KI-Psychose
Als KI-Psychose (auch: KI-assoziierte Psychose[1][2]) wird ein Phänomen bezeichnet, bei dem sich im Zusammenhang mit der Nutzung von LLM-Chatbots psychotische Symptome wie Wahnvorstellungen oder Paranoia entwickeln oder verstärken können.[3][4] Der englische Originalbegriff (“Chatbot psychosis” auch: “AI psychosis”) wird dem dänischen Psychiater und Professor an der Universität Aarhus Søren Dinesen Østergaard zugeschrieben.[3]
Die KI-assoziierte Psychose hat nicht den Status einer klinischen Diagnose, sondern würde innerhalb bestehender psychotischer Störungsbilder bezüglich der Symptome diagnostiziert, KI wäre ein möglicher Auslöser, beschreibt den inhaltlichen und funktionales Kontext, der als Verstärker psychotischer Prozesse zu berücksichtigen ist.[5] Als mögliche Wirkmechanismen werden insbesondere interaktive Verstärkungseffekte diskutiert. KI-Systeme können durch ihre dialogische Struktur psychotische Denkinhalte der KI benutzenden und für Psychose vulnerablen Menschen aufgreifen und fortführen.[6]
In der psychiatrischen Debatte wird kontrovers diskutiert, ob es ein eigenständiges Phänomen ist oder bekannte Störungen (wahnhafte Störungen, affektive Störungen usw.) mit neuen Auslösern.[7] Carlbring und Andersson weisen darauf hin, dass Inhalte von Wahn schon immer technologisch geprägt waren, eine zeitgenössische Darstellung vertrauter Psychopathologe wird empfohlen. Menschen mit Psychosen haben seit langem Bücher, Filme, Musik und aufkommende Technologien in ihr wahnhaftes Denken integriert. Die Autoren sehen historische Parallelen, und fassen zusammen, warum große Sprachmodelle (LLMs) psychotisches Denken durch übermäßige Zustimmung oder Schmeichelei, um Konfrontation zu vermeiden, verstärken können.[8]
Hintergrund
Im November 2023 stellte Søren Dinesen Østergaard in der Zeitschrift Schizophrenia Bulletin die Hypothese auf, dass der Gebrauch von KI-Chatbots (wie ChatGPT, Gemini, Claude oder Copilot) bei Menschen mit erhöhter Anfälligkeit für psychische Erkrankungen Paranoia und Wahnvorstellungen auslösen, oder bestehende Symptome verstärken könnte. Østergaard wies darauf hin, dass sich die Kausalität in solchen Fällen zwar naturgemäß nur schwer nachweisen lasse, das Phänomen jedoch plausibel erscheine, da KI-Chatbots so angelegt seien, dass sie menschliche Kommunikation möglichst realistisch simulieren. Diese Form kognitiver Dissonanz könne insbesondere bei Personen mit erhöhter Vulnerabilität für psychische Symptome zur Verstärkung von Wahnvorstellungen beitragen.[3]
Im Jahr 2025 betrachtet er die Parallelen der Verbreitung sozialer Medien (z. B. Facebook), wo es heute einen Konsens zu geben scheint, dass es einen negativen Nettoeffekt auf die psychische Gesundheit gibt und z. B. deshalb Altersbeschränkungen eingeführt werden. Die Geschichte scheint sich zu wiederholen, nur dass die sozialen Medien (Menschen) durch Chatbots ersetzt werden. Ein wichtiger Aspekt ihrer Attraktivität sei ihr persönlicher und bewertender Kommunikationston bis zur Unterwürfigkeit, was ein zentraler Teil des Mechanismus zu sein scheint, der den psychologischen Schaden verursacht (z. B. indem sie wahnhaftes Denken bestätigen oder pathologisch erhöhte Stimmung stimulieren). Wenn KI-Chatbots tatsächlich negative Folgen für die psychische Gesundheit für die Nutzer haben können, wird die Frage dringend: Haben wir aus dem globalen Social-Media-Experiment bisher nichts gelernt?[9]
Der englische Begriff „AI psychosis“ (zu Deutsch „KI-Psychose“) etablierte sich daraufhin im Zuge erster Medienberichte über chatbotbezogenes psychotisches Verhalten.[10][11][12]
Weblinks
- KI-Psychose: Wenn Chatbots innere Monster wecken Netzwelt br.de vom 12. Dezember 2025
Einzelnachweise
- ↑ Schizophrenie oder andere psychotische Störungen | KI-assoziierte Psychose: Erkenntnisse aus ersten Fällen | springermedizin.de. Abgerufen am 13. April 2026.
- ↑ KI-Psychose: Wenn Chatbots innere Monster wecken. 12. Dezember 2025, abgerufen am 13. April 2026.
- ↑ a b c Søren Dinesen Østergaard: Will Generative Artificial Intelligence Chatbots Generate Delusions in Individuals Prone to Psychosis? In: Schizophrenia Bulletin. Band 49, Nr. 6, 29. November 2023, ISSN 0586-7614, S. 1418–1419, doi:10.1093/schbul/sbad128, PMID 37625027, PMC 10686326 (freier Volltext) – (oup.com [abgerufen am 11. April 2026]).
- ↑ Marc Augustin: KI-assoziierte Psychose: Erkenntnisse aus ersten Fällen. In: Der Nervenarzt. Band 96, Nr. 7, 1. Dezember 2025, ISSN 1433-0407, S. 699–701, doi:10.1007/s00115-025-01909-4, PMID 41071279, PMC 12662910 (freier Volltext).
- ↑ Medizinexpert*innen bei DocCheck: KI-assoziierte Psychose. Abgerufen am 23. April 2026.
- ↑ Alexandre Hudon, Emmanuel Stip: Delusional Experiences Emerging From AI Chatbot Interactions or “AI Psychosis”. In: JMIR Mental Health. Band 12, Nr. 1, 3. Dezember 2025, S. e85799, doi:10.2196/85799 (jmir.org [abgerufen am 23. April 2026]).
- ↑ Robert Hart: AI Psychosis Is Rarely Psychosis at All. In: Wired. ISSN 1059-1028 (wired.com [abgerufen am 23. April 2026]).
- ↑ Per Carlbring, Gerhard Andersson: Commentary: AI psychosis is not a new threat: Lessons from media-induced delusions. In: Internet Interventions. Band 42, 1. Dezember 2025, ISSN 2214-7829, S. 100882, doi:10.1016/j.invent.2025.100882 (sciencedirect.com [abgerufen am 23. April 2026]).
- ↑ Søren Dinesen Østergaard: Artificial Intelligence ( AI ) Chatbots and Mental Health: Have We Learned Nothing From the Global Social Media Experiment? In: Acta Psychiatrica Scandinavica. Band 153, Nr. 2, Februar 2026, ISSN 0001-690X, S. 79–81, doi:10.1111/acps.70057 (wiley.com [abgerufen am 23. April 2026]).
- ↑ Microsoft boss troubled by rise in reports of 'AI psychosis'. 20. August 2025, abgerufen am 12. April 2026 (britisches Englisch).
- ↑ Robert Hart: Chatbots Can Trigger a Mental Health Crisis. What to Know About 'AI Psychosis'. In: TIME. 5. August 2025, abgerufen am 12. April 2026.
- ↑ What is AI-induced psychosis? 5. September 2025, abgerufen am 12. April 2026 (englisch).
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