Julie Gundert

Julie Gundert (geborene Dubois; * 1. Oktober 1809 in Corcelles; † 18. September 1885 in Calw) war eine Schweizer protestantische Missionarin und Lehrerin, die mit ihrem Mann Hermann Gundert für die Basler Mission in Südindien tätig war. Sie gilt als erste Missionarin der Basler Mission in Südindien.[1]

Leben

Kindheit und Ausbildung

Julie Dubois wurde am 1. Oktober 1809 geboren und dreizehn Tage später am 14. Oktober getauft.[2] Sie wuchs als zweitjüngstes von sechs Kindern der Weinbauern François und Judith Dubois am Neuenburgersee in einem streng protestantischen Umfeld auf. Als 14-Jährige schloss sie sich der pietistischen Bewegung an, mit deren Ideen sie in der Sonntagsschule in Berührung gekommen war. Erste berufliche Erfahrungen machte sie als Lehrerin und Aufseherin, später als Pflegerin in einem privaten Haushalt in Rolle, wo sie mit Missionskreisen in Kontakt kam.

Missionsarbeit in Südindien

1836 eingesegnet, reiste Dubois mit der Familie des englischen Missionars Anthony Norris Groves und dessen zweiter Frau Harriet Groves von London nach Indien. Im südostindischen Madras führte sie den Haushalt der Familie Groves und unterrichtete indische Mädchen, die bei der Familie lebten. 1837 zog sie mit den Groves nach Chittoor, wo der deutsche Missionar, Indologe und Sprachwissenschaftler Hermann Gundert gemeinsam mit Söhnen von Groves eine Missionsstation gegründet hatte. 1838 heiratete sie Gundert, an dessen Seite sie sich der Missionsarbeit widmen konnte, und schloss sich mit ihm der Basler Mission an.

Von der Basler Mission nach Tellicherry geschickt, bauten Hermann und Julie Gundert die erste Missionsstation der Basler Mission in der Provinz Malabar auf. Julie Gundert unterrichtete indische Mädchen und Frauen nach pietistischen Erziehungsmethoden in Lesen und Schreiben sowie in Hand- und Hausarbeiten. Acht Mädchen waren im Haushalt der Familie Gundert beschäftigt.[3] Neben der Betreuung ihrer eigenen Kinder leitete Julie Gundert den Haushalt und leistete Geburtshilfe bei europäischen und indischen Frauen.

Rückkehr nach Europa und spätere Jahre

Von ihren eigenen Geburten und den klimatischen Bedingungen gesundheitlich schwer angeschlagen, reiste sie 1846 mit Mann und Kindern nach Europa. Bei der Rückkehr nach Indien 1847 liess das Ehepaar die Kinder teilweise bei den Grosseltern in Stuttgart, teilweise bei einer Pflegefamilie in Basel zurück, die mehrere Missionskinder aufzog. Auch die später in Indien geborenen Kinder schickten Julie und Hermann Gundert zur Schulbildung nach Europa, eine bei Missionarspaaren gängige Praxis, die mit jahrelangen Trennungen verbunden war.

Von 1857 bis 1860 übernahm Julie Gundert die Leitung der Mädchenschule in Calicut, unterstützt von ihrer Tochter Marie Gundert (1842–1902), der späteren Mutter von Hermann Hesse, die nach elf Jahren in Europa als 15-Jährige wieder nach Indien kam. 1859 übersiedelte Hermann Gundert aufgrund gesundheitlicher Beschwerden in seinen deutschen Geburtsort Calw. Er wurde Leiter des Calwer Verlagsvereines. Obwohl sie gern in Indien geblieben wäre und auch kaum Deutsch sprach, folgte ihm Julie Gundert 1860 und verbrachte die letzten fünfundzwanzig Jahre ihres Lebens an der Bischofsstrasse in der Heimatstadt ihres Mannes. Sie betätigte sich in der Krankenpflege.[4]

Sie starb am 18. September 1885 in Calw[5] und wurde im dortigen Familiengrab beigesetzt.[6]

Familie und Nachkommen

Julie Dubois heiratete 1838 Hermann Gundert in Indien. Das Paar hatte acht Kinder, von denen zwei jedoch bereits im Kleinkindalter starben. Namentlich bekannt sind Hermann Gundert (1839–1922), Maria Gundert Hesse (1842–1902) und Friedrich Gundert (1847–1925).[7]

Zu den Enkelkindern gehörten: Julie Gundert (1874–1966), sie heiratete 1899 den Missionar Georg Schürle († 1909) und tat mit ihm zehn Jahre Dienst in Kamerun. Eine weitere Tochter war Elise (1877–1922), sie heiratete 1901 den Missionar und Schulinspektor Immanuel Pfleiderer in Indien. Frieda (1887–1918), eine weitere Tochter, wurde Krankenschwester und war ebenfalls bei der Basler Mission tätig.[8] Hermann Hesse, ein weiterer Enkel, charakterisierte sie als asketisch streng, von leidenschaftlicher Nüchternheit, aufrecht und gerade, manchmal bis zur Starrheit.[9]

Nachleben

Julie Gunderts Arbeit an den indischen Missionsschulen hatte insbesondere durch ihren Beitrag zur Alphabetisierung der weiblichen Bevölkerung eine emanzipatorische Wirkung. Gleichzeitig war die Mädchenbildung geprägt von den patriarchalen Geschlechtervorstellungen und kolonialen Überzeugungen der Basler Mission. Als deren erste Missionarin in Südindien würdigte die Missionsliteratur Julie Gunderts Vorreiterrolle bereits im 19. Jahrhundert.

Literatur

  • Judith Becker: Frauen in der Mission und Mädchenschulen. In: Christine Christ-von Wedel, Thomas K. Kuhn (Hrsg.): Basler Mission. Menschen, Geschichte, Perspektiven 1815–2015. Basel 2015, S. 57–62.
  • Judith Becker: «Conversio» im Wandel. Basler Missionare zwischen Europa und Südindien und die Ausbildung einer Kontaktreligiosität, 1834-1860, 2015.
  • Marianne Bühler: Julie, geb. Dubois. Missionarin in Indien. Eine Frau in der Basler Mission des 19. Jahrhunderts. 1989.
  • Henriette Ensslin: Zur Erinnerung an Grossmama Julie Gundert-Dubois. 2017.
  • Adele Gundert: Marie Hesse. Ein Lebensbild in Briefen und Tagebüchern, 1953.
  • Waltraud Haas: Erlitten und erstritten. Der Befreiungsweg von Frauen in der Basler Mission 1816-1966, 1994.
  • Marie Hesse: Julie Gundert geborene Dubois. In: Heinrich Merz: Christliche Frauenbilder aus neuerer Zeit. Band 2, 18986, S. 427–459.
  • Aline Hoffmann: Sie reden noch. Sieben Lebensbilder aus der Missionsarbeit der Frau, 1926.
  • Gabriela Hofstetter: Gehet hin und pfleget: Basler Missionarinnen im Dienst der Ärztlichen Mission in Asien und Afrika (1892-1945), LIT Verlag Berlin 2012.
  • Amritha Koiloth Ramath & Shashikantha Koudur: The missionary housemother and her "daughters": Voice and agency in female subaltern spaces in 19th century Malabar, in: Journal for Cultural Research, 27/1, 2023, S. 85–104.
  • Dagmar Konrad: Missionsbräute: Pietistinnen des 19. Jahrhunderts in der Basler Mission, Waxmann Verlag, Münster 2000.
  • Dagmar Konrad: Missionskinder. Migration und Trennung in Missionarsfamilien der Basler Mission des 19. Jahrhunderts, 2023.
  • Noëmi Crain Merz: Julie Gundert. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 10. März 2026.
  • Simone Prodolliet: Wider die Schamlosigkeit und das Elend der heidnischen Weiber. Die Basler Frauenmission und der Export des europäischen Frauenideals in die Kolonien, 1987.

Einzelnachweise

  1. Julie Gundert in der Datenbank Find a GraveVorlage:Findagrave/Wartung/Wikidatakennung nicht gesetzt (12. September 2017, englisch, abgerufen am 2. August 2026. Hier wird wahrscheinlich fälschlicherweise Chavornay VD als Geburtsort angegeben, was jedoch nicht zum familiären Kontext passt.)
  2. Hermann Gundert / Julie Dubois, Website heidermanns.net (abgerufen am 2. August 2026)
  3. Delf Bucher: Basler Missionsschulen: Erfolg mit Schattenseiten, Website reformiert.info (27. Juni 2023, abgerufen am 2. August 2026)
  4. Julie Gundert, Landesfrauenrat Baden-Württemberg, Website lfrbw.de (abgerufen am 2. August 2026)
  5. Noëmi Crain Merz: Julie Gundert. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 10. März 2026.
  6. Julie Gundert, Website mein.schwarzwald.de (2026, abgerufen am 2. August 2026)
  7. Julie Gundert in der Datenbank Find a GraveVorlage:Findagrave/Wartung/Wikidatakennung nicht gesetzt (12. September 2017, englisch, abgerufen am 2. August 2026)
  8. Archiv der Friedrich-Gundert-Stiftung (Bestand), Website archivportal-d.de (2025, abgerufen am 2. August 2026)
  9. Julie Gundert, Website mein.schwarzwald.de (2026, abgerufen am 2. August 2026)

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