Eiserner Tirpitz

Der Eiserne Tirpitz, auch als Die treue Wacht oder Eiserner Seemann bezeichnet, war ein Nagelbild, das 1915 in Wilhelmshaven mit dem Konterfei des Großadmirals Alfred von Tirpitz aufgestellt wurde. Es war zuletzt im Marine- und Kolonialmuseum aufgestellt. Seit der Auflösung der Einrichtung um die Jahreswende 1940/41 gilt es als verschollen.

Geschichte

Vorbild war der „Eiserne Hindenburg“ in Berlin. Beide Skulpturen wurden von dem Bildhauer Oswald Schimmelpfennig (1872–1944) aus Holz geschaffen. Gestiftet wurde das Werek von den Thüringer Gaswerken (heute Thüga) in Leipzig.

Die Konstruktion bestand aus einer zweieinhalb Meter hohen Figur mit dem Konterfei von Tirpitz. Sie trug einen Mantel aus Ölzeug, einen Südwester und ein Fernrohr. Die Skulptur stand auf einem zwei Meter hohen Sockel, der mit dem zeitgenössischen Stadtwappen von Wilhelmshaven versehen war. Ein Gipsmodell des so genannten Wehrmals war in der Kunsthalle bereits im November 1915 ausgestellt worden.[1]

Die Gesamtkonstruktion hatte (offenbar unbeschlagen) ein Gewicht von 1,5 Tonnen und war für das Einschlagen von 250.000 Nägeln vorgesehen. Vorgesehen war das Beschlagen mit eisernen, silbernen und goldenen Nägeln im Spendenwert von je 0,50, 5,00 und 10,00/20,00 Mark.[2]

Die Einweihungsfeier fand am 12. Dezember 1915 im Garten des Rathauses statt, die Festrede hielt Bürgermeister Emil Bartelt, der darauf verwies, dass das Wehrmal den Küstenschutz durch die Kaiserliche Marine symbolisiere.[3] Die Erstbenagelung fand anlässlich der Aufstellung der Skulptur am Einweihungstag statt. Den ersten Nagel schlug der Chef der Marinestation der Nordsee, Admiral Günther von Krosigk, ein. Am Einweihungstag wurden durch die Benagelung rund 10,000.- Mark eingenommen.[4][5] Nach verschiedenen Presseberichten wurde die Figur im Januar 1916 von Besatzungen der Linienschiffe S.M.S. Friedrich der Große, S.M.S. Thüringen und S.M.S. Rheinland benagelt.

Nach Gerhard Schneider war die Nagelfigur wie auch der Eiserne Hindenburg stark umstritten.[6] So warnte der Präsident der Preußischen Akademie der Künste, Franz Schwechten, mit einem Schreiben an den Wilhelmshavener Bürgermeister vor der Aufstellung des Nagelbildes. Es sei nichts dagegen einzuwenden, Eiserne Kreuze, Türen, symbolische oder heraldische Wahrzeichen zu benageln, jedoch:

ETWAS KÜNSTLERISCH GANZ UNMÖGLICHES IST DIE BENAGELUNG VON PORTRÄTSTATUEN. Das Beispiel des HINDENBURG-KOLOSSES in Berlin sollte allen anderen Städten warnend vor Augen stehen. Es ist doppelt traurig, daß gerade die Ereignisse unserer großen Zeit einen Niederschlag in so minderwertigen Erzeugnissen untergeordneter künstlerischen Kräfte gefunden haben, und es wäre tief beklagenswert, wenn der Geschmack des Publikums durch solche Verirrungen noch mehr verwirrt und verbildet werden sollte.[7]

Dieser Kritik begegnete auf der Einweihungsfeier der Direktor des Lyzeums (heute Käthe-Kollwitz-Gymnasium), Gotthold Merten. Die Akademie habe sich unbefugt in die Aufstellung des Wehrmals eingemischt. Dieses diene nicht künstlerischen, sondern vaterländischen Zwecken, insbesondere der Versorgung von Kriegsbeschädigten und Hinterbliebenen.[8]

Ursprünglich stand die Figur neben dem (damaligen) Rathaus. Möglicherweise wurde sie nach Kriegsende mit den noch vorhandenen Nägeln vollständig beschlagen. Wie viele Nägel insgesamt tatsächlich als Spenden eingeschlagen wurden, ist nicht bekannt. Unbekannt ist auch, wie lange sie neben dem Rathaus aufgestellt war. Vermutlich wurde sie nach dem Kriegsende, wie zum Beispiel auch der Eiserne Hindenburg in Berlin, eingelagert, um sie vor Witterungseinflüssen und Vandalismus zu schützen.

Ab 1935 ist das Werk als ein zentraler Bestandteil des Marine- und Kolonialmuseums im ehemaligen Logenhaus der Wilhelmshavener Freimaurerloge Wilhelm zum silbernen Anker nachweisbar. Aus dieser Zeit stammt eine Bildpostkarte, auf der die Figur im Ausstellungsraum für Marinegeschichte zu erkennen ist.[9]

Ende 1940/Anfang 1941 wurde das Museum aufgelöst, um von der Kriegsmarine zuerst als Casino, dann als Beamtenheim genutzt zu werden. Ob die Figur wie die übrigen Exponate ausgelagert wurde, ist so wenig bekannt wie ihr späterer Verbleib. Die Auflösung des Museums fällt zusammen mit einer Metallspende der Einrichtung.[10] Es ist daher nicht ausgeschlossen, dass die Figur, sollte sie vollständig beschlagen worden sein, Teil dieser Spende war, zumal sich bislang (Stand 2026) jede Spur von ihr nach der Auflösung des Museums verliert.

Siehe auch

Literatur

  • Gerhard Schneider: In Eiserner Zeit. Kriegswahrzeichen im Ersten Weltkrieg. Ein Katalog, Schwalbach/Ts (bd edition) 2013, S. 491f. ISBN 9783-94126413-7
  • Karin Walter: Das Wilhelmshavener Marine- und Kolonialmuseum, in: Karin Walter/Bettina Keß (Redaktion): Souvenirs von fremden Küsten. Katalog zur Ausstellung: Souvenirs von fremden Küsten, 23. Juli 2004 – 13. Februar 2005, Wilhelmshaven (Brune-Mettcker) 2004, S. 9–21. ISBN 3-9305-10-85-5 (Schriftenreihe des Museums am Bontekai – Band 1)
  • Kurznotizen im Jeverschen Wochenblatt, Ausgaben vom 12. November 1915, 29. Dezember 1915, 1. Januar 1916, 5. Januar 1916, S. 5.
  • Harald F. B. Wheeler: Daring Deeds of Seamen in the Great War, London (George Harrap) 1918, S. 43.
  • Foto des Werks in einem Artikel über Tirpitz in der britischen Zeitschrift Daily Sketch, London, vom 17. März 1916, S. 1.

Einzelnachweise

  1. Jeversches Wochenblatt vom 12. November 1915, S. 5.
  2. Jeversches Wochenblatt vom 7. Dezember 1915, S. 6.
  3. Jeversches Wochenblatt vom 14. Dezember 1915, S. 6.
  4. Jeversches Wochenblatt vom 14. Dezember 1915, S. 6.
  5. Hamburger Fremdenblatt, Abendausgabe vom 16. Dezember 1915, S. 13.
  6. Schneider, S. 491f.
  7. Schwechten an den Oberbürgermeister von Wilhelmshaven, zitiert nach Berliner Tageblatt- und Handels-Zeitung, Abendausgabe vom 6. Dezember 1915, S. 4.
  8. Hannoverscher Kurier vom 16. Dezember 1915, S. 11.
  9. Reproduktion bei Walter, Das Marine- und Kolonialmuseum, S. 10.
  10. Walter, Das Marine- und Kolonialmuseum, S. 21.

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