Petra Gall

Petra Gall (Selbstporträt, 1983)
Gall dokumentierte zahlreiche Aktionen, Demonstrationen und andere Aktivitäten der Berliner FrauenLesben-Bewegung, hier eine Demonstration am 11. Juni 1982 anlässlich des Besuchs des US-Präsidenten Ronald Reagans in Berlin
Gall fotografierte viele Konzerte der Westberliner Musikszene, hier ein Auftritt der US-amerikanischen Rollins Band mit Leadsänger Henry Rollins im Loft am Nollendorfplatz in Berlin (3. September 1987)

Petra Gall (geboren 1955 in Hüttersdorf, Schmelz, Saarland;[1][2] gestorben am 7. Juli 2018 in Berlin) war eine deutsche Fotografin, Grafikerin und Reisejournalistin. Sie gilt als bedeutende Dokumentaristin der Westberliner Frauen- und Lesbenszene sowie der Musikszene Westberlins der 1980er und 1990er Jahre.

Leben und Werk

Petra Gall wurde 1955 in Hüttersdorf im Saarland geboren. Sie studierte an der Universität Konstanz Geschichte, Politik und Slawistik. Noch in Konstanz gab sie unter dem Pseudonym Petra Panther erstmals einen Lesbenkalender im Eigenverlag heraus, den sie später in Berlin weiterführte. 1981 zog sie nach West-Berlin, wo sie das Fotografieren als Autodidaktin erlernte. Sie lebte in der Potsdamer Straße, direkt gegenüber dem Begine und dem Pelze, zwei sehr bekannte Treffpunkte der Westberliner Lesben-Szene.

Zusammen mit Heidi Zimmermann gründete sie die Fotoagentur Zebra, über die sie ihre Fotos vermarktete. Freiberuflich arbeitete sie für Tageszeitungen wie die taz sowie für die Stadtmagazine zitty und Tip. Daneben war sie als Grafikerin tätig. Ihre Fotos erschienen außerdem in Schwulen- und Lesbenmagazinen sowie in feministischen Zeitschriften wie der Courage. Sie publizierte Fotos und Texte in Frauenkalendern und Büchern zu den Themen Musik, Feminismus und Motorrad-Reisen.[3]

Über zwei Jahrzehnte begleitete Gall die Berliner Frauen- und Lesbenszene fotografisch, die sich selbst als „FrauenLesben-Bewegung“ bezeichnete, um auf die doppelte Diskriminierung durch Frauen wie durch Homophobie hinzuweisen. Diese kämpfte nicht nur für rechtliche und ökonomische Gleichstellung, sondern setzte sich auch gegen sexuelle Gewalt ein und forderte das Recht auf körperliche Selbstbestimmung.[4] Gall dokumentierte Demonstrationen, Walpurgisnächte und Kunstaktionen sowie Partys der Szene, z. B. den Frauenball Eldorado oder die „Nacht der bösen Mösen“ im SO36.[5] Darüber hinaus dokumentierte Gall besetzte Häuser und die Anfänge von Institutionen wie dem Frauenstadtteilzentrum Schokofabrik, dem Begine und dem Feministischen Frauen-Gesundheit-Zentrum.[6] Ihr besonderes Interesse galt dem Porträt. Zu ihren Sujets zählten unter anderem Diamanda Galás, Nina Hagen, Nick Cave, Blixa Bargeld und Rio Reiser sowie die Selbstverteidigungsikone Martha Schedewi und die Barkeeperin Maria Zastrow der Bar Risiko.[3]

„Ich fotografiere fast ausschließlich Menschen: Frauen, Männer, die eine bestimmte Ausstrahlung haben, die ich ‚spannend‘, interessant finde, fremde Menschen in einer Atmosphäre, die mir nahe ist (wie z. B. die derzeitige Musik- und Mode-Avantgarde in Berlin); Menschen, in die ich verliebt bin, mit denen ich zusammenlebe. […] Ich mache (fast) nie ‚heimliche‘ Fotos, sondern möchte Kontakt mit der fotografierten Person haben, und sei es nur ein Einverständnis signalisierendes Grinsen oder Augenzwinkern. Bei Festen oder Musikveranstaltungen muß ich mich erst eine Weile einfühlen, bei Frauendemonstrationen laufe ich mit, kenne einen Teil der Frauen, bin als Frau betroffen …“

Petra Gall: Kalender Streifzüge, Ausgabe „Frauenbilder“ 1986 (zitiert nach Text in der Ausstellung Feuer + Flamme dem Patriarchat, Schwules Museum Berlin, 2025)

In den 1980er Jahren fotografierte sie außerdem zahlreiche Konzerte und dokumentierte damit die Westberliner Musik- und Konzertszene. Unter anderem fotografierte sie Musikerinnen und Musiker wie Dr. Motte, Nina Hagen, David Bowie, Run-D.M.C., die Beastie Boys und Björk.[2] Gall fotografierte auch Konzerte in Ost-Berlin, u. a. der Band Silly, zwei Konzerte der Einstürzenden Neubauten im Kulturhaus des VEB Elektrokohle in Lichtenberg sowie im März 1990 das erste große Heavy-Metal-Festival in der Werner-Seelenbinder-Halle in Prenzlauer Berg, das erste seiner Art in der DDR, bei dem die Thrash-Metal-Band Kreator als Mainact spielten.[2]

Ab den 1990er Jahren widmete sie sich ihrer Leidenschaft für das Motorradfahren und produzierte Reisereportagen aus verschiedenen Teilen der Welt, insbesondere aus den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion, für Motorradmagazine, für die sie auch Texte verfasste. Unter anderem dokumentierte Gall 1992 den ersten CSD in St. Petersburg.

Anfang der 2000er Jahre musste sie das Motorradfahren aufgrund einer schweren Erkrankung aufgeben. Petra Gall starb am 7. Juli 2018 nach langer Krankheit.[3]

Nachlass und Rezeption

2012 widmete das Schwule Museum in Berlin Petra Gall eine Retrospektive.[7] Im selben Jahr übergab sie Teile ihres Werkes als Vorlass an das Archiv des Schwulen Museums. Nach ihrem Tod 2018 überführte die Politikwissenschaftlerin Christiane Leidinger weitere Teile der Sammlung dorthin. Das Konvolut umfasst rund 200.000 Objekte. Durch eine Förderung des Forschungs- und Kompetenzzentrum Digitalisierung Berlin (digiS)[8] sind über 1.000 Werke auf der Plattform museum-digital kostenfrei einsehbar,[3] einige davon sind auch frei lizenziert auf Wikimedia Commons verfügbar.

Ihre Fotografien wurden in mehreren Ausstellungen des Schwulen Museums gezeigt, darunter Homosexualität_en (2015/16) sowie Feuer + Flamme dem Patriarchat.[9]

Commons: Petra Gall – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Petra Gall (1955-2018). In: Museum-Digital.de. Abgerufen am 11. Mai 2026.
  2. a b c Ferial Nadja Karrasch: Die Fotografin Petra Gall – Ein Gespräch mit Michael Bucher vom Schwulen Museum. In: Ferial Nadja Karrasch. 2. April 2021, abgerufen am 11. Mai 2026.
  3. a b c d Wir nehmen Abschied von Petra Gall. In: Schwules Museum. Abgerufen am 11. Mai 2026.
  4. Lea Wolters: Ausstellung im Schwulen Museum Berlin – Kampf und Party. In: taz.de. 12. September 2025, abgerufen am 11. Mai 2026.
  5. Nadine Lange: Hexen, Demos und Sexpartys: Die West-Berliner Frauenszene in den Fotos von Petra Gall. In: Tagesspiegel.de. 12. Juli 2025, abgerufen am 11. Mai 2026.
  6. Carsten Bauhaus: Fotos der Frauen-Lesben-Bewegung in den 1980er- und 90er-Jahren in Berlin. In: Siegessäule. 6. August 2025, abgerufen am 11. Mai 2026.
  7. Schwules Museum würdigt Petra Gall und Rüdiger Trautsch. In: Queer.de. 9. Mai 2012, abgerufen am 11. Mai 2026.
  8. Abschlussbericht zum Förderprogramm 2022/23 Petra Gall und die Berliner Frauen- und Lesbenbewegung in den 1980er- und 1990er-Jahren. (PDF) In: Digis-Berlin.de. digis, März 2024, abgerufen am 11. Mai 2026.
  9. Pressebereich: Feuer + Flamme dem Patriarchat. Petra Galls Fotos der Berliner FrauenLesben-Szene. In: Schwules Museum. Abgerufen am 11. Mai 2026 (deutsch).

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