Stein-Organisation
Die Stein-Organisation war bis zu ihrer Zerschlagung im Oktober 1941 die größte Widerstandsorganisation während der deutschen Besatzung Norwegens.
Anfänge


Die deutsche Invasion Norwegens begann am 8. April 1940. In Bergen drang die Kriegsschiffgruppe 3 nachts in den Byfjord vor. Am Tag darauf wurde die Stadt, mit Ausnahme des nächtlichen Seegefechts, weitgehend kampflos eingenommen, und kurz darauf begann die Mobilmachung regulärer norwegischer Truppen in Voss. Der Postzusteller Kristian Stein fungierte in der Anfangszeit der Besatzung als Kurier zwischen den Truppen in Voss und der Administration im bereits besetzten Bergen. Nach der Kapitulation Norwegens am 10. Juni 1940 rief Stein im Haus der Familie in der Bohrs gate 6 in Bergen Freunde zusammen, um eine Widerstandsgruppe zu organisieren; das Haus und später das Postkontor wurden zu zentralen Anlaufstellen für den lokalen Widerstand. Den inneren Zirkel der Gruppe bildeten neben Stein weitere Mitarbeiter des Bergenser Postkontors wie Ole Agdesteen, Bernhard Dahle und Thorolf Thorstensen, sowie Billy Forthun und Ingebrigt Valderhaug.
Stein nahm Kontakt zu zahlreichen Offizieren auf, darunter Hauptmann Mons Haukeland, der bereits in den Aufbau der Milorg involviert war und die Stein-Gruppe daher zu Anfang nur wenig unterstützte. Dennoch gelang es Kristian Stein, der eine Arbeit auf der Postschifflinie Hurtigruten annahm, Widerstandsverbindungen entlang der gesamten Westküste aufzubauen, und die Stein-Organisation entwickelte sich 1941 zur bis dahin größten Widerstandsgruppe Norwegens mit ca. 1500 Mitgliedern.[1]
Widerstandsaktionen
Die Stein-Gruppe war nach militärischen Prinzipien organisiert. Ihr Ziel war die vollständige Befreiung Norwegens von der deutschen Besatzung. Dabei beruhte die Hoffnung auf einer als nahe bevorstehend erachteten Landung britischer Truppen, die umfassend unterstützt werden sollte. Zu diesem Ziel sammelte die Organisation vor allem detaillierte Informationen über Truppen, Stellungen, Befestigungsanlagen, Minenfelder, Schiffsbewegungen der Deutschen und andere militärisch relevante Informationen. Diese wurde teils über geheime Sendeanlagen oder häufiger durch Seetransporte im Rahmen des Shetland Bus nach Großbritannien übermittelt. Auch Flüchtlinge und Material wurden auf diesem Wege transportiert. Im Gegensatz zu anderen Gruppen führte die Stein-Organisation keine aktiven Sabotageakte durch, legte aber Waffen- und Sprengstofflager an, um im Falle der Landung der britischen Truppen diese durch Zerstörung von z. B. Brücken, Eisenbahnlinien oder Unterkünften zu unterstützen.
Zerschlagung der Organisation
Die Stein-Gruppe war ab Juli 1941 durch den norwegischen Kollaborateur Marino Nilsson, der bereits früher an Enttarnung und Zerschlagung anderer Widerstandsgruppen beteiligt gewesen war und in Bergen mit der deutschen Sicherheitspolizei zusammenarbeitete, infiltriert worden. Ole Agdesteen hatte bereits Verdacht geschöpft und informierte am 30. September 1941 Kristian Stein über den möglichen Spion, aber die Gruppe ergriff keine unmittelbaren Maßnahmen. Nilsson befürchtete, enttarnt zu werden, sowie eine Flucht Steins. Aufgrund seiner Informationen begann in der Nacht auf den 2. Oktober 1941 die Operation zur Zerschlagung der Stein-Organisation. Am ersten Tag wurden über 40 Personen verhaftet und ins Gestapo-Hauptquartier Veiten 3 in Bergen gebracht, darunter auch Kristian Stein, seine Ehefrau Borgny, Ole Agdesteen und Ingebrigt Valderhaug. Zwei minderjährige Töchter der Steins suchten am nächsten Tag Hilfe im Haus von Billy Forthun, wurden dort von der Gestapo erwartet und verhaftet. Forthun befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits auf der Flucht, er starb am 11. November 1941 mit 42 weiteren Menschen beim Untergang des Kutters Blia, der versuchte, die Shetland-Inseln zu erreichen. Steins Töchter wurden nach einem Verhör wieder freigelassen und kamen mit ihrer jüngsten Schwester bei einer Tante unter, bis ihre Mutter ebenfalls freikam.[2]
Insgesamt wurden im Zuge der Aktion 204 Widerständler verhaftet und über das Lager Ulven vor Bergen später als Nacht-und-Nebel-Gefangene nach Deutschland deportiert und in verschiedenen Konzentrationslagern inhaftiert. 77 von ihnen wurden ins KZ Dachau verschleppt.[3] Kristian Stein kam im Mai 1942 in das KZ Fuhlsbüttel, wo er am 16. Juli 1943 hingerichtet wurde, ebenso Ingebrigt Valderhaug am 28. Juni 1943 und Ole Agdesteen am 23. Dezember 1943.
Dabei ist fraglich, ob alle als Stein-Mitglieder inhaftierten und hingerichteten Personen tatsächlich aktive Mitglieder der Organisation waren. So sagte Kristian Stein etwa im Verhör über Birger Røsland aus, er habe diesen nur wenige Male in alltäglichen Zusammenhängen getroffen. Røsland habe ihm lediglich ohne Gegenleistung bei der Beschaffung einiger Versorgungsmarken für Öl geholfen, aber keinerlei Kenntnis von Englandfahrten oder der Existenz der Widerstandsorganisation gehabt. Røsland wurde dennoch wegen „landesverräterischer Feindbegünstigung“ vom Volksgerichtshof Kiel zum Tode verurteilt und am 17. September 1943 hingerichtet. In Kiel wurden insgesamt zehn der Stein-Organisation zugeordnete Widerständler zum Tode verurteilt, alle Urteile wurden vollstreckt.[4] Insgesamt wurde in Folge des Verrats durch Marino Nilsson zwischen 46 und 57 Widerständler getötet – teils in deutschen Gefängnissen, teils auf der Flucht oder unmittelbar im Anschluss an ihre Rückkehr nach Norwegen (siehe die Liste der umgekommenen Mitglieder der Stein-Organisation).
Literatur
- Arnfinn Haga: Da Stein-organisasjonen ble sprengt. Capellen Damm, 1987, ISBN 82-02-10749-0 (norwegisch).
- Lars Gjendemsjø: Kristian Stein og hans menn : til minne om våre døde kamerater. Hrsg.: Organisasjonen, 1948. (norwegisch).
Weblinks
- Opprullingen av Stein-organisasjonen (1941). Information in Norsk digitalt fangearkiv (Digitales Gefangenenarchiv (norwegisch))
Einzelnachweise
- ↑ Arnfinn Haga: Da Stein-organisasjonen ble sprengt. Capellen Damm, 1987, S. 10–14, ISBN 82-02-10749-0 (norwegisch).
- ↑ Øyvind Ask: En fin stund på Kronstad, Bergens Tidende, 3. Juni 2006 (norwegisch).
- ↑ De 77 nordmennene fra Stein-gruppen. Den norske Natzweiler- og Dachaukomité, abgerufen am 8. Juni 2026 (norwegisch).
- ↑ Rolf Schwarz: Norweger vor dem Volksgerichtshof in Kiel (= Informationen zur Schleswig-Holsteinischen Zeitgeschichte. Band 41). Akens, 1. Januar 2003, S. 244–261, Rolf Schwarz, Uwe Fentsahm, Kay Dohnke: Kritische Annäherungen an den Nationalsozialismus in Norddeutschland.
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