierungen ein[5]. Auf klassischen Bühnen oder in geschlossenen Theaterräumen spielt die Compagnie bewusst nicht; im Zentrum steht die direkte Interaktion mit dem Publikum auf der Straße, auf Plätzen, in Stadtvierteln oder im Wald, wobei die Zuschauenden etwa Gegenstände aufheben, Texte vorlesen oder aktiv Teil der Installation werden[2][1].
In einem 2017 im Magazin DOUBLE veröffentlichten Essay beschreibt Marianne Cornil die poetische Maske als befreiend gegenüber der „sozialen Maske", die einem Menschen etwa durch die Flucht aus der Heimat und den damit verbundenen neuen Status als Geflüchteter von außen auferlegt wird; wer die poetische Maske trage, begegne dem Publikum demnach mit voller Würde, ohne auf diesen Status reduziert zu werden[9].
Die von Luzie Ackers gestalteten Masken haben sich im Laufe der Zeit gewandelt: Waren sie zu Beginn klassisch gehalten, wurden für die Produktion „close.r" (2024) zum Thema Einsamkeit übergroße, abstrahierte Styroporgesichter sowie feine, über eine Mundschiene gehaltene Silikonmasken entwickelt[2]. Für „Wir treffen uns im Paradies", die gemeinsam mit Geflüchteten entwickelt wurde, entstanden graue, mundlose Masken[2]. Bei dem Waldprojekt „relating forests" diente die Maske zudem als Wahrnehmungswerkzeug: Sie verwischte laut den Teilnehmenden die Grenze zwischen dem eigenen Körper und dem Wald und ermöglichte einen nichtsprachlichen Perspektivwechsel[6]. Die Compagnie kooperiert seit Jahren mit dem Kulturteam der Stadt Detmold, unter anderem durch öffentlich gezeigte Arbeitsschritte und Workshops[1][10].
Neben den Inszenierungen ist kulturelle Bildung fester Bestandteil der Arbeit: TheatreFragile bietet regelmäßig Workshops im intergenerationellen und interkulturellen Bereich an, etwa im Rahmen des ERASMUS+-Programms „Anti-Bullying Movement Series" oder als Maskentheater-Workshops mit Schulklassen und Jugendgruppen[10]. Für die 2017 überarbeitete Fassung von „Wir treffen uns im Paradies" führte die Compagnie zudem Workshops durch, in denen Menschen mit und ohne eigene Fluchterfahrung gemeinsam in das Maskenspiel eingeführt wurden und in den Aufführungen mitwirkten[9]. Die im Projekt „relating forests" entwickelte Methodik – eine Kombination aus Maskenarbeit, sinnlichen Übungen und partizipativer Mythenbildung – fließt inzwischen auch in Arbeiten mit Jugendlichen und in Projekte im städtischen öffentlichen Raum ein[6].
Ausgewählte Produktionen
- Wir treffen uns im Paradies (Premiere 2008, überarbeitete Fassung ab 2017) – Inszenierung zum Thema Flucht und Leben im Exil, entstanden aus Interviews mit Geflüchteten und Helfenden. Aufgrund der gesellschaftlichen und politischen Brisanz des Themas entwickelte die Compagnie 2017 eine neue, erweiterte Version, die in Deutschland, Frankreich und Großbritannien aufgeführt wurde[3][9][11].
- Himmel in Sicht (Premiere Mai 2010, Detmold) – dritte Produktion der Compagnie, entstanden aus Interviews mit alten Menschen über lange Liebe und Lebenserfahrung[5].
- AHOI! – poetisches Maskenstück um drei Figuren, die an einer Bushaltestelle aufeinandertreffen[12].
- Out of Bounds: GEHschichten eines Stadtteils (ab 2013) – ortsbezogenes Audio-Rundgang-Projekt zum Detmolder Stadtteil Hohenloh, entwickelt gemeinsam mit dessen Bewohnerinnen und Bewohnern[2].
- ARE YOU READY? – rituelle Straßentheater-Performance zum Klimawandel, ursprünglich für Mai 2020 geplant und pandemiebedingt verschoben; Premiere am 14. August 2021 beim Internationalen Straßentheaterfestival Bildstörung in Detmold[13][3]. Fünf Darstellerinnen führen das Publikum mit Gesang, Tanz und Maskenspiel durch die Trauerphasen Leugnung, Wut, Verhandlung, Trauer und Akzeptanz. Masken beschwören die archetypischen Figuren der Göttin Erde (Gaia) und von Frauen aller Kontinente; die Darstellerinnen arbeiten sich dabei durch einen Berg aus Pappwürfeln als Sinnbild für die Last der ökologischen Probleme[14].
- Wie du in den Wald hineinrufst... (Recherche Januar–September 2021, Premiere September 2021, Detmold) – künstlerischer Parcours durch den Wald im Heidental in Detmold, gefördert vom Fonds Soziokultur im Rahmen von NEUSTART KULTUR; aus dem Wald erklingen Stimmen von Menschen, die dort leben und arbeiten, darunter Försterin bzw. Förster, Holzfäller, Wildnispädagogin, Waldbesitzerin, Spaziergängerinnen und Naturschützerin[14][3].
- Anton, Luka und Benjamin – Kindertheaterstück, u. a. in Berlin aufgeführt.
- close.r – Gesichter der Einsamkeit (2024/2025) – Parcours-Inszenierung zum Thema Einsamkeit mit Video-, Foto- und Soundinstallation sowie realen Erfahrungsberichten, u. a. in Detmold und Lemgo gezeigt[15].
- relating forests (2023–2025) – von der Europäischen Union im Rahmen von Creative Europe gefördertes Kooperationsprojekt mit Cultures Éco-Actives (Südfrankreich) und NOBA/Vitenparken (Norwegen). Über ein Jahr hinweg erforschte das Projekt in Workshops mit sinnlichen, ortsbezogenen Übungen, Erzählformaten, Maskenarbeit und Klangarbeit, wie künstlerische Erfahrung eine Beziehung zum Wald ermöglichen kann; Beteiligte unterschiedlichen Alters und Hintergrunds waren in allen drei Partnerländern dabei[6]. Der vollständige Projektbericht ist öffentlich einsehbar[16].
- STILL – immersive Waldperformance, die in direktem Dialog mit dem Prozess von „relating forests" entwickelt wurde und weiterhin auf Tournee ist[6].
Förderung und Auszeichnungen
- 2013: Nominierung für den Förderpreis des george tabori preis (Fonds Darstellende Künste), verliehen am 24. Mai 2013 in den Berliner Sophiensælen; TheatreFragile war eines von drei nominierten Ensembles in dieser Kategorie, der Preis ging an das Comictheater half past selber schuld[17][18][19].
- Für die Produktion „ARE YOU READY?" erhielt TheatreFragile 2019 Fördermittel von der Regionalen Kulturförderung NRW, dem Fonds Soziokultur, der Stiftung Mercator und der Stadt Detmold[3]. Während der COVID-19-Pandemie wurde die Compagnie zudem im Rahmen von NEUSTART KULTUR über das Maßnahmenpaket #TakeThat des Fonds Darstellende Künste (Programme #takecare und #takeaction) sowie durch ein Mentoring-Programm des NRW Landesbüro Freie Darstellende Künste gefördert[3].
- TheatreFragile erhält Mittel aus der Konzeptionsförderung Freie Darstellende Künste des Landes Nordrhein-Westfalen, einem dreijährigen Förderprogramm für kontinuierlich in NRW arbeitende Ensembles[2]. Für den Förderzeitraum 2023–2025 wurden über dieses Programm unter anderem die Produktionen „Are you ready?", „close.r" und „still" (mit)finanziert[20]. Für den Förderzeitraum 2026–2028 wurde TheatreFragile (Detmold, Bezirksregierung Detmold) von der Fachjury erneut in die NRW-Konzeptionsförderung Theater aufgenommen.[21]
- 2023: WWKulturpreis (WestfalenWeserKulturpreis) von Westfalen Weser[22][23].
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ a b c Theatre Fragile – Detmold. In: Hangar 21. Abgerufen am 13. Juli 2026.
- ↑ a b c d e f g h i j k l Vera Lisakowski: Mystische Poesie. In: kulturwest.de. 10. Februar 2026, abgerufen am 13. Juli 2026.
- ↑ a b c d e f g h i j Tabea Lettau: TheatreFragile über Förderprogramme für Künstler*innen. In: memo-media Blog. 5. Januar 2021, abgerufen am 13. Juli 2026.
- ↑ a b TheatreFragile – Maskentheater im öffentlichen Raum. In: YouTube. Abgerufen am 13. Juli 2026.
- ↑ a b c Luzie Ackers, Marianne Cornil: Theatre Fragile – auf der Suche nach Austausch und Begegnung. In: Denkbar anders. Februar 2012.
- ↑ a b c d e Marianne Cornil: What if the forest could look back at you? In: Resilience Blog (European Forest Institute). 2. Juli 2026, abgerufen am 13. Juli 2026.
- ↑ Impressum. In: TheatreFragile. Abgerufen am 13. Juli 2026.
- ↑ a b Uraufführung: „close.r" von TheatreFragile in Detmold. In: Theaterkompass. Abgerufen am 13. Juli 2026.
- ↑ a b c Marianne Cornil: Den Mensch in uns berühren lassen – Über das Maskenspiel mit Geflüchteten. In: DOUBLE. 11. August 2017.
- ↑ a b TheatreFragile. In: NRW Landesbüro Freie Darstellende Künste. Abgerufen am 13. Juli 2026.
- ↑ „Wir treffen uns im Paradies" – TheatreFragile. In: Lippe News. 24. Mai 2017, abgerufen am 13. Juli 2026.
- ↑ TheatreFragile [DE/FR]. In: Bildstörung Detmold. Abgerufen am 13. Juli 2026.
- ↑ Are You Ready? In: TheatreFragile. Abgerufen am 13. Juli 2026.
- ↑ a b Walter Meutzner, Jelka von Langen: Neues Denken. In: memo-media.de. Oktober 2021.
- ↑ Straßentheater-Ensemble stellt in Lemgo die Inszenierung „Gesichter der Einsamkeit" vor. In: Lippische Wochenzeitung (LWZ24.de). 2. Juni 2025, abgerufen am 13. Juli 2026.
- ↑ Relating Forests – Global Project Report. In: Internet Archive. Abgerufen am 13. Juli 2026.
- ↑ Nominierungen für george-tabori-preis 2013 bekanntgegeben. In: Bundesverband Freie Darstellende Künste. Abgerufen am 13. Juli 2026.
- ↑ George Tabori Preis 2013 an Figurentheater Wilde & Vogel. In: nachtkritik.de. 25. März 2013, abgerufen am 13. Juli 2026.
- ↑ „half past selber schuld" erhält George Tabori Förderpreis. In: Freie Szene Düsseldorf. Abgerufen am 13. Juli 2026.
- ↑ Förderung. In: TheatreFragile. Abgerufen am 13. Juli 2026.
- ↑ Ausgewählte Gruppen Konzeptionsförderung 2026–2028 (Theater und Tanz), offizielle Förderliste des Landes Nordrhein-Westfalen / NRW Landesbüro Freie Darstellende Künste. Bitte vor Veröffentlichung die öffentlich zugängliche Fundstelle dieser PDF-Liste ergänzen.
- ↑ Blog. In: TheatreFragile. Abgerufen am 13. Juli 2026.
- ↑ WWKulturpreis. In: Westfalen Weser. Abgerufen am 13. Juli 2026.
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