Emil Adler

Emil Adler (hebräisch אמיל אדלר; * 23. September 1900 in Prag, Österreich-Ungarn; † 4. Januar 1971 in Jerusalem) war ein böhmisch-israelischer Mediziner und Hochschullehrer.

Leben

Familie

Emil Adler wurde in Prag geboren, das damals zur Österreichisch-Ungarischen Monarchie gehörte. Er entstammte einer jüdischen Familie. Sein Vater Jacob Adler (* 1850 in Amschelberg; † 1931 in Prag)[1][2] war Oberfinanzrat und beherrschte die hebräische Sprache; seine Mutter Flora (* 14. Januar 1874; † 26. Juli 1942 im Ghetto Litzmannstadt)[3] war eine geborene Lampel.

Nach Abschluss seines Studiums heiratete Adler Marianne (* 26. November 1903 in Prag; † Dezember 1974 in Jerusalem),[4] die Tochter von Friedrich Herz und dessen Ehefrau Sofie (geb. Schulz).

Gemeinsam mit seiner Ehefrau hatten sie später einen Sohn, Chaim.

Seine Schwägerin war die Zwillingsschwester seiner Ehefrau, die spätere Pianistin Alice Herz-Sommer und sein Schwager war der Ehemann von Irma Herz, der Journalist, Schriftsteller und Philosoph Felix Weltsch.[5]

Emil Adler wurde auf dem Friedhof Har HaMenuchot in Jerusalem beigesetzt.

Ausbildung, Medizinstudium und frühe berufliche Laufbahn

Emil Adler besuchte ein deutschsprachiges humanistisches Gymnasium in Prag, das er mit der Matura beendete.

Nach dem Schulabschluss begann Adler 1918 ein Medizinstudium an der Deutschen Universität Prag. Diese Hochschule war 1882 durch die Teilung der Karl-Ferdinands-Universität entstanden. Während des Studiums übernahm Adler den Vorsitz der sozialistischen Studentenschaft. Im Jahr 1924 schloss er das Medizinstudium ab.[6] Seit 1925 arbeitete er als Assistenzarzt und begann seine Spezialisierung in verschiedenen medizinischen Fachgebieten.

Tätigkeit in der Tschechoslowakei

Adler qualifizierte sich 1929 als Facharzt für Neurologie und 1932 als Facharzt für Innere Medizin. Von 1932 bis 1938 arbeitete er als Oberarzt an den Prießnitzschen Kuranstalten in Gräfenberg. Diese im Sudetenland gelegene Einrichtung ging auf den Naturheilkundler Vincenz Prießnitz zurück und war auf Wasserheilkunde sowie physikalische Therapien spezialisiert. Während dieser Phase wurde 1928 sein Sohn Chaim geboren. Die dortige Tätigkeit bildete die Basis für Adlers spätere Arbeit in der Rehabilitationsmedizin.

Adler eröffnete 1938 eine eigene medizinische Praxis. Nach dem Münchner Abkommen im September 1938, der Besetzung des Sudetenlandes durch das Deutsche Reich und der Einführung antijüdischer Gesetze verlor er seine ärztliche Zulassung. Die Bedingungen für jüdische Mediziner und Akademiker verschärften sich nach dem Rücktritt und der anschließenden Flucht von Staatspräsident Edvard Beneš sowie der Einführung antijüdischer Verordnungen durch die neue Regierung unter Emil Hácha.

Emigration nach Palästina

Unmittelbar nach dem Einmarsch der Wehrmacht in die von den Nationalsozialisten sogenannte Rest-Tschechei und der Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren flüchtete die Familie Adler am 14. März 1939 aus Prag; zusammen mit seiner Frau Marianne und dem elfjährigen Sohn Chaim reiste Emil Adler mit dem Zug nach Constanța. Im selben Zug befand sich der Schriftsteller und Kafka-Freund Max Brod, der ebenfalls vor den Nationalsozialisten floh. Vom rumänischen Schwarzmeerhafen aus reiste die Familie per Schiff nach Palästina und ließ sich in Tel Aviv nieder.

Nach der Ankunft im britischen Mandatsgebiet Palästina absolvierte Adler eine unbezahlte Tätigkeit in der Zamenhof-Klinik der Allgemeinen Krankenkasse (Kupat Cholim Clalit); diese Arbeit nutzte er, um Hebräisch zu erlernen.

Im April 1940 übernahm Adler die Leitung einer Abteilung für physikalische Medizin am Hadassah-Krankenhaus in Jerusalem. Er setzte sich dabei gegen rund 100 Mitbewerber durch. Die Position war anfangs mit einem Monatsgehalt von 12 Palästina-Pfund dotiert und schloss eine private Praxistätigkeit aus. Dieses Recht zur privaten ärztlichen Tätigkeit erhielt er erst im Jahr 1945.

Aufbau der Rehabilitationsmedizin in Israel

Adler gründete 1940 an der Hebräischen Universität Jerusalem das Institut für Physikalische Medizin und Rehabilitation, die erste Einrichtung dieser Art im Mandatsgebiet Palästina. Das Institut bildete die Basis für den Aufbau der Rehabilitationsmedizin im späteren Staat Israel. Ziel der Gründung war die medizinische Versorgung von Kriegsverletzten und Poliomyelitis-Patienten.

Das Rehabilitationszentrum während des Unabhängigkeitskrieges

Im August 1948 eröffnete Adler am Hadassah-Krankenhaus in Jerusalem ein Zentrum für Rehabilitation und physikalische Medizin, dessen Leitung er übernahm.[7] Die Gründung erfolgte während des israelischen Unabhängigkeitskrieges zur Versorgung von Kriegsverletzten. Für die Einrichtung entwickelte Adler ein neues Behandlungskonzept.

Das Zentrum behandelte primär Patienten mit Amputationen sowie peripheren Nervenverletzungen. Bei Amputationen wurden zunächst provisorische Prothesen eingesetzt, während die Patienten ein Übungsprogramm zur Beweglichkeit, Muskelkräftigung und Gewichtsbelastung absolvierten. Nach der Stabilisierung des Stumpfes erfolgte die Anpassung permanenter Prothesen. Zwischen September 1948 und Ende Januar 1950 wurden in der Einrichtung unter anderem 32 Patienten mit peripheren Nervenverletzungen therapiert.

Die therapeutischen Methoden umfassten Maßnahmen zur Vermeidung von Kontrakturen und Deformationen mittels Schienen, Massagen, Übungsprogrammen, elektrischer Muskelstimulation und Iontophorese. Das Behandlungsziel bestand in der Wiederherstellung der vorherigen Funktionsfähigkeit der Patienten.

Im Jahr 1951 wurden 410 Patienten mit insgesamt 3.719 Behandlungen versorgt. Im Jahr 1952 stieg die Zahl der Patienten auf 962 und die Anzahl der Behandlungen auf 11.678.

Schließung und Wiedereröffnung

Nach dem Ende des Unabhängigkeitskrieges wurde das Rehabilitationszentrum vorübergehend geschlossen; Grund hierfür waren die wirtschaftliche Lage und veränderte Prioritäten des Staates Israel, der durch die Einwanderung von Holocaust-Überlebenden und Flüchtlingen aus arabischen Ländern finanzielle Herausforderungen zu bewältigen hatte.

Im Jahr 1956 wurde das Zentrum mit neun stationären Betten wiedereröffnet. Die physiotherapeutische Versorgung wurde in drei Bereiche unterteilt: das Rehabilitationszentrum, eine ambulante physikalische Klinik für externe Patienten (Hadassah Heh) und ein Institut für physikalische Medizin zur Behandlung stationärer Patienten anderer Abteilungen. Adler übernahm die Leitung des gesamten Systems.

Mit dem Umzug des Hadassah-Krankenhauses nach Ein Kerem wurde das Rehabilitationszentrum erneut eröffnet und auf zwölf stationäre Betten erweitert. Die ambulante Abteilung versorgte Patienten mit Amputationen, Zerebralparese, Poliomyelitis sowie orthopädischen und neurologischen Erkrankungen.

Akademische Laufbahn und weitere Tätigkeiten

Im Jahr 1965 wurde Adler auf den neu eingerichteten Lehrstuhl für Physikalische Medizin und Rehabilitation an der Medizinischen Fakultät der Hebräischen Universität Jerusalem berufen. Er war damit der erste ordentliche Professor dieses Fachgebiets in Israel. In dieser Funktion leitete er die Ausbildung israelischer Mediziner in dieser Disziplin und etablierte das Fachgebiet im Land.

Im Dezember 1953 beteiligte sich Adler an der Gründung der ersten Schule für Physiotherapie in Israel am Krankenhaus Assaf Harofeh (damals noch Assaf Harofeh Hospital, später Assaf Harofeh Medical Center)[8]. Die Einrichtung institutionalisierte die Ausbildung der Physiotherapeuten im Land. In der Folge differenzierte sich das Berufsfeld in die Bereiche rehabilitative Physiotherapie, gemeindenahe Physiotherapie und Physiotherapie im Allgemeinkrankenhaus aus.

Im März 1950 gründete Adler die Israelische Vereinigung für Physikalische Medizin und Rehabilitation und übernahm zudem den Vorsitz des wissenschaftlichen Rates der Israelischen Ärztevereinigung (Histadrut Harofim). In diesen Funktionen war er an der Ausgestaltung der medizinischen Standespolitik beteiligt.

Adler beriet verschiedene staatliche Behörden in Israel, unter anderem bei der Konzeption von Rehabilitationsprogrammen für verwundete Soldaten. Seine Behandlungsansätze bezogen neben physischen auch psychosoziale Faktoren ein. Diese Perspektive legte er 1969 in der in Jerusalem veröffentlichten Monografie Stroke in Israel, 1957–1961: Epidemiological, clinical, rehabilitation and psycho-social aspects dar.

Während der Poliomyelitis-Epidemie in Israel in den 1950er-Jahren behandelte Adler Erkrankte und unterstützte Aufklärungsarbeiten sowie Impfkampagnen. In seiner Klinik wurden Therapieprogramme für Polio-Patienten angewendet.[9]

Adler publizierte zahlreiche Fachartikel in hebräischer, deutscher und englischer Sprache. Er war regelmäßiger Referent auf internationalen Kongressen und pflegte den fachlichen Austausch mit Kollegen in Europa und Nordamerika.

Ehrungen und Auszeichnungen

Im März 1971, zwei Monate nach seinem Tod, wurde Adler posthum der Henrietta Szold-Preis für Medizin und öffentliche Hygiene verliehen.[10] Die Begründung der Auszeichnung nannte ihn einen Pionier der physikalischen Medizin und Rehabilitation in Israel.

Schriften (Auswahl)

  • Stroke in Israel, 1957–1961: Epidemiological, clinical, rehabilitation and psycho-social aspects. 1969.

Literatur

  • Emil Adler. In: Nationalbibliothek der Tschechischen Republik.
  • Emil Adler. In: Tschechischer Nationalbibliotheks-Katalog.

Einzelnachweise

  1. FamilySearch.org. Abgerufen am 12. Juni 2026.
  2. Jacob ADLER. In: Rootsweb. Abgerufen am 12. Juni 2026.
  3. Holocaust Survivors and Victims Database -- FLORA ADLER. Archiviert vom Original am 12. Februar 2025; abgerufen am 12. Juni 2026 (englisch).
  4. Marianne “Mizzi” Herz Adler. In: Find a Grave. 5. März 2014, abgerufen am 12. Juni 2026.
  5. Carsten Schmidt: Kafkas fast unbekannter Freund: das Leben und Werk von Felix Weltsch (1884-1964) : ein Held des Geistes, Zionist, Journalist, Philosoph. Königshausen & Neumann, 2010, ISBN 978-3-8260-4274-4 (google.de [abgerufen am 12. Juni 2026]).
  6. Adler Emil. Abgerufen am 12. Juni 2026.
  7. Hadassah Medical Center - History of the department. Abgerufen am 12. Juni 2026.
  8. Assaf Harofeh Medical Center in Israel - Bewertungen, Preise für die Behandlung. Abgerufen am 12. Juni 2026.
  9. Epidemiological characteristics of polio and post-polio patients in Jerusalem. Hadassah Medical Center, abgerufen am 12. Juni 2026.
  10. Kiosztották a Henrietta Szold-dijakat. In: Uj Kelet. 30. März 1971, abgerufen am 13. Juni 2026.

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