Hypermnesie

Klassifikation nach ICD-10
R41.8 Sonstige und nicht näher bezeichnete Symptome, die das Erkennungsvermögen und das Bewusstsein betreffen
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ICD-10 online (WHO-Version 2019)

Hypermnesie (von altgriechisch ὑπέρ- hypér-, deutsch ‚über-‘, und μνῆσις mnesis = Erinnerung) bedeutet eine stärkere Erinnerungsfähigkeit oder „übersteigertes Erinnerungsvermögen, abnorme Gedächtnisstärke“.[1] Der Begriff wird in zwei Bereichen der Psychologie verwendet – mit unterschiedlichen Bedeutungen.

Definitionen

Die Hypermnesie ist eine quantitative Gedächtnisstörung mit gesteigertem Erinnern, zum Beispiel von Einzeldaten oder bereits vergessen geglaubten Inhalten. Hypermnesie tritt auf im Fieber, im Traum, bei Drogenkonsum oder bei organischen Psychosen (zum Beispiel nach einem Schädelhirntrauma). Zum Teil werden auch Flashbacks dazu gezählt. Hypermnesie durch Hypnose konnte nicht bestätigt werden.[2]

Die „Hypermnesie [ist eine] Gedächtnisstörung durch Übersteigerung bestimmter Formen des Gedächtnisses. So ist die Merkfähigkeit für zum Teil unwichtige Dinge pathologisch gesteigert. Hypermnesie tritt mit besonderer Lebhaftigkeit im Traum, im Fieber, in der Hypnose, aber auch bei Hirnkrankheiten auf, bei denen zum Beispiel vergessen geglaubte Erinnerungen wieder aktualisiert werden.“[3]

Die krankhafte Hypermnesie besitzt in der ICD-10-GM keinen eigenen Diagnoseschlüssel. Sie wird als Symptom verschiedener psychischer oder neurologischer Erkrankungen aufgefasst und aktuell nicht gesondert verschlüsselt. Die Hypermnesie ist außerdem auch keine eigenständige DSM-IV-TR-Diagnose. Weder das DSM-IV-TR noch das DSM-5 beziehungsweise das DSM-5-TR führen die Hypermnesie als eigenständige psychische Störung oder Diagnose. Sie besitzt daher keinen eigenen DSM-Code.[4]

Otto Roth definierte ab 1893 die: „Hypermnesie (ἡ μνῆσις Erinnerung): Steigerung des Reproduktionsvermögens (Gedächtnisses), welche zu Ideenflucht und »Reminiszenzflucht« (leichte Reproduktion weit zurückliegender Erinnerungsbilder) führt.“[5] Ähnlich auch Walter Guttmann ab 1902: „Hypermnesie [μνῆσις Erinnerung]: Abnorme Steigerung des Gedächtnisses.“[6]

Gedächtnispsychologie

Zum einen ist es ein etabliertes Phänomen der allgemeinen Gedächtnispsychologie. Davon wird gesprochen, wenn sich Personen zu einem späteren Zeitpunkt an mehr erinnern als zu einem früheren.[7] Wenn also z. B. Zeugen nach einem Ereignis nicht nur einmal, sondern mehrmals befragt werden, kann es sein, dass sie bei der dritten Befragung mehr korrekte Erinnerungen wiedergeben können als bei der ersten. Dies tritt vor allem dann auf, wenn entsprechende wiederholte Erinnerungsaufforderungen innerhalb kurzer Zeit (z. B. einer Stunde) erfolgen. Tatsächlich scheinen hierfür vorherige Tests und nicht die längere Zeit entscheidend zu sein.[8][9]

Hypnose

Zum anderen wird im Zusammenhang mit der Hypnose von Hypermnesie gesprochen, wenn sich der Hypnotisand an Ereignisse erinnert, die er nicht bewusst wahrgenommen hat oder die er geglaubt hat, vergessen zu haben. Dies betrifft eher ein klinisches Phänomen.[10][11]

Sigmund Freud

Sigmund Freud fasst zu Beginn in seiner Traumdeutung einige hypermnestische Träume verschiedener Autoren zusammen. In diesen Träumen erscheinen dem Träumer Personen, Ereignisse oder Gegebenheiten, welche er scheinbar noch nie gesehen hat. Jedoch stellte sich – manchmal auch erst nach Jahrzehnten – heraus, dass sie dieses vor dem Traum schon erlebt hatten. Freud zeigt an diesen Beispielen, dass sich der Mensch in Träumen an Dinge erinnern kann, die im Wachsein nicht in sein Bewusstsein geraten, allerdings stetig im Unbewussten gespeichert waren. Ebenfalls stellt er fest, dass es häufig Details waren, die schon beim Erleben nicht bewusst wahrgenommen wurden.[12]

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. Peter Reuter: Springer Klinisches Wörterbuch 2007/2008. Springer-Verlag, Heidelberg 2007, ISBN 978-3-540-34601-2, S. 830.
  2. Wolfgang Maier: Hypermnesie. In: Pschyrembel Online [Internet]. Mai 2022 [zitiert am 10. Juli 2026]. Verfügbar unter: https://www.pschyrembel.de/_/P04HU.
  3. Maxim Zetkin, Herbert Schaldach: Lexikon der Medizin. 16. Auflage. Ullstein Medical, Wiesbaden 1999, ISBN 3-86126-126-X, S. 906.
  4. American Psychiatric Association: Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders. Fourth Edition. Text Revision (DSM-IV-TR). American Psychiatric Association, Washington, DC 2000. ISBN 0-89042-025-4 (Paperback), ISBN 0-89042-024-6 (Hardcover).
  5. Otto Roth: Roth’s klinische Terminologie. 10. Auflage von Karl Doll und Hermann Doll, Georg Thieme Verlag, Leipzig 1925, S. 129. Ähnlich (etwas kürzer) auch schon in der vierten Auflage Leipzig 1893, S. 228.
  6. Herbert Volkmann (Hrsg.), Walter Guttmann (alias Walter Marle, Walter Guttmann-Marle): Medizinische Terminologie. 1. Auflage, Urban & Schwarzenberg, Berlin/Wien 1902, Spalte 442. Durchgängig bis zur letzten 35. Auflage, Urban & Schwarzenberg, München/Berlin 1951, Spalte 453.
  7. Matthew Hugh Erdelyi: The Ups and Downs of Memory. In: American Psychologist. Jahrgang 65, 2010, doi:10.1037/a0020440, S. 623–633.
  8. Henry L. Roediger III, David G. Payne: Hypermnesia: the role of repeated testing. In: Journal of Experimental Psychology: Learning, Memory, and Cognition. Jahrgang 8, 1982, S. 66–72.
  9. Heinz Walter, Günter Thiele (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete, 4. Band, Urban & Schwarzenberg, München/Berlin/Wien 1971, ISBN 3-541-84004-8, S. H 323.
  10. Friedrich Dorsch, Hartmut Häcker, Kurt-Hermann Stapf (Hrsg.): Dorsch – Psychologisches Wörterbuch. 11. Auflage, Verlag Hans Huber, Bern/Stuttgart/Toronto 1987, Nachdruck 1992, ISBN 3-456-81614-6, S. 290.
  11. Duden: Wörterbuch medizinischer Fachbegriffe. 10. Auflage. Dudenverlag, Berlin 2021, ISBN 978-3-411-04837-3, S. 386.
  12. Sigmund Freud: Die Traumdeutung. Nikol-Verlag, Hamburg 2010, ISBN 978-3-86820-053-9, S. 24–35.

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