Lernmythos

Als Lernmythen (Singular Lernmythos) werden nachweislich falsche, aber verbreitete Annahmen über Lernen bezeichnet.[1] Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie versprechen, dass Lernen bei Anwendung einfacher Strategien sehr leicht werden kann, dass sie weit verbreitet sind und sich trotz wissenschaftlicher Widerlegung in der Öffentlichkeit hartnäckig halten.[1]

Definition

Es gibt allerdings keine allgemeingültig festgelegte Definition des Begriffs, da er nicht eigentlich mit Lernen zu tun hat, sondern mit der Art und Weise, wie außerhalb der Wissenschaft über Lernen gesprochen wird. Kennzeichnend für Lernmythen ist,

  • dass hohe Versprechungen gemacht werden, in der Regel, dass Lernen einfach sein kann,
  • dass man dafür nur ganz einfache Regeln anwenden muss,
  • dass gut belegte wissenschaftliche Kenntnisse über Lernen vernachlässigt werden und
  • dass Kausalität und Korrelation verwechselt werden.[1]

Der Begriff Mythos wird hier also nicht im Sinne einer Erzählung oder Legende gebraucht, sondern in einer eher abwertenden Bedeutung, als unwahre Erzählung.[2] Lernmythen sind typischerweise sehr generell (erklären breite Lernphänomene mit einem einzigen Prinzip), deterministisch (gehen von einfachen Ursache-Wirkung-Beziehungen aus), simpel illustrierbar (etwa als Pyramide von unwirksamen zu wirksamen Lernformen) und intuitiv einleuchtend.[3][1]

Verwandte Begriffe sind Fehlkonzepte (alternativ: Fehlvorstellungen) und Irrtümer. Von Fehlkonzepten spricht man bei unvollständigen oder unzureichenden, ebenfalls verbreiteten und widerlegten Annahmen. Sie müssen beim Lernen bearbeitet und in wissenschaftliche Konzepte verwandelt werden. Das Kriterium der Langlebigkeit ist nicht notwendig. Irrtümer sind kurzlebige falsche Annahmen, die sich in der Regel durch Information leicht korrigieren lassen.

Verbreitete Lernmythen

  • Der wohl verbreitetste Lernmythos ist der von den visuellen, auditiven oder haptischen Lerntypen. Er besagt, dass Lernen erheblich erleichtert werden kann, wenn es im vom jeweiligen Menschen bevorzugten Kanal (durch Sehen, Hören oder Greifen/Handeln) vor sich geht.[4] Dieser Lernmythos geht auf Frederic Vester zurück.[5] Er ist abschließend widerlegt: Diese vermeintlichen Lerntypen lassen sich nicht empirisch unterscheiden, sind theoretisch nicht herleitbar, und auch die Effizienz der entsprechenden Lernstrategien konnte nicht nachgewiesen werden.[6] Dieser Lernmythos ist eine spezielle Form der Vorstellung von festgelegten Lerntypen, für die es ebenfalls keine Evidenz gibt.[7][8][9]Mittlerweile gibt es Studien wie Rogowsky et al. (2015) und Rogowsky et al. (2020), welche diesen Mythos an Erwachsenen und Kindern getestet haben. Dafür nutzten sie die sogenannte Meshing-Hypothese, welche 2008 von Pashler et al. entwickelt wurde und mittlerweile als Goldstandard in diesem Forschungsgebiet gilt. Sie ist in die folgenden drei Teile gegliedert: 1. Einteilung nach Lernstil 2. Zufällige Zuteilung zur Unterrichtsmethode (Intervention) 3. Einheitlicher Wissenstest Auf Grundlage dieser Methodik konnte dieser Lernmythos empirisch widerlegt werden. Rogowsky et al. appellieren ausdrücklich daran, dass Lehrende keine Ressourcen mehr in das Erkennen und Fördern dieser sogenannten Lernstile investieren sollten, sondern diese Ressourcen eher in die individuelle Förderung der Schülerinnen und Schüler stecken sollten.[10][11]
  • Ein weiteres bekanntes Beispiel ist, dass das Hören von klassischer Musik kognitive Leistungen bzw. die Intelligenz fördert (eine weite Interpretation des vermeintlichen Mozart-Effekts). Auch dies gilt als widerlegt.[12]
  • Die 10.000-Stunden Regel besagt, dass nach dieser Zeit Meisterschaft in einem Gebiet erreicht würde und nicht die Art des Übens wichtig wäre (kontraproduktiv: mechanisches Wiederholen). Zwar benötigt Meisterschaft Übung, aber qualitativ hochwertige mit Struktur und Bewusstheit beim Üben.[13]
  • Selbstgesteuertes Lernen ist nicht angeboren, überfordert viele Lernende, vor allem, wenn sie Neuling sind und die Aufgaben komplexer. Bei zunehmendem Können mit klaren Zielen kann die Selbststeuerung gelingen.[14]
  • Gamification als neuer Lerntrend ab den 2010er Jahren kann nur dann unterstützen, wenn die jeweiligen Programmierungen der Spiele individuell auf die einzelne Person abgestimmt und mit gezieltem Feedback unterfüttert wird.[15]

Neuromythen

Lernmythen können auch in Form von Neuromythen auftreten.[16] Dies sind Mythen, die sich auf neurowissenschaftliche Erkenntnisse über das Gehirn beziehen und ebenfalls auf Missverständnissen und Vereinfachungen beruhen.[17]

  • Die verbreitetsten Neuromythen sind die Behauptung, dass Menschen nur etwa 10 % ihrer Gehirnkapazität nutzen (Zehn-Prozent-Mythos) und somit sehr leicht schneller lernen könnten, wenn sie die anderen Prozente aktivierten.[1][18]
  • Ein weiterer widerlegter Mythos unterteilt kreativ Lernende mit Dominanz der rechten Hirnhälfte und logisch Lernende mit Dominanz der linken Hirnhälfte. Tatsächlich lernen alle Menschen, indem sie das gesamte Gehirn nutzen.[19]

Interventionen gegen Lernmythen

Zum Begriff des Lernmythos gehört dazu, dass er sich hartnäckig hält, also beispielsweise durch richtige Information nicht dauerhaft korrigieren lässt.[20] Seit vielen Jahren werden Interventionsprogramme entwickelt, unter anderem auch deswegen weil Professionelle und zukünftige Professionelle, etwa Lehrkräfte und Lehramtsstudierende Lernmythen nicht weniger ablehnen als Nichtprofessionelle.[21]

Viele Interventionen nutzen Methoden des Conceptual Change, in denen Präkonzepte oder Alltagsvorstellungen explizit bearbeitet werden.[22] Eine vielversprechende Methode sind auch explizite Widerlegungen bzw. Zurückweisungen.[23]

Problematisch an Interventionen ist, dass sie die Lernmythen zur Widerlegung in der Regel wiederholen müssen. Dadurch entsteht eine kognitive Verzerrung, die man als Illusory Truth Effekt bezeichnet: Wiederholte (auch falsche) Information wird subjektiv für wahrer gehalten als nicht wiederholte Information.[24] Ähnlich wirkt der Mere-Exposure-Effekt: Wird eine Information wiederholt, kann dies eine Einstellungsänderung in positiver Richtung zur Folge haben.[25]

Literatur (Auswahl)

  • Yvonne Behnke: Lernmythen aufgedeckt: Wie wissenschaftliche Evidenz effektives Lernen und Praxistransfer im Unternehmen fördert (= Haufe Fachbuch). Haufe, Freiburg 2025, ISBN 978-3-648-18394-6.
  • P. De Bruyckere, P. A. Kirschner und C. D. Hulshof (2015). Urban myths about learning and education. Elsevier. doi:10.1016/C2013-0-18621-7
  • P. De Bruyckere, P. A. Kirschner und C. D. Hulshof (2019). More Urban myths about learning and education. Challenging eduquacks, extraordinary claims, and alternative facts. Routledge. doi:10.4324/9781351132435
  • Michael A. Skeide: Schlauer im Schlaf und andere Lernmythen: wie die Hirnforschung die größten Irrtümer entlarvt und wie wir wirklich besser lernen. Originalausgabe, 1. Auflage. mvg Verlag, München 2025, ISBN 978-3-7474-0701-1.
  • G. Steins, B. Spinath, M. Roth und M. Limbourg (Hrsg.) (2022). Mythen, Bugs, Fehlvorstellungen, Fehlkonzepte und Irrtümer rund um den Lehrberuf. Psychologie in Bildung und Erziehung: Vom Wissen zum Handeln, 217–234. Springer. doi:10.1007/978-3-658-36260-7

Einzelnachweise

  1. a b c d e Yvonne Behnke: Lernmythen aufgedeckt: Wie wissenschaftliche Evidenz effektives Lernen und Praxistransfer im Unternehmen fördert (= Haufe Fachbuch). Haufe, Freiburg 2025, ISBN 978-3-648-18394-6, S. 11, 12.
  2. Mythen, Fehlvorstellungen, Fehlkonzepte und Irrtümer in Schule und Unterricht. In: Psychologie in Bildung und Erziehung: Vom Wissen zum Handeln. 2022, ISSN 2625-1388, doi:10.1007/978-3-658-36260-7 (Online [abgerufen am 21. Oktober 2025]).
  3. Jana Asberger, Holger Futterleib, Eva Thomm, Johannes Bauer: Wie erkennt man Bildungsmythen? In: Mythen, Fehlvorstellungen, Fehlkonzepte und Irrtümer in Schule und Unterricht. Springer Fachmedien, Wiesbaden 2022, ISBN 978-3-658-36260-7, S. 3–26, doi:10.1007/978-3-658-36260-7_1.
  4. Kristina Boosmann, Nina Lütjerodt, Julia Becker: Mythos „Lerntypen“ und „Lernstile“. In: Mythos „Lerntypen“ und „Lernstile“. Ruhr Universität Bochum, 4. September 2023, archiviert vom Original am 24. Januar 2026; abgerufen am 17. März 2026 (deutsch).
  5. Frederic Vester: Denken, Lernen, Vergessen: was geht in unserem Kopf vor, wie lernt das Gehirn, und wann lässt es uns im Stich? (= dtv-Wissen. Nr. 33045). 41. Auflage. dtv, München 2024, ISBN 978-3-423-33045-9.
  6. Daniel T. Willingham: Ask the Cognitive Scientist: Do Visual, Auditory, and Kinesthetic Learners Need Visual, Auditory, and Kinesthetic Instruction? American Federation of Teachers, 2005, abgerufen am 21. Oktober 2025 (englisch).
  7. Harold Pashler, Mark McDaniel, Doug Rohrer, Robert Bjork: Learning Styles: Concepts and Evidence. In: Psychological Science in the Public Interest. Band 9, Nr. 3, Dezember 2008, ISSN 1529-1006, S. 105–119, doi:10.1111/j.1539-6053.2009.01038.x (englisch, Online [abgerufen am 21. Oktober 2025]).
  8. Johannes Bauer, Jana Asberger: Was Lehrkräfte im Unterricht getrost ignorieren können: Lernstile von Lernenden. In: Mythen, Fehlvorstellungen, Fehlkonzepte und Irrtümer in Schule und Unterricht. Springer Fachmedien, Wiesbaden 2022, ISBN 978-3-658-36260-7, S. 157–179, doi:10.1007/978-3-658-36260-7_8.
  9. Yvonne Behnke: Lernmythen aufgedeckt: Wie wissenschaftliche Evidenz effektives Lernen und Praxistransfer im Unternehmen fördert (= Haufe Fachbuch). Haufe, Freiburg 2025, ISBN 978-3-648-18394-6, S. 17–23.
  10. Beth A. Rogowsky, Barbara M. Calhoun, Paula Tallal: Providing Instruction Based on Students’ Learning Style Preferences Does Not Improve Learning. In: Frontiers in Psychology. Band 11, 14. Februar 2020, ISSN 1664-1078, doi:10.3389/fpsyg.2020.00164, PMID 32116958, PMC 7033468 (freier Volltext) – (frontiersin.org [abgerufen am 16. Juli 2026]).
  11. Beth A. Rogowsky, Barbara M. Calhoun, Paula Tallal: Matching learning style to instructional method: Effects on comprehension. In: Journal of Educational Psychology. Band 107, Nr. 1, 2015, ISSN 1939-2176, S. 64–78, doi:10.1037/a0037478 (apa.org [abgerufen am 16. Juli 2026]).
  12. Ralph Schumacher mit Beiträgen von Eckart Altenmüller, Werner Deutsch, Andreas Fink, Lutz Jäncke, Aljoscha C. Neubauer, Gudrun Schwarzer, Maria Spychiger, Elsbeth Stern, Oliver Vitouch: Macht Mozart schlau? Die Förderung kognitiver Kompetenzen durch Musik. Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) Referat Öffentlichkeitsarbeit, 2006, abgerufen am 21. Oktober 2025.
  13. Yvonne Behnke: Lernmythen aufgedeckt: Wie wissenschaftliche Evidenz effektives Lernen und Praxistransfer im Unternehmen fördert (= Haufe Fachbuch). Haufe, Freiburg 2025, ISBN 978-3-648-18394-6, S. 32–38.
  14. Yvonne Behnke: Lernmythen aufgedeckt: Wie wissenschaftliche Evidenz effektives Lernen und Praxistransfer im Unternehmen fördert (= Haufe Fachbuch). Haufe, Freiburg 2025, ISBN 978-3-648-18394-6, S. 80–90.
  15. Yvonne Behnke: Lernmythen aufgedeckt: Wie wissenschaftliche Evidenz effektives Lernen und Praxistransfer im Unternehmen fördert (= Haufe Fachbuch). Haufe, Freiburg 2025, ISBN 978-3-648-18394-6, S. 70–79.
  16. Marta Torrijos-Muelas, Sixto González-Víllora, Ana Rosa Bodoque-Osma: The Persistence of Neuromyths in the Educational Settings: A Systematic Review. In: Frontiers in Psychology. Band 11, 12. Januar 2021, ISSN 1664-1078, doi:10.3389/fpsyg.2020.591923, PMID 33510675, PMC 7835631 (freier Volltext) – (englisch, Online [abgerufen am 21. Oktober 2025]).
  17. Paul A. Howard-Jones: Neuroscience and education: myths and messages. In: Nature Reviews Neuroscience. Band 15, Nr. 12, Dezember 2014, ISSN 1471-0048, S. 817–824, doi:10.1038/nrn3817 (englisch, Online [abgerufen am 21. Oktober 2025]).
  18. Yvonne Behnke: Lernmythen aufgedeckt: Wie wissenschaftliche Evidenz effektives Lernen und Praxistransfer im Unternehmen fördert (= Haufe Fachbuch). Haufe, Freiburg 2025, ISBN 978-3-648-18394-6, S. 122—127.
  19. Yvonne Behnke: Lernmythen aufgedeckt: Wie wissenschaftliche Evidenz effektives Lernen und Praxistransfer im Unternehmen fördert (= Haufe Fachbuch). Haufe, Freiburg 2025, ISBN 978-3-648-18394-6, S. 117–121.
  20. Cordelia Menz, Birgit Spinath, Eva Seifried: Misconceptions die hard: prevalence and reduction of wrong beliefs in topics from educational psychology among preservice teachers. In: European Journal of Psychology of Education. Band 36, Nr. 2, 1. Juni 2021, ISSN 1878-5174, S. 477–494, doi:10.1007/s10212-020-00474-5 (englisch).
  21. Margit Reinhardt: Die 3 hartnäckigsten Lernmythen und was das Lernen tatsächlich braucht. In: Margit Reinhardt - Trainerin und Coach. 22. Juli 2025, abgerufen am 17. März 2026.
  22. Maria Tulis: Konzeptverändernde Didaktik in der LehrerInnenbildung zur Verringerung von Lehr-/Lernmythen. In: Mythen, Fehlvorstellungen, Fehlkonzepte und Irrtümer in Schule und Unterricht. Springer Fachmedien, Wiesbaden 2022, ISBN 978-3-658-36260-7, S. 217–234, doi:10.1007/978-3-658-36260-7_11.
  23. Karla A. Lassonde, Panayiota Kendeou, Edward J. O'Brien: Refutation texts: Overcoming psychology misconceptions that are resistant to change. In: Scholarship of Teaching and Learning in Psychology. Band 2, Nr. 1, 2016, ISSN 2332-211X, S. 62–74, doi:10.1037/stl0000054 (englisch).
  24. Manuela: Illusory Truth Effect einfach erklärt: Warum wiederholte Aussagen glaubwürdiger erscheinen. In: biases.de. 8. September 2024, abgerufen am 17. März 2026.
  25. mere-exposure-Effekt. In: LEXIKON DER PSYCHOLOGIE. Spektrum.de, abgerufen am 17. März 2026.

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