Lokono Dian

Lokono

Gesprochen in

Guyana, Suriname, Französisch-Guayana, Venezuela
Linguistische
Klassifikation
Sprachcodes
ISO 639-2 arw
ISO 639-3 arw

Die Lokono-Sprache, Eigenbezeichnung Loko tago oder Lokono Dian, historisch auch Arawakisch im engeren Sinne oder Festland-Arawakisch, ist die indigene Sprache der Lokono, die im Norden Südamerikas in den Küstengebieten der Region Guayana (Guyana, Suriname, Französisch-Guayana und im östlichen Venezuela) gesprochen wird. Das traditionelle Exonym Arawak ist namensgebend für die weit verzweigte arawakische Sprachfamilie.[1] Die Sprache gilt heute laut UNESCO mit schätzungsweise unter 2.500 verbliebenen Muttersprachlern als ernsthaft vom Aussterben bedroht (severely endangered).

Sprachbau und Typologie

Lokono ist eine polysynthetische und agglutinierende Sprache, welche komplexe Sachverhalte durch das gehäufte Aneinanderreihen von Morphemen an einen Wortstamm ausdrückt. Typologisch wird sie als Aktivsprache klassifiziert, bei welcher das Subjekt eines intransitiven Verbs unterschiedlich markiert wird – je nachdem, ob es sich um eine aktive Handlung oder einen passiven Zustand handelt.[2]

Zentral für die Grammatik ist das System der Personalpräfixe, die sowohl die Konjugation von Verben steuern als auch Besitzverhältnisse bei Substantiven anzeigen (z. B. da- für „ich/mein“; dandi = „ich komme an“, dabira = „mein Spielzeug“). Zudem existiert das Phänomen des unveräußerlichen Besitzes (Inalienabilität): Körperteile oder Verwandtschaftsgrade können grammatikalisch nicht isoliert existieren und erfordern zwingend ein solches Besitzer-Präfix (z. B. da-kabo = „meine Hand“).[3]

Lautsystem (Phonologie)

Vokale

Lokono Dian hat sechs Vokale, die jeweils kurz oder lang sein können:

Vorder Zentral Hinter
Geschlossen i ɨ u
Mittel e o
Offen a

Der ungerundete geschlossene Zentralvokal ɨ, der phonetisch einem dumpfen Schwa-Laut ähnelt, wird in manchen Orthografien als y geschrieben (der Halbvokal ​/⁠j⁠/​ dagegen – wie im Niederländischen – mit j).

Konsonanten

Labial Alveolar Retroflex Palatal Velar Glottal
Plosive stimmlos t k
aspiriert
stimmhaft b d
Frikative ɸ s h
Nasale m n
Approximanten w l j
Flaps, Vibranten Vibranten r
Flaps ɽ

Auffällig im Kernwortschatz ist das weitgehende Fehlen des labialen Plosivs ​/⁠p⁠/​, welcher in historischen Wortstämmen meist durch ​/⁠b⁠/​ oder ​/⁠f⁠/​ ersetzt wird.[1] Er tritt aber laut William Pet in Lehnwörtern auf.[4]

Dialekte

Geografisch und linguistisch teilt sich die Sprache in zwei Hauptdialekte, die sich in Lexik und Orthografie leicht unterscheiden:[5]

  1. West-Lokono: Vorwiegend in Guyana und Venezuela gesprochen, maßgeblich dokumentiert durch den indigenen anglikanischen Priester John Peter Bennett.[6]
  2. Ost-Lokono: Vorwiegend in Suriname und Französisch-Guayana gesprochen, primär dokumentiert durch Marie-France Patte und Peter van Baarle.

Einordnung

Lokono gehört innerhalb der Sprachfamilie der Arawak-Sprachen zu den Maipurischen Sprachen und hier zu den Nord-Maipurischen Sprachen, die nördlich des Amazonas gesprochen werden. Mit dem Wayuunaiki der Wayuu auf der Guajira-Halbinsel, dem Paraujano im westlichen Venezuela und der ausgestorbenen Sprache der Taíno auf den Großen Antillen gehört es zur „Karibischen Gruppe I“.

Auf die Verwandtschaft mit dem Taíno weisen laut Willem Adelaar unter anderem folgende aus dem Taíno stammende Lehnwörter im Spanischen hin:[7]

(Spanisch) ají < *aší / (Wayuunaiki) haši / (Lokono) hači < *hátʰi 'Chili (Peperoni)'
(Spanisch) aje < *áše / (Wayuunaiki) háiši / (Lokono) haliči < *hálitʰi 'Süßkartoffel'

Lokono und hier insbesondere der westliche Dialekt in Guyana hat im Gegensatz zu vielen anderen Arawak-Sprachen wie Wayuunaiki oder die ausgestorbenen Sprachen Taíno und Maipure keine Lautveränderungen wie Palatalisierungen oder Silbenkürzungen durchgemacht und gilt deshalb als besonders konservativ, also nahe am Zustand der ursprünglichen Arawak-Sprache.[8][9] Die erhaltenen gebliebenen transparenten Strukturen des Lokono halfen bei der Aufklärung der verwandtschaftlichen Beziehungen der Arawak-Sprachen.[10]

Soziolinguistische Situation

Während sich etwa 15.000 bis 20.000 Menschen als Lokono identifizieren und es ein ausgeprägtes ethnisches Bewusstsein gibt,[11][12] wird die Zahl der Lokono-Muttersprachler mit weniger als 2500 Sprechern oder sogar mit weniger als 5 % der ethnischen Lokono beziffert. Das Durchschnittsalter der Muttersprachler liegt bei über 70 Jahren, während die jüngeren Generationen zum Englischen (in Guyana), Niederländischen (in Suriname) oder Französischen gewechselt sind. Es gibt jedoch aktive, von indigenen Aktivisten getragene Revitalisierungsprojekte (wie jene des indigenen Historikers und anglikanischen Priesters John Peter Bennett).[13]

Lokono ist nahezu in Gänze eine oral verwendete Sprache. William Henry Brett brachte 1856 eine Übersetzung der vier Evangelien, der Apostelgeschichte und von Auszügen der Genesis heraus, doch hat diese Teilübersetzung der Bibel keine Verbreitung in der heutigen Lokono-Bevölkerung.

Literatur

Wörterbücher

Lehrmaterialien und Grammatiken

  • John Peter Bennett: Twenty-Eight Lessons in Loko (Arawak): A Teaching Guide. Walter Roth Museum of Anthropology, Georgetown 1995.
  • Claudius Henricus de Goeje: The Arawak Language of Guiana. Uitgave van der Koninklijke Akademie van Wetenschappen te Amsterdam, Amsterdam 1928 (2009/2010 neu aufgelegt in der Cambridge Library Collection, Cambridge University Press).
  • Willem J. A. Pet: A Grammar Sketch and Lexicon (Memento vom 13. Dezember 2016 im Internet Archive). SIL International, 2011.
  • Marie-France Patte: Parlons arawak: Une langue amérindienne d'Amazonie. L'Harmattan, Paris 2008, ISBN 978-2-296-07578-8.
  • Peter van Baarle: Eighteenth-Century Descriptions of Arawak by Moravian Missionaries. In: Languages of the Guianas. SIL International, 1997, S. 3–14.

Texte auf Lokono Dian mit englischer bzw. französischer Übersetzung

  • Marie-France Patte (Hrsg., Übers.): Contes arawak des Guyanes: La parole des anciens (Édition bilingue). Karthala, Paris 2011, ISBN 978-2811105853.
  • Arawak Narrative Texts. In: Willem J. A. Pet: A Grammar Sketch and Lexicon, 2011, S. 217–227.

Teilübersetzung der Bibel ins Lokono Dian

  • William Henry Brett (Übers.): Genesis ibena, bibici sabetu ajiahu Jesus Christ w'adaien okonomuntu, Apostleno onyisia okonomuntu ajiahu bajia [Das Buch Genesis, die vier Evangelien und die Apostelgeschichte in der Arawak-Sprache]. W.M. Watts, London 1856.
Commons: Lokono Dian – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  • Archive of the Lokono Language (ALL). In: The Language Archive. Max-Planck-Institut für Psycholinguistik (digitale Sammlung von Audioaufnahmen, Transkriptionen und Mythen der Lokono aus Guyana und Suriname, englisch/niederländisch).

Einzelnachweise

  1. a b Marie-France Patte: Parlons arawak: Une langue amérindienne d'Amazonie. L'Harmattan, Paris 2008, ISBN 978-2-296-07578-8, S. 12–15.
  2. Peter van Baarle: Theophilus Salomon Schumann: Arawak-German Dictionary (ca. 1755). In: Acta Americana. Band 7, Nr. 2, Uppsala 1999, S. 33–38.
  3. Claudius Henricus de Goeje: The Arawak Language of Guiana. Uitgave van der Koninklijke Akademie van Wetenschappen, Amsterdam 1928, S. 45–52.
  4. William Pet: Lokono dian: the Arawak language of Suriname: a sketch of its grammatical structure and lexicon (PhD thesis). Cornell University, 1988.
  5. John Peter Bennett: An Arawak-English Dictionary with an English Word-List. In: Archaeology and Anthropology. Band 6, Nr. 1 & 2, Walter Roth Museum of Anthropology, Georgetown 1989, S. 1–10.
  6. John Peter Bennett: Twenty-Eight Lessons in Loko (Arawak): A Teaching Guide. Walter Roth Museum of Anthropology, Georgetown 1995, S. 4–7.
  7. Willem Adelaar: The Languages of the Andes. Cambridge University Press, Cambridge 2004. S. 117.
  8. Konrad Rybka: The Linguistic Encoding of Landscape in Lokono. LOT Publications, Utrecht 2016 (Dissertation, Universiteit van Amsterdam).
  9. Fernando O. de Carvalho: Numerals in Lokono-Wayuunaiki: Reconstruction and Implications for Internal Classification. In: Folia Linguistica Historica, Vol. 38, No. 1, 2017, S. 27–64.
  10. Alexandra Y. Aikhenvald: The Arawak language family. In: R. M. W. Dixon, A. Y. Aikhenvald (Hrsg.): The Amazonian Languages. Cambridge University Press, Cambridge 1999, S. 65–106.
  11. Arawak (Lokono) Profile. Caribbean Indigenous and Endangered Languages Project (CIEL), University of the West Indies, 2021.
  12. International Work Group for Indigenous Affairs (IWGIA): The Indigenous World 2026: French Guiana. Kopenhagen 2026.
  13. Konrad Rybka: State-of-the-art in the Development of Lokono. In: Acta Americana. Band 7, Nr. 2, 2016, S. 33–41.

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