Simrock Jahrbuch
Das Simrock Jahrbuch (1928–1934) war ein wissenschaftlicher Almanach des Musikverlags N. Simrock (1793 gegründet von Nikolaus Simrock, existierte bis 1935) und erschien in drei Bänden.[1]
Bibliographische Beschreibung
Das Simrock Jahrbuch erschien nur dreimal, jeweils ein Band für die Jahre 1928 und 1929 und dann, nach einer Unterbrechung, ein Band für die Jahre 1930–34 im Jahr 1935. Es wurde zunächst in Berlin (dem Sitz des Simrock Verlages zum Zeitpunkt des Erscheinens der ersten beiden Jahrbücher), dann nach der Verlegung des Verlagssitzes in Leipzig herausgegeben und wurde beim Oscar Brandstetter Verlag (1928) [2], bei der Graphischen Anstalt C. G. Röder (1929)[3] oder ohne Angabe der Druckerei (1930–34)[4] in Leipzig gedruckt. Im Jahr 1929 hörte der 1793 von Nikolaus Simrock in Bonn gegründete und 1870 von seinem Enkel Fritz Simrock nach Berlin verlegte Verlag als selbständiges Unternehmen auf zu existieren, da er an den Musikverlag Anton J. Benjamin verkauft worden war; er konnte zwar noch unter dem alten Namen weiterarbeiten, fiel dann aber nach 1933 der „Arisierung“ des Verlags Benjamin zum Opfer. Das Simrock-Jahrbuch musste nach dem verzögert erschienenen 3. Band eingestellt werden, obwohl verschiedene Hinweise in Beiträgen des 3. Bandes darauf hindeuten, dass weitere Bände geplant waren.
Der 1. Band hatte einen Umfang von 166, der 2. von 226, der 3. von 224 Seiten. Vor- oder nachgeschaltet waren auf Seiten mit einer (zum Teil verdeckten) Paginierung in römischen Zahlen die Titelei, das Inhaltsverzeichnis und das Verzeichnis der Tafeln mit den Abbildungen. Es gab außer zwei Registern über die im Hause N. Simrock im letzten Jahr erschienenen Verlagswerke und über die Aufführungen neuerer Verlagswerke aus dem Haus N. Simrock im Zeitraum vom jeweils dem 1. Juli des vorvorletzten Jahres bis zum 30. Juni des Vorjahres keine Rubriken oder Unterteilungen, sondern nur den fortlaufenden Abdruck von Beiträgen verschiedener Autoren zu musik- und verlagsgeschichtlichen Themen. In den Jahrbüchern gab es keine Werbung.
Bedeutung und historischer Standort des Jahrbuchs
Die Begründung der verlegerischen Entscheidungen über Qualität und Verbreitungswürdigkeit der Werke bestimmter Autoren (: auf welche Gattungen sich das verlegerische und das öffentliche Interesse konzentrierte und für welche Publikumskreise produziert wurde) gibt Auskunft über Zeitströmungen und die realen, zum Teil bestürzend schlechten Absatzmöglichkeiten von Werken, die heute zum Kanon zählen, in ihrer Entstehungszeit und der ersten Periode ihrer Durchsetzungsversuche[5]. Das betrifft das zum Teil erstaunlich geringe Interesse der Masse der praktischen Musiker an den gedruckten Originalausgaben der neuen Werke von Ludwig van Beethoven, Antonín Dvořák und Max Bruch (vor allem der Partituren), aber auch der Bearbeitungen in Form von Klavierauszügen und Arrangements. Hier wird die Frage nahegelegt, was wohl die Musiker hauptsächlich spielten während ihre Klassiker komponierten. Selbst die überlieferten Erfolge von Erst- und Folgeaufführungen von später klassischen Werken der Tonkunst schlugen sich zunächst nicht in entsprechenden Absatzzahlen der Notenausgaben nieder. Während die Simrock-Verleger im 19. Jahrhundert risikofreudig und fördernd auch für die noch unbekannte neue Musik tätig waren, macht sich im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts eine konservative, traditionsabhängige, Experimente verschmähende Haltung bemerkbar, die die musikalische Avantgarde aus den Publikationen des Verlags rigoros ausschloss. Die geförderten zeitgenössischen Autoren des 20. Jahrhunderts sind alle einer sogenannten „gemäßigten Moderne“ zuzurechnen, deren Apologetik nicht vor einer Polemik à la Hans Pfitzner gegen eine vermeintliche Impotenz der Neuerer zurückschreckt.
Inhalte und Themen
Absicht der Herausgabe der Jahrbücher war es, einen Beitrag zu leisten zur historischen Rekonstruktion eines Teils der Musikgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts anhand der Editionspraxis eines bedeutenden Musikverlags und (damit indirekt verbunden) auch der Aufführungspraxis im öffentlichen und häuslichen Musikleben. Die mit den Erstausgaben heute bedeutender oder auch gänzlich vergessener Werke verbundenen Fragestellungen und Probleme werden aus der Sicht der Komponisten und des Verlegers anhand von dokumentierten Korrespondenzen entfaltet. Die Brief-Veröffentlichungen, in deren Zentrum solche von Ludwig van Beethoven (dargestellt von E. H. Müller von Asow), Johannes Brahms (dargestellt von Paul Mies), Antonín Dvořák (dargestellt von Wilhelm Altmann), Max Bruch (ebenfalls von Wilhelm Altmann) und Max Reger (in einer unkommentierten Briefauswahl in Auszügen) stehen, sowie die Gegenbriefe der Simrock-Verleger verschiedener Generationen beleuchten die Entstehungsbedingungen musikalischer Werke von ihrer künstlerischen und produktionstechnischen und geschäftlichen Seite her. Auch die charakterlichen Dispositionen der beteiligten Briefschreiber werden enthüllt. Über die Auswertung des Brieffundus aus dem Archiv des Simrock-Verlags hinaus werden werkgeschichtliche Beiträge geliefert über die Kompositionsskizzen von Brahms und seine Beratungen mit Freunden über Bearbeitungsmöglichkeiten seiner Kompositionsentwürfe (Paul Mies) sowie über die Stadien und Gattungen der Kammer und Orchestermusik von Dvořák (Otokar Šurek). Die Förderung junger zeitgenössischer Komponisten durch den Simrock-Verlag wird dokumentiert durch Beiträge über Walter Niemann, Paul Kletzki, Paul Graener, Hans Gál, Theodor Blumer, Heinrich G. Noren, Erwin Lendvai und Emil Nikolaus von Reznicek oder summarisch über das zeitgenössische Liedschaffen anhand von heute vergessenen Komponisten und deren Veröffentlichungen oder ein Überblick über zeitgenössische tschechische Komponisten. Ein instrumentenkundlicher Beitrag von Hans Dagobert Bruger befasst sich mit den Möglichkeiten, alte Lautenmusik auf modernen Nachbauten zu spielen.
Kurzbiographien des Herausgebers und der Mitarbeiter
Herausgeber
Erich Hermann Müller von Asow (1829–1964)
war ein Musikforscher und -publizist mit bibliographischen, lexikalischen und editorischen Interessen, verließ zwischen 1933 und 1945 Deutschland und edierte Briefausgaben verschiedener Komponisten von Schütz bis Reger, sowie die authentischen Werkverzeichnisse W. A. Mozarts von dessen eigener Hand und der des Vaters Leopold (für die Kindheitswerke). Er fungierte für die Leitung des Simrock Verlages nicht nur als Herausgeber der drei Jahrbücher, sondern schrieb auch selber Beiträge auf der Grundlage von Einsichtnahmen in das Simrock-Archiv: Zur Geschichte des Hauses Simrock (SJB28, S. 2–22), Beethoven und Simrock (SJB29, S. 10–62) und Der erste Brahms-Abend in Wien (SJB30-34, S. 86–89).
Mitarbeiter
Wilhelm Altmann (1862–1951)
war ein Historiker (mit spezieller Neigung zur Musikgeschichte), Editor und Bibliothekar, wurde 1900 als Oberbibliotheksrat an die Königliche, später Preußische Bibliothek zu Berlin berufen und leitete deren Musikabteilung von 1915 bis 1927. Forderer und Förderer eines Systems von Pflichtexemplaren für Musikalien an einer Zentralstelle. Violinspieler und Herausgeber von Handbüchern für verschiedene Gattungen der Kammermusik. In den Simrock Jahrbüchern schrieb er Beiträge über Max Bruch’s Beziehungen zu dem Verlag N. Simrock (SJB28, S. 90–112) über Antonin Dvořák im Verkehr mit Fritz Simrock (SJB29, S. 84–151), und in SJB30-34: Eine vergessene Postkarte von Johannes Brahms (S. 90–92), Neue violinpädagogische Literatur (S. 178–87).
Hans Dagobert Bruger (1894–1932)
war ein deutscher Musikwissenschaftler und Lautenspieler, der in den 1920er Jahren aufbauend auf dem Studium historischer Quellen und musikwissenschaftlicher Forschungen eine umfangreiche Herausgebertätigkeit für einen von ihm entwickelten neuen Lautentyp entfaltete. Für das SJB28 verfasste er den Beitrag Alte Lautenmusik (S. 130–43).
Fritz Busch (1890–1951)
war ein deutscher Dirigent, der nach Kapellmeistertätigkeiten in Riga, Bad Pyrmont, Gotha, Aachen und Stuttgart 1922 Generalmusikdirektor der Dresdener Semper-Oper wurde und blieb, bis er 1933 als Jude vertrieben wurde und nach England ging, um dort das Glyndebourne-Festival zu gründen und zu leiten. Im SJB29 schrieb er eine Erinnerung an Max Reger und seine Mozart-Variationen (S. 152–56).
Max Chop (1862–1929)
war ein Journalist und Musikschriftsteller, lebte in Neuruppin und Berlin. Für das SJB29 schrieb eine zusammenfassende Darstellung über Modernes Liedschaffen im Verlag N. Simrock (S. 184–99) und aus seinem Nachlass wurde in SJB30-34 der Artikel E. N. von Reznicek und der Verlag N. Simrock veröffentlicht.
Hans Engel (1894–1970)
war ein von der praktischen Musikausübung kommender Musikwissenschaftler, der in Greifswald, Königsberg und nach dem Zweiten Weltkrieg in Marburg lehrte. Er sorgte für pommersche Regionalforschung und verwirklichte Aufführungen und Drucklegungen pommerscher Musikdenkmäler. Zunächst auch für Aufführungen zeitgenössischer Musik engagiert, gewannen Ideologeme von Gemeinschaft und Volkstreue zunehmend Oberhand in seinem Denken und führten zu Aktivitäten im Sinne der nationalsozialistischen Musikpolitik. Nach 1945 übertrug er die Maximen der nationalen Identität auf eine solche des europäischen Kulturkreises. Im SJB29 schrieb er eine werkgeschichtliche Darstellung des Komponisten Paul Graener (S. 158–67).
Franz Josef Ewens (1899–1974)
war ein Historiker des deutschen Liedes und der Sängerbewegung und schrieb im SJB30-34 den Artikel Sind Bruchs Chorwerke noch lebensfähig? (S. 124-31)
Hans Fischer (?–?)
war ein Musikwissenschaftler und -schriftsteller. Er veröffentlichte im SJB28 eine Darstellung der Kompositionen von Paul Kletzki (S. 120–29)
Erwin Kroll (1886–1976)
war ein in München bei Pfitzner ausgebildeter Musiker und Musikschriftsteller, wirkte in Königsberg und ab 1934 in Berlin als Musikjournalist und -kritiker, arbeitete nach 1945 beim Rundfunk. Im SJV29 gab er einen Überblick Vom Schaffen Hans Gáls (S. 168–75)
Robert Lach (1874–1958)
war ein in Wien wirkender Musikethnologe und -historiker und bekleidete nach einer Stellung als Leiter der Musikabteilung der Wiener Stadt- und Landesbibliothek Professuren für diese Fächer an der Universität und Musikhochschule, gehörte einer antisemitischen Geheimclique an und betätigte sich denunziatorisch und ausgrenzend gegen seine jüdischen Kollegen, schrieb für das SJB30-34 über Das Ethos in der Musik von Johannes Brahms (S. 48–84)
Hugo Leichtentritt (1874–1951)
war ein Musikhistoriker und -ästhetiker, der schon früh zwischen Deutschland und den USA pendelte, 1933 als Jude Deutschland endgültig verlassen musste und an der Harvard University lehrte, für das SJB 30–34 schrieb er ein Porträt des Komponisten Erwin Lendvai (S. 150–59).
Paul Mies (1889–1976)
war ein in Köln geborener und wirkender Musikwissenschaftler und -pädagoge, arbeitete nach seiner Promotion von 1919 bis 1939 als Studienrat und nach dem Zweiten Weltkrieg an der Kölner Musikhochschule als Leiter der Abteilung für Schulmusik. Zeichnet sich durch ein weit gestreutes Interessengebiet aus. In den SJBs veröffentlichte er zwei Beiträge zu Brahms: Aus Brahms’ Werkstatt. Vom Entstehen und Werden der Werke bei Brahms (SJB28, S. 42–63) und: Der kritische Rat der Freunde und die Veröffentlichung der Werke bei Brahms (SJB29, S. 64–83).
Joseph Müller-Blattau (1895–1976)
war ein in Straßburg und Freiburg ausgebildeter Musikwissenschaftler, der nach seiner Habilitation in Königsberg, Freiburg (als Nachfolger des mit seiner Hilfe vertriebenen Gurlitt), Straßburg und nach dem Zweiten Weltkrieg in Saarbrücken lehrte. Als Mitglied von NSDAP und SA arbeitete er während der NS-Diktatur für die der SS unterstellte Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe und beteilige sich während des Krieges an der Verbreitung von Kampfliedern. Für das SJB29 schrieb er eine Darstellung der Kompositionen von Theodor Blumer (S. 176–83)
Alfred Orel (1889–1967)
war ein bei Adler ausgebildeter österreichischer Musikwissenschaftler, Professor an der Wiener Universität und Leiter der Musikabteilung der Wiener Stadt- und Landesbibliothek, betätigte sich als Mozart-, Beethoven-, Schubert- und Bruckner-Forscher und -Editor, wechselte nach dem Anschluss Österreichs in besondere, neue, für ihn und von ihm geschaffene Institutionen unter nationalsozialistischer Zielsetzung, zog sich nach 1945 wegen des Verlusts seiner Funktionen als Privatgelehrter zurück und betätigte sich noch in Verbindung mit dem Salzburger Zentralinstitut für Mozartforschung. Im SJB28 publizierte er einen Beitrag über Johannes Brahms und Julius Allgeyer (S. 20–42) und in SJB30-34 einen über Johannes Brahms’ Musikbibliothek (S. 18–47).
Carl Theodor Plessing (1856–1929)
war ein in Lübeck geborener und dort lebende Politiker, Militär, Journalist, Weinhändler mit dem Titel eines bayerischen Generalkonsuls, der auch Freundschaften mit einigen Musikern seiner Zeit pflegte. Für das SJB29 schrieb er nach ihrem Tod einen Artikel Clara Simrock zum Gedächtnis (S. 2–8)
Kurt Plessing (?–?)
schrieb für das SJB30-34 Fritz Simrock. Aus einem gleichnamigen Lebensbild (S. 2–17).
Ernst Rychnovsky (1897–1934)
war ein deutsch-böhmischer, jüdischer Musikkritiker und -historiker, u. a. Leiter des Musikreferats des Prager Tagblatts und liberaler Politiker, für das SJB30-34 schrieb er: Die tschechischen Komponisten des Hauses N. Simrock (S. 160–77).
Max Steinitzer (1864–1936)
war in Österreich geborener, in verschiedenen deutschen Städten als Dirigent, Musikpädagoge und -schriftsteller wirkender Musiker, der ab 1911 Musikreferent der Leipziger Neuesten Nachrichten wurde. Im SJB28 veröffentlichte er einen Beitrag zu Walter Niemann und die Exotik. Zur Klaviermusik der Gegenwart (S. 114–19).
Otokar Šurek (?–?)
war ein tschechischer Dvořák-Forscher und veröffentlichte im SJB28 einen Beitrag zu Anton Dvořák’s Kammermusik (S. 72–88) und im SJB30-34 zu Anton Dvořáks Orchesterwerken (S. 94–123).
Max Unger (1883–1959)
war ein Beethoven-Forscher und -editor und schrieb im SJB30-34 einen Artikel über den Komponisten Heinrich Noren (S. 132–39).
Einzelnachweise und Anmerkungen
- ↑ Die Darstellung beruht auf einer integralen Lektüre aller Bände im Auftrag des Répertoire international de la presse musicale (RIPM).
- ↑ Siehe das Leipziger Impressum des 1. Bandes
- ↑ Siehe des Leipziger Impressum des 2. Bandes
- ↑ Siehe das Impressum des 3. Bandes
- ↑ Siehe jeweils der Vorreden der Verlagsleitung zu den einzelnen Bänden des Simrock-Jahrbuchs
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