Kindli
Das Kindli ist ein historisches Wirtshaus in der Zürcher Altstadt in der Schweiz. Das freistehende Eckhaus befindet sich am Südfuss des Lindenhofs an der Strehlgasse 24 und Pfalzgasse 1, unweit der Bahnhofstrasse. Es zählt zu den ältesten urkundlich belegten Häusern der Stadt Zürich mit einer gastlichen Tradition, die bis ins Spätmittelalter zurückreicht. Das Haus «Zum Kindli» ist als Kulturgut geschützt. Heute werden darin ein Restaurant und Boutique-Hotel betrieben.
Geschichte
Laut dem Zürcher Pfarrer Salomon Vögelin gab es in diesem Haus seit 1357 eine Trinkstube. Der Hausname «Kindli» bezieht sich auf das Christuskind und wurde erstmals 1409 urkundlich erwähnt. In jenem Jahr schenkte der Wirt Heinrich Hagnauer im Haus «ze dem Kind» Wein aus. An der Epochenschwelle vom Spätmittelalter in die Frühe Neuzeit wurde das «Kindli» zu einer Herberge ausgebaut, die wohlhabende Reisende und Pilger aufnahm. An Pfingsten 1474 war der sächsische Patrizier, Salzhändler und Pilger Hans von Waltheym Gast im «Kindli». Der Gastwirt war damals der angesehene Stadtbürger Albrecht Moser, der ehemalige Verwalter der Kommende Bubikon des Johanniterordens. Hans von Waltheyms Bericht über das «Kindli» und Albrecht Moser gilt als eine der frühesten bekannten Gasthausbeschreibungen und als frühester gedruckter Reisebericht über die Stadt Zürich.
Der «Kindli»-Wirt Albrecht Moser war ein früher Exponent der honorig-gewerblichen Gastlichkeit. Im Zeitalter der Renaissance und des Frühkapitalismus strebte eine neue Schicht höfischer Adeliger und vermögender Stadtbürger nach umfassender Erkenntnis auf Grundlage der antiken Wissenschaften. Die Ambition, über Bestehendes hinauszudenken, äusserte sich auch in einer verstärkten Reisetätigkeit: Wohlhabende Kaufleute und Patrizier brachen zu europaweiten «Pilgerfahrten» auf, getrieben von religiöser Inbrunst, aber auch von Abenteuerlust. Solche Reisende erwarteten in den Städten professionell geführte Gasthöfe mit warmen Speisen und einer sicheren Aufbewahrung ihrer Wertsachen.
Nach einer umfassenden Renovation des Gasthauses «zum Kindli» im Jahr 1557 hing über dem Eingang zur Herberge ein hölzernes, in Öl gemaltes Wirtshausschild. Es zeigte das Christuskind mit dem Reichsapfel in der rechten Hand und einem Palmzweig in der linken Hand, eingefasst von den Wappen der Orte und der zugewandten Städte der Alten Eidgenossenschaft. Das seltene Wirtshausschild wird heute in den Beständen des Schweizerischen Nationalmuseums aufbewahrt.
Nach verschiedenen Besitzerwechseln ging das Haus «zum Kindli» 1618 in den Besitz von David Werdmüller, einem Sohn des Textilindustriellen David Werdmüller sen. und einem der reichsten Erben in der damaligen Stadt Zürich. Er wandelte den Gasthof in ein Privathaus an bevorzugter Lage um. Im 18. Jahrhundert, dem Zeitalter der Aufklärung, lebte der Universalgelehrte und Zürcher Bürgermeister Johann Caspar Escher im «Kindli», einer der bedeutendsten Staatsmänner der Alten Eidgenossenschaft.

1876 nahm Emilie Tribelhorn das Tavernenrecht des Hauses «zum Kindli» wieder auf und eröffnete darin erneut ein Restaurant. Sie war die Mutter des Schweizer Elektroauto-Pioniers Johann Albert Tribelhorn. 1890 ging das «Kindli» in den Besitz von Carl Mayer, dem Erbauer der Brauerei Tiefenbrunnen in Zürich. Mayer führte im «Kindli» eine Themengastronomie ein, mit mittelalterlichen Elementen und einer übergrossen Gipsfigur von Kaiser Barbarossa. 1918 übernahm Jacky Wolf das «Kindli» und begründete eine jahrzehntelange Tradition mit Darbietungen gehobener Folkloremusik. Die Geschwister Schmid gastierten regelmässig im «Kindli».
1928 wurde die Aussenfassade des «Kindli» neugestaltet und die zweiteilige Inschrift mit altertümlichen Buchstaben angebracht. Der Zürcher Bildhauer Otto Münch gestaltete das Relief über der Eingangstüre mit Christuskind, Reichsapfel und Standeswappen. Seit 1965 ist das «Kindli» wieder ein Hotel. Heute ist das «Kindli» ein Boutique-Hotel mit klassisch-europäischer Küche. Auf der Speisekarte stehen auch regionale Spezialitäten wie Zürcher Geschnetzeltes mit Rösti.
Architektur
Das mehrstöckige Stadthaus verbindet spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Bauelemente. Die Innenräume sind klassisch gestaltet, mit Holzvertäfelungen und schlichter Einrichtung. Mehrfach durchgeführte Renovationen sicherten den Erhalt der historischen Bausubstanz trotz der wechselnden Nutzungen.
Bedeutung
Das «Kindli» gilt als wichtiges Zeugnis der Zürcher Wirtshaus- und Herbergskultur vom Spätmittelalter bis in die Gegenwart. Es steht exemplarisch für den Erhalt historischer Bau- und Nutzungstraditionen im Stadtzentrum.
Literatur
- Regine Abegg, Christine Barraud Wiener: Die Kunstdenkmäler des Kantons Zürich. Neue Ausgabe. Bd. II.II: Die Stadt Zürich. Altstadt links der Limmat, Profanbauten. Bern 2003.
- Edi Bohli: Zürcher Hotellerie, Heute und damals. Bd. 1. Zürich 1985.
- Adrian Corrodi-Sulzer: Das Haus zum Kindli in Zürich. In: Neue Zürcher Zeitung. 26. August 1928.
- J. Enderli: Zürich und seine Gasthöfe. Zürich 1896.
- Monika Gasser: Zürich von aussen gesehen. Zürich 1973.
- Gasthöfe und Wirtshäuser im alten Zürich. In: Neue Zürcher Zeitung. 11. und 18. Mai 1930.
- Birte Krüger, Klaus Krüger (Hrsg.): Ich, Hans von Waltheym. Bericht über eine Pilgerreise im Jahr 1474 von Halle in die Provence. Halle (Saale) 2014.
- Hans Conrad Peyer: Von der Gastfreundschaft zum Gasthaus, Studien zur Gastlichkeit im Mittelalter. Hannover 1987.
- Rolf Pfenninger: Kindli. Die älteste Herberge in Zürich. In: Zürcher Altstadt. Nr. 8, 24. Februar 1993.
- Bernhard Ruetz: Kindli 1474, Biografie eines Hauses. Zürich 2019.
Weblinks
Koordinaten: 47° 22′ 20,5″ N, 8° 32′ 26″ O; CH1903: 683225 / 247420
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