Tamatebako

Prinzessin Otohime überreicht Urashima die Tamatebako (Holzschnitt von Matsuki Tōkō, 1899).

Die Tamatebako (japanisch 玉手箱 oder 魂手箱; deutsch wörtl. „Schatzkiste“ oder „Schmuckschatulle“), auch Katami no hako (japanisch かたみのはこ; deutsch wörtl. „Erinnerungskiste“) genannt, ist ein legendäres Objekt aus der japanischen Folklore. Es erscheint unter anderem in der populären Legende Urashima no ko (浦島の子; deutsch etwa „Urashima das Kind“). Die geheimnisvolle Box erinnert in gewisser Weise an die sagenumwobene Büchse der Pandora der griechischen Mythologie.

Legende

Die Tamatebako erscheint erstmalig in der Legende Urashima no ko, die in verschiedenen, oft leicht abweichenden Varianten überliefert ist. Protagonist der Legende ist der junge Fischer Urashima Tarō (浦島 太郎; oft auch nur Tarō genannt). Der junge Mann entdeckt eines Tages an einem Strand eine Gruppe von Kindern, die unsanft mit einer jungen Schildkröte spielen. Urashima kann die Schildkröte aus den Händen der Kinder befreien und setzt sie wieder im Meer aus. Am nächsten Morgen erscheint ihm eine Riesenschildkröte und dankt ihm für die Rettung ihrer Tochter. Es stellt sich heraus, dass die vermeintliche Riesenschildkröte in Wahrheit der Meeresgott Ryūjin (龍神) ist und die von Urashima befreite Schildkröte die Prinzessin Otohime (乙姫). Der Meeresgott verleiht Urashima Kiemen und lädt ihn in seinen legendären Korallenpalast Ryūgū-jō (竜宮城) ein, zumal die Prinzessin sich bei Urashima persönlich bedanken möchte. Urashima ist entzückt und folgt der Einladung. Bald darauf heiraten er und Otohime.[1]

Doch nach einiger Zeit bekommt Urashima Heimweh und möchte zu seinen Eltern und in sein Heimatdorf zurückkehren. Als Abschiedsgeschenk überreicht Otohime dem Fischer eine Juwelenbox namens Tamatebako und warnt ihn ausdrücklich, sie niemals zu öffnen. Solange die Box verschlossen bleibe, beschütze sie ihren Besitzer vor allem Übel. Doch als Urashima in seine Heimat zurückkehrt, muss er entsetzt feststellen, dass offenbar zu Lande mehr Zeit verstrichen war als im Korallenpalast: Das Dorf gibt es nicht mehr und seine Eltern sind vor 300 Jahren dahingeschieden. Voller Gram bereut Urashima seine Heimkehr und öffnet die Tamatebako – und wird in Windeseile zu einem alten, gebrechlichen Greis. Nach einer abweichenden Version verwandelt sich Urashima in einen vergöttlichten Kranich und kehrt zu Otohime (die wieder eine Schildkröte ist) zurück.[1]

Hintergründe

Urashima öffnet die Tamatebako und wird zu einem gebrechlichen Greis (Holzschnitt von Matsuki Tōkō, 1899).

Die Legende um Urashima ist recht alt und wurde vermutlich während der Nara-Zeit im 8. Jahrhundert verfasst. Die erste Version der Geschichte scheint im Tango no Kuni Fudoki Itsubun (丹後国風土記逸文; dt. „Chronik der Topografie der Provinz Tango“) aus dem Jahr 713 enthalten zu sein, ein zweites Mal im Nihonshoki (日本書紀; Chronik Japans) aus dem Jahr 720. Viele der heute geläufigen Details wurden erst im Laufe der Zeit hinzugefügt. In den ältesten Fassungen reist der Held noch entweder in einem Boot zur sagenumwobenen Insel Horei Senjima (蓬萊仙島; von chinesisch Pénglái xiāndǎo, deutsch „Feeninsel Pénglái“), oder zum Berg Hōraiyama (蓬莱山), aber nicht zum Korallenpalast. Auch die Tamatebako wird erst sehr viel später erwähnt.[2]

Die Box wird erstmals im Otogizōshi (御伽草子, wörtlich: „Unterhaltungsbuch“) der Muromachi-Zeit im 14. Jahrhundert erwähnt, dort aber nicht näher beschrieben. Aus dieser Zeit stammen auch die ersten „endgültigen“ Fassungen der Legende. Die Tamatebako wird in dem Holzschnitt-Buch Ranma zushiki (欄間図式; deutsch etwa „Querbalken-Diagramme“) des Künstlers und Autors Ōoka Shunboku (大岡春卜) aus dem Jahr 1734 abgebildet. Das Werk gilt als einer der frühesten gedruckten Belege für Papierfaltkunst (Origami).[2]

Das Element der Tamatebako wird unterschiedlich interpretiert. Für gewöhnlich enthalten die meisten japanischen Legenden und Volksmärchen belehrende Botschaften und/oder appellieren an die menschliche Moral. Derlei ist in der Urashima-Geschichte zunächst nicht zu finden, auch wenn sie zur literarischen Klasse der Dramaturgie gerechnet werden kann. Im Grunde wird geschildert, wie der Held der Geschichte zunächst für sein barmherziges Verhalten (Rettung der gequälten Schildkröte) belohnt wird, dann aber sein trauriges Schicksal besiegelt, indem er eine gutgemeinte Warnung missachtet (er öffnet die verbotene Box). Bemerkenswert ist dabei auch, dass zwei grundverschiedene Schicksale beschrieben werden, als Urashima die Box öffnet: In der einen Version altert er in Windeseile (und verstirbt in einigen Varianten), in der anderen verwandelt er sich in einen Kranich und Otohime in eine Schildkröte.[1][2]

Dabei offenbart das Wort Tamatebako ein raffiniertes Wortspiel: Das Wort Tama () bedeutet im Japanischen sowohl „Juwel“ als auch „Seele“. Demnach enthielt die Tamatebako in Wirklichkeit Urashimas Seele, und solange diese in der Box ruhte, war der Fischer unsterblich. Otohime könnte vorausgeahnt haben, dass Urashima die Box irgendwann öffnen würde, und so verzauberte sie die Seele so, dass beide Liebenden nach dem Tode Urashimas in zwei Symbole der Langlebigkeit und Treue (Schildkröte und Kranich) verwandelt würden.[3]

Gelehrte und Historiker wie Lafcadio Hearn und David Bearman weisen dabei auf die Ähnlichkeit der Tamatebako mit der legendären Büchse der Pandora hin: Vor beiden Gefäßen wird ausdrücklich gewarnt, sie nicht zu öffnen, weil sie beide etwas enthalten, das Unheil bringt, wenn man es doch entlässt. In der griechischen Sage bekam die Dame Pandora (Πανδώρα) von Göttervater Zeus einen irdenen Krug überreicht, in welchem alles Übel der Welt versiegelt war. Zeus ermahnte Pandora, den Krug versiegelt zu lassen, denn ursprünglich sollte dieser den Menschen zur Strafe überreicht werden, nachdem Letztere den Gott Prometheus verleitet hatten, für sie das Feuer vom Olymp zu stehlen. Doch Pandora war krankhaft neugierig und naiv und so öffnete sie den Krug – und alles Übel entfleuchte. In der Urashima-Legende ist es allerdings Verzweiflung, die zur Missachtung der Warnung führt: Urashima kann den Schock über den Verlust von Familie und Heimatdorf nicht verwinden.[3]

Siehe auch

Literatur

  • Midori Yamamoto McKeon: The Urashima Legend: Changing Gender Representations in a Japanese Tale. UMI Dissertation Services, Ann Arbor (Mich.) 1996, S. 115–117.
  • Yoshihiko Holmes: Chronological Evolution of the Umashiro Tarō story and its interpreations. Masterthesis der Victoria University of Wellington, 2014, S. 30–34, 60–62, 78–80 u. 96–99. (PDF-Version)
  • David Bearman: Hands on Hypermedia and Interactivity in Museums: Selected Papers from the Third International Conference on Hypermedia and Interactivity in Museums (ICHIM '95 - MCN '95), San Diego, California, October 9-13, 1995. Archives & Museum Informatics, Pittsburgh (PA) 1995, ISBN 978-1-885626-12-7.

Einzelnachweise

  1. a b c Midori Yamamoto McKeon: The Urashima Legend: Changing Gender Representations in a Japanese Tale. Ann Arbor (Mich.) 1996, S. 115–117.
  2. a b c Yoshihiko Holmes: Chronological Evolution of the Umashiro Tarō story and its interpreations. Wellington 2014, S. 30–34, 60–62, 78–80 u. 96–99.
  3. a b David Bearman: Hands on Hypermedia and Interactivity in Museums. Pittsburgh (PA) 1995, S. 54.
  4. Ernst Günther Grimme: Der Aachener Domschatz (= Aachener Kunstblätter, Band 42). Düsseldorf 1972 (2. Auflage), S. 75–76.

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