Mary Gergen
Mary Kathryn McCanney Gergen (geb. McCanney; * 12. Dezember 1938 in Tyler; † 22. September 2020 in Wallingford) war eine US-amerikanische Sozialpsychologin und emeritierte Professorin an der Pennsylvania State University.[1][2]
Leben
Sie wuchs als Tochter irischer Eltern in der Ebene im Südwesten Minnesotas auf und zog später mit ihrer Familie nach St. Louis Park, einem Vorort von Minneapolis. An der University of Minnesota erwarb sie ihren B.Sc. in Anglistik und Pädagogik mit dem Nebenfach Sprechwissenschaft und Theater. Sie blieb an dieser Universität, um ihren Master of Science in Pädagogischer Psychologie mit Schwerpunkt Beratung zu erwerben. Danach nahm sie eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Harvard University im Fachbereich Sozialbeziehungen und später im Marketing an der Harvard Business School an. Nachdem sie einige Zeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Swarthmore College gearbeitet hatte, beschloss sie, ihre akademische Laufbahn fortzusetzen und promovierte an der Temple University in Sozialpsychologie. Ihre Dissertation trug den Titel „Antecedents and Consequences of Self-Attributional Preferences in Later Life“ (dt. „Vorläufer und Folgen selbstattributiver Präferenzen im späteren Lebensabschnitt“).
Nach Abschluss ihrer Promotion arbeitete sie als psychologische Beraterin für AT&T an deren Langzeitstudie über das Leben von Führungskräften. Ihre eigentliche akademische Laufbahn begann sie 1984 an der Pennsylvania State University, Delaware County, im Fachbereich Psychologie und Frauenforschung. 1998 wurde sie zur Leiterin der Abteilung für Sozialwissenschaften und Pädagogik am neu gegründeten Commonwealth College der Penn State ernannt. Diese Position hatte sie bis 2020 inne. Zudem ist sie Mitbegründer des Taos Institute, einer gemeinnützigen Organisation, die sich der Entwicklung sozialkonstruktivistischer Ideen in verschiedenen Praxisfeldern widmet, darunter Therapie, Organisationsberatung und Pädagogik.
Werk
Ihr intellektueller Schwerpunkt liegt an der Schnittstelle von Sozialpsychologie, feministischer Theorie und Sozialkonstruktivismus. Ihr Einfluss erstreckt sich auch auf qualitative Forschung, Organisationsentwicklung und Narrative Psychologie. Sie sieht Geschlecht als sozialen Prozess und nicht als unveränderliche Eigenschaft; Geschlechtsidentitäten sind nicht biologisch festgeschrieben, sondern werden durch Sprache, Kultur und zwischenmenschliche Interaktionen gemeinsam erzeugt. Auch Identität ist nach ihrer Anschauung eine Erzählung, die durch Beziehungen entsteht. In ihrer Weiterentwicklung der Geschlechtertheorien erkannte sie den Bedarf an neuen Methoden und wandte sich, beeinflusst vom Konstruktivismus, qualitativen Forschungsansätzen zu. Forschung wird von ihr als Performance angesehen, die Raum für kreative, körperorientierte Methoden eröffnet. Sie hat mit Formen der performativen Psychologie experimentiert, die theatralische oder dramatische Präsentationen als Methode der Sozialwissenschaft einsetzt, um menschliche Erfahrungen jenseits starrer statistischer Daten greifbar zu machen. Mit ihren Positive Aging Newsletters und Büchern stellte sie negative Stereotypen des Alterns in Frage und versuchte, positivere Darstellungen zu fördern.
Ehrungen/Positionen
- 1996: George W. Atherton Teaching Award der Pennsylvania State University
- Gründungsmitglied und Fellow der Division 35 der Society for the Psychology of Women
- 1988: Fellow am Netherlands Institute for Advanced Study
- Herausgabe des Positive Aging Newsletters, einer elektronischen Publikation, welche die positiven Potenziale des späteren Lebens hervorhebt
- Mitherausgeberin der Fachzeitschrift „Qualitative Psychology“
- 1970: Mitglied der American Psychological Association
- Phi Beta Kappa Award an der University of Minnesota
Privates
Ihr erster Ehemann war Michael Gebhart; mit ihm hatte sie die beiden Kinder Lisa Scintilla und Michael Gebhart. Als ihr Mann eine Stelle am Massachusetts Institute of Technology (MIT) annahm, zog die Familie nach Boston. Dort arbeitete sie zwei Jahre lang als wissenschaftliche Mitarbeiterin des Sozialpsychologen Kenneth Gergen an der Harvard University. Nach der Scheidung von ihrem ersten Mann heirateten die beiden 1969 und zogen an das Swarthmore College; mit ihm gemeinsam arbeitete sie an vielen Publikationsprojekten zusammen und mit ihm bekam sie noch drei Kinder: Laura Pennington, Stan Gergen und Antonia Gergen. Sie führte ein aktives soziales Leben, wobei sie u. a. lebhafte Dinnerpartys und exzentrische Tanzpartys organisierte und jedes Jahr ein Musikfest in ihrem Garten veranstaltete.
Publikationen (Auswahl)
- Monografien
- Mit Kenneth J. Gergen: Paths to Positive Aging: Dog Days with a Bone and Other Essays. Taos Institute Publications, Chagrin Falls 2017, ISBN 978-1-938552-50-2.
- Mit Kenneth J. Gergen: Playing with Purpose: Adventures in Performative Social Science (Writing Lives: Ethnographic Narratives). Routledge, Abingdon 2016, ISBN 978-1-315-42243-5.
- Mit Kenneth J. Gergen: Social Construction: Entering the Dialogue. Taos Institute Publications, Chagrin Falls 2004, ISBN 978-0-7880-2127-5.
- Deutsche Ausgabe: Mit Kenneth J. Gergen: Einführung in den sozialen Konstruktionismus. Carl-Auer-Verlag, Heidelberg 2009, ISBN 978-3-89670-681-2.
- Feminist Reconstructions in Psychology: Narrative, Gender and Performance. Sage, Thousand Oaks 2000, ISBN 978-0-7619-1150-0.
- Mit Gudmund R. Iversen: Statistics: The Conceptual Approach. Springer, New York 1997, ISBN 978-1-4612-2244-6.
- Feminist Thought and the Structure of Knowledge. NYU Press, New York 1989, ISBN 978-0-8147-3031-7.
- Mit Kenneth J. Gergen: Social psychology (2. ed.). Springer, New York 1986, ISBN 978-3-540-96252-6.
- Herausgeberschaften
- Mit S. McNamee; C. Camargo-Borges; E. F. Rasera: The SAGE handbook of social constructionist practice. Sage Publications, Los Angeles 2020, ISBN 978-1-5297-3844-5.
- Mit Sara N. Davis: Toward a New Psychology of Gender. Routledge, Abingdon 1997, ISBN 978-0-415-91308-9.
- Mit Lilian R. Furst; Desider Furst; Ludger Heid: Home is somewhere else. Autobiography in Two Voices. State University of New York Press, New York 1994, ISBN 978-0-7914-1970-0.
- Deutsche Ausgabe: Daheim ist anderswo: ein jüdisches Schicksal, erinnert von Vater und Tochter. Campus-Verl., Frankfurt, M. 2009, ISBN 978-3-593-39022-2.
- Zeitschriftenartikel/Buchbeiträge
- Mit Kenneth J. Gergen: Performative Social Science and Psychology. In: Forum qualitative Sozialforschung, 2010, 12 (1).
- Mit Kip Jones: Editorial: A Conversation about Performative Social Science. In: Forum qualitative Sozialforschung, 2008, 9 (2).
- Mit Kenneth J. Gergen: Performative social science and psychology. In: Historical social research, 2011, 36 (4), S. 291–299.
- Mit Kip Jones: Thoroughly Post-Modern Mary. A Biographic Narrative Interview With Mary Gergen. In: Forum qualitative Sozialforschung, 2004, 5 (3).
- The (H)orne of a dilemma. In: Society, 1992, 29 (2), S. 21–23.
Weblinks
- Literatur von und über Mary Gergen im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Joy Wada: Mary Gergen, 1938–2020: Pioneer in Social Constructionism and Feminist Psychology auf Social Science Space vom 19. Oktober 2020, abgerufen am 3. Juni 2026.
- Laura Ball; Mary Gergen auf Feminist Voices, abgerufen am 3. Juni 2026.
- Mary M. Gergen, Professor Emeritus at Pennsylvania State University auf Research Gate, abgerufen am 3. Juni 2026.
- R. Josselson: Mary Gergen (1938–2020) . In: American Psychologist, 2021, 76 (3), S. 562.
- Mary M. Gergen auf Deutsche Digitale Bibliothek, abgerufen am 3. Juni 2026.
Einzelnachweise
- ↑ In Memorian Professor Mary Gergen auf Social Psychology, abgerufen am 3. Juni 2026.
- ↑ Mary M. Gergen 1938–2020 auf taosinstitute, abgerufen am 3. Juni 2026.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Gergen, Mary |
| ALTERNATIVNAMEN | Gergen, Mary Kathryn McCanney (vollständiger Name) |
| KURZBESCHREIBUNG | US-amerikanische Sozialpsychologin und Hochschullehrerin |
| GEBURTSDATUM | 12. Dezember 1938 |
| GEBURTSORT | Tyler |
| STERBEDATUM | 22. September 2020 |
| STERBEORT | Wallingford |
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