Klimaflation

Klimaflation (englisch climateflation) bezeichnet Preissteigerungen – insbesondere bei Lebensmitteln – die durch unmittelbare und mittelbare Folgen der Klimakrise wie Extremwetter, Ernteausfälle und Lieferkettenstörungen verursacht werden.[1][2][3] Der Begriff wird laut dem Guardian seit den 2020er-Jahren in Medien und wirtschaftspolitischen Kontexten zur Beschreibung klimabedingter Angebotsschocks als Treiber anhaltender Teuerung verwendet.[1] In der Forschung wird Klimaflation häufig gemeinsam mit Fossilflation (fossilpreisgetriebene Teuerung) und Grünflation (Übergangskosten der Dekarbonisierung) diskutiert.[4] Quantitative, global angelegte Analysen kommen zu dem Ergebnis, dass die bis 2035 projizierte Erwärmung – ceteris paribus – den jährlichen Nahrungsmittelpreisindex weltweit im Durchschnitt um 0,92–3,23 Prozentpunkte und die Gesamtinflation um 0,32–1,18 Prozentpunkte erhöht.[5][6] Für Europa ist zudem belegt, dass die Sommerhitze 2022 die jährliche Nahrungsmittelinflation um 0,43–0,93 Prozentpunkte und die Gesamtinflation um 0,18–0,41 Prozentpunkte anhob.[7]

Begriff und Verwendung

Die Europäische Zentralbank (EZB) griff den Ausdruck 2022 in einer Grundsatzrede der Leiterin Isabel Schnabel auf und erläuterte ihn neben „Fossilflation“ und „Grünflation“ als eine von drei Quellen anhaltenden Inflationsdrucks.[2] In der Berichterstattung verwendeten die Zeitung Guardian und das Verbrauchermagazin Öko-Test den Begriff Klimaflation, um zu erklären, wie Extremhitze, Dürre, Überschwemmungen oder Spätfröste Ernten schädigen und dadurch Verbraucherpreise – vor allem für Nahrungsmittel – nach oben treiben.[1][8] Gemeint sind dabei insbesondere klimabedingte Verteuerungen von Lebensmitteln, die aus Extremwetter, Ernteausfällen und daraus folgenden Angebotsengpässen hervorgehen.[9] In der wissenschaftlichen Literatur wird Klimaflation als Folge physischer Klimarisiken (z. B. extreme Temperaturen, Dürren, Fluten) konzeptualisiert, die Produktionspotenziale verringern und relative Preise – zunächst in Agrar- und Rohstoffmärkten – erhöhen.[10]

Ursachen und Mechanismen

Klimaflation entsteht, wenn extreme Wetterereignisse landwirtschaftliche Produktion und Logistik beeinträchtigen und dadurch das Angebot sinkt, was Preisanstiege – häufig zunächst bei Nahrungsmitteln – auslöst.[1][8] Besonders stark fallen solche Effekte aus, wenn ein großer Teil des Weltangebots aus wenigen Anbauregionen stammt und lokale Wetterextreme deshalb rasch auf internationale Rohstoff- und Verbraucherpreise durchschlagen.[9] Neben der durchschnittlichen Erwärmung wirken auch die tägliche Temperaturvariabilität sowie extreme Niederschlagsereignisse auf Preisbildungsprozesse ein, was die Inflationsdynamik in bestimmten Regionen und Jahreszeiten verstärken kann.[11] Für Niederschläge sind direkte Effekte auf nationale Verbraucherpreisindizes empirisch schwerer zu identifizieren, u. a. wegen der hohen räumlichen Heterogenität und mangelnder subnationaler Preisdaten.[12]

Panelökonometrische Auswertungen von über 27.000 monatlichen Verbraucherpreisbeobachtungen aus 121 Ländern zeigen, dass höhere Temperaturen die Nahrungsmittel- und die Gesamtinflation mit nichtlinearem Verlauf über bis zu zwölf Monate hinweg erhöhen – in Industrie- wie in Entwicklungsökonomien.[13] Unter Einbezug von Klimamodellprojektionen ergeben sich bis 2035 globale, jährliche Zusatzauftriebe von durchschnittlich 0,92–3,23 bzw. 0,32–1,18 Prozentpunkten; die größten Effekte werden für tiefe Breiten und viele Regionen des Globalen Südens berichtet.[14][15] An hohen Breiten zeigt sich eine ausgeprägte Saisonalität: starke Aufwärtsimpulse im Sommer kontrastieren mit schwachen oder teils negativen Effekten im Winter; dadurch verschieben sich saisonale Inflationsmuster (teils Verstärkung in den Tropen und den USA, teils Abschwächung in weiten Teilen Europas).[16][17] Für die europäische Hitzewelle 2022 wird ein kumulativer Beitrag von 0,43–0,93 Prozentpunkten zur Nahrungsmittelinflation und von 0,18–0,41 Prozentpunkten zur Gesamtinflation geschätzt; ein gleich starkes Ereignis würde bis 2035 – je nach Emissionspfad – etwa um 30–50 % stärkere Effekte haben.[18][19]

Geldpolitik, Transmission und Debatten

Zentralbanken diskutieren Klimaflation im Kontext ihres Preisstabilitätsmandats und der Wechselwirkungen zwischen Zinsniveau, Finanzierungskosten und Transformationsdynamik.[20] Höhere Zinsen verteuern kapitalintensive grüne Investitionen überproportional (z. B. Erneuerbare mit hohen Vorlaufkosten), was den Ausbau verlangsamen und mittelbar Inflationsrisiken verlängern kann; empirische Studien beziffern Zinsanstiegs-bedingte Kostenzuwächse erneuerbarer Stromerzeugung deutlich stärker als bei Gaskraft.[21] Neue empirische Evidenz deutet darauf hin, dass Klimaflation die saisonale Dynamik der Inflation verschiebt, Extremwettereinflüsse verstärkt und dadurch Prognosen erschwert sowie Risiken für die Preisstabilität erhöht; als Gegenmaßnahme wird u. a. die Integration von Wettervariablen in Inflationsprognosemodelle diskutiert.[22]

Beispiele

Ein häufig angeführtes Beispiel ist der Haselnussmarkt: 2025 verteuerte sich Nutella deutlich, nachdem ein Spätfrost in der Türkei die Haselnussblüte geschädigt hatte.[9] Rund 70 Prozent der weltweit geernteten Haselnüsse stammen aus der Türkei; nach Prognose des türkischen Statistikamtes konnten in dem Jahr nur rund eine halbe Million Tonnen geliefert werden, etwa ein Drittel weniger als normal.[9] Da Ferrero den Haselnussanteil seiner Nutella-Masse mit 13 Prozent angibt, schlug der Rohstoffschock auch auf ein breit konsumiertes Endprodukt durch.[9] Ein Ausweichen auf heimische Produktion ist in Deutschland nur begrenzt möglich, weil der kommerzielle Haselnussanbau dort bislang eine kleine Nische bildet; nennenswerte Plantagen gibt es vor allem in Bayern auf rund 260 Hektar.[9] Auch bei Kakao und Schokolade zeigt sich der Zusammenhang zwischen Extremwetter, Ernteausfällen und Verbraucherpreisen: Produkte wie Ritter Sport waren 2025 im Vergleich zu 2024 rund 30 Prozent teurer.[9] Nach Missernten in Ghana und der Elfenbeinküste stieg der Kakaopreis auf dem Weltmarkt auf ein neues Allzeithoch; fast drei Viertel des globalen Kakaos stammen aus diesen beiden westafrikanischen Ländern.[9] Der Preis für Orangensaft stieg seit 2020 um mehr als 50 Prozent, nachdem Dürren und Extremregen wiederholt Ernten in Brasilien, Spanien und Florida dezimierten.[9] Bei Kaffee drohte im Großhandel nach wetterbedingten Ausfällen in wichtigen Anbauländern ein Preisaufschlag von bis zu 30 Prozent.[9] Auch Grundnahrungsmittel können betroffen sein: In Sambia verteuerte sich Mais nach extremer Dürre um rund 50 Prozent.[9] In Europa berichten Erzeuger und Händler über zunehmende Ausfälle und Kostensteigerungen bei Oliven, Zitrusfrüchten, Gemüse und Wein infolge von Hitzewellen und Waldbränden, was die Verbraucherpreise spürbar erhöht.[1]

Auswirkungen

Klimaflation trifft besonders Haushalte mit niedrigen Einkommen, die einen größeren Anteil ihres Budgets für Lebensmittel aufwenden und bei Preisschüben häufiger auf nährstoffärmere, günstigere Produkte ausweichen müssen, was Gesundheitsrisiken erhöht.[1] In einkommensschwachen Regionen kann Klimaflation zudem rasch von einer Preisfrage zu einer Versorgungskrise werden, wenn sich selbst Grundnahrungsmittel erheblich verteuern.[9] Für Europa deuten Studien und Modellierungen darauf hin, dass ohne Emissionsminderung und Anpassung strukturell höhere Lebensmittelpreise und häufigere Knappheiten zu erwarten sind; mit aktiver Klimapolitik entstehen zwar vorübergehende Teuerungsimpulse, langfristig stabilisieren jedoch geringere Klimaschäden die Produktivität.[23][24]

Abgrenzung

Die EZB unterscheidet Klimaflation (Preisauftrieb durch Klimaschäden und Extremwetter) von Fossilflation (Preisauftrieb durch die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern) und Grünflation (Preisauftrieb durch erhöhte Nachfrage nach Rohstoffen für die Energiewende), wobei alle drei Phänomene miteinander verflochten sein können.[2] Während Fossilflation zuletzt einen großen Beitrag zur Teuerung über Energiepreise leistete, wirken klimabedingte Schocks insbesondere über Lebensmittel- und Rohstoffpreise; Grünflation resultiert vor allem aus CO₂-Bepreisung und Übergangsinvestitionen und ist nach der Evidenz zumeist zeitlich begrenzt.[25]

Einzelnachweise

  1. a b c d e f Phoebe Weston: Tuesday briefing: How ‘climateflation’ is pushing food prices ever higher – and changing how we eat. In: The Guardian. 26. August 2025, abgerufen am 28. August 2025.
  2. a b c Isabel Schnabel: A new age of energy inflation: climateflation, fossilflation and greenflation. In: European Central Bank. 17. März 2022, abgerufen am 28. August 2025.
  3. Nick Reimer: Climateflation: Warum Haselnüsse teurer werden. In: der Freitag. 27. August 2025, abgerufen am 28. August 2025.
  4. Sahuc, J.-G., Smets, F., & Vermandel, G. (2025). The New Keynesian Climate Model. EconomiX/Université Paris Nanterre. https://hal.science/hal-04861307v1
  5. Kotz, M., Kuik, F., Lis, E., & Nickel, C. (2024). Global warming and heat extremes to enhance inflationary pressures. Communications Earth & Environment, 5, 116. https://doi.org/10.1038/s43247-023-01173-x
  6. Kotz, M., Kuik, F., Lis, E., & Nickel, C. (2023). The impact of global warming on inflation: averages, seasonality and extremes. European Central Bank Working Paper Series No. 2821.
  7. Kotz, M., Kuik, F., Lis, E., & Nickel, C. (2023). The impact of global warming on inflation: averages, seasonality and extremes. European Central Bank Working Paper Series No. 2821.
  8. a b Sven Heitkamp: Wie die Klimakrise die Lebensmittelpreise in die Höhe treibt – Agrarwissenschaftler Christoph Gornott im Interview. In: ÖKO-TEST. 12. März 2025, abgerufen am 28. August 2025.
  9. a b c d e f g h i j k l Nick Reimer: „Climateflation“: Lebensmittelpreise steigen nicht nur wegen des Iran-Kriegs. In: der Freitag. 9. April 2026, abgerufen am 14. Juni 2026.
  10. Dávila-Fernández, M. J., Giombini, G., & Sánchez-Carrera, E. J. (2025). Climateflation and Monetary Policy in an Environmental OLG Growth Model. Environmental and Resource Economics. https://doi.org/10.1007/s10640-025-00991-1
  11. Kotz, M., Kuik, F., Lis, E., & Nickel, C. (2024). Global warming and heat extremes to enhance inflationary pressures. Communications Earth & Environment, 5, 116. https://doi.org/10.1038/s43247-023-01173-x
  12. Kotz, M., Kuik, F., Lis, E., & Nickel, C. (2024). Global warming and heat extremes to enhance inflationary pressures. Communications Earth & Environment, 5, 116. https://doi.org/10.1038/s43247-023-01173-x
  13. Kotz, M., Kuik, F., Lis, E., & Nickel, C. (2023). The impact of global warming on inflation: averages, seasonality and extremes. European Central Bank Working Paper Series No. 2821.
  14. Kotz, M., Kuik, F., Lis, E., & Nickel, C. (2024). Global warming and heat extremes to enhance inflationary pressures. Communications Earth & Environment, 5, 116. https://doi.org/10.1038/s43247-023-01173-x
  15. Kotz, M., Kuik, F., Lis, E., & Nickel, C. (2023). The impact of global warming on inflation: averages, seasonality and extremes. European Central Bank Working Paper Series No. 2821.
  16. Kotz, M., Kuik, F., Lis, E., & Nickel, C. (2023). The impact of global warming on inflation: averages, seasonality and extremes. European Central Bank Working Paper Series No. 2821.
  17. Kotz, M., Kuik, F., Lis, E., & Nickel, C. (2024). Global warming and heat extremes to enhance inflationary pressures. Communications Earth & Environment, 5, 116. https://doi.org/10.1038/s43247-023-01173-x
  18. Kotz, M., Kuik, F., Lis, E., & Nickel, C. (2024). Global warming and heat extremes to enhance inflationary pressures. Communications Earth & Environment, 5, 116. https://doi.org/10.1038/s43247-023-01173-x
  19. Kotz, M., Kuik, F., Lis, E., & Nickel, C. (2023). The impact of global warming on inflation: averages, seasonality and extremes. European Central Bank Working Paper Series No. 2821.
  20. Ünüvar, B., & Yeldan, A. E. (2023). Green central banking under high inflation—more of a need than an option: An analytical exposition for Turkey. Development Policy Review, 41(6), e12720. https://doi.org/10.1111/dpr.12720
  21. Aguila, N., & Wullweber, J. (2024). Greener and cheaper: Green monetary policy in the era of inflation and high interest rates. Eurasian Economic Review, 14, 39–60. https://doi.org/10.1007/s40822-024-00266-y
  22. Kotz, M., Kuik, F., Lis, E., & Nickel, C. (2023). The impact of global warming on inflation: averages, seasonality and extremes. European Central Bank Working Paper Series No. 2821.
  23. Bettarelli, L., Furceri, D., Pisano, L., & Pizzuto, P. (2025). Greenflation: Empirical evidence using macro, regional and sectoral data. European Economic Review, 174, 104983. https://doi.org/10.1016/j.euroecorev.2025.104983
  24. Sahuc, J.-G., Smets, F., & Vermandel, G. (2025). The New Keynesian Climate Model. EconomiX/Université Paris Nanterre. https://hal.science/hal-04861307v1
  25. Bettarelli, L., Furceri, D., Pisano, L., & Pizzuto, P. (2025). Greenflation: Empirical evidence using macro, regional and sectoral data. European Economic Review, 174, 104983. https://doi.org/10.1016/j.euroecorev.2025.104983

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