Neville Moray

Neville Moray

Neville Moray (* 27. Mai 1935 in London; † 15. Dezember 2017 in Grasse) war ein britisch-kanadischer Psychologe und emeritierter Professor der University of Surrey.[1]

Leben

Er wurde in England geboren, verbrachte aber von 1940 bis 1944 vier seiner frühen Lebensjahre als Evakuierter während des Zweiten Weltkriegs in Toronto. Zurück in England begann Moray im Alter von 13 Jahren am Ampleforth College Physik, Chemie, Biologie und Mathematik zu studieren. 1953 erhielt er ein Stipendium für das Worcester College der University of Oxford, wo er zunächst Medizin mit Schwerpunkt Virologie zu studieren begann, doch Kurse in Philosophie, Psychologie und Physiologie weckten sein Interesse und schließlich erwarb er 1957 einen B.A. in experimenteller Psychologie. 1959 belegte er auch einen der ersten Kurse in Computerprogrammierung und leistete später Pionierarbeit beim Einsatz von Computern in der psychologischen Forschung. 1959 erwarb er einen M.A. und promovierte (Dr. phil.) 1960 in Oxford unter der Betreuung von Richard Charles Oldfield mit einer Arbeit über den erstmals von Colin Cherry[2] beschriebenen Cocktailparty-Effekt; damit wird das Phänomen beschrieben, dass Menschen die Geräusche in einer Menge ausblenden können, um sich auf ein Gespräch zu konzentrieren. Er konnte zeigen, dass diese Konzentrationsbarriere in der Regel nur dann durchbrochen wird, wenn eine Person ihren eigenen Namen irgendwo im Raum hört.

Seine berufliche Karriere begann er 1959 als Assistent an der University of Hull. 1960 trat er als Dozent dem Psychologischen Institut der Universität Sheffield bei und lehrte hier zehn Jahre lang Psychologie. 1970 zog er nach Kanada, wo er als außerordentlicher Professor und später als ordentlicher Professor für Psychologie an der University of Toronto lehrte und bis 1974 zu Themen der Aufmerksamkeit forschte; beeinflusst wurde er hier von dem Emeritus John Senders, einem Pionier der Ingenieurpsychologie. 1974 ging er zurück nach Schottland und wurde Professor an der University of Stirling. 1981 ging er zurück an die Universität Toronto, diesmal aber am Fachbereich Wirtschaftsingenieurwesen, und arbeitete hier bis 1988 als Professor für Wirtschaftsingenieurwesen. 1988 begann er eine siebenjährige Tätigkeit an der University of Illinois at Urbana-Champaign in den USA als Professor am Department of Mechanical Science and Engineering. Von 1995 bis 1998 war er Professor am Département Automatique et de l'Informatique Industrielle der Polytechnischen Universität Hauts-de-France in Frankreich. Von 1997 bis 2001 war er Professor für Professor für Angewandte Kognitionspsychologie an der University of Surrey in Großbritannien und danach Professor Emeritus. Nach seiner Pensionierung im Jahr 2001 zog er nach Südfrankreich.

Werk

Er forschte zwei Jahrzehnte lang im Bereich der kognitiven Psychologie und der auditiven Aufmerksamkeit; nach einem Forschungsaufenthalt 1968 am Massachusetts Institute of Technology (MIT) verlagerte er seinen Arbeitsschwerpunkt auf das Thema der Mensch-Maschine-Interaktion und konzentrierte sich fortan auf die Gebiete Human Factors und Ergonomie. Damit verband er die beiden Disziplinen Ingenieurwesen und Psychologie. Seine Arbeit wurde prägend für die Entwicklung von Technologien wie selbstfahrenden Autos und Algorithmen für soziale Netzwerke wie automatisierte Algorithmen zur Weitergabe von Werbung an Nutzer. Ein zentraler Forschungsschwerpunkt war das Vertrauen, das Menschen in automatisierte Systeme setzen, und welches Maß an Vertrauen angemessen ist, um eine effektive Überwachung und Anwendung der Automatisierung zu gewährleisten. Seine Arbeit konzentrierte sich auf die Automatisierung in Produktionsanlagen und seine Erkenntnisse bilden den Grundstein für spätere Studien zu Themen wie beispielsweise die Zuverlässigkeit selbstfahrender Autos, die Sicherheit in der Nuklearindustrie und die menschlichen Faktoren, die bei der Vernichtung chemischer Waffen berücksichtigt werden müssen. Er leistete auch Pionierarbeit in der Analyse der mentalen Arbeitsbelastung und der Untersuchung der Frage, wie viele Aufgaben Menschen gleichzeitig effektiv bewältigen können.

Ehrungen/Positionen

  • 2000: Ergonomics Development Award und the President's Award der International Ergonomics Association
  • 2000: Stiftung des Neville Moray Prize an der University Stirling
  • Fellow of the International Ergonomics Association
  • Fellow of the Institute of Ergonomics and Human Factors
  • 1998: Fellow of the Ergonomics Society
  • 1991: Elected Fellow of the Human Factors and Ergonomics Society

Privates

Er war drei Mal verheiratet; 1965 heiratete er seine erste Frau, die Kunsthistorikerin Gerta Glasser, zuletzt war er mit Angela Rhodes James verheiratet; er hatte die zwei Töchter Nerissa und Clea. In früher Zeit war er stolz auf seinen katholischen Glauben, den er in dem Fachbereich der University of Surrey, der dezidiert agnostisch war, aufrechterhielt; gegen sein Lebensende gab er überraschenderweise seinen katholischen Glauben auf. Eine seiner großen Leidenschaften war das Segeln und 1983 gelang ihm und drei Freunden die Atlantiküberquerung auf einer 9,5 Meter langen Yacht. Er versuchte sich in Kalligrafie, neben fließenden Französischkenntnissen konnte er auch Griechisch und Latein lesen und konnte auch gut singen. So trat er beispielsweise in einer sehr beliebten Tonight Show auf, um über seine Arbeit über das Phänomen der „Cocktailparty“ zu sprechen. Im Ruhestand lebte er in seiner Villa etwas außerhalb von Grasse an der Côte d’Azur und begann mit der Malerei in leuchtenden Acrylfarben und in einem Stil, den er selbst als „Neo-Pop-Art“ bezeichnete. Er starb in seinem letzten Zuhause in Frankreich im Beisein seiner Frau, nach einem langen Kampf gegen eine Lungenfibrose.

Publikationen (Auswahl)

Monografien
  • Attention: Selective processes in vision and hearing. Routledge, London 2017, ISBN 978-1-315-51461-1.
  • Mit John W. Senders: Human error: Cause, prediction, and reduction. CRC Press, Boca Raton 2020, ISBN 978-1-00-307037-5.
  • Science, Cells and Souls: An Introduction to Human Nature. Authorhouse, Bloomington 2014, ISBN 978-1-4969-9698-5.
  • Ergonomics: The History and Scope of Human Factors Vol. 1: Major Writings. Taylor & Francis, Milton Park 2005.
  • Listening and Attention. Penguin Books, London 1969, ISBN 978-0-14-080066-1.
  • Mit Eric Anthony Lunzer; J. F. Morris: The regulation of behaviour. Staples Press, Framingham 1968, ISBN 978-0-286-62063-5.
  • Introduction to Psychology. Blackie & Son, Glasgow 1967, ISBN 978-0-216-88932-3.
  • Cybernetics (Twentieth century encyclopedia of Catholicism). Hawthorn Books, Portland 1963.
Herausgeberschaften
  • Mental workload: Its theory and measurement. Springer Science & Business Media, New York 2013, ISBN 978-1-4757-0886-8.
Zeitschriftenartikel/Buchbeiträge
  • Mit Toshiyuki Inagaki; Makoto Itoh: Adaptive automation, trust, and self-confidence in fault management of time-critical tasks. In: Journal of experimental psychology: Applied, 2000, 6 (1), S. 44–58.
  • Mit Bonnie M. Muir: Trust in automation. Part II. Experimental studies of trust and human intervention in a process control simulation. In: Ergonomics, 1996, 39 (3), S. 429–460.
  • Mit John D. Lee: Trust, self-confidence, and operators' adaptation to automation. In: International journal of human-computer studies, 1994, 40 (1), S. 153–184.
  • Designing for attention. In: A. D. Baddeley; L. Weiskrantz (Hrsg.): Attention: Selection, awareness, and control: A tribute to Donald Broadbent (S. 111–134). Clarendon Press, Oxford 1993, ISBN 978-0-19-852259-1.
  • Mit John Lee: Trust, control strategies and allocation of function in human-machine systems. In: Ergonomics, 1992, 35 (10), S. 1243–1270.
  • Mit Kim J. Vicente; D. Craig Thornton: Spectral analysis of sinus arrhythmia: A measure of mental effort. In: Human factors, 1987, 29 (2), S. 171–182.
  • Intelligent aids, mental models, and the theory of machines. In: International journal of man-machine, 1987, 27 (5–6), S. 619–629.
  • Monitoring behavior and supervisory control. In: K. R. Boff; L. Kaufman; J. P. Thomas (Hrsg.): Handbook of perception and human performance, Vol. 2. Cognitive processes and performance (S. 1–51). John Wiley & Son, Hoboken 1986, ISBN 978-0-471-82956-0.
  • Subjective mental workload. In: Human factors, 1982, 24 (1), S. 25–40.
  • Mit Geoffrey Underwood: Shadowing and monitoring for selective attention. In: Quarterly Journal of Experimental Psychology, 1971, 23 (3), S. 284–295.
  • Mit T. O'brien: Signal‐Detection Theory Applied to Selective Listening. In: The Journal of the Acoustical Society of America, 1967, 42 (4), S. 765–772.
  • Where is capacity limited? A survey and a model. In: Acta psychologica, 1967, 27, S. 84–92.
  • Perceptual Defence and Filter Theory. In: Nature, 1961, 191 (4791), S. 940
  • Beoadbent's filter theory: Postulate H and the problem of switching time. In: Quarterly Journal of Experimental Psychology, 1960, 12 (4), S. 214–220.
  • Attention in dichotic listening: Affective cues and the influence of instructions. In: Quarterly journal of experimental psychology, 1959, 11 (1), S. 56–60.

Einzelnachweise

  1. Richard Blackwell: U of T Remembers: Former professor Neville Moray published seminal paper on 'cocktail party effect' auf University of Toronto News vom 11. Mai 2018, abgerufen am 21. Januar 2026.
  2. E. Colin Cherry: Some Experiments on the Recognition of Speech, with One and with Two Ears. In: The Journal of the Acoustical Society of America, 1953, 25 (5), S. 975–79.

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