Style troubadour

Der Style troubadour (deutsch Troubadour-Stil) ist eine kunsthistorische Strömung des frühen 19. Jahrhunderts in Frankreich, die durch die nostalgische Rückwendung zur Epoche des Mittelalters und der Renaissance gekennzeichnet ist.[1] Zunächst manifestierte er sich vorrangig in der Malerei, breitete sich dann jedoch rasch auf die Grafik, die Bildhauerei, das Kunsthandwerk und die Innenausstattung aus.[2] Der ursprünglich ironisch gemeinte Begriff ist in der Forschung bis heute gebräuchlich.[3]
Geschichte und Terminologie
Die große Begeisterung für das Mittelalter und die Renaissance war bereits Ende des 18. Jahrhunderts spürbar und erreichte zu Beginn des 19. Jahrhunderts breitere Schichten. Sie durchdrang die dekorativen Künste, sodass nicht nur die Bildenden Künste, sondern auch Objekte aller Art mit Ritterhelmen, Zinnentürmen und Burgfräuleins verziert wurden.[3]
Die Bezeichnung „Style Troubadour“ leitet sich von den okzitanischen Dichtersängern (Troubadour) des 12. und 13. Jahrhunderts ab. Sie reisten von Burg zu Burg, um Balladen zu verfassen. Der Begriff wurde erstmals verwendet, um die Gemälde des 19. Jahrhunderts zu charakterisieren – und vor allem zu kritisieren –, die ein Mittelalter zeigen, das sich von historischer Genauigkeit entfernt und einer Märchenatmosphäre ähnelt. In einem weiteren Sinne bezeichnet er die Historienmalerei, die eine nichtklassische westliche Vergangenheit heraufbeschwört. Die alljährlich zum Pariser Salon eingereichten Gemälde dieser Art gaben rasch Anlass zu dem mit Ironie gefärbten Begriff Style troubadour.[3]
Die Wiederentdeckung der mittelalterlichen Kultur zählt zu den auffälligsten intellektuellen Tendenzen Frankreichs im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert. Die Diskussion über die Ursprünge und Grundlagen der französischen Nation gewann an Bedeutung, angestoßen durch Historiker wie Jules Michelet und Augustin Thierry. In diesem Zusammenhang erhielt das Mittelalter eine neue Bedeutung, insbesondere in Kunst und Literatur.
Das 1795 von Alexandre Lenoir gegründete Musée des Monuments Français spielte eine wesentliche Rolle beim Aufkommen dieser mittelalterlichen Mode: Der Überblick über mittelalterliche Skulptur, den das Museum bot, vermittelte dem Publikum erstmals eine geschlossene Anschauung der Geschichte. Maler, Kupferstecher und Bildhauer frequentierten dieses nach den Zerstörungen der Revolution gegründete Museum.[3]
Der Style troubadour verbreitete sich insbesondere unter der Restauration, nachdem er die Herzogin von Berry und die Gräfin von Osmond für sich gewonnen hatte. Er war teilweise eine Reaktion auf die revolutionäre Gewalt und wertete die christliche Vergangenheit des Mittelalters auf – im Fahrwasser François-René de Chateaubriands, der 1802 den Génie du christianisme veröffentlicht hatte.[3]
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Pierre Révoil (1776–1842) – L'Aubade au cygne (Die Morgenhymne an den Schwan)
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Unbekannter Künstler – François Ier et Diane de Poitiers posant dans l'atelier du sculpteur pour la Diane d’Anet (Franz I. und Diane de Poitiers posieren im Bildhaueratelier für die „Diane d’Anet“)
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Auguste Garneray (1784–1824)– Scène troubadour, jeune femme et sa dame de compagnie dans un intérieur gothique, 1821
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Jean-Auguste-Dominique Ingres (1780–1867) – Don Pedro de Tolède baisant l'épée d'Henri IV, 1820
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Ledin – Projet de monument de style troubadour (Entwurf für ein Denkmal im Troubadour-Stil)
Malerei
Style troubadour-Gemälde zeigen im Allgemeinen leidenschaftliche Dramen oder erbauliche, heroische Geschichten. Darüber hinaus werden typische mittelalterliche Figuren wie Ritter oder Damen mit ihren Dienern dargestellt. Troubadour-Gemälde stehen somit an der Schnittstelle zwischen Genreszene und Historienbild. Zu den bedeutendsten Vertretern dieser Kunstrichtung zählen Fleury François Richard, Jean-Auguste-Dominique Ingres, Paul Delaroche und Pierre Revoil. Darüber hinaus pflegten Eugène Dévéria, Alexandre-Évariste Fragonard, Martin Drölling und Jean-Baptiste Isabey zeitweise diesen Stil.[3]
Fleury François Richard schuf mit dem Gemälde Valentine von Mailand trauert um ihren verstorbenen Ehemann Louis d’Orléans das „Manifest“ der Style troubadour-Malerei. Inspiriert von der im Musée des Monuments Français ausgestellten Liegefigur der Valentina Visconti und dem dort eingeschriebenen Motto Rien ne me plus stellte der Maler die junge Frau in Tränen dar, die den Mord an ihrem Gatten durch dessen Cousin Johann Ohnefurcht betrauert. Das Gemälde befindet sich heute in der Eremitage in Sankt Petersburg. Diese malerische Darstellung einer Genreszene verbindet Historismus mit dem Style troubadour und markiert gewissermaßen die Geburtsstunde dieses Stils.[1]
Ingres und die Figur der Jeanne d’Arc

Ingres schuf rund 30 Gemälde und Zeichnungen, die der Style troubadour-Malerei zuzurechnen sind. Darunter befindet sich das Gemälde Jeanne d’Arc bei der Krönung Karls VII., in dem Ingres den Kontrast zwischen der Sanftheit des Gesichts der jungen Kriegerin und der Kälte ihrer Rüstung bewusst betont. Die heute im Louvre aufbewahrte Version datiert um 1854. Im 19. Jahrhundert erlebte auch die Figur der Jeanne d’Arc eine Wiederentdeckung. Nach drei Jahrhunderten relativer Vergessenheit wurde ihr Kult von verschiedenen politischen Lagern vereinnahmt: Die Linke sah in ihr die von Kirche und Königtum verratene Patriotin, die nationalistische Rechte die Heldin, die den englischen Eindringling vertrieben hatte.[3]
Beim Salon von 1887 präsentierte Jean-Jacques Scherrer das monumentale Ölgemälde Jeanne d’Arc, siegreich über die Engländer, zieht in Orléans ein. Es befindet sich heute im Musée des Beaux-Arts d’Orléans. Das Werk stellt eine späte Ausprägung des Style troubadour-Stils dar.
Kunsthandwerk
Auch der Bereich des Kunsthandwerks blieb davon nicht unberührt. Es entstanden pittoreske Kaminverkleidungen und monumentale Kaminaufsätze im Style troubadour. Ein prominentes Beispiel ist der von Eugène Viollet-le-Duc entworfene, mit Rittern dekorierte Kamin für das Zimmer der Kaiserin im Château de Pierrefonds. Die zugehörige Zeichnung wird in der Médiathèque de l’architecture et du patrimoine in Charenton-le-Pont aufbewahrt. In Paris verbreiteten bedeutende Geschäfte diesen Geschmack, darunter der Kunsttischler Alphonse Giroux und das Unternehmen Escalier de Cristal.[2]
Zu den nachweisbaren Objekten im Style troubadour zählen außerdem Möbel wie die Stühle aus dem gotischen Kabinett der Gräfin von Osmond (François-Honoré-Georges Jacob-Desmalter, Petit Palais, Paris), Porzellanteller der Manufaktur Sèvres (Duguesclin-Service, nach Entwürfen von Alexandre-Évariste Fragonard) sowie Kleinobjekte (wie eine Börse, Palais Galliera, Paris). In der Plastik ist Félicie de Fauveau als Vertreterin des Style troubadour belegt (Modell für ein Monument für Clémence Isaure, Musée des Augustins, Toulouse).[2]
Verhältnis zum Neugotischen Stil und zur Neorenaissance
Da der Style troubadour gleichzeitig mit dem Neugotischen Stil entstand, ist es nicht ungewöhnlich, dass Werke zugleich neugotisch und im Style troubadour gehalten sind. Der Begriff „Neugotik“ wurde jedoch ursprünglich zur Beschreibung von Architektur geprägt und bezeichnet im erweiterten Sinne alle Bezüge auf den gotischen Stil in der Ornamentik, insbesondere den Spitzbogen. Der Style troubadour, der aus der Malerei hervorging, umfasst hingegen weitaus mehr Mischformen. Er kann sich auf Darstellungen der Neorenaissance erstrecken und überschneidet sich damit mit dem Neorenaissancestil.[3]
Literatur
- Marie-Claude Chaudonneret: Le style troubadour ou la nostalgie du bon vieux temps. La Manufacture, Bourg-en-Bresse 1987.
- Francis Haskell: History and Its Images. Art and the Interpretation of the Past. Yale University Press, New Haven/London 1993.
- Neil McWilliam u. a. (Hrsg.): A Bibliography of Salon Criticism in Paris from the Ancien Régime to the Restoration, 1699–1827. Cambridge University Press, Cambridge 1991.
- François Pupil: Le Style troubadour. Pu Nancy, 1991.
- Stéphane Guégan u. a.: La peinture d'histoire en France, 1747–1860. Réunion des musées nationaux, Paris 2006.
- Elsa Cau: Le Style Troubadour – L'autre romantisme. Gourcuff Graden, 2017.
Weblinks
- Marc Maison (Galerie): Style Troubadour
- Montaine Dumont: The Troubadour Style: Fantasized Rediscovery of the Middle Ages in Painting.
Einzelnachweise
- ↑ a b Montaine Dumont: The Troubadour Style: Fantasized Rediscovery of the Middle Ages in Painting. In: DailyArt Magazine. 28. September 2021, abgerufen am 19. Mai 2026 (amerikanisches Englisch).
- ↑ a b c style Troubadour. Abgerufen am 19. Mai 2026.
- ↑ a b c d e f g h Elsa Cau: Le Style Troubadour: L'autre romantisme. Gourcuff Graden, 2017.
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