Black Ark

Black Ark war das Aufnahmestudio des jamaikanischen Musikproduzenten Lee Perry. Das Black Ark stand auf Perrys Grundstück am Cardiff Crescent 5 im Stadtteil Washington Gardens in Kingston, Jamaika. Ab Mitte der 1970er Jahre entwickelte sich das Studio zu einem Kreativzentrum für experimentellen Reggae. Hier entstanden mit Begleitung der Studioband The Upsetters die Alben Hurt so Good von Susan Cadogan, War Ina Babylon von Max Romeo, Super Ape von Scratch the Upsetter, Party Time von The Heptones, Police & Thieves von Junior Murvin und Heart of the Congos von den Congos. Perrys unkonventionelle Techniken – wie der extreme Einsatz von Echo, Delay und Phasing oder improvisierte Effekte wie Schnalzen, Muhen und Babygeschrei – prägten die rohe, mystische Ästhetik von Dub und Roots Reggae maßgeblich. Das Black Ark war vom Dezember 1973 bis 1979 durchgehend in Benutzung und brannte nach langem Leerstand 1982 aus.
Vorgeschichte
Das Jahr 1973 war in vielerlei Hinsicht ein einschneidendes Jahr: The Wailers hatten sich von Lee Perry getrennt und beim Major-Label Island Records unterschrieben. Nacheinander veröffentlichten sie im Frühling und im Herbst 1973 die Alben Catch a Fire und Burnin’ und verhalfen dem Reggae zu internationaler Bekanntheit. Trojan Records brachte zwischen beiden Alben die Wailers-Kompilation African Herbsman heraus, um mit den noch von Perry produzierten Songs von dem Hype zu profitieren.[1]
Auch Perry hatte 1973 eine produktive Phase. Er machte Aufnahmen mit etablierten Künstlern wie Stranger & Gladdy, Denzil Dennis und Dave Barker sowie mit den aufstrebenden Deejays Dennis Alcapone, I-Roy, U-Roy und Dillinger (Dub Organizer). Für seine Aufnahmen nutzte er neben der Infrastruktur von Dynamic Sounds, Rupie’s und dem Harry J Studio auch das neueröffnete Studio Channel One. Zum Abmischen seiner Versionen hielt sich Perry vermehrt in King Tubbys Heimstudio in der Dromilly Avenue auf, um die technischen Möglichkeiten des Dub kennenzulernen. Ein Ergebnis war das neuartige Dub-Album Upsetters 14 Dub Black Board Jungle.
Weitere Erkenntnisse aus Tubbys Studioarbeit flossen in die Produktion meist origineller Stücke, die als „Skank“ bezeichnet wurden; eigenwillige Versionen bestehender Tracks, wie African Skank, Bucky Skank, Freak Out Skank, Kentucky Skank (von den Beastie Boys in Heart Attack Man gesampelt), Bathroom Skank (propagiert gründliche Körperhygiene) oder das Spottlied Cow Thief Skank, ein frühes Beispiel für Sampling, denn Perry verwendet zum Einstieg einen Tonschnipsel aus dem Song This Old Town von den Staple Singers: „People in this town ain’t got no faces“.[2]
The Black Ark

Im Dezember 1973 konnte Perry das neben seinem Wohnhaus errichtete Studio beziehen. Das Grundstück in der Cardiff Crescent 5 im Viertel Washington Gardens hatte er im Juli 1970 für 11.000 Jamaika-Dollar gekauft, wobei er ein Hypothekendarlehen von JMD$ 6.300 aufnehmen musste.[3] Er bezog das Wohnhaus mit seiner Frau Pauline Morrison und den drei Kindern Sean, Omar und Marsha. Im Frühjahr 1972 hatte Perry eine Vision, die ihm sagte, auf seinem Grundstück ein Tonstudio einzurichten. Er nahm eine weitere Hypothek für sein Grundstück auf und beauftragte den Gitarristen Bobby Aitken, Leonard Dillon von den Ethiopians und Errol Thompson mit dem Bau des Studios. Die Fertigstellung des Black Ark kostete insgesamt 12.000 Pfund Sterling.[4] Von nun an kontrollierte Perry den gesamten Prozess der Musikproduktion von der Aufnahme bis zum fertigen Mix oder Dub.
Blütezeit (1973–1978)
Das Studio bestand aus zwei Räumen. Der Kontrollraum mit dem Mischpult war durch eine große Acrylglas-Scheibe vom Aufnahmeraum getrennt.[5] Wegen der anfangs rudimentären technischen Ausstattung waren die ersten Produktionen zumeist Überarbeitungen bereits existente Tracks. Perry schloss 1974 mit dem jungen britischen Label Dip einen Vertrag über den Vertrieb seiner Musikproduktionen im Vereinigten Königreich, darunter die beiden Singles Curly Locks von Junior Byles und Hurt so Good von Susan Cadogan. Hurt so Good rückte im Frühjahr 1975 bis auf Platz 4 der UK Singles Charts vor.[6] Von dem Vorschuss kaufte sich Perry in London neues Equipment und erweiterte die technischen Möglichkeiten seines Studios. Da er an mehreren aufeinanderfolgenden Sonntagen weitere Aufnahmen mit Susan Cadogan gemacht hatte (wie In the Ghetto und Fever), konnte er Trojan Records noch im selben Jahr ein fertiges Album anbieten.[7]
Nachdem er das Auftragsalbum Revelation Time von Max Romeo fertiggestellt hatte, nahm Perry mit seinem alten Bekannten ein gemeinsames Roots-Reggae-Album in Angriff. Perry war es zuvor gelungen, einen vielversprechenden Vertrag mit Island Records abzuschließen. Label-Chef Chris Blackwell lehnte das Upsetter-Album Revolution Dub zwar ab, fand aber so viel Gefallen an der Single Sipple Out Deh (War Ina Babylon), dass er sich ein ganzes Album in der Art vorstellen konnte. Das im Frühling 1976 erschienene War Ina Babylon war für Romeo das erfolgreichste Album seiner Karriere. Anschließend arbeitete Perry mit Junior Murvin, dessen Single Police & Thieves (1976) von The Clash aufgegriffen und als Punksong neu interpretiert wurde; im April 1977 erschien das zugehörige Album Police and Thieves. Parallel hat Perry mit dem Gesangstrio The Heptones mehrere Songs aufgenommen, die im März 1977 als Album mit dem Titel Party Time erschienen sind. Es wurde das erfolgreichste Album der Heptones.
Produktionstechniken

Durch seine Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Duke Reid, Coxsone Dodd, Prince Buster, Clancy Eccles, Joe Gibbs und King Tubby war Lee Perry bestens mit der Arbeit im Tonstudio vertraut. Dazu komponierte, arrangierte und sang er eigene Songs. Perry selbst beherrschte zwar kein Musikinstrument, doch dafür betrachtete er das Studio selbst mit seinen technischen Möglichkeiten als ein Instrument.
Ausstattung
Als Perry im Dezember 1973 sein Studio eröffnete, startete er mit einer rudimentären Grundausstattung in die Selbstständigkeit. Das Mischpult war eine einfache Alice-Konsole AD62 (von Perry als „Spielzeug“ bezeichnet). Als Bandmaschinen nutzte er einen TEAC A-3340 Vierspur-Rekorder sowie eine TEAC AX300 Zweispur-Maschine für die Abmischung. Dazu gab es Effektgeräte wie den Grampian Federhall, einen Fisher SpaceXpander, ein Echoplex Tape Echo, ein Marantz Stereo-Verstärker mit JBL-Lautsprechern. Außerdem gab es Instrumente für die Studiomusiker wie eine Vox Continental, ein Elka-Piano 88 und ein Drum-Set aus London, das zuvor Ringo Starr gehört haben soll.[8]
Mit den Lizenzeinnahmen für das Album Hurt so Good von Susan Cadogan konnte Perry sein Studio im Frühling 1975 technisch aufwerten. Er kaufte sich ein modernes Mischpult der Marke Soundcraft Sixteen Into Four Mark II. Dazu erwarb er Effektgeräte wie den Roland RE-201 Space Echo (für Reverb und Delay), ein MXR Phase 90 Pedal für den Phaser-Effekt, ein Mu-Tron Bi-Phase und ein Multieffektgerät der Marke Gibson Maestro Rhythm ’N Sound G2.[9]
Aufnahmemethoden
Perry nutzte die sogenannte Subtraction-Mixing-Technik (subtraktives Mischen), bei der er Gesang oder Instrumente aus den Masterbändern entfernte, um reduzierte, rhythmische Klanglandschaften zu entwerfen, auf die neuer Gesang, zusätzliche Instrumente oder spielerische Effekte wie Kinderschreien, Toilettenspülung oder nachgeahmtes Kuhmuhen gelegt werden konnten.[10]
Durch Rückkopplungsschleifen (Feedback Loops) und das Übersteuern des Roland Space Echo erzeugte er tiefe, räumliche Klänge. Perry scheute auch nicht davor zurück, Mikrofone im Freien zu vergraben oder Tierlaute, knisterndes Feuer und das Hämmern an einem Baum aufzunehmen, um seinen Tracks eine surreale Note zu verleihen. Einzelne Spuren wurden auf der Vierspurmaschine oft 12- bis 20-fach übereinander kopiert (Bouncing), was zu einem extrem dichten, gesättigten Klangbild führte.
Diskografie (Auswahl)
Alben
- D.I.P Presents The Upsetter (Dip, DPLP 5026, 1975)
- Musical Bones – Vin Gordon & The Upsetters (Dip, DLP 6000, 1975)
- Kung Fu Meets the Dragon – The Mighty Upsetter (Dip, DLP 6002, 1975)
- Sexy Suzy – Susan Cadogan (Upsetter, UP121, 1975)
- Susan Cadogan – Susan Cadogan (Trojan, TRLS 122, 1976)
- Hurt so Good – Susan Cadogan (Trojan, CDTRL 122, 1995)
- Revelation Time (Open the Iron Gate) – Max Romeo (Tropical Sound, 1975)
- Revolution Dub – Lee Perry & the Upsetters (Cactus, 1975)
- Colombia Colly – Jah Lion (Island, ILPS 9386, 1976)[11]
- War Ina Babylon – Max Romeo & The Upsetters (Island, ILPS 9392, 1976)
- Scratch the Super Ape – The Upsetters (Upsetter, 1976)
- Super Ape – The Upsetters (Island, ILPS 9417, August 1976)
- Natty Passing Thru’ – Prince Jazzbo & The Upsetters (Black Wax, 1976)
- Message from the Meditations (Double-D Records, DDLP 001, 1976)
- Party Time – The Heptones (Island, ILPS 9456, März 1977)
- Police and Thieves – Junior Murvin (Island, ILPS 9499, April 1977)
- Super Eight – George Faith (Black Art, 1977)
- To Be a Lover – George Faith (Black Swan, ILPS 9504, 1977)
- Heart of the Congos – The Congos (Black Art, 1977)
- Roast Fish Collie Weed & Corn Bread – Lee Perry, the Upsetter (April 1978)
- Return of the Super Ape – The Upsetters (Juli 1978)
- Love Thy Neighbour – Ras Michael & The Sons of Negus (Jah Life, JLLP 001, 1981)
Songs
- Curly Locks – Junior Byles (Orchid, 1974)
- Sipple Out Deh – Max Romeo (Upsetters, 1975)
- Chase the Devil – Max Romeo (Upsetters, 1976)
- Police & Thieves – Junior Murvin (Wild Flower, Mai 1976)
- Who Killed the Buffalo / Buffalo Dub – Lion Zion & The Upsetters (House of Natty, 1976)
- Groovy Situation – Keith Rowe (Black Swan, 1977)
- Vibrate Onn – Agustas Pablo Meets the Upsetter (Black Art, 1977)
- Mr. Sandman und Sugartime – Linda McCartney (1977; postum veröffentlicht auf Wide Prairie 1998)
- Disco Devil – Lee Perry and The Full Experiences (1977)
- Bird in Hand (Milte Hi Ankhen) – Sam Carty & the Upsetters (1978)
Kompilationen
- 1997: Arkology: Box-Set inkl. Rare and Unreleased Tracks (Island Records)[12]
- 2021: Black Art from the Black Ark (Pressure Sounds)
- 2020: Lee „Scratch“ Perry Presents The Full Experience (Doctor Bird)
- 2022: Augustus Pablo: King Tubbys Meets Rockers at 5 Cardiff Crescent, Washington Garden, Kingston (Only Roots)
Filmografie
- The Upsetter: The Life and Music of Lee Scratch Perry. Erzählt von Benicio del Toro. Regie: Ethan Higbee, Adam Bhala Lough, USA 2008. Enthält Originalaufnahmen aus dem Jahr 1977, die Perrys rituelle und exzentrische Produktionsweise illustrieren.
- Lee Scratch Perry’s Vision of Paradise. Regie: Volker Schaner, Deutschland 2015. Thematisiert die mystische Bedeutung des Studios.
Literatur
- David Katz: People Funny Boy: The Genius of Lee „Scratch“ Perry. White Rabbit, London 2021, ISBN 978-1-3996-0154-2.
- David Katz: Black Ark Timeline. In: Andreas Koller (Hg.): Lee „Scratch“ Perry. Black Ark. Edition Patrick Frey, Zürich 2026, S. 630 ff.
Weblinks
- Black Ark bei Discogs
- Upsetter Revue feat. Heptones, Congos und Junior Murvin: Play On Mr. Music (Originalfilmaufnahmen aus dem Studio um 1977) auf YouTube
- Julian Weber: Mit Kleopatra in der schwarzen Arche In: taz.de vom 5. Juni 2026
- Lanre Bakare: Initiation stones, buried recordings, and Ringo Starr’s drumkit: inside the visionary world of reggae master Lee ‘Scratch’ Perry In: The Guardian vom 26. Juni 2026 (englisch)
Musikbeispiele
- Vin Gordon: 5 Cardiff Crescent auf YouTube
- Lee Perry: Soul Fire (Jamaican Mix) auf YouTube
- Keith Rowe: Groovy Situation (Jamaican Mix) auf YouTube
Einzelnachweise
- ↑ David Katz: Black Ark Timeline. In: Andreas Koller (Hg.): Lee „Scratch“ Perry. Black Ark. Zürich 2026, S. 187
- ↑ This Old Town (People in this Town) bei Genius.com
- ↑ David Katz: Black Ark Timeline. In: Andreas Koller (Hg.): Lee „Scratch“ Perry. Black Ark. Zürich 2026, S. 631 (englisch)
- ↑ David Katz: Black Ark Timeline. In: Andreas Koller (Hg.): Lee „Scratch“ Perry. Black Ark. Zürich 2026, S. 631
- ↑ David Katz: People Funny Boy – The Genius of Lee „Scratch“ Perry. White Rabbit, London 2021, S. 199
- ↑ Hurt so Good by Susan Cadogan bei Officialcharts.com
- ↑ David Katz: People Funny Boy – The Genius of Lee „Scratch“ Perry. White Rabbit, London 2021, S. 220ff.
- ↑ David Katz: People Funny Boy – The Genius of Lee „Scratch“ Perry. White Rabbit, London 2021, S. 188.
- ↑ David Katz: Black Ark Timeline. In: Andreas Koller (Hg.): Lee „Scratch“ Perry. Black Ark. Zürich 2026, S. 641
- ↑ David Katz: People Funny Boy – The Genius of Lee „Scratch“ Perry. White Rabbit, London 2021, S. 333.
- ↑ Jah Lion – Colombia Colly bei Reggae Vibes vom 30. Dezember 2020.
- ↑ Black Ark bei Discogs
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