Albergo Diffuso

Ein Albergo Diffuso ist ein Beherbergungs- und Gastronomiebetrieb (Hotel), dessen Gästezimmer sich über verschiedene Gebäude eines Ortes verteilen. Das Konzept sieht vor, unter Abwanderung leidende Dörfer zu beleben und den Leerstand touristisch zu nutzen.
Hintergrund
Der italienische Name Albergo Diffuso bedeutet „verstreutes Hotel“. In Italien hat das Konzept auch seinen Ursprung. Nach dem großen Erdbeben von 1976 waren im Friaul viele Dörfer praktisch entvölkert, da die Bewohner nicht zurückkehrten. Es entstand die Idee, die leerstehenden Wohnungen und Häuser für den Tourismus zu nutzen. Mindestens seit 1982 wird der Begriff Albergo Diffuso nachweislich verwendet.[1] Aber erst 1998 wurde in Sardinien erstmals auch die gesetzliche Klassifikation geschaffen, 2002 auf der Insel das erste Albergo Diffuso eröffnet.[2]
In der Folge verbreitete sich die Idee auch in anderen Gebieten Italiens, die unter Abwanderung litten.[1] 2006 wurde in Italien der nationale Verband L’associazione nazionale Alberghi Diffusi (ADI) gegründet,[3] der entsprechende Unterkünfte nach strengen Kriterien zertifiziert.[4] Aber die gesetzlichen Kriterien variieren in Italien von Region zu Region.[2]
Konzept
Die ursprüngliche Idee sieht verschiedene Wohneinheiten vor, die über einen Ort verteilt sind. Die verstreuten Gästezimmer mit Hotel-Dienstleistungen werden von einem Privateigentürmer betrieben. Rezeption und Verpflegung sind zentral untergebracht, während die Gästezimmer bis zu 200 Meter entfernt liegen können (gemäß Vorgabe des italienischen Verbands). Die Unterkunft soll der touristischen Entwicklung der Region dienen – die Dörfer sollen aber weiterhin belebt sein.[5][6] So kommt es zu einem gewollten Aufeinandertreffen von Einheimischen und Touristen. Die Touristen können in den Alltag der Orte eintauchen, und die Hotels sollen lokal hergestellte Produkte beziehen.[4][7] Das zentrale Gebäude dient im besten Fall als Treffpunkt von Einheimischen und Gästen zugleich.[2]
Alberghi Diffusi werden gelegentlich auch “horizontal hotels” oder Flächenhotels genannt, da sie nicht als gewöhnliche mehrstöckige Hotels aufgebaut sind, sondern sich in der Fläche verteilen.[8]
Abgelegene Bergdörfer haben oft nur wenig Entwicklungspotenzial, Denkmalschutz kann die Möglichkeiten weiter einschränken.[9] Vielerorts haben die Orte deutlich mehr Gästezimmer als Einwohner.[1]
Albergo Diffuso fördert auch die Nachhaltigkeit, da nicht neue Gebäude gebaut werden müssen, sondern bestehende Strukturen genutzt werden.[10]
Entwicklung

2010 schrieb die New York Times, dass in Italien über 40 Alberghi Diffusi bestünden.[7] Fünfzehn Jahre später ist ihre Zahl bereits auf rund 150 angewachsen, während viele weitere Unterkünfte die Idee in Ansätzen übernommen haben, aber nicht alle Kriterien des italienischen Verbands der Alberghi Diffusi erfüllen.[1]
Das Konzept wurde auch in weitere Länder übertragen, so nach Kroatien[7], Deutschland[11] und in die Schweiz.[1] In Japan wurde 2018 das erste Albergo Diffuso eröffnet und auch ein nationaler Verband gegründet.[12] Staatliche Förderung spielt oft eine bedeutende Rolle bei der Entwicklung von solch neuen Unterkünften in historischen Gebäuden.[1][13]
Heute gibt es viele Projekte und Ideen, das Konzept auf andere Orte zu übertragen.[10] Aber oft bleibt es beim Projekt, oder es würden nicht alle Anforderungen eines Albergo Diffuso erfüllt, da es sich um Gastgebernetzwerke handle.[12]
Beispiele für Alberghi Diffusi
Albanien:
Deutschland:
- Mainbernheim (Unterfranken, 2019)[11]
Italien:
- Alberobello (Apulien)
- Bosa (Sardinien, 2002)[2]
- Esino Lario 2016 während der Wikimania[14]
- Forgaria nel Friuli (Friaul)
- Matera (Basilicata)
- Montemaggiore al Metauro (Marken)
- Santo Stefano di Sessanio (Abruzzen)
Japan:
Schweiz:[1]
- Corippo (Tessin, 2022 – einst die kleinste Schweizer Gemeinde, heute elf ständige Einwohner)[2][9]
- Porrentruy (Jura, 2017 – Projekt in einer Kleinstadt)
- Scudellate (Tessin, 2021)
Literatur
- Silvia Fissi, Alberto Romolini, Elena Gori: Building a business model for a new form of hospitality: the albergo diffuso. In: International Journal of Contemporary Hospitality Management. Band 32, Nr. 1, 13. Januar 2020, ISSN 0959-6119, S. 307–323, doi:10.1108/IJCHM-01-2019-0047.
Weblinks
- Associazione Nazionale Alberghi Diffusi – italienischer Verband (italienisch, englisch, kroatisch)
Einzelnachweise
- ↑ a b c d e f g Peter Jankovsky: Ganze Häuser werden zum Hotel. In: Neue Zürcher Zeitung. Nr. 113, 19. Mai 2026, S. 8 (nzz.ch [abgerufen am 19. Mai 2026]).
- ↑ a b c d e f Susan Portnoy: How Alberghi Diffusi Turn Villages Into Hotels. In: Smithsonian Magazine. 12. April 2023, abgerufen am 19. Mai 2026 (englisch).
- ↑ L’associazione nazionale Alberghi Diffusi (ADI). In: Associazione nazionale Alberghi Diffusi. Abgerufen am 19. Mai 2026 (italienisch).
- ↑ a b c Josh Lew: „Scattered Hotels“ Are Saving Historic Villages in Italy and Beyond. In: Treehugger. 9. Oktober 2018, abgerufen am 19. Mai 2026 (englisch).
- ↑ Il modello Albergo Diffuso. In: Associazione Nazionale Alberghi Diffusi. Abgerufen am 19. Mai 2026 (italienisch).
- ↑ Ideatore del modello. In: Associazione Nazionale Alberghi Diffusi. Abgerufen am 19. Mai 2026 (italienisch).
- ↑ a b c Gisela Williams: Saving Towns by Filling Rooms in Italy. In: The New York Times. 19. Mai 2010 (nytimes.com [abgerufen am 19. Mai 2026]).
- ↑ Miriam Murphy: The Towns Italy Forgot. In: National Geographic. 2. August 2011, abgerufen am 19. Mai 2026 (englisch).
- ↑ a b Imogen Foulkes: Can modern makeover save smallest Swiss village? In: BBC. 5. September 2017, abgerufen am 19. Mai 2026 (britisches Englisch).
- ↑ a b Tourismusverband Sachsen-Anhalt e. V.: „Albergo Diffuso“ – kann ein nachhaltiges Tourismuskonzept aus Italien ländliche Regionen in Deutschland stärken? In: Tourismusnetzwerk Sachsen-Anhalt. 31. Oktober 2025, abgerufen am 19. Mai 2026.
- ↑ a b Alexandra Reese: „Albergo Diffuso“: Unterfränkisches Städtchen wird zum Hotel. In: BR24. 23. August 2024, abgerufen am 19. Mai 2026.
- ↑ a b Giancarlo Dall’Ara: L’Albergo Diffuso nel mondo. In: Associazione Nazionale Alberghi Diffusi. Abgerufen am 19. Mai 2026 (italienisch).
- ↑ Anamarija Pisarović, Iva Tolić, Sanja Tišma: Sustainable Local Development Potential of the Elaphites, Croatia. In: ENTRENOVA - ENTerprise REsearch InNOVAtion. Band 8, Nr. 1, 10. November 2022, ISSN 2706-4735, S. 329–336, doi:10.54820/entrenova-2022-0028.
- ↑ Datei:Libro fotografico digitale "Wikimania 2016".pdf (Seite 36)
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