Daniel Levinson

Daniel Jakob Levinson und Maria Susanna Levinson (1944)

Daniel Joseph Levinson (* 28. Mai 1920 in New York City; † 12. April 1994 in New Haven) war ein US-amerikanischer Psychologe und emeritierter Professor an der Yale University.[1][2][3]

Leben

Er wurde York als Sohn von Isaac und Rachel Soshen Levinson in New York geboren. Sein Studium der Sozialwissenschaften begann er an der University of California, Los Angeles und schloss dieses 1940 mit einem B.A. ab. 1941 begann er mit seinem Graduiertenstudium an der University of California, Berkeley; zwischenzeitlich nahm er eine unbezahlte Stelle im Gefängnis San Quentin in der Nähe von Berkeley an. Er promovierte 1947 mit einer Dissertation über die Messung von Ethnozentrismus. Anschließend forschte er an der Case Western Reserve University, 1950 wechselte er an die Harvard University. Dabei arbeitete er mit Kollegen wie Erik H. Erikson, Robert White, Talcott Parsons, Gordon Allport und Alex Inkeles zusammen. Ab 1966 setzte er seine akademische Karriere an der Yale University fort. Hier war er Professor für Psychologie im Fachbereich Psychiatrie der Yale University School of Medicine, Direktor der Psychologie im Connecticut Mental Health Center und Direktor der Forschungseinheit für Sozialpsychologie und Psychiatrie. In dieser Zeit verlagerte er seinen Forschungsschwerpunkt auf die Entwicklung Erwachsener. An der Yale University arbeitete er auch mit seiner Ehefrau Maria Levinson zusammen. 1990 wurde er emeritiert.

Werk

Während seines Studiums in Berkeley wurde er Mitglied der Berkeley Public Opinion Study Group und war zusammen mit den psychoanalytisch orientierten Forschern Theodor W. Adorno, Else Frenkel-Brunswik und Nevitt Sanford einer der Autoren zur autoritären Persönlichkeit. In Harvard setzte seine Studien zum Autoritarismus mit weiteren Forschungsarbeiten zur Persönlichkeit fort, konzentrierte sich dabei aber auf die Rolle der Persönlichkeit im Kontext organisatorischer Gegebenheiten. Daneben veröffentlichte er Arbeiten zu verschiedensten Themen, darunter Persönlichkeit und institutionelle Politik, Außenpolitik, berufliche Identität, Verwaltung im Bereich der psychischen Gesundheit und sozialer Wandel. An der Yale University vollzog er einen radikalen Richtungswechsel hin zur Erforschung der Entwicklungspsychologie von Erwachsenen. Hier arbeitete er u. a. mit seiner ersten Ehefrau Maria Levinson zusammen. Grundlage seiner Forschung waren Interviews mit 40 Männern mittleren Alters über deren Leben. Auf Grundlage dieser Interviews verfasste Levinson das Buch „Die Jahreszeiten des Mannes“. Später führte er eine ähnliche Studie mit Frauen durch und veröffentlichte kurz vor seinem Tod das Buch „Die Jahreszeiten der Frau“, das er mit seiner zweiten Ehefrau, Judy Levinson, verfasst hatte und die sein Werk nach seinem Tod fortführte. Mit diesen beiden Arbeiten gilt er als ein Pionier der modernen Lebenszyklusforschung und als Persönlichkeit auf dem Gebiet der Entwicklungspsychologie.[4]

Lebenslauf‑Strukturmodell der positiven Erwachsenenentwicklung (Positive adult development)

Mit seinen beiden Werken „The Seasons of a Man's Life“ und „The Seasons of a Woman's Life“ wird er als Begründer des Positive adult development angesehen. Seine Arbeit erweitert das Stufenmodell der menschlichen Entwicklung von Erik Erikson. Nach ihm kann die Lebensdauer in vier Stadien unterteilt werden, wobei ein Wechsel zwischen stabilen Phasen und Übergangsphasen erfolgt: (1) Pre‑Adulthood (0–22) . Entwicklungsaufgaben: Aufbau der eigenen Identität. Ablösung vom Elternhaus, Erwerb erster beruflicher und sozialer Rollen, Vorbereitung auf die Erwachsenenwelt. Diese Phase endet mit der (1a) Early Adult Transition (17–22) – dem Schritt in die Selbstständigkeit. (2). Early Adulthood (22–45) als die produktivste und oft intensivste Lebensperiode. Sie besteht aus mehreren Unterphasen: (2a) Early Adult Transition (17–22). Entwicklungsaufgaben: Übergang ins Erwachsenenleben, Entscheidung über Ausbildung, Beruf, Partnerschaft. (2b) Entering the Adult World (22–28). Entwicklungsaufgaben: Aufbau einer ersten stabilen Lebensstruktur, Berufseinstieg, Partnerschaft, erste Verantwortung, Balance zwischen eigenen Träumen und gesellschaftlichen Erwartungen. (2c) Age‑30 Transition (28–33), charakterisiert durch häufige Neuorientierung, Fragen wie: „Bin ich auf dem richtigen Weg?“, berufliche oder private Kurskorrekturen. (2d) Settling Down (33–40), charakterisiert durch Konsolidierung der Lebensstruktur, Karriereaufbau, Familiengründung, Wunsch nach Stabilität und Anerkennung. 3. Middle Adulthood (40–65). (3a) Midlife Transition (40–45) bei ca. 80 % seiner Interviewpartner charakterisiert durch eine Neu-Bewertung des bisherigen Lebens und häufige berufliche, partnerschaftliche und existenzielle Turbulenzen. (3b) Entering Middle Adulthood (45–50). Charakterisiert durch Aufbau einer neuen Lebensstruktur, Fokus auf Sinn, Beitrag, Balance. (3c) Culminating Middle Adulthood (50–55): Stabilisierung der neuen Struktur, Integration von Erfahrung und Verantwortung. (4) Late Adulthood (60–85): Rückblick und Integration des Lebenswerks, Neuorientierung nach dem Berufsleben, Fokus auf Beziehungen, Sinn, Weitergabe von Erfahrung.

Der Übergang zwischen den Epochen erfordert jeweils eine grundlegende Veränderung des Inhalts des Lebens. Diese Übergänge können zwischen drei und sechs Jahren dauern. Die Übergänge sind immer durch bestimmte Entwicklungsaufgaben gekennzeichnet, die bewältigt werden müssen, um erfolgreich in ein neues Stadium zu gelangen. Die psychosoziale Entwicklung des Menschen ist durch ein zugrunde liegendes angeblich universelles Muster gekennzeichnet; die Behauptung der Universalität der Lebensphasen, die Rolle kritischer Lebensereignisse und die Bedeutung von Beziehungen gilt als umstritten.

Sein Entwicklungsmodell wurde deutlich kritisiert: Es basiert auf einer sehr begrenzten Stichprobe von nur 40 Männern, die alle weiß, US‑amerikanisch, akademisch gebildet und beruflich erfolgreich waren. Auch bei den von ihm untersuchten Frauen liegt nur eine kleine Stichprobe von 45 Frauen vor. Zudem kann seine Methodik kritisiert werden, da Tiefeninterview subjektiv, anfällig für einen Interpretationsbias und schwer replizierbar sind; zudem generalisiert er stark aus Einzelfällen. In seinem Lebensstruktur‑Modell werden Krisen überbetont, die empirische Forschung zeigt jedoch, Übergänge können auch stabil, ruhig und positiv verlaufen. Seine Annahme über starre Altersgrenzen (z. B. Midlife Transition 40–45) entspricht nicht der aktuellen Forschung, nach der Lebensläufe viel variabler sind und Übergänge stärker von Biografie, Kultur und sozialen Umständen abhängen als vom Alter. Zudem ist sein Modell stark kultur- und zeitgebunden; es spiegelt die Lebensläufe von Männern der 1950er–1970er Jahre, heute sind Lebenswege aber vielfältiger, weniger linear sowie stärker durch soziale Mobilität und flexible Rollen geprägt.[5][6]

Ehrungen/Positionen

  • 1965 bis 1971: Karriereentwicklungspreis des National Institute of Mental Health (NIMH)
  • 1960 bis 1965: Fakultätsstipendium des Stiftungsfonds für psychiatrische Forschung
  • 1955 bis 1960: „Career Investigator Award“ des NIMH

Privates

Er war seit 1943 mit Maria Susanna Levinson (geb. Hertz) verheiratet (* 1916 in Wien), sie schloss ihr Studium an der University of California, Berkeley mit einem Master ab und arbeitete in den USA als klinische Psychologin[7]; mit ihr hatte er zwei Kinder, die Söhne Mark (* 1946) und Douglas Levinson. Seine zweite Ehefrau war Judy Levinson, die mit ihm an dem Werk „The Seasons of a Woman's Life“ arbeitete und dieses Werk weiterführte. Er verstarb mit 73 Jahren an einem Herzinfarkt.[8]

Publikationen (Auswahl)

Monografien
  • Mit Judy D. Levinson The Seasons of a Woman's Life: A Fascinating Exploration of the Events, Thoughts, and Life Experiences That All Women Share. Knopf, New York, ISBN 978-0-394-53235-6.
  • Mit Theodor W. Adorno; Else Frenkel-Brunswik: R. Nevitt Sanford: The Authoritarian Personality (Studies in Prejudice). WW Norton, New York City 1993, ISBN 978-0-393-31112-9.
  • The Seasons of a Man's Life: The Groundbreaking 10-Year Study That Was the Basis for Passages! Random House, New York 1986, ISBN 978-0-345-33901-0.
    • Deutsche Ausgabe: Mit Charlotte N. Darro; Edward B. Klein; Maria H. Levinson; Braxton McKee: Das Leben des Mannes. Werdenskrisen, Wendepunkte, Entwicklungschancen. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1979, ISBN 978-3-462-01323-8.
  • Mit Eugene B. Gallagher: Patienthood in the mental hospital; an analysis of role, personality, and social structure. Houghton Mifflin, Boston 1964.
  • Mit Lotte Bailyn; Herbert A. Shepard: Working with Careers. Columbia University Press, New York 1983, ISBN 978-0-914383-00-0.
  • Mit Abraham Zaleznik; Richard C. Hodgson: The Executive Role Constellation. Columbia Univ. Center, New York 1985, ISBN 978-0-914383-00-0.
Zeitschriftenartikel/Buchbeiträge
  • A conception of adult development. In: American Psychologist, 1986, 41 (1), S. 3–13.
  • Mit W. E. Gooden: The life cycle. In: H. I. Kaplan; B. J. Sadock (Hrsg.): Comprehensive textbook of psychiatry (4th ed., S. 1–13). Williams and Williams, Baltimore, MD 1985, ISBN 978-1-4511-0047-1.
  • The career is in the life structure, the life structure is in the career: An adult development perspective. In: M. B. Arthur; L. Bailyn; D. J. Levinson; H. Shepard: Working with careers (S. 49–74). Columbia University, School of Business. 1984.
  • Explorations in biography: Evolution of the individual life structure in adulthood. In: I. Rabin; J. Aronoff; A. Barclay; R. Zucker (Hrsg.): Further explorations in personality (S. 44–79). John Wiley & Sons, New York 1981, ISBN 978-0-471-07721-3.
  • Toward a conception of the adult life course. In: N. Smelser; E. H. Erikson (Hrsg.): Themes of love and work in adulthood (S. 265–290). Harvard University Press, Cambridge, MA 1980, ISBN 978-0-674-87750-4.
  • The mid-life transition. In: Psychiatry, 1977, 40, S. 99–112.

Einzelnachweise

  1. Gulnara McCullough; Trey Fitch: Daniel Levinson In: Essays in Developmental Psychology, 2025, 43, abgerufen am 20. Juli 2026.
  2. K. E. Gersick; P. M. Newton: Daniel J. Levinson (1920–1994). In: American Psychologist, 1996, 51 (3), S. 262, abgerufen am 22. Juli 2026.
  3. Boris M. Astrachan: The Seasons of a Man's Life Author Daniel J. Levinson (1920–1994), abgerufen am 22. Juli 2026.
  4. P. M. Newton: Daniel levinson and his theory of adult development: A reminiscence and some clarifications. In: J. Adult Dev. , 1994, 1, S. 135–147.
  5. P. M. Newton: Daniel levinson and his theory of adult development: A reminiscence and some clarifications. In: J. Adult Dev. , 1994, 1, S. 135–147.
  6. Daniel J. Levinson über Entwicklungsphasen auf Psychologie Lexikon der Argumente, abgerufen am 22. Juli 2026.
  7. Maria Hertz (verh. Hertz-Levinson) auf Memorial Book for the Victims of National Socialism at the University of Vienna 1938, abgerufen am 25. Juli 2026.
  8. Daniel Levinson; Psychologist Advanced ‘Male Menopause’ Theory auf Los Angeles Times vom 16. April 1994, abgerufen am 22. Juli 2026.

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