Porcetum

Porcetum (frei übersetzt „Schweinetrift“) war eine römische Ortschaft (Vicus), die als Thermalbadeort sowie als Kult- und Pilgerstätte diente, auf dem Gebiet des heutigen Aachener Stadtteils Burtscheid in Nordrhein-Westfalen.
Befunde und Funde

(um 50)
Fundort: Burtscheid Markt
Aufbewahrungsort:
Centre Charlemagne

(2./3. Jahrhundert)
FO: Burtscheid Markt
AO: Centre Charlemagne

(2. Jahrhundert)
FO: Burtscheid Markt
AO: LVR-Landesmuseum Bonn
Quellheiligtum
Wie im benachbarten Aquae Granni befanden sich auch in Porcetum Thermalquellen. Im Bereich des heutigen Burtscheider Marktes wurden 1969 die Fundamente eines Nymphäums gefunden, das dem Apollo Grannus geweiht war, der auf die keltische Wasser- und Bädergottheit Grannus zurückgeht und in der Interpretatio Romana mit dem Apollo gleichgesetzt wurde. In der Ostecke des 15 mal 15 mal 3 römische Fuß (etwa 4,5 m mal 4,5 m mal 0,9 m) großen Innenraums befand sich eine natürliche Quelle.[1] Eine Treppe führt seitlich ins Gebäude. Ein entsprechender Altar aus lothringischem Kalkstein, der bereits 1957 bei Ausschachtungsarbeiten in der Rehaklinik Schwertbad entdeckt worden, unterstreicht den kultischen Charakter des Nymphäums. Der Altar hat einen fünffach profilierten Sockel und ist 87,5 cm hoch und 57,0 cm breit. Sowohl die Inschrift des Latinius Macer, eines Primus Pilus der Legio IX aus Verona, wie auch das zugehörige Reliefbild, das Apollo mit einer Kithara zeigt, belegen, dass er dem Gott Apollo Grannus geweiht war. Apollo ist sitzend dargestellt. Auf dem Rücken trägt er einen Bogen und einen Köcher.[2] Aufgrund der Truppenstationierung datierten Harald von Petrikovits und Herbert Nesselhauf den Altar auf die Zeit von 108 bis vor 119 u. Z.[3]
| Inschrift[4] | Übersetzung |
|---|---|
| L(ucius) Latinius L(uci) f(ilius) Publilia (tribu) / Macer Ver(ona) p(rimus) p(ilus) Leg(ionis) VIIII Hisp(anae) / praef(ectus) castr(orum) pro se et suis / Apollini / v(otum) s(olvit) l(ibens) m(erito). | Lucius Latinius Macer, Sohn des Lucius, aus der tribus Publilia, geboren in Verona, Primus Pilus der 9. Legion Hispana, Lagerkommandant, hat für sich und seine Angehörigen dem Gott Apollo das Gelöbnis freudig und nach Gebühr eingelöst. |
Ergänzt wird der Befund durch den Fund eines kleinen, 36,0 cm hohen Nymphenaltars aus dem 2./3. Jahrhundert mit einer Dankesinschrift auf der Vorderseite.
| Inschrift[5] | Übersetzung |
|---|---|
| Nymphis / Marcia / Vangionis / li(berta) Verec/unda v(otum) / s(olvit) l(ibens) m(erito). | Den Nymphen hat Marcia Verecunda, die Freigelassene des Vangio, ihr Gelöbnis freudig und nach Gebühr eingelöst. |
Neben weiteren Kleinfunden stammen aus dem Bereich des Quellhauses zwölf Fragmente einer lebensgroßen Frauenstatuette, die stilistisch vor 70 u. Z. datiert wird.[6][7] Bei der Ausgrabung wurden auch Reste einer als Gesamtbauwerk bis zu zwei Meter breiten steinernen Frischwasserleitung gefunden, die ab der frühtrajanischen Zeit größtenteils unterirdisch nach Aquae Granni (Aachen) führte. Die Leitung wurde mit Ziegeln abgedeckt, deren Ziegelstempel VI VIC P F auf die Legio VI Victrix hinweisen.[2] Der weitere Verlauf dieser Leitung wurde 2019 durch einen Fund in der Lothringerstraße ermittelt.[8] Damit das wertvolle Trinkwasser aus dem Aachener Wald, das im Burtscheider Tal Richtung Aachen abfließt, nicht durch die salzigen Thermalwässer verunreinigt wurde, haben die Römer im Bereich der Thermalquellen auch die Wurm verlegt. Der Verlauf dieses sogenannten „Kalten Baches“ ist bis ins Frankenberger Viertel nachweisbar.
Thermen
Bei der Erneuerung von Versorgungsleitungen wurden 2009 am Burtscheider Markt Reste eines römischen Stufenbeckens gefunden.[9] In diesem Zusammenhang fiel auf, dass bereits 1903 im selben Bereich eine runde Stufenanlage entdeckt und als römerzeitlich angesprochen worden war.[10][11] Dieser Ansatz war jedoch in der späteren Literatur nicht weiterverfolgt, sondern der Befund stattdessen in „neuzeitlich“ umdatiert worden. Nach der jüngeren Entdeckung erfolgte ein neuer Interpretationsansatz, zumal schon Leo Hugot 1962 rund 100 Meter nördlich der Quellfassung zwei Räume mit wasserfestem Estrich (Opus signinum) und Sinterablagerungen untersucht hatte und ein weiterer Befund auf der Dammstraße[12] in denselben Kontext zu fallen scheint.[13] Alle genannten Befunde werden nun als Bestandteile einer oder mehrere Thermen betrachtet. Das keramische Fundmaterial lässt die Anlage auf das erste Jahrhundert datieren, möglicherweise wurde sie zeitgleich mit den Büchelthermen der Aachener Innenstadt errichtet. Der Betrieb der Thermalbäder wurde möglicherweise nach der Mitte des dritten Jahrhunderts aufgegeben, da keine spätrömischen Funde vorliegen und die jüngsten, dendrochronologisch gewonnenen Daten aus den Jahren 250/251 stammen.[14]
Kulturlandschaftsbereich
Die römischen Relikte in Burtscheid sind als Bestandteile eines Kulturlandschaftsbereichs geschützt.[15] Im Rahmen dieser Ausweisung ist es regionalplanerisches Ziel, archäologische und paläontologische Bodendenkmäler in ihrem Kontext zu bewahren und zu sichern.
Siehe auch
Literatur
- Paul Derks: Porcêtum „Schweinetrift“. Der Name Burtscheids und die lateinisch-romanischen Relikte im Aachener Raum, In: Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins, (ZAGV) 100, 1995/96, S. 153–245.
- Hans Gabelmann: Die Frauenstatue von Aachen-Burtscheid. In: Bonner Jahrbücher 179, 1979, S. 209–250 (Digitalisat).
- Leo Hugot: Ausgrabungen und Forschungen in Aachen. In: Heinz Cüppers et al.: AQVAE GRANNI. Beiträge zur Archäologie von Aachen. (= Rheinische Ausgrabungen, 22) Rheinland Verlag, Köln 1982, ISBN 978-3-7927-0313-7, S. 115–173, hier: S. 160–163 und Tafel 59, 1.
- Heinz Günter Horn (Hrsg.): Aachen-Burtscheid AC, Römisches Quellheiligtum. In: Ders. (Hrsg.): Die Römer in Nordrhein-Westfalen. Theiss, Stuttgart, 1987, ISBN 3-8062-0312-1, S. 328f.
- Christoph Keller: Archäologische Forschungen in Aachen. Katalog der Fundstellen in der Innenstadt und in Burtscheid. (= Rheinische, Ausgrabungen 55) Zabern, Mainz 2004, ISBN 3-8053-3407-9.
- Peter Rothenhöfer: Die Wirtschaftsstrukturen im südlichen Niedergermanien. Untersuchungen zur Entwicklung eines Wirtschaftsraumes an der Peripherie des Imperium Romanum. Verlag Marie Leidorf, Rahden/Westfalen 2005, ISBN 3-89646-135-4.
- Walter Sölter: Römische Fundstellen in Aachen-Burtscheid. In: Heinz Cüppers et al.: AQVAE GRANNI. Beiträge zur Archäologie von Aachen.(= Rheinische Ausgrabungen, 22), Rheinland Verlag, Köln 1982, ISBN 978-3-7927-0313-7, S. 205–213.
- Andreas Schaub: Aachen in römischer Zeit aus archäologischer Sicht. In: Raban von Haehling und Andreas Schaub (Hrsg.): Römisches Aachen. Archäologisch-historische Aspekte zu Aachen und der Euregio. Schnell und Steiner, Regensburg 2013, ISBN 978-3-7954-2598-2, S. 131–205, hier besonders S. 169–172.
Anmerkungen
- ↑ Quellfassung bei 50° 45′ 46,4″ N, 6° 5′ 30,25″ O
- ↑ a b Heinz Günter Horn: Aachen-Burtscheid AC, Römisches Quellheiligtum. In: Ders. (Hrsg.): Die Römer in Nordrhein-Westfalen. Theiss, Stuttgart, 1987, ISBN 3-8062-0312-1, S. 328f.
- ↑ Herbert Nesselhauf, Harald von Petrikovits: Ein Weihaltar für Apollo aus Aachen-Burtscheid. In: Bonner Jahrbücher 179, 1979, S. 268–279 (Digitalisat).
- ↑ AE 1968, 323 = HD014357
- ↑ AE 1977, 544 = HD006142 = Lupa 27284
- ↑ Frauenstatuette bei 50° 45′ 46″ N, 6° 5′ 30,15″ O
- ↑ Hans Gabelmann: Die Frauenstatue von Aachen-Burtscheid. In: Bonner Jahrbücher 179, 1979, S. 209–250 (Digitalisat).
- ↑ Lothringerstraße: Archäologen machen seltenen Fund auf wir-frankenberger.de am 5. Dezember 2019, abgerufen am 30. Juli 2026.
- ↑ Stufenbecken bei 50° 45′ 45,95″ N, 6° 5′ 32,15″ O
- ↑ Stufenbecken von 1903 bei 50° 45′ 45,9″ N, 6° 5′ 31,25″ O
- ↑ Christoph Keller: Archäologische Forschungen in Aachen. Katalog der Fundstellen in der Innenstadt und in Burtscheid. (= Rheinische Ausgrabungen 55), Zabern, Mainz 2004, ISBN 3-8053-3407-9, S. 82, Fundstelle 648/020.
- ↑ Badegebäude Dammstraße bei 50° 45′ 48,85″ N, 6° 5′ 35,25″ O
- ↑ Christoph Keller: Archäologische Forschungen in Aachen. Katalog der Fundstellen in der Innenstadt und in Burtscheid. (= Rheinische Ausgrabungen 55), Zabern, Mainz 2004, ISBN 3-8053-3407-9, S. 82, Fundstelle 648/016.
- ↑ Andreas Schaub: Aachen in römischer Zeit aus archäologischer Sicht. In: Raban von Haehling und Andreas Schaub (Hrsg.): Römisches Aachen. Archäologisch-historische Aspekte zu Aachen und der Euregio. Schnell und Steiner, Regensburg 2013, ISBN 978-3-7954-2598-2, S. 131–205, hier besonders S. 169–172.
- ↑ Burtscheid (Kulturlandschaftsbereich Regionalplan Köln 099) auf kuladig.de, abgerufen am 30. Juli 2026.
Koordinaten: 50° 45′ 48,24″ N, 6° 5′ 27,6″ O
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